Christoph Quarch
Gesellschaft | Politik, 08.12.2025
Zeit - Ressource oder Kostenfaktor
Christoph Quarchs philosophischer Blick auf Reformstau und notwendige Investitionen in Infrastruktur und Innovationen
Diese Woche wird nach fünfzehn Wochen Vollsperrung der Mont-Blanc-Tunnel wieder freigegeben. Damit ist rechtzeitig zum Winterbeginn eine der wichtigsten Alpenverbindungen wieder passierbar. Aber das wird sich bald schon wieder ändern, denn die Sanierungsarbeiten sind noch nicht abgeschlossen. Zur Debatte steht, den Tunnel fünfzehn Jahre lang für jeweils drei Monate zu schließen - oder drei Jahre am Stück. Die Entscheidung steht noch aus; ebenso wie eine Antwort auf die Frage, was wir uns und den kommenden Generationen mit solchen großen Infrastrukturprojekten zumuten, zumal wenn Sie sich endlos in die Länge ziehen. Nehmen wir uns womöglich zu viel vor? Und wenn ja, warum? Darüber reden wir mit dem Philosophen Christoph Quarch.
Herr Quarch, gibt es eine philosophische Erklärung dafür, dass wir uns hierzulande mit dem Ausbau und Erhalt der Infrastruktur so schwertun?
Als Philosoph versuche ich, gesellschaftliche Phänomene zu deuten, indem ich die hinter ihnen waltende Denkweise in Augenschein nehme. Im Blick auf die schleppende Fertigstellung von Infrastruktur-Projekten scheint mir das Problem damit zu tun zu haben, wie wir mit dem Thema Zeit umgehen. Wir sind gut darin, neue Projekte zu beginnen, aber es fällt uns schwer, das Angefangene zu Ende zu bringen. Und noch schlechter sind wir darin, das Fertiggestellte zu erhalten oder zu warten. Das führt dazu, dass wir einerseits solche Endlos-Baustellen wie Stuttgart 21 oder den Brenner-Basistunnel haben und andererseits marode Schienennetze und Autobahnen wie die A45, die mich am Wochenende wieder fertiggemacht hat.Die von Ihnen beschriebenen Probleme sind bekannt. Aber was hat das mit dem Thema Zeit zu tun?
Unser Mindset wird in fast allen Belangen von der ökonomischen Rationalität beherrscht. Diese betrachtet Zeit entweder als verwertbare Ressource oder als Kostenfaktor. Bei Bauprojekten prallen diese Sichtweisen aufeinander. Die Bauherren haben ein Interesse daran, möglichst wenig Zeit auf ein Bauvorhaben zu verwenden, die Bauunternehmen hingegen lieben es, das Ganze in die Länge zu ziehen; etwa, indem sie Autobahnabschnitte als Baustelle ausweisen und dann jahrelang nichts tun, als Rechnungen zu schreiben. Aber lassen wir das. Der Punkt ist: Die Zeitwahrnehmung der an Bauprojekten Beteiligten umfasst meist nur die Bauzeit. Sie muss finanziert werden, während ihr gilt es zu verdienen. Was danach kommt - die Unterhaltskosten, die Wartung, die regelmäßige Sanierung -, gerät aus dem Blick. Dafür müssen andere aufkommen. Diese Denkweise fällt uns allenthalben auf die Füße.
Aber man kann doch nicht sagen, dass wir nicht viel Geld dafür aufwenden würden, die bestehende Infrastruktur aufrechtzuerhalten. Das Beispiel Autobahnen haben Sie schon erwähnt. Wir könnten auch über die Bahn reden. Der Staat hat dafür ein Sondervermögen.
Und das ist auch gut so. Nur bin ich mir nicht sicher, ob wir das auch sinnvoll einsetzen. Die ökonomische Rationalität möchte immer etwas Neues anfangen, um kurzfristig Profite zu machen. Etwas Bestehendes zu erhalten, ist im Vergleich dazu unattraktiv. Dafür findet man auch keine Investoren, sondern dafür muss der Staat aufkommen - dem es schwerfällt, bei steigenden Kosten die dafür erforderlichen Mittel bereitzustellen. Das führt dann über kurz oder lang zum Reformstau. Das gleiche Problem zeigt sich übrigens auch in vielen Privathaushalten. Man ist schnell dabei, Neues anzuschaffen, denkt dabei aber nicht über den Tag hinaus und stellt bald fest, dass man weder Zeit, noch Mittel, noch Lust hat, das Angeschaffte zu warten und zu pflegen. Ein Blick in die Gärten meiner Nachbarn reicht, um mir das vor Augen zu führen. Auch hier fehlt es an der Langzeitperspektive. Und die Leidtragenden sind die Nachkommen, allem voran die Erben.
Gerade im Blick auf künftige Generationen braucht es aber doch Innovationsbereitschaft. Denken wir nur an Themen wie Digitalisierung und Energiewende. Wollen Sie da auf die Bremse treten und sagen: Erst mal müssen wir den Bestand sichern?
Man kann das Eine nicht gegen das Andere ausspielen. Natürlich braucht es Innovation, gerade im Bereich der Infrastruktur. Ich frage mich aber, ob unser Horizont weit genug ist. Die Energieversorgung ist ein gutes Beispiel dafür. Die ökonomische Rationalität möchte neue Atomkraftwerke bauen, die schnell scheinbar billige Energie erzeugen. Aber wer so argumentiert, blendet die ganze Kette der Endlagerung, Transporte, Wartung etc. aus. Viel sinnvoller erscheint dagegen eine regenerative, dezentrale Energiegewinnung, deren Folgekosten viel leichter zu kalkulieren sind. Das heißt: Nicht jede Innovation ist sinnvoll. Und: Bei jeder Innovation sollte man den zeitlichen Horizont so weit spannen, dass er künftige Generationen umfasst. Sonst hinterlassen wir Technologien oder eine Infrastruktur, deren Instandhaltung unsere Nachkommen schlicht überfordert.

Der Philosoph, Speaker und Bestseller-Autor Christoph Quarch begleitet Unternehmen, unterrichtet an verschiedenen Hochschulen und veranstaltet philosophische Reisen. In seinen Vorträgen und Büchern greift er auf die großen Werke der abendländischen Philosophie zurück, um diese in eine zeitgemäße Lebenskunst und Weltdeutung zu übersetzen. Gemeinsam mit seiner Frau Christine Teufel gründete er die Neue Platonische Akademie für eine geistige Erneuerung der Gesellschaft.
Aktuelle Bücher von ihm sind „Wacher Geist und fester Schritt. The Donkey School for Leadership" (2024), „Schönheit rettet die Welt” (2024) und "Der Club der alten Weisen" (2023).
Mehr zu ihm unter christophquarch.de und akademie-3.org
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