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Kraftvoll aus der Krise

Zukunftschancen und Strategien

Die gegenwärtige Krise bietet die Gelegenheit für einen Neubeginn, bei dem Solidarität und Nachhaltigkeit mehr zählen als kurzfristiger Profit und Raubbau auf Kosten kommender Generationen. Politik, Wirtschaft und Gesellschaft können jetzt die wirtschaftliche Erholung „nachhaltig" zum Erfolg führen. Diese einmalige Chance für einen Neustart unserer Volkswirtschaft dürfen wir nicht verpassen.

Bernhard Schwager © LietschWas ist passiert? In einem kleinen Teil der Welt ist ein Virus ausgebrochen, das zu einer bedrohlichen Pandemie und letztlich zu einem weltweiten Stillstand für beträchtliche Teile von Wirtschaft und Gesellschaft führte. Binnen kürzester Zeit werden für Monate im Voraus Messen, Konferenzen, Konzerte oder bei uns die Bundesliga abgesagt. Fertigungen liegen brach, weil Lieferketten versagen und die Material- bzw. Teileversorgung unterbrochen ist. Mit Bestürzung sehen wir, dass unsere bisherigen, fein justierten Systeme viel fragiler sind, als wir in der Vergangenheit wahrhaben wollten und dass der plötzliche Shut-down den privaten wie auch den beruflichen Bereich durch Ausgangsbeschränkungen gleichermaßen betrifft. Zu beklagen sind viele menschliche Opfer und es ist noch kein Ende abzusehen. Die Wirtschaft ist in den verschiedenen Branchen unterschiedlich betroffen und teilweise völlig zum Erliegen gekommen. Helfen können jetzt nur Soforthilfen in Form von Rettungsschirmen, Helikoptergeld und Konjunkturspritzen in dreistelliger Milliardenhöhe.

Nachhaltige Entwicklungsziele als Treiber
Unser Wirtschaftssystem ist auf Höchstleistung getrimmt, die Liefernetzwerke weltweit penibel auf Just-in-time-Lieferungen abgestimmt. Jeder Kostenvorteil muss genutzt werden, um im internationalen Wettbewerb irgendwie bestehen zu können. Daher wird gegenwärtig alles getan, um wieder in die bisherige Spur zu kommen. Deshalb wird in nie gekannter Geschwindigkeit Geld an ein Wirtschaftssystem verteilt, welches die Ressourcen des Planeten ohne Rücksicht auf kommende Generationen plündert und demzufolge dafür verantwortlich ist, dass wir die SDG, die Sustainable Development Goals der UN, nicht ausreichend erfüllen können. Wenn wir jetzt nicht aufpassen, dann schadet dieses reflexhafte Verhalten in bestimmten Bereichen vielleicht mehr, als es hilft. 

Genau jetzt könnten wir das System adjustieren und notwendige Veränderungen angehen, nicht nur übereifrig die Wirtschaft mit Geld fluten. Wir sollten uns vergegenwärtigen, dass die Klima- und Biodiversitätsproblematik mindestens genauso bedrohlich sind wie die aktuelle Corona-Krise – vielleicht sogar in der Gesamtschau der SDG noch viel schlimmer. Aus diesem Grund dürfen wir uns auch nicht durch einflussreiche Zeitungen irritieren und ablenken lassen, die bereits schreiben, dass angesichts des Virus die Erderwärmung vielleicht doch nur ein Scheinproblem sei. Dies wäre äußerst gefährlich, denn die Klimakrise, das Artensterben und die damit einhergehenden sozialen Verwerfungen werden sich weiter verschärfen, wenn wir nicht engagiert dagegenhalten, um die Kurve in Richtung einer nachhaltigen Entwicklung zu steuern. Bei COVID19 nennen wir das derzeit #FlattenTheCurve.

Der Fünfte Sachstandsbericht, AR5, des Weltklimarates IPCC zeigt, dass das zur Verfügung stehende CO2-Budget zur Erfüllung der Pariser Klimaziele kleiner ist, als bislang angenommen. Wir haben also nur noch wenig Zeit und müssen demzufolge noch deutlich schneller und kraftvoller handeln, um die eklatante Lücke zwischen dem < 2°-Ziel und den bislang vorliegenden Minderungsbeiträgen zu schließen. Es muss das zentrale Ziel sein, dass der Klimaschutz und die nachhaltige Transformation unserer Wirtschaft bei den anstehenden Weichenstellungen eine wichtige Rolle spielen, sowohl in Deutschland, als auch bei der Umsetzung des europäischen Green Deal. Die oberste Prämisse sollte deshalb sein, dass alle politischen Maßnahmen, wie zu tätigende Investitionen und Programme, die nicht der unmittelbaren Rettung von sozialen Sicherungssystemen und Unternehmen in Form von Finanzhilfen dienen, am Leitbild der Nachhaltigkeit – also an den SDG – ausgerichtet werden. Der Green Deal bietet eine hervorragende Basis für einen nachhaltigen und gemeinsamen europäischen Weg aus der Krise. Die nötigen Veränderungen bei Mobilität, Landwirtschaft, Industrie und Energie sind der beste Nährboden für Innovation und Wachstum. Neben der Wirkung als Job-Motor wird mittel- bis langfristig auch ein Beitrag zur besseren Krisenprävention und Resilienz geleistet. Investitionen sind daher gemäß den Kriterien des EU Green Deal zu tätigen, und nicht nachhaltige Investitionen sind zu vermeiden, um eine entsprechende Lenkungswirkung zu erzielen. 

Klare Zukunfts-Chancen
Menschen sind kreative Wesen. Wir müssen Rahmenbedingungen schaffen, sodass wahre Leidenschaft, Ideenreichtum, Freude und Begeisterung kanalisiert und frei werden. Jetzt ist die Zeit, um in Ruhe über die Zukunft nachzudenken. Dies kann sehr vielen die Augen zu neuen Denk- und Sichtweisen öffnen, um Dinge anders zu regeln und hoffentlich die neu gewonnene Sensibilisierung auch in Zukunft aufrechtzuerhalten. Für ein Durchstarten müssen wir unsere Kräfte in eine Richtung und auf ein gemeinsames Ziel fokussieren, hin zu einer Kultur der Partnerschaft, dem Aufbau dezentraler Strukturen und solidarischer Ökonomie. Es gilt, die erforderliche Transformationskraft zu entfesseln und eine neue Zukunft einzuleiten, um den Neustart der Wirtschaft mit sozialen Aspekten sowie Umwelt- und Klimaschutz zu verbinden.

Wir erleben gerade, dass ein höheres Niveau an Resilienz in unseren Systemen von großem Vorteil wäre. Die starke Abhängigkeit von Technologien und Wirtschaftsprozessen in der heute praktizierten Logik macht uns verletzlich. Deshalb brauchen wir Technologien, die nicht zu viel auf eine Karte setzen. Regionen und das Gesamtsystem können wir stärken, indem wir unsere Versorgung mit Lebensmitteln, Medizintechnik, Wasser und Energie deutlich mehr auf eine dezentrale Basis umzustellen – beispielsweise die Energieproduktion durch Solar- und Windkraft. Gleichzeitig müssen wir als hoch entwickeltes Industrieland in der Lage sein, erzeugten Abfall beziehungsweise ausgediente Waren innerhalb unserer eigenen Grenzen einer wirklichen Kreislaufwirtschaft im Sinne von „circular economy" zuzuführen.

Beispiele für Vorwärtsstrategien
Bereits nachhaltig agierende Unternehmen werden oft als „Pioniere", Vordenker und Wegbereiter angesehen, die als Partner andere anleiten und mitnehmen können. Sie haben flankierend zu ihrer – oft durch EMAS definierten - Nachhaltigkeitsstrategie meist Managementsysteme implementiert, die sich an den Disziplinen Qualität, Umwelt, Energie, Sicherheit, Compliance und Risiko orientieren. Ihre hervorragenden Lösungen und ihr enormes Engagement zum nachhaltigen Wirtschaften erfahren besondere Anerkennung durch höchste Auszeichnungen und eindrucksvolle Preise, wie die nachfolgende Tabelle zeigt. Durch neue Formen der Kooperation und Gemeinschaftsarbeit besteht die Möglichkeit, in effektiver und effizienter Weise Lösungen für die anstehenden Probleme unserer Gesellschaft zu finden. Zu den Konzepten, die neues nachhaltiges Wirtschaften heute bereits umsetzen, gehören beispielsweise das Social Business oder die Gemeinwohlökonomie (GWÖ). Social Business zeichnet sich dadurch aus, dass ausschließlich soziale und ökologische Probleme gelöst werden sollen und Investoren auf spekulative Gewinne verzichten. Beim Thema Gemeinwohl ist Art. 151 der Bayerischen Verfassung besonders interessant, da er ausführt, dass die gesamte wirtschaftliche Tätigkeit dem Gemeinwohl dient. Im Fokus der GWÖ steht die stark von Christian Felber geprägte Gemeinwohl-Bilanz, mit deren Hilfe der Beitrag ermittelt werden kann, den ein Unternehmen oder eine Organisation leistet.

Preis Zielgruppe
Bundespreis Ecodesign Unternehmen, Startups, Studierende, Absolventen
CSR-Preis der Bundesregierung Unternehmen
Deutscher Mobilitätspreis Alle, keine Einschränkungen
Deutscher Nachhaltigkeitspreis Unternehmen, Kommunen, Wissenschaftler, Organisationen
Eco Performance Award Unternehmen (Transport- und Logistikbranche), Startups
German Awards for Excellence Unternehmen
Green Product Award Unternehmen, Startups, Studierende, Absolventen
Greentech Awards  Alle, keine Einschränkungen
Green Talents Award Wissenschaftler
Hans-Carl-von-Carlowitz-Nachhaltigkeitspreis Persönlichkeiten aus Politik und Gesellschaft
INa Nachhaltigkeits-Award   Bachelor-und Masterabsolventen
International Fairtrade Awards  Unternehmen und VertreterInnen der Zivilgesellschaft
Mein gutes Beispiel  Unternehmen
Nachhaltigkeitspreis der Neumarkter Lammsbräu Unternehmen, Medienschaffende, NGOs und NPOs
Nachhaltigkeitspreis ZeitzeicheN Alle, keine Einschränkungen
Next Economy Award Unternehmen, Organisationen, Start Ups
PSI Sustainability Awards Unternehmen (Werbeartikelwirtschaft)
Projekt Nachhaltigkeit  Alle, keine Einschränkungen
StartGreen Award Startups
WIWIN Award Startups
Zu gut für die Tonne!
Bundespreis für Engagement gegen Lebensmittelverschwendung
Alle, keine Einschränkungen
ZEIT WISSEN-Preis Mut zur Nachhaltigkeit 
Alle, keine Einschränkungen


Eine ähnliche Lösung ist die Transformation einer rein profitorientierten Unternehmung in eine sogenannte „Benefit Corporation" (B-Corporation), eine seit 2010 in vielen Bundesstaaten der USA eingeführte Unternehmensform, mit der Gemeinwohl und privatwirtschaftlicher Nutzen besser vereinbar gemacht werden sollen. Es gibt zwar Ähnlichkeiten mit der deutschen gemeinnützigen GmbH, die Benefit Corporation darf aber im Gegensatz zur gGmbH Gewinne an ihre Gesellschafter ausschütten. Steuerlich ist sie daher normalen Unternehmen gleichgestellt und stellt keine Anforderungen an deren Gesellschaftsform, hat aber intern höhere Auflagen bei der Transparenz ihrer Geschäftszahlen und muss ihren Beitrag zum Gemeinwohl regelmäßig prüfen lassen. Dieses Verfahren hat die NGO B-Lab in ein weltweit anwendbares Zertifizierungssystem verwandelt, das über ein exzellentes online-Tool eine Verknüpfung der Unternehmensstrategie zu den SDG unterstützt und messbar macht. Heute gibt es mehr als 2.600 B-Corp-zertifizierte Unternehmen weltweit – 70.000 Unternehmen haben bereits das Online-Tool zur Selbstbewertung genutzt, das in der neuesten Version über den sog. „SDG Action Manager" den Beitrag der jeweiligen Maßnahmen und Prozesse zu den SDG messbar macht. Nach Auffassung der Autoren ein exzellentes Werkzeug.

Eine andere Strategie zielt auf die Verbesserung der Nachhaltigkeit von Produkten und Dienstleistungen und die geeignete Information an den Kunden. Nehmen wir hierzu als Beispiel das GREEN BRAND Gütesiegel, das als eingetragene EU-Gewährleistungsmarke für ökologische Nachhaltigkeit mit einem unabhängigen, transparenten und neutralen Prüfverfahren steht. Es gewährleistet, dass die validierten Marken wirklich umweltfreundlich und nachhaltig sind und deshalb einen Beitrag zum Schutz der Umwelt, der Natur und des Klimas sowie zur Bewahrung der natürlichen Lebensgrundlagen leisten. Mittlerweile gibt es zwar mehrere Hundert verschiedene Nachhaltigkeits-Logos, die aber sehr unterschiedlichen Ambitionsniveaus und Qualitätskriterien entsprechen, von Eigenlabeln bis hin zum Blauen Engel und Cradle to Cradle.

Für Unternehmen unterschiedlicher Größe bestehen noch weitere Möglichkeiten zur partnerschaftlichen Teilnahme an Nachhaltigkeitsnetzwerken, deren Fokus auf einem Wissenstransfer im Sinne nachhaltiger Entwicklung steht. Hier treffen sich ebenfalls sehr viele Vorreiter in Sachen Nachhaltigkeit mit bekannten Namen.

Verbände helfen und geben Orientierung
Unter dem Kürzel B.A.U.M. verbindet der Bundesdeutsche Arbeitskreis für Umweltbewusstes Management e.V. seit 1984 erfolgreich und zukunftsorientiert ökonomische, ökologische und soziale Fragen, also die Prinzipien der Nachhaltigkeit, miteinander. Heute ist B.A.U.M. e.V. mit weit über 500 Mitgliedern das größte Unternehmensnetzwerk für nachhaltiges Wirtschaften in Europa. Neben vielen bekannten Unternehmen sind auch Verbände und Institutionen Fördermitglied.

Der UN Global Compact ist die weltweit größte und wichtigste Initiative für verantwortungsvolle Unternehmensführung. Auf der Grundlage zehn universeller Prinzipien und der Sustainable Development Goals verfolgt er die Vision einer inklusiven und nachhaltigen Weltwirtschaft zum Nutzen aller Menschen, Gemeinschaften und Märkte, heute und in Zukunft. Mit ihrem Beitritt zeigen bereits über 13.000 Unternehmen und Organisationen aus Zivilgesellschaft, Politik und Wissenschaft in 161 Ländern, dass sie diese Vision verwirklichen wollen. Das Deutsche Global Compact Netzwerk (DGCN) unterstützt Unternehmen und Organisationen dabei, ihre Strategien und Aktivitäten an Nachhaltigkeitszielen und der Vision des UN Global Compact auszurichten.
 
Econsense, das Forum Nachhaltige Entwicklung der Deutschen Wirtschaft e.V. verbindet international tätige Unternehmen mit einem gemeinsamen Ziel: Sie wollen den Wandel zu einer nachhaltigeren Wirtschaft und Gesellschaft aktiv gestalten. Die Mitglieder werden dabei unterstützt, Nachhaltigkeit im Unternehmen, in der Strategie oder entlang der Lieferketten zu verankern. Im Austausch mit Wirtschaft, Politik und Zivilgesellschaft bündelt econsense Ideen und entwickelt konkrete Lösungsvorschläge.
 
UnternehmensGrün e.V. vereint seit 28 Jahren kleinere und mittelständische Unternehmen unter einem sehr aktiven Dach, die meist von Pionieren und Überzeugungstätern der Nachhaltigkeit geführt werden. Aus diesem Verein entstand zuletzt unter anderem die Initiative „Entrepreneurs for Future", der sich – zwar unverbindlich, aber doch als Zeichen – bisher rund 5.000 Unternehmen angeschlossen haben.

Themenspezifisch unterstützt die Stiftung 2° – Deutsche Unternehmer für Klimaschutz als Bündnis die aktive Zusammenarbeit von Firmen, um gemeinsam, lösungsorientiert und branchenübergreifend Antworten auf Fragen zum unternehmerischen Klimaschutz zu finden.
 
Die gezeigten Initiativen machen B.A.U.M., das DGCN, econsense, UnternehmensGrün oder die Stiftung 2° zu gefragten Vordenkern, Ratgebern und Partnern in Sachen Nachhaltigkeit.

Politische Richtschnur
Die zur Verfügung gestellten Mittel in Form von finanzieller Krisen-Zuwendung, wie Konjunktur-Programme zur Wirtschaftsförderung, müssen auch mit der 2015 verabschiedeten Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung verbunden sein und die SDG erfüllen. Dies fordert auch der Vorsitzende des Rates für Nachhaltige Entwicklung, Dr. Werner Schnappauf. Nur so können wir zukünftig davon ausgehen, dass wir zu einer nachhaltig orientierten Wirtschaftsweise kommen. In diesem Sinne müssen alle politisch angedachten Maßnahmen neben der langfristigen Zukunftsfähigkeit auch auf ihren Beitrag zur Krisenfestigkeit der Gesellschaft geprüft werden. Investitionen in eine CO2-arme, nachhaltige Versorgungsinfrastruktur und Klimaschutzlösungen schaffen Arbeitsplätze und regionale Wertschöpfung, stärken den Produktionsstandort Deutschland und bereiten gleichzeitig den Boden für ein krisensicheres und sauberes Energiesystem. Solch ein grünes Investitionsprogramm für eine stabilere und grünere Wirtschaft umfasst die Bereiche von Klimaschutz, Klimafolgenanpassung, Energie- und Verkehrswende über Arten- und Naturschutz sowie Agrarwende bis hin zu Gesundheitsvorsorge und Forschung. 

Ein perfektes Beispiel politischen Willens hierzu wäre die Beseitigung von unnötigen Barrieren für den Ausbau Erneuerbarer Energien. Gemeint sind die sofortige Abschaffung des Förderdeckels für Solarenergie, der Verzicht auf pauschale Abstandsregelungen bei der Windkraft, eine verlässliche Zukunftsperspektive für den einzigen regelbaren Energieträger Biogas sowie eine stärkere Förderung energetischer Gebäudesanierungen. Es ist völlig unverständlich, dass wichtige Zukunftsinvestitionen durch Detailregelungen in Rechtsnormen ausbremst werden, statt die dafür erforderlichen Investitionsströme gezielt zu fördern und geeignet zu kanalisieren. Bleiben die Deckel für Photovoltaik und Biomasse, sind tausende Jobs im Handwerk in Gefahr. Allein in der Windbranche gingen in den vergangenen drei Jahren bereits etwa 40.000 Jobs verloren. Speziell unter dem Gesichtspunkt Arbeitsinhalte ist ungemein wichtig zu bedenken, dass sich neue Technologien anfangs durch eine hohe Arbeitsintensität auszeichnen, die erst im Laufe der Zeit durch Rationalisierungsmaßnahmen und Skaleneffekte reduziert wird. Viele weitere Jobs ließen sich zudem im Gebäudebereich durch Investitionen in Energieeffizienz verwirklichen. Hierzu müssen Förderbudgets deutlich aufgestockt, geltende Standards hochgesetzt und der Zugang zu Finanzmitteln vereinfacht werden, beispielsweise über einheitliche Web-Plattformen.

Folgend einige politische Möglichkeiten, das Geld in nachhaltige Investitionen zu lenken: 
  • Festhalten an den Klimazielen, um die erforderliche Planungssicherheit zu schaffen und Investitionen in die Energie- und Mobilitätswende fortzuführen.
  • Investitionen durch Anreizprogramme in Klimaschutzmaßnahmen fördern, wie Erneuerbare Energien (Strom, Wärme), Energieeffizienz, energetische Gebäudesanierung in Wohn- und Nichtwohngebäuden, hocheffiziente Industrieprozesse, nachhaltige Mobilität oder Digitalisierung.
  • Öffentliche Investitionen in die Schienen- und Netzinfrastruktur stärken, mit der Folgewirkung zusätzlicher privater Investitionen.
  • Sonderabschreibungsmöglichkeiten für Klimaschutz-, Energieeffizienz- und Digitalisierungsmaßnahmen ausweiten.
  • Geeignete Anpassung von Rechtsnormen durchführen: Abschaffung Solardeckel, Verzicht pauschaler Abstandsregelungen bei der Windkraft, Widersinn bei Solareinspeisung beenden (je mehr Erneuerbare Energien ins Netz eingespeist werden, umso mehr zahlen Verbraucher und nicht-energieintensive Unternehmen, obgleich am Markt die Preise sinken).
Ausblick
Wahrscheinlich kehrt nach Corona nicht alles wieder zur Normalität zurück. Wir sind gezwungen, auf vieles zu verzichten, aber Verzichte müssen nicht unbedingt Verlust bedeuten, sondern eröffnen oftmals neue Möglichkeitsräume. Es ist doch erstaunlich, wie schnell sich plötzlich Kulturtechniken des Digitalen wie Tele- und Videokonferenzen, Lernplattformen, Konferenzräume, Virtual-Reality-Spaces oder andere soziale Begegnungsorte in der Praxis bewähren und sich als praktikabel und produktiv herausstellen oder das Homeoffice mittlerweile für Viele zur Selbstverständlichkeit gehört. Es ist sehr wahrscheinlich, dass die globale Just-in-time-Produktion, mit weltweit verzweigten Wertschöpfungsnetzwerken, sich anteilig verändert. An bestimmten Stellen führt dies sicher zu einer Neu-Konfiguration, sodass wieder Zwischenlager, Depots, Reserven und ortsnahe Produktionen entstehen – sprich Dezentralität gestärkt wird. Wenn dieser Effekt die Resilienz der Wirtschaft in den verschiedenen Regionen stärkt, dann profitieren weltweit die Menschen aller Gesellschaften davon.

Bernhard Schwager ist geschäftsführender Gesellschafter der OmniCert Consulting GmbH, die Unternehmen auf dem Weg zur nachhaltigen Entwicklung berät. Der Umweltwissenschaftler war bei Siemens als Referent und später bei Bosch als Leiter der Geschäftsstelle Nachhaltigkeit tätig. Zudem ist er Autor bzw. Mitautor verschiedener Bücher und Artikel. Als Präsident des Verbandes der Betriebsbeauftragten e.V. (VBU), Mitglied des erweiterten Vorstands von B.A.U.M. e.V. und Obmann des Ausschusses Umweltmanagementsystem/Umweltaudit im DIN treibt er Nachhaltigkeitsthemen sowie deren Standardisierung voran.

Thorsten Grantner ist Gründer der OmniCert Umweltgutachter GmbH, einer strategisch auf Nachhaltigkeit ausgerichteten Zertifizierungsstelle und Umweltgutachterorganisation zur Prüfung von Gesetzen und Normen. Sie übt pro Jahr über 1.000 Mandate in den Sektoren Energie (EEG, Grünstrom, Energieeffizienz), Umwelt (EMAS, ISO 14001, AwSV) sowie Nachhaltigkeit (EMAS, Cradle to Cradle) und Klimaschutz aus. Grantner ist u.a. Vorstandsmitglied des Umweltgutachterausschuss am Bundesumweltministerium. Der Ausschuss erarbeitet gesetzliche Regelwerke zur Definition von Nachhaltigkeit und Klimaschutz und definiert Schnittstellen zu allen namhaften Normen und Nachhaltigkeitssystemen.
 
Von Bernhard Schwager und Thorsten Grantner

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