Eine Welt. Ein Klima. Für globale Entwicklung und Klimaschutz gemeinsam handeln! Engagieren Sie sich jetzt: www.allianz-entwicklung-klima.de

Erstaunlich, was alles geht

„Unmöglich“ ist vieles nur in unseren Köpfen. Christian Conrad berichtet aus dem Home-Office.

„Schönen Vormittag noch" rief mir mein damaliger Chef Ende der 90iger Jahre zu, als ich um 19 Uhr das Büro verließ. Er war dann in der Regel noch bis 23.00 im Büro. Im Unterschied zu mir hatte er aber auch keine Familie und kam erst kurz nach 9 Uhr, während ich bereits (ungesehen) spätestens um 8 Uhr am Schreibtisch saß. Home-Office? Zu der Zeit undenkbar. Das Wort gab es noch nicht. Was es gab, war eine Anwesenheitskultur. Mehr Zeit im Büro gleich mehr Leistung gleich besser. Wer vorankommen wollte, musste schon 60 bis 80 Stunden pro Woche arbeiten. Es war für uns normal. In vielen Firmen ist das auch heute noch so.
 
Christian Conrad © Christian ConradIch bekam kurze Zeit später einen Chef, der eine andere Haltung hatte und das durch seine Anwesenheit auch demonstrierte. Er wohnte in Wien, während wir unsere Zentrale in Bremen hatten. Montag abends kam er an, Donnerstag abends fuhr er wieder, über viele Jahre hinweg. Vorher hätten viele so etwas als „unmöglich" abgetan. Ein Geschäftsführer, der nur maximal drei Tage im Büro/vor Ort war. Seine Sichtweise: Ergebnisse zählen.
 
Die aktuelle Situation zeigt, wie flexibel wir sein können. Auf einmal können Firmen Home-Office, die das bislang abgelehnt haben. Ein Kunde von mir hatte nach langem Zögern vor einem Jahr Home-Office eingeführt – einmal im Monat. Von nahezu heute auf morgen wurden diesen März 70% der Belegschaft ins Home-Office geschickt, bekamen die ersehnten neuen Laptops. Ergebnis: funktioniert gut. Natürlich gibt es Umstellungen, natürlich dauern manche Dinge länger, wenn man nicht mal eben über den Flur laufen kann. Andere Dinge funktionieren aber auch besser. Und am Engagement, an der Arbeitsleistung hat sich nichts geändert.
 
Mit einem Team aus diesem Unternehmen führte ich letzte Woche einen Teamentwicklungsworkshop durch – per Zoom. Ich gebe zu, ich war vor Corona der Auffassung: das geht nicht. Aber es ging, sogar sehr gut. Wir haben sogar eine gemeinsame Abendveranstaltung gehabt, an der alle teilnahmen. Das Team hat sehr gute Ergebnisse erarbeitet, und ich bin gespannt auf die Wirkung. Das war natürlich auch für mich eine Umstellung, aber auch eine spannende Herausforderung. Wie organisiere ich die Gruppenarbeiten? Wie stellen wir sicher, dass wir die Ergebnisse gut dokumentieren? Wie strukturieren wir den Workshop, damit die Aufmerksamkeit und Konzentrationsfähigkeit nicht überstrapaziert wird? Wie sorge ich dafür, dass Dynamik, Bewegung und auch Spaß an der gemeinsamen Arbeit auf einem ähnlichen Niveau sind wie in einem Live-Setting? Ich habe viel gelernt, bekam ein sehr gutes Feedback, weiß aber auch: da ist noch viel Luft nach oben. Und ich bin gespannt, was ich in den nächsten Projekten lerne.
 
Warum geht plötzlich, im Kontext der Corona-Krise, so Vieles, das vorher „unmöglich" war? Einfache Antwort: die Rahmenbedingungen haben sich verändert, und zwar so, dass wir uns umstellen „müssen". Es bleiben den Firmen die Alternativen „nicht arbeiten" oder „Home-Office", und sie entscheiden sich für Home-Office. Stellt sich die Frage, was „unmöglich" oder „geht nicht" bedeutet. Wenn jemand mir sagt: „Ich habe keine Zeit", ist das eine geschönte Umschreibung von „Ich habe etwas Wichtigeres vor" oder „Ich möchte mich eigentlich nicht mit dir treffen". Wofür steht „unmöglich"? 
 
Ich mache es einmal persönlich. Bis letzte Woche war ich der Auffassung: Teamentwicklung virtuell geht nicht. Warum? Zwei Gründe: 1. Meine Überzeugung war, dass Präsenzveranstaltungen immer besser sind als virtuelle Veranstaltungen. 2. Ich war bislang zu faul gewesen, mich mit Alternativen ernsthaft und mit Zeitaufwand zu beschäftigen. „Eine Teamentwicklung online kann ich mir nicht vorstellen", sagte ich noch vor drei Wochen im Kontext eines anderen Projekts beim gleichen Kunden wie dem, bei dem ich letzte Woche das Projekt durchgeführt habe. 
 
Verallgemeinert heißt das: Was uns häufig blockiert, sind einerseits unsere festgefahrenen Einstellungen und Haltungen oder Glaubenssätze, Dogmen, Überzeugungen. Stephen Covey („Die 7 Wege zur Effektivität") nennt das unsere „Paradigmen". Modern spricht man häufig von „Mindset". Andererseits ist es unsere daraus abgeleitete mangelnde Bereitschaft, uns mit Alternativen auseinanderzusetzen. 
 
Wenn die aktuelle Krise eine Chance bietet, dann gelernte Überzeugungen, unsere innere Haltung und Einstellung zu den verschiedensten Themen auf den Prüfstand zu stellen. Ganz hellhörig zu werden, wenn jemand sagt: „Das geht nicht" oder „Unmöglich". Die Digitalisierung hat und wird noch einen weiteren Schub bekommen, das steht wohl bereits jetzt, nach fünf Wochen Lockdown, fest. Wird sich auch die Haltung zur Finanzierung des Gesundheitswesens und zum Pflegenotstand verändern? Mehr Geld, mehr Wertschätzung und bessere Arbeitsbedingungen für Menschen in der Pflege - geht nicht! Oder suchen wir jetzt nach einem Weg? Fridays for Future, das Erreichen von Klimazielen – unmöglich? Artensterben bekämpfen – unmöglich? Verringerung der immer weiter auseinanderdriftenden Vermögens- und Einkommensschere – unmöglich?
 
Meine Hoffnung ist, dass wir durch die Phase, durch die wir jetzt gehen, die Chance zum Umdenken ergreifen. Im Kleinen wie im Großen. Dogmen auf den Prüfstand stellen, den Status Quo mit einem Fragezeichen versehen und unser Denken für neue Möglichkeiten, Denk- und Verhaltensrichtungen öffnen. 

Es kann damit anfangen, dass viele von uns (auch wenn es schwerfallen mag) die Krise nicht als Gefahr und Katastrophe, sondern als Chance begreifen – soweit die Natur Ihres Unternehmens dieses zulässt. Als Chance, umzudenken und sich davon ermutigen lassen, was doch alles geht. 
 
Christian Conrad ist seit 12 Jahren als Redner, Trainer, Coach und Moderator tätig. Zudem publiziert er zu vielfältigen Themen im Bereich Nachhaltigkeit. 

Wirtschaft | Verantwortung jetzt!, 03.06.2020
     
Cover des aktuellen Hefts

Zeit, die Stimme zu erheben und endlich zu handeln?

forum Nachhaltig Wirtschaften 04/2022 mit dem Schwerpunkt: Globale Ziele und Klimaschutz

  • Ukrainekrieg und Hunger auf der Welt
  • Doppelte Dividende durch Nachhaltigkeit
  • Green Chefs
  • Die Brücke zur Natur
Weiterlesen...
Kaufen...
Abonnieren...
08
DEZ
2022
Die Klimashow mit neun Promis
Promis fragen - SPIEGEL-Bestsellerautoren antworten
online
12
DEZ
2022
Nachhaltigkeitskongress
Der Zukunftskongress für Wirtschaft mit Weitsicht
40217 Düsseldorf
21
JAN
2023
Wir haben es satt!
Gutes Essen für alle – statt Profite für wenige!
10117 Berlin
Alle Veranstaltungen...
Text

Gemeinsam ist es Klimaschutz

natureOffice nimmt Sie mit auf die Reise durch den Klimakosmos - gleich YouTube-Kanal abonnieren und Baum pflanzen!

Sport & Freizeit, Reisen

Freiheit, Gemeinschaft, Begeisterung, Leidenschaft, Lebendigkeit - brauchen einen Kontext, der sie zulässt und begünstigt.
Christoph Quarch ist die Lust auf die Fußball-WM vergangen
B.A.U.M. Insights

Jetzt auf forum:

Macht die Reform des Einwanderungsrechts die deutsche Staatsangehörigkeit zum Ramschartikel?

ICG vergibt den "Real Estate Social Impact Investing Award 2022"

Porsche tritt UN Global Compact bei

CarSharing für Unternehmen: Einfach mobil und die Kosten im Blick

Unbeschwert shoppen mit dem Grünfuchs im Göttinger Advent

Verleihung des Bundespreises Ecodesign 2023

Ihre Stimme erheben – und selber aktiv werden

Cyrkl ist unter den Gewinnern der Deloitte Technology Fast 50 Central Europe 2022

  • World Future Council. Stimme zukünftiger Generationen
  • Dr. Ing. h.c. F. Porsche AG
  • PEFC Deutschland e. V.
  • Nespresso Deutschland GmbH
  • Telefónica Germany GmbH & Co. OHG
  • DGNB - Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen
  • Verka VK Kirchliche Vorsorge VVaG
  • Futouris - Tourismus. Gemeinsam. Zukunftsfähig
  • Frankfurt University of Applied Sciences
  • Global Nature Fund (GNF)
  • B.A.U.M. e.V. - Netzwerk für nachhaltiges Wirtschaften
  • Energieagentur Rheinland-Pfalz GmbH
  • TourCert gGmbH