Christoph Quarch
Gesellschaft | Politik, 26.08.2025
Darf der Staat seine Bürgerinnen und Bürger zum Dienst am Gemeinwesen verpflichten?
Christoph Quarch wünscht sich einen EU-weiten Bürgerdienst für Jung und Alt
Der Aufreger der Woche heißt Pflichtdienst. Nicht nur diskutiert der Bundestag kontrovers darüber, ob junge Menschen wieder zum Wehrdienst verpflichtet werden sollten; auch als wenige Tage zuvor der Ökonom Marcel Fratzscher für die Einführung eines verpflichtenden sozialen Jahres für Rentner plädierte, löste das empörte Reaktionen bei Parteien und Sozialverbänden aus. Hier wie da lautet die Frage: Darf der Staat seine Bürgerinnen und Bürger zum Dienst am Gemeinwesen verpflichten? Oder ist es besser, auf Freiwilligkeit zu setzen? Der Philosoph Christoph Quarch setzt sich seit Jahren für die Einführung eines europäischen Bürgerdienstes innerhalb der EU ein.
Herr Quarch, was spricht aus Ihrer Sicht dafür, Bürgerinnen und Bürger zu einer Dienstzeit - sei es als Wehrdienst oder Sozialdienst - in die Pflicht zu nehmen?Ich selbst habe mal anderthalb Jahre meines Lebens damit zugebracht, Zivildienst zu leisten. In dieser Zeit ist mir klargeworden, dass ich - wie alle anderen auch - Teil eines Gemeinwesens bin, das nur funktioniert, wenn Menschen bereit sind, Lebenszeit und Energie in den Dienst des Ganzen zu stellen - egal ob beim Wehrdienst oder beim Zivildienst. Rückblickend kenne ich niemanden in meiner Generation, der dies als Zumutung erlebt hätte; wohl aber hat es - zumindest bei einigen - zur Entfaltung von so etwas wie Gemeinsinn und gesellschaftlichem Verantwortungsbewusstsein geführt: Haltungen, die für den Bestand unserer Demokratie notwendig sind. Die Demokratie lebt davon, dass die Einzelnen nicht nur ihre Interessen im Blick haben, sondern auch das Gemeinwohl.
Aber muss man die Bürgerinnen und Bürger deshalb verpflichten. Widerspricht das nicht unseren Prinzipien der Freiheit?
Schon Platon sah, dass Demokratien zerbrechen, wenn sie nicht dafür sorgen, dass der Gemeinsinn kultiviert wird. Grundsätzlich sind wir uns ja darüber einig, dass der Staat das Recht hat, Pflichten zu erlassen, wenn dies für seinen Bestand erforderlich erscheint. Sonst hätten wir keine Steuerpflicht, keine Schulpflicht und keine Wehrpflicht. Angesichts der gesellschaftlichen Herausforderungen spricht für mich nichts dagegen, dies durch eine Sozialpflicht - für Jung und Alt - zu ergänzen. Verpflichtend muss das Ganze sein aus Gründen der Gerechtigkeit. Es darf für niemanden ein Vorteil oder Nachteil daraus entstehen, solche Dienste zu verrichten. Nicht nur gleiche Rechte, sondern auch gleiche Pflichten für alle ist ein Grundprinzip der Demokratie. Dass Menschen, die aus psychischen oder physischen Gründen solche Dienste nicht verrichten können, davon befreit werden müssen, versteht sich von selbst.
Der DGB hat auf den Vorschlag zur Einführung eines Pflichtjahrs für Rentner empört reagiert: Wer jahrzehntelang gearbeitet hat, habe seinen Ruhestand unbedingt verdient. Ist es nicht ungerecht, ausgerechnet die Senioren zu einem Bürgerdienst zu verpflichten?
Ich finde es beunruhigend, dass Arbeit im Allgemeinen und soziale Dienste im Besonderen per se als Zumutung gesehen werden. Darin bekundet sich eine Haltung, die weder den Menschen, noch unserem Land guttut. Es könnte ja sein, dass es auch älteren Menschen - genauso wie uns jungen Zivis damals - Freude bereitet, sich sozial zu engagieren. Es könnte ja sein, dass das Miteinander im Sozialen Dienst oder bei der Bundeswehr der eigenen Entwicklung viel förderlicher ist als irgendwelche "Work and Travel"-Programme. Wenn es etwas gibt, das wir uns als Gemeinwesen heute nicht mehr leisten können, dann ist es diese kategorische Ablehnung von Tätigkeiten jenseits der subjektiven Interessen oder Bedürfnisse.
Menschen, die gegen ihren Willen zu etwas verpflichtet werden, sind oft lustlos und unmotiviert. Zuweilen schaden sie mehr als sie nutzen. Verteidigungsminister Pistorius plädiert deshalb dafür, bei der Wiedereinführung des Wehrdienstes zunächst auf Freiwilligkeit zu setzen. Hat er damit nicht Recht?
Aus Perspektive der Bundeswehr vermutlich schon. Dort braucht man schnell motivierte Leute. Außerdem fehlt es an der Infrastruktur, um Massen von Wehrpflichtigen aufzunehmen. Meine Perspektive ist aber eine andere. Mir geht es um den Zusammenhalt des Gemeinwesens - und dafür halte ich die Einführung von Pflichtdiensten für notwendig: Wehrdienst und Zivildienst für die Jungen, Sozialdienst für die Alten. Allerdings würde ich mir wünschen, dass wir das Ganze direkt auf der Europäischen Ebene diskutieren, denn die Aufgabe, vor der wir stehen, betrifft Europa im Ganzen. Wir brauchen eine Europäische Bürgerarmee, wir brauchen einen europäischen Gemeinsinn - und das bekommen wir am effizientesten durch einen EU-weiten Bürgerdienst für Jung und Alt. Das wäre die Diskussion, die ich gerne führen würde.

Der Philosoph, Speaker und Bestseller-Autor Christoph Quarch begleitet Unternehmen, unterrichtet an verschiedenen Hochschulen und veranstaltet philosophische Reisen. In seinen Vorträgen und Büchern greift er auf die großen Werke der abendländischen Philosophie zurück, um diese in eine zeitgemäße Lebenskunst und Weltdeutung zu übersetzen. Gemeinsam mit seiner Frau Christine Teufel gründete er die Neue Platonische Akademie für eine geistige Erneuerung der Gesellschaft.
Aktuelle Bücher von ihm sind „Wacher Geist und fester Schritt. The Donkey School for Leadership" (2024), „Schönheit rettet die Welt” (2024) und "Der Club der alten Weisen" (2023).
Mehr zu ihm unter christophquarch.de und akademie-3.org
Weitere Artikel von Christoph Quarch:
Wer an die Sonnenfinsternis glaubt, kann den Klimawandel nicht leugnen
Christoph Quarchs Überlegungen zur Sonnenfinsternis am 12. August
Was haben Grönland und Spanien, Portugal und Island gemeinsam? Richtig, von dort aus kann man am kommenden Mittwoch eine totale Sonnenfinsternis beobachten - und zwar eine ganz besondere, weil sich der Schatten des Mondes erst kurz vor Sonnenuntergang so vollständig auf die Erde legen wird, dass auch ungeübte Augen - natürlich durch die entsprechenden Schutzgläser - die flammende Corona der Sonne erkennen können. Dieses Spektakel wollen sich viele Menschen nicht entgehen lassen.
Christoph Quarchs Überlegungen zur Sonnenfinsternis am 12. August
Was haben Grönland und Spanien, Portugal und Island gemeinsam? Richtig, von dort aus kann man am kommenden Mittwoch eine totale Sonnenfinsternis beobachten - und zwar eine ganz besondere, weil sich der Schatten des Mondes erst kurz vor Sonnenuntergang so vollständig auf die Erde legen wird, dass auch ungeübte Augen - natürlich durch die entsprechenden Schutzgläser - die flammende Corona der Sonne erkennen können. Dieses Spektakel wollen sich viele Menschen nicht entgehen lassen.
Urlaub machen, wo die Feuerwehr im Dauereinsatz ist?
Christoph Quarchs philosophischer Blick auf die verheerenden Brände in Südeuropa und jetzt auch Schottland
Unermüdlich ringen die Feuerwehrleute im Südwesten Frankreich mit einer beispiellosen Feuersbrunst, vor der Hunderttausende evakuiert werden mussten und die schon ganze Straßenzüge in Schutt und Asche legte. Auch Spanien kämpft seit Wochen mit Waldbränden. Auf der griechischen Insel Paros mussten die Einwohner an den Strand fliehen, um den Flammen zu entkommen.
Christoph Quarchs philosophischer Blick auf die verheerenden Brände in Südeuropa und jetzt auch Schottland
Unermüdlich ringen die Feuerwehrleute im Südwesten Frankreich mit einer beispiellosen Feuersbrunst, vor der Hunderttausende evakuiert werden mussten und die schon ganze Straßenzüge in Schutt und Asche legte. Auch Spanien kämpft seit Wochen mit Waldbränden. Auf der griechischen Insel Paros mussten die Einwohner an den Strand fliehen, um den Flammen zu entkommen.
Erfolgreicher Kinostart von "The Odyssee" in USA
Der Philosoph und Mythologie-Experte Christoph Quarch analysiert, was uns der Anti-Held heute sagen kann
"Die Odyssee" von Christopher Nolan ist angelaufen - ein Film, der schon vor der Premiere kontrovers diskutiert wurde. Lobeshymnen kommen aus der Gaming-Branche, die sich an der epischen Bildsprache ergötzt, griechische Medien beklagen, dass keine griechischen Akteure gecastet wurden. Und Elon Musk ereifert sich mit rechten US-Influencern darüber, dass die Rolle der schönen Helena von einer Farbigen gespielt wird.
Der Philosoph und Mythologie-Experte Christoph Quarch analysiert, was uns der Anti-Held heute sagen kann
"Die Odyssee" von Christopher Nolan ist angelaufen - ein Film, der schon vor der Premiere kontrovers diskutiert wurde. Lobeshymnen kommen aus der Gaming-Branche, die sich an der epischen Bildsprache ergötzt, griechische Medien beklagen, dass keine griechischen Akteure gecastet wurden. Und Elon Musk ereifert sich mit rechten US-Influencern darüber, dass die Rolle der schönen Helena von einer Farbigen gespielt wird.
Der Rummelplatz als Kulturgut
Christoph Quarchs Gedanken zur Volksfestzeit
Sommerzeit ist Volksfestzeit: Ob Kirmes, Schützenfest oder Jahrmarkt - an vielen Orten werden im Juli und August die Festzelte aufgebaut. Nicht nur zur Freude der Besucher, sondern auch einer ganzen Branche: Tatsächlich haben sich Volksfeste hierzulande zu einem erfolgreichen Wirtschaftszweig entwickelt. Mit Stolz vermeldet der Deutsche Schaustellerbund DSB, dass in Deutschland jährlich rund 10.000 große und kleine Volksfeste von mehr als 200 Millionen Menschen besucht werden.
Christoph Quarchs Gedanken zur Volksfestzeit
Sommerzeit ist Volksfestzeit: Ob Kirmes, Schützenfest oder Jahrmarkt - an vielen Orten werden im Juli und August die Festzelte aufgebaut. Nicht nur zur Freude der Besucher, sondern auch einer ganzen Branche: Tatsächlich haben sich Volksfeste hierzulande zu einem erfolgreichen Wirtschaftszweig entwickelt. Mit Stolz vermeldet der Deutsche Schaustellerbund DSB, dass in Deutschland jährlich rund 10.000 große und kleine Volksfeste von mehr als 200 Millionen Menschen besucht werden.
By the dawn's early light
Christoph Quarchs Überlegungen zum 250. Jahrestag der Unterzeichnung der Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten von Amerika
Am 4. Juli jährt sich zum 250. Mal die Unterzeichnung der Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten von Amerika, mit der sich 13 nordamerikanische Kolonien von der britischen Krone lossagten und damit den Grundstein für die heutige USA legten. Und nicht nur das: Die Autoren - allen voran Thomas Jefferson - begründeten ihren Schritt durch die Berufung auf allgemeine und unveräußerliche Menschenrechte.
Christoph Quarchs Überlegungen zum 250. Jahrestag der Unterzeichnung der Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten von Amerika
Am 4. Juli jährt sich zum 250. Mal die Unterzeichnung der Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten von Amerika, mit der sich 13 nordamerikanische Kolonien von der britischen Krone lossagten und damit den Grundstein für die heutige USA legten. Und nicht nur das: Die Autoren - allen voran Thomas Jefferson - begründeten ihren Schritt durch die Berufung auf allgemeine und unveräußerliche Menschenrechte.
Frau Reiche – es reicht!
forum 03/2026
- Resilienz
- Klimafinanzierung
- Wald
- Startups
Kaufen...
Abonnieren...
11
SEP
2026
SEP
2026
Den Demokratie-Muskel stärken – Zusammen für das Gemeinwohl!
Training mit Christian Felber & Roman Huber
38489 Beetzendorf
Training mit Christian Felber & Roman Huber
38489 Beetzendorf
11
SEP
2026
SEP
2026
Den Demokratie-Muskel stärken
Live-Online-Training in Echtzeit mit Grit Bümann, Roman Huber, Christian Felber
online
Live-Online-Training in Echtzeit mit Grit Bümann, Roman Huber, Christian Felber
online
22
OKT
2026
OKT
2026
csrTAG 2026 – Nachhaltigkeit als Wirtschaftsfaktor
R³essourcen. R³esilienz. R³entabilität. - Ticketverkauf gestartet
A-6236 Alpbach
R³essourcen. R³esilienz. R³entabilität. - Ticketverkauf gestartet
A-6236 Alpbach
Anzeige
Der Mittelstand im ESG-Dschungel. Sie müssen nicht alles machen. Sie müssen nur wissen, was.
Sie erhalten einen klaren Fahrplan: was jetzt zu tun ist, was Sie auf dem Schirm behalten sollten und was Sie getrost ignorieren können.
Sport & Freizeit, Reisen
Hinaus in die Wildnis!Christoph Quarchs Blick auf die junge Kulturgeschichte von Naturschutz und Naturtourismus





















