Kai Platz

Tourismus neu gestalten

Rothenburg ob der Tauber als Modell nachhaltiger Stadtentwicklung und attraktives Reiseziel im eigenen Land

Die fränkische Kleinstadt Rothenburg ob der Tauber gilt weltweit als Sinnbild mittelalterlicher Stadtbaukunst. Doch hinter dem touristisch beliebten Stadtbild verbirgt sich weit mehr als nur romantische Kulisse. Die Stadt zeigt, dass Tourismus nicht zwangsläufig zu Belastungen führen muss – sondern eine tragende Rolle in einer nachhaltigen Stadtentwicklung spielen kann.

Das Plönlein zählt zu den zahlreichen ikonischen Motiven der Stadt. Neben dem Schöpfbrunnen stechen die Fischkästen hervor. Hier wurden im Mittelalter Forellen gehalten. © RTS, Pfitzinger Overtourism: Die Herausforderung ist vielerorts bekannt und Berichte über Demonstrationen und Eintrittsgebühren für Städte nehmen zu. Das Problem: zunehmende Besucherzahlen, steigende Lebenshaltungskosten, schwindende Lebensqualität für Einheimische. Auch kleinere Städte wie Hallstatt in Österreich, Ceský Krumlov in Tschechien oder Colmar in Frankreich kämpfen mit Überlastung und sozialem Ungleichgewicht.
 
Rothenburg ob der Tauber geht einen anderen Weg – und wird damit zum Modell für integrierten, zukunftsfähigen Tourismus. Dabei ist das selbstgesetzte Ziel anspruchsvoll: Rothenburg will sich vom knallharten Bustourismus der 1980er Jahre lösen und den Spagat zwischen Weltoffenheit und touristischer Nachhaltigkeit schaffen.

Nachhaltigkeit als kommunale Strategie
Das Topplerschlösschen steht im Garten der Familie Boas, die das Denkmal aus dem 14. Jahrhundert erhält. © RTS, BodeMit rund 11.000 Einwohner*innen und über einer halben Million Übernachtungsgästen pro Jahr erwirtschaftet Rothenburg etwa ein Drittel seines Bruttoinlandsprodukts durch Tourismus. Das Erfolgsrezept lautet: eine strategisch angelegte, langfristige Entwicklungspolitik. Die Stadt setzt nach dem erfolgreichen Fitnessprogramm „Starke Zentren" des Bayerischen Wirtschaftsministeriums künftig auf ganzheitliche Konzepte wie ISEK (Integriertes Städtebauliches Entwicklungskonzept) und ILEK (Integriertes Ländliches Entwicklungskonzept). In diesen wird Tourismus nicht isoliert betrachtet, sondern als Teil des gesamtgesellschaftlichen Lebens.

Zentrale Handlungsprinzipien sind dabei: soziale Balance, Denkmalpflege, Naturerhalt und wirtschaftliche Tragfähigkeit – gleichrangig und miteinander verschränkt. Die Stadt versteht sich nicht nur als reines Reiseziel, sondern als Lebensraum, der Gästen wie Bewohner*innen gleichermaßen dienen soll.

Lokale Wertschöpfung – bewusst gestaltet
Über 60 familiengeführte Beherbergungsbetriebe und eine vielfältige, regional geprägte Gastronomieszene unterstreichen: Rothenburg bleibt wirtschaftlich unabhängig und regional verwurzelt. Statt internationaler Hotelketten prägen inhabergeführte Häuser das Stadtbild – mit persönlichem Kontakt, regionalen Produkten und individueller Handschrift. Seit zehn Jahren verbürgt sich dafür beispielsweise die weinkulinarische Initiative „Genießen ob der Tauber".

Auch kulturell wird Qualität über Quantität gestellt. Sechs Museen, darunter das Mittelalterliche Kriminalmuseum oder das weltweit einmalige Weihnachtsmuseum, bieten inhaltliche Tiefe statt Eventisierung. Das Rothenburgmuseum versteht sich nicht allein als Hort der Stadtgeschichte, sondern auch als Reallabor stadtgeschichtlicher Themen. So wird die fast vollständig erhaltene Stadtmauer mit einer Länge von 3,7 Kilometern nicht nur geschützt, sondern aktiv als Erlebnisraum genutzt – Denkmalpflege und Tourismusförderung gehen hier Hand in Hand.
 
„Rothenburg ist kein Museum, sondern eine vitale Stadt. Der Rothenburger Weg ist noch lange nicht zu Ende.”

Dr. Jörg Christöphler, Tourismusdirektor von Rothenburg ob der Tauber

Grüne Räume als Erfahrungsräume
Mit dem Projekt „Grünes Rothenburg" rückt die Stadt seit 2019 gezielt Natur und Landschaft in den Mittelpunkt des touristischen Angebots. Neben klassischen Stadtführungen können Gäste heute auch an Weinbergführungen, Wildpark-Exkursionen, Eulenwanderungen oder Kräuterkursen teilnehmen. Der barrierearme Turmweg entlang der Stadtmauer schafft zudem niederschwellige Zugänge für alle.
 
Diese Angebote sind keine Inszenierungen, sondern gehen auf historisch gewachsene Strukturen zurück: den Burggarten im Stil eines englischen Landschaftsparks, versteckte Klostergärten oder den angrenzenden Naturpark Frankenhöhe. Orte der Erholung, der Achtsamkeit – und des Dialogs mit der Landschaft.

Ein besonders gelungenes Beispiel für soziale Nachhaltigkeit ist das Format „Rothenburger Gartenparadiese". Hier öffnen seit Frühjahr 2020 Privatpersonen nach Anmeldung ihre Gärten für Gespräche mit interessierten Besucher*innen. Die daraus entstehenden Begegnungen schaffen Nähe, fördern gegenseitiges Verständnis – und machen Nachhaltigkeit im besten Sinne erfahrbar.

Mobilität mit Maß und Mitte
Die „Rothenburger Gartenparadiese sind ein Beispiel gelungener Teilhabe der Bevölkerung. © RTS, Bode
Rothenburg verfolgt auch in der Verkehrsplanung einen integrativen Ansatz. Das ist bisher zumindest in Teilen noch ein hehres Ziel. Die Altstadt ist nicht autofrei, aber gezielt verkehrsberuhigt. Einfahrtsbeschränkungen, Nachtfahrverbote von 19 bis 6 Uhr sowie großzügige Außenparkplätze sollen für ein hohes Maß an Aufenthaltsqualität sorgen. Gleichzeitig bleibt der notwendige Verkehr – etwa für Lieferdienste oder Hotelgäste – möglich.
 
Hinzu kommt eine durchdachte Anbindung an das Umland. Rad- und Wanderwege entlang des Taubertals, wie der Weg vom Weinberg „An der Eich" hinauf in die Altstadt, ermöglichen ein bewusstes Ankommen – landschaftlich eindrucksvoll, ökologisch sinnvoll und ganzheitlich entschleunigend.

Trotz dieser vielen Erfolge läuft jedoch noch nicht alles rund. An einigen Stellen muss nachgebessert werden, aber das Ziel ist klar: eine verkehrsberuhigte Innenstadt, die Einheimischen wie Besucher*innen ein bequemes Fortkommen ermöglicht und gleichzeitig vom Auto als einziges Fortbewegungsmittel wegkommt.

Fazit: Haltung schafft Zukunft
Die Stadt zeigt, dass verantwortungsvoller Tourismus keine Frage der Größe, sondern der Haltung ist. Mit Themenjahren wie „Rothenburg als Landschaftsgarten" und Produkten wie „Rothenburger Weg" und „Jüdisches Rothenburg" schärft sie ihr Profil und wird zu einem lebendigen Beispiel für Städte, die ihre Identität bewahren und zugleich offen für die Welt bleiben wollen. Das zukunftsfähige Gesamtkonzept umfasst nicht nur Tourismus, sondern alle wirtschaftlichen Branchen, vor allem Bildungsangebote und Mobilitätskonzepte.
 
Dies ist kein Sprint, sondern ein Marathon, der wohl geplant und mit Ausdauer gelaufen werden möchte. Die Antwort auf die touristischen Herausforderungen von heute beginnt – wie in Rothenburg – mit klaren Werten, mutiger Planung und der Bereitschaft, neue Wege zu gehen.

Sieben Prinzipien ...

... für einen nachhaltigen Stadttourismus
  1. Ganzheitlich denken: Stadtentwicklung, Tourismus, Natur- und Denkmalschutz gehören zusammen – verknüpft durch ein integriertes städtebauliches Entwicklungskonzept (ISEK), das auf dem Programm „Starke Zentren" aufbaut.
  2. Natur als Partner verstehen: Landschaftselemente und Naherholung werden bewusst in das touristische Erlebnis integriert – nicht als Kulisse, sondern als aktiver Teil der Aufenthaltsqualität.
  3. Verkehr klug regeln: Verkehrsberuhigung, Außenparkplätze, barrierearme Wege und ein attraktiver Nahverkehr schaffen Lebensqualität – für Gäste wie Einheimische.
  4. Wertschöpfung lokal halten: Familiengeführte Hotels, Gastronomie und Handwerk sichern regionale Kreisläufe und stärken die ökonomische Resilienz.
  5. Beteiligung ermöglichen: Beteiligungsformate fördern Akzeptanz, Identifikation und aktive Mitgestaltung – denn wer gehört wird, gestaltet mit.
  6. Besucherströme lenken: Qualität vor Quantität: Ziel ist ein bewusstes Ankommen statt touristischer Überlastung – mit Fokus auf Aufenthaltsqualität statt reiner Reichweite.
  7. Kultur verantwortungsvoll vermitteln: Museen, Stadtgeschichte und Alltagskultur werden jenseits von Eventisierung als Erfahrungs- und Bildungsräume begriffen. Hier kann ein Konzept wie der „Rothenburger Weg" den kulturellen Kern der Stadtentwicklung bilden.

Nachhaltig unterwegs ...

... nach und in Rothenburg
  • Öffis: Direkte Anbindung über Steinach (b. Rothenburg) an die Hauptstrecke Würzburg–Treuchtlingen, regelmäßige Regionalbahnen bis ins Stadtzentrum.
  • Fahrrad: Anbindung an mehrere Fernradwege, darunter Taubertal-Radweg, Altmühltal-Radweg und Burgenstraßen- Radweg.
  • Wandern: Ziel- oder Startpunkt des Panoramawegs Taubertal und Fränkischer Jakobswegs.
  • Vor Ort: Verkehrsberuhigte Altstadt, Fahrradverleih inkl. E-Bikes, gut ausgeschilderte Rad- und Wanderwege.
  • E-Mobilität: Zahlreiche öffentliche Ladepunkte sowie Lademöglichkeiten in vielen Hotels 

Kai Platz ist Redakteur bei forum und betreut unter anderem das Kooperationsmanagement mit dem Themenschwerpunkt Tagen & Tourismus.

Dieser Artikel ist in forum 03/2025 - Der Wert der Böden erschienen.

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