Garten-PV - Stromkosten um fast 80 Prozent gesenkt!
Christian Felber

Auf dem Weg zum ewigen Frieden

Eine Vision für globale Sicherheit jenseits von Aufrüstung und Blocklogik

Das Völkerrecht durchlebt seine bisher härteste Bewährungsprobe. Gerade in Zeiten der Aufrüstung und Kriegstreiberei braucht es eine konkrete Friedensperspektive. Nicht für den Einzelkrisenfall, sondern für das Gesamtsystem der internationalen Staatengemeinschaft. Nachfolgend ein Umsetzungsplan.

© Erich@stock.adobe.comDie Kriegsspirale dreht sich immer schneller. 2023 und 2024 brachen historische Rekorde bei den weltweiten Rüstungsausgaben. Die NATO-Länder haben im Juni 2025 beschlossen, ihre Rüstungsausgaben spätestens von 2035 an von zwei auf fünf Prozent der Wirtschaftsleistung hochzufahren (inklusive militärisch nutzbarer Infrastruktur) – so viel wie seit dem Kalten Krieg nicht mehr. Japan entschied 2023, die seit 1976 bestehende Obergrenze für Rüstungsausgaben von einem Prozent des BIP aufzuheben und sie bis 2027 in Richtung zwei Prozent zu erhöhen. Die Schweiz liegt bei den Verteidigungsausgaben noch bei rund 0,7 Prozent, will nun aber nach strenger Ermahnung durch den scheidenden Armeechef bis 2032 auf ein Prozent des BIP aufstocken.

Steht die Welt vor neuen Eroberungswellen?
Ganz aktuell stehen nach der Ukraine und Venezuela auch Grönland, Kolumbien, Kanada und Taiwan im Visier territorialer Machtinteressen. Jeder Bruch des Völkerrechts ist ein neuer Anlass, Immanuel Kants Traum vom „ewigen Frieden" endlich umzusetzen. Kant sagte einst: „So müssten gesittete Völker (jedes für sich zu einem Staat vereinigt) eilen, aus einem so verworfenen Zustande je eher desto lieber herauszukommen (…) Dies wäre ein Völkerbund, der aber gleichwohl kein Völkerstaat sein müsste."
 
Ein Völkerbund wurde 1920 Realität, und nur ein Vierteljahrhundert später, nach einem weiteren Weltkrieg, die UNO. Diese vielleicht wichtigste Errungenschaft der Menschheitsgeschichte ist nun 80 Jahre alt – und leidet dennoch an Kinderkrankheiten: Im Sicherheitsrat haben die fünf ständigen Mitglieder (China, Frankreich, Großbritannien, Russland und die USA) ein Vetorecht. Dieses bindet dem System die Hände und mutiert zu einem Blockaderecht, wenn ein Mitglied des Sicherheitsrats selbst einen Angriffskrieg startet (z.B. USA, Russland) oder einer ihrer Schützlinge das Völkerrecht bricht (z.B. Israel).

„Neue Gefahren drohen: KI kann das Risiko von Cyberattacken, selbststeuernden Waffen oder der Entwicklung von „Kampf-Viren” erhöhen.”
Christian Felber

Die Weiterentwicklung der Vereinten Nationen
Zum Glück können Kinderkrankheiten ausheilen bzw. kuriert werden. Auch das Wahlrecht war anfangs den Männern vorenthalten; und das Eigentumsrecht nur dem Adel und dem Klerus.

Am Anfang von großen Veränderungen standen immer langfristige Visionen. Eine zeitgemäße Vision könnte lauten: Wir machen den Traum von Kant schrittweise zur Realität.

Die gute Nachricht: Es fehlt gar nicht mehr so viel. Die UNO steht, die UN-Charta wird von den meisten Staaten anerkannt, die UNO hat zahlreiche Missionen und in vielen Fällen Sanktionen beschlossen und den Frieden gesichert. Die letzte Kinderkrankheit besteht – analog zum Gesellschaftsvertrag der Nationalstaaten – darin, dass einzelne Privilegierte ihre Waffen noch nicht abgegeben haben, über ihr Sonderrecht das Herbeirufen der „Polizei" verhindern können und selbst das Recht des Stärkeren in Anspruch nehmen.
 
Dieses unbefriedigende Übergangsstadium von einem allgemeinen Recht des Stärkeren hin zu einem funktionierenden Staatenbund mit Gewaltverzicht aller Mitglieder und dauerhaftem Frieden könnte genauso erreicht werden, wie die Errichtung des Gewaltmonopols auf nationalstaatlicher Ebene erreicht wurde und heute für viele Menschen selbstverständlich ist.

Fünf Schritte zum „ewigen Frieden"

  1. Aufbau einer Global Peace Treaty Organization als Brücke zu einer erwachsenen UNO: Eine Gruppe williger Staaten widmet die eigene Armee in eine Unterstützungsarmee der Armed Forces der Vereinten Nationen um. Zur Steuerung dieser Armee wird – interimistisch – eine Global Peace Treaty Organization (GPTO) gegründet. Diese ist zum militärischen Beistand verpflichtet, sobald ein Mitgliedsland militärisch angegriffen wird – wie 2003 der Irak oder 2022 die Ukraine. Gleichzeitig erhält die UN ein Verfügungsrecht über diese Armee, wenn der gegenwärtige UN-Sicherheitsrat einen Einsatz legitimiert.

  2. Reform des Sicherheitsrates und Einrichtung eines Schattensicherheitsrates: Die Gruppe der Willigen dringt auf eine Reform des UN-Sicherheitsrates im Sinne des Auslaufens der Veto-Rechte einzelner UN-Mitglieder. Es gibt dann nur noch eine Klasse von UN-Mitgliedern, und der Sicherheitsrat, der aus mindestens 20 Vertreter*innen bestehen muss, entscheidet mit qualifizierter Mehrheit – seien es zwei Drittel oder vier Fünftel –, ob ein völkerrechtswidriger Angriff vorliegt und damit eine Beistandspflicht ausgelöst wird. Solange diese Reform des Sicherheitsrates von einer Veto-Macht blockiert wird, richten die GPTO-Mitglieder einen UN-Schattensicherheitsrat ein, in dem die neue Regel bereits angewandt und durch die GPTO-Armee umgesetzt wird – auch ohne offiziellen UN-Beschlusss.

  3. Auflösung aller Militärbündnisse außerhalb der UNO: Die Willigen dringen auf die Auflösung der NATO und aller anderen Militärbündnisse außerhalb der UNO. Sie setzen einen globalen Abrüstungsplan auf, an dem sich „interested parties" beteiligen können, die sich der GPTO annähern, aber noch nicht zur Mitgliedschaft – und damit der Auflösung ihrer nationalen Armee – bereit sind. Der Plan besteht, vereinfacht dargestellt, in einer jährlichen Reduktion der Rüstungsausgaben um fünf Prozent und einem sukzessiven Auslaufen aller Waffenexporte.

  4. Waffenexportverbot: Die Mitgliedsstaaten verpflichten sich zu einem globalen Waffenexportverbot. Die verbleibende Waffenproduktion geht ausschließlich an die GPTO. Der Atomwaffensperrvertrag wird erweitert um ein Verbot zur Beforschung und Entwicklung von ABC-Waffen (atomare, biologische und chemische Waffen), inklusive Biowaffen, die aus Gain-of-Function-Forschung (gezielte Veränderung von Krankheitserregern zur Untersuchung ihrer Eigenschaften) entstehen. Zusätzlich braucht es einen Bann neuer KI-Waffen.

  5. Aufgehen der GPTO in der UNO: Ist das letzte Land der GPTO beigetreten, werden die GPTO-Forces vollständig in die UN-Armee eingegliedert. Die UN-Armee wird ab diesem Zeitpunkt in einem jährlichen Abbauplan auf die mindestnötige Stärke reduziert, um die Wiederaufrüstung eines Landes zu verhindern. Spätestens ab diesem Zeitpunkt gibt es einen Sicherheitsrat der UNO ohne Veto-Mächte, der nach den neuen Spielregeln entscheidet. Dessen Aufgabe verlagert sich auf die Verhinderung der Remilitarisierung von Mitgliedsländern, sei es durch Regierungen oder private Milizen. Damit wäre auf globaler Ebene die Analogie zum öffentlichen Gewaltmonopol im Nationalstaat geschaffen: Der einzelne Mitgliedsstaat verzichtet auf militärische Gewalt (Angriff und Verteidigung) zugunsten eines globalen Militärmonopols. Der Völkerbund und die Vereinten Nationen waren von Beginn an das Pendant des Gesellschaftsvertrages innerhalb eines Staates. Dies war bisher nur unvollendet, deshalb sind wir – scheinbar – noch so weit vom ewigen Frieden entfernt.
Skeptische Analytiker*innen werden kommentieren: Schöne Idee, doch die Regierungen machen da nicht mit. Das ist einer der Knackpunkte: Die Regierungen vermutlich nicht so rasch, aber die Souveräne vielleicht umso schneller. GPTO-Mitglieder könnten deshalb auch als formales Aufnahmekriterium beschließen, dass Regierungen das Recht genommen wird, einen Krieg zu beginnen, wie das bereits die Verfassungen von Deutschland und Japan vorsehen. So käme zusätzlich zu den internationalen Hemm-Mechanismen eine „interne" Kriegsbremse zum Zug.

Die Friedensfrage ist, wie jede politische Frage, letztlich eine Demokratiefrage. Wir können aus der aktuellen Bedrohung lernen, dass der Weg zum ewigen Frieden über konsequente Stärkung der Demokratie verläuft.

80 Jahre UN & Völkerrecht

Gestern: Nach sechs Jahren des schrecklichsten Krieges der Menschheitsgeschichte wurden 1945 die Vereinten Nationen gegründet. Ihr Auftrag: künftige Generationen vor der Geißel des Krieges zu bewahren, Frieden zu sichern, Menschenrechte zu schützen und Konflikte durch Recht statt Gewalt zu lösen. Das moderne Völkerrecht wurde zum normativen Fundament dieser neuen Weltordnung.

Heute: 80 Jahre später steht dieses System unter massivem Druck. Angriffskriege, Kriegsverbrechen und Blockaden im Sicherheitsrat untergraben seine Glaubwürdigkeit. Zugleich bleiben die UN unverzichtbar: als humanitäre Akteure, als Forum für Diplomatie – und als letzte globale Instanz, die universelle Regeln verteidigt.

Morgen: Ob und wie Frieden zukünftig dauerhaft gesichert werden kann, entscheidet sich daran, ob Staaten das Völkerrecht erneuern, stärken und konsequent anwenden. Reformen, Prävention, zivile Konfliktbearbeitung und globale Kooperation sind kein Idealismus, sondern Überlebensstrategie. 80 Jahre UN sind Mahnung – und Auftrag zugleich.

Christian Felber ist freier Publizist und Bestseller-Buchautor. Er initiierte die Gemeinwohl-Ökonomie und die Genossenschaft für Gemeinwohl. Zuletzt erschien von ihm das „Lob der Grundrechte. Wie wir in kommenden Krisen das Gemeinwohl schützen" (Westend).

Dieser Artikel ist in forum 02/2026 - Zukunft braucht Frieden erschienen.

Weitere Artikel von Christian Felber:

Green Deal – einfacher, aber wirksamer
Ein nachdenklicher Kommentar von Christian Felber
In der EU werden wichtige Vorzeigeprojekte wieder zurechtgestutzt, teils bis zur Wirkungslosigkeit. Kann ein Kompromiss mit weniger Aufwand und mehr Wirkung gefunden werden?


Wie viel Geld ist genug?
Obergrenzen für Vermögen als Schlüssel zur Rettung der Demokratie
Die Schere zwischen Arm und Reich klafft immer weiter auseinander. Ein gerechteres System braucht klare Obergrenzen für Einkommen und Vermögen, um Demokratie und sozialen Zusammenhalt zu sichern. Der „Gute Rat für Rückverteilung“ auf Initiative der Pharma-Erbin Marlene Engelhorn hat gezeigt, wie soziale Innovation aussehen kann.


Mehr Demokratie in kommenden Krisen
Christian Felber stellt sein neues Buch „Lob der Grundrechte“ vor
Zum 5. Jahrestag des Ausbruchs der Corona-Pandemie fordert der Publizist Christian Felber eine grundlegende Stärkung der Demokratie und besseren Grundrechtsschutz für künftige Krisen. Eine Buchbesprechung und Analyse, ergänzende zu dem Artikel "Lehren aus der Pandemie", erschienen in der forum-Ausgabe 02-2025.


Gleiches Klima-Recht für alle!
Für eine „gesunde, saubere und nachhaltige Umwelt“
Im Juli 2022 wurde das Menschenrecht auf „gesunde, saubere und nachhaltige Umwelt“ von der UN-Vollversammlung beschlossen. Doch wie kann dieses Recht für alle Mitglieder der lebenden und zukünftigen Generationen gesichert werden?


Corona, Wissenschaft und Wirtschaftspolitik
Was lernen wir daraus für andere Krisen?
Die öffentliche Gesundheit wurde in den letzten Wochen blitzartig zum höchsten Gut – und einzelne wissenschaftliche Indikatoren zur obersten Regierungslinie. Was lernen wir daraus?




     
        
Cover des aktuellen Hefts

Frau Reiche – es reicht!

forum 03/2026

  • Resilienz
  • Klimafinanzierung
  • Wald
  • Startups
Weiterlesen...
Kaufen...
Abonnieren...
20
JUN
2026
Woche des Wasserstoffs 2026 (#WDW2026)
Wasserstoff verbindet
deutschlandweit
30
JUN
2026
Circular Tech Hub
Europe’s Largest Tech, Startup & Digital Investment Event
14055 Berlin
28
SEP
2026
Zertifikatskurs „Sustainability Management“
Wir verbinden Nachhaltigkeit und Wirtschaftlichkeit!
95447 Bayreuth
Alle Veranstaltungen...
forum goes international! Download the international edition for forum free of charge.
Anzeige

Der Mittelstand im ESG-Dschungel. Sie müssen nicht alles machen. Sie müssen nur wissen, was.

Sie erhalten einen klaren Fahrplan: was jetzt zu tun ist, was Sie auf dem Schirm behalten sollten und was Sie getrost ignorieren können.

Digitalisierung

Neues "Mental Operating System" für Social Media und Ki-Systeme
Christoph Quarch plädiert für die Programmierung einer europäischen, humanistischen KI zur Erreichung digitaler Souveränität
Lassen Sie sich begeistern von einem Buch, das Hoffnung macht.
Garten-PV - Grüner Strom aus eigenem Anbau.

Jetzt auf forum:

Teamgeist und Zusammenhalt

VerpackDG: Über §26 mehr europäisches Recycling fördern

Jean Ziegler: Unermüdlicher Kämpfer für das Recht auf Nahrung

Alles beginnt jetzt. Auf der Straße. Im Kopf. Im Herzen.

Neuer Marktplatz für Kreislaufwirtschaft in Planung

Lebensmitteltaugliche Rezyklate aus dem Gelben Sack – Interzero leistet Pionierarbeit

DGNB entwickelt neues Zertifizierungssystem für Bestandsquartiere

CBD im Alltag: Fünf Anwendungsformen und ihre Eigenheiten

  • Klimabündnis Ebersberg-München
  • NOW Partners Foundation
  • SUSTAYNR GmbH
  • Engagement Global gGmbH
  • Energie- und Klimaschutzagentur Rheinland-Pfalz GmbH
  • TÜV SÜD Akademie
  • Dr. Ing. h.c. F. Porsche AG
  • Bundesverband Nachhaltige Wirtschaft e.V. (BNW)
  • World Future Council. Stimme zukünftiger Generationen
  • ZamWirken e.V.
  • BAUM e.V. - Netzwerk für nachhaltiges Wirtschaften
  • circulee GmbH
  • 66 seconds for the future
  • DGNB - Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen
  • WWF Deutschland
  • Protect the Planet. Gesellschaft für ökologischen Aufbruch gGmbH
  • Futouris - Tourismus. Gemeinsam. Zukunftsfähig
  • Global Nature Fund (GNF)