Erstaunlich, was alles geht 

Das Arbeitsleben im Wandel

Die vergangenen Wochen haben es gezeigt. Es geht viel mehr, als wir glaubten. Auch im Arbeitsleben. forum zeigt, was geht.
 
© jagritparajuli99, pixabay„Schönen Vormittag noch", rief mir mein damaliger Chef Ende der 90iger Jahre zu, als ich um 19 Uhr das Büro verließ. Er war dann in der Regel noch bis 23 Uhr im Büro. Im Unterschied zu mir hatte er aber auch keine Familie und kam erst kurz nach neun Uhr, während ich bereits (ungesehen) spätestens um acht Uhr am Schreibtisch saß. Homeoffice? Zu der Zeit undenkbar. Das Wort gab es noch nicht. Was es gab, war eine Anwesenheitskultur. Mehr Zeit im Büro gleich mehr Leistung gleich besser. Wer vorankommen wollte, musste schon 60 bis 80 Stunden pro Woche arbeiten. Es war für uns normal. In vielen Firmen ist das auch heute noch so.

Ich bekam kurze Zeit später einen Chef, der eine andere Haltung hatte und das durch seine Anwesenheit auch demonstrierte. Er wohnte in Wien, während wir unsere Zentrale in Bremen hatten. Montag abends kam er an, Donnerstag abends fuhr er wieder, über viele Jahre hinweg. Vorher hätten viele so etwas als „unmöglich" abgetan. Ein Geschäftsführer, der nur maximal drei Tage im Büro/vor Ort war. Seine Sichtweise: Ergebnisse zählen.

Flexibilität hilft
Die aktuelle Situation zeigt, wie flexibel wir sein können. Auf einmal können Firmen Homeoffice, die das bislang abgelehnt haben. Ein Kunde von mir hatte nach langem Zögern vor einem Jahr Homeoffice eingeführt – einmal im Monat. Von nahezu heute auf morgen wurden diesen März 70 Prozent der Belegschaft ins Homeoffice geschickt, bekamen die ersehnten neuen Laptops. Ergebnis: funktioniert gut. Natürlich gibt es Umstellungen, natürlich dauern manche Dinge länger, wenn man nicht mal eben über den Flur laufen kann. Andere Dinge funktionieren aber auch besser. Und am Engagement, an der Arbeitsleistung hat sich nichts geändert.

Mit einem Team aus diesem Unternehmen führte ich letzte Woche einen Teamentwicklungsworkshop durch – per Zoom. Ich gebe zu, ich war vor Corona der Auffassung: Das geht nicht. Aber es ging, sogar sehr gut. Wir haben sogar eine gemeinsame Abendveranstaltung gehabt, an der alle teilnahmen. Das Team hat sehr gute Ergebnisse erarbeitet, und ich bin gespannt auf die Wirkung. Das war natürlich auch für mich eine Umstellung, aber auch eine spannende Herausforderung. Wie organisiere ich die Gruppenarbeiten? Wie stellen wir sicher, dass wir die Ergebnisse gut dokumentieren? Wie strukturieren wir den Workshop, damit die Aufmerksamkeit und Konzentrationsfähigkeit nicht überstrapaziert wird? Wie sorge ich dafür, dass Dynamik, Bewegung und auch Spaß an der gemeinsamen Arbeit auf einem ähnlichen Niveau sind wie in einem Live-Setting? Ich habe viel gelernt, bekam ein sehr gutes Feedback, weiß aber auch: Da ist noch viel Luft nach oben. Und ich bin gespannt, was ich in den nächsten Projekten lerne.
 
Nichts ist unmöglich
Warum geht plötzlich, im Kontext der Corona-Krise, so vieles, das vorher „unmöglich" war? Einfache Antwort: Die Rahmenbedingungen haben sich verändert, und zwar so, dass wir uns umstellen „müssen". Es bleiben den Firmen die Alternativen „nicht arbeiten" oder „Homeoffice", und sie entscheiden sich für Homeoffice. Stellt sich die Frage, was „unmöglich" oder „geht nicht" bedeutet. Wenn jemand mir sagt: „Ich habe keine Zeit", ist das eine geschönte Umschreibung von „Ich habe etwas Wichtigeres vor" oder „Ich möchte mich eigentlich nicht mit dir treffen". Wofür steht „unmöglich"? Ich mache es einmal persönlich. Bis letzte Woche war ich der Auffassung: Teamentwicklung virtuell geht nicht. Warum? Zwei Gründe: 1. Meine Überzeugung war, dass Präsenzveranstaltungen immer besser sind als virtuelle Veranstaltungen. 2. Ich war bislang zu faul gewesen, mich mit Alternativen ernsthaft und mit Zeitaufwand zu beschäftigen. „Eine Teamentwicklung online kann ich mir nicht vorstellen", sagte ich noch vor drei Wochen im Kontext eines anderen Projekts beim gleichen Kunden wie dem, bei dem ich letzte Woche das Projekt durchgeführt habe.

Verallgemeinert heißt das: Was uns häufig blockiert, sind einerseits unsere festgefahrenen Einstellungen und Haltungen oder Glaubenssätze, Dogmen, Überzeugungen. Stephen Covey („Die 7 Wege zur Effektivität") nennt das unsere „Paradigmen". Modern spricht man häufig von „Mindset". Andererseits ist es unsere daraus abgeleitete mangelnde Bereitschaft, uns mit Alternativen auseinanderzusetzen.
 
Zeit zum Umdenken
Wenn die aktuelle Krise eine Chance bietet, dann gelernte Überzeugungen, unsere innere Haltung und Einstellung zu den verschiedensten Themen auf den Prüfstand zu stellen. Ganz hellhörig zu werden, wenn jemand sagt: „Das geht nicht" oder „Unmöglich". Die Digitalisierung hat und wird noch einen weiteren Schub bekommen, das steht wohl bereits jetzt, nach fünf Wochen Lockdown, fest. Wird sich auch die Haltung zur Finanzierung des Gesundheitswesens und zum Pflegenotstand verändern? Mehr Geld, mehr Wertschätzung und bessere Arbeitsbedingungen für Menschen in der Pflege – geht nicht! Oder suchen wir jetzt nach einem Weg? Fridays for Future, das Erreichen von Klimazielen – unmöglich? Artensterben bekämpfen – unmöglich? Verringerung der immer weiter auseinanderdriftenden Vermögens- und Einkommensschere – unmöglich?

Meine Hoffnung ist, dass wir durch die Phase, durch die wir jetzt gehen, die Chance zum Umdenken ergreifen. Im Kleinen wie im Großen. Dogmen auf den Prüfstand stellen, den Status Quo mit einem Fragezeichen versehen und unser Denken für neue Möglichkeiten, Denk- und Verhaltensrichtungen öffnen. Es kann damit anfangen, dass viele von uns (auch wenn es schwerfallen mag) die Krise nicht als Gefahr und Katastrophe, sondern als Chance begreifen – soweit die Natur ihres Unternehmens dieses zulässt. Als Chance, umzudenken und sich davon ermutigen zu lassen, was doch alles geht.
 
Christian Conrad ist als Redner, Trainer, Coach und Moderator tätig. Zudem publiziert er zu vielfältigen Themen im Bereich Nachhaltigkeit.

Technik | Digitalisierung, 01.12.2020
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