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Christoph Quarch

"All You Need is Love"

Christoph Quarch verteidigt den Valentinstag als Schutzzeit für die romantische Liebe

Am Samstag ist es wieder so weit: Rote Herzchen schwirren über unsere Monitore, rote Herzchen zieren unsere Supermärkte - ob in Form von Schokolade, Deko-Objekten oder auf besonderem St. Valentins-Geschenkpapier, rote Herzchen eingeflochten in den Blumenstrauß für die Geliebte. Warum das Ganze? Weil offenbar kein anderes Symbol so gut geeignet scheint, unserer Liebe Ausdruck zu verleihen; und weil man am Valentinstag nun einmal seinem Lieblingsmenschen seine Liebesleidenschaft bekundet. Manche finden das albern und sehen im Valentins-Hype nichts anderes als einen raffinierten Trick der Konsumindustrie. Andere finden das Valentinsbrauchtum wichtig, weil es in unserer so rationalen Welt sonst wenig Raum für Romantik und Gefühle gibt. Wie aber findet der Philosoph den Valentinsrummel.
 
© ai-generated, ipicture, pixabay.com Fragen wir Christoph Quarch, der verschiedene Bücher über Liebe und Eros verfasst hat. Herr Quarch, was halten Sie davon, einen Tag im Jahr dafür zu reservieren, einem geliebten Menschen seine Liebe zu bekunden.
Grundsätzlich finde ich es immer gut und richtig, der Liebe Ausdruck zu verleihen. Und tatsächlich habe ich den Eindruck, dass das in unserer gefühlskalten Gesellschaft viel zu selten geschieht. Allerdings setzt das voraus, dass es sich bei der Liebesbekundung nicht um ein Lippenbekenntnis handelt, sondern um die Verlautbarung echter Gefühle. Wenn das nicht der Fall ist, gerät der Valentinsrummel zu einem einzigen großen Schwindel - zu einem leeren Ritual, das dem spottet, worum es eigentlich gehen sollte: der leidenschaftlichen Liebe. Und das ist ärgerlich, weil es richtig ist, der leidenschaftlichen Liebe einen Feiertag zu widmen und ihr zu Ehren bestimmte Rituale zu vollziehen. Sie ist etwas Heiliges, und das Heilige braucht, wie wir aus den Religionen wissen, wiederkehrende Feiertage, um im Bewusstsein der Menschen präsent zu sein.

Nun geht es an St.-Valentin aber nicht um die Liebe im Allgemeinen, sondern um eine besondere Erscheinungsform: die romantische Liebe, die zunehmend unter Kitschverdacht steht. Ist der Valentinstag nicht doch etwas aus der Zeit gefallen?
Da müssen wir klären, was mit "romantischer Liebe" gemeint ist. Viele denken dabei als erstes an Rosemunde Pilcher oder dergleichen. Ich denke eher an Friedrich Schlegel und Novalis, die den Begriff der Romantik prägten und die romantische Liebe allem voran als eine leidenschaftliche, gefühlsbetonte Liebe beschrieben - als Gegenmodell gegen die blutarme Nächstenliebe, die von den christlichen Kanzeln gepredigt wurde. Dieses Anliegen ist nach wie vor berechtigt. Zwar hat die christliche Theologie die Deutungshoheit über die Liebe verloren, aber ihre Nachfolgerin, die Naturwissenschaft, macht es kaum besser. Sie reduziert die romantische Liebe auf blanke Biochemie ohne geistige Bedeutung - was einen namhaften Kollegen dazu verleitet hat, sie als "unordentliches Gefühl" zu denunzieren. Das ist gefährlich, weil wir dadurch um das Beste gebracht werden, was das Leben zu bieten hat: Liebesleidenschaft.

Aber wir wissen doch, das Leidenschaft vor allem Leiden schafft. Vielleicht ist die romantische Liebe ja deshalb in Misskredit geraten, weil sie zu viel Unheil in der Welt angerichtet hat.
Nein, das glaube ich nicht. Liebe kann weh tun, ja: "Love hurts", wie Nazareth sang. Oder "Love is a battlefield", um Pat Benatar zu zitieren. Aber noch mehr gilt: "All you need is love", wie die Beatles wussten. Übrigens ist es kein Zufall, dass ich hier die Popmusik zitiere. In den 80ern ging es um nichts anderes als Love und Liebe. Aber davon haben wir uns verabschiedet. Die Popkultur kreist heute um die Befindlichkeiten von Subjekten, denen die Liebesleidenschaft abhandengekommen ist. Es gibt auch einen Grund dafür: Die recht verstandene Liebe ist eine Leidenschaft, weil sie entsteht, wenn uns etwas widerfährt, das sich unserer Kontrolle entzieht - wenn wir hingerissen werden von etwas, das uns in Bann schlägt. Aber dagegen sträubt sich der moderne Mensch. Er hat sich in seiner Komfortzone eingerichtet und lässt sich von nichts und niemanden mehr anmachen.

Und was machen wir nun mit dem Valentinstag: Abschaffen oder dran festhalten?
Dran festhalten. Gerade in Zeiten, in denen die Liebe unter die Räder zu geraten droht, braucht sie Schutzzeiten, und der Valentinstag könnte diese Rolle übernehmen - auf das Risiko hin, dass er in leeren Ritualen endet. Wir sollten ihn halt anders aufladen - mit einer Erinnerung daran, was die Liebe wirklich ist. Dazu können wir viel von den Altvorderen lernen. Platon etwa lässt in einem seiner Dialoge die weise Liebeslehrerin Diotima auftauchen, die es in aller Deutlichkeit sagt: Liebe - auf Griechisch "Eros" - ist die Kraft der menschlichen Seele, die uns dazu antreibt, zur ganzen Schönheit des Menschenlebens zu erblühen. Sie beflügelt, sie begeistert, sie lässt uns über uns hinauswachsen. Menschliche Größe ist ohne leidenschaftliche Liebe unmöglich. Diese Botschaft möchte ich zu St.-Valentin teilen. 

Der Philosoph Christoph Quarch schreibt regelmäßig für forum Nachhaltig Wirtschaften. © Christoph Quarch

Der Philosoph, Speaker und Bestseller-Autor Christoph Quarch begleitet Unternehmen, unterrichtet an verschiedenen Hochschulen und veranstaltet philosophische Reisen. In seinen Vorträgen und Büchern greift er auf die großen Werke der abendländischen Philosophie zurück, um diese in eine zeitgemäße Lebenskunst und Weltdeutung zu übersetzen. Gemeinsam mit seiner Frau Christine Teufel gründete er die Neue Platonische Akademie für eine geistige Erneuerung der Gesellschaft.
 
 
Mehr zu ihm unter christophquarch.de und akademie-3.org


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