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Reflexionen zur kommenden ISO 26000 Praxis

Seit der Ankündigung der International Organization for Standardization (ISO) im Jahr 2003, an einem Standard zur "Social Responsibility" arbeiten zu wollen, schieden sich die Geister an diesem vermeintlichen Mammutprojekt. Von Beginn an herrschten große Zweifel, ob "Social Responsibility" überhaupt definierbar sei, ob es ein "one fit for all" geben kann, was denn damit erreicht werden sollte und warum gerade die ISO hierfür geeignet sein sollte - eine Organisation, die für offene und Multi-Stakeholder-basierte Dialoge bisher so viel übrig hatte wie Fidel Castro für Amerika.

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Die ISO beeilte sich dann auch klarzustellen, dass es sich bei dieser Handreichung nicht um ein zertifizierfähiges Produkt aus der Reihe "ISO-tonische Nahrung für hungrige Berater" handeln sollte, sondern nur um einen Beitrag zur Definition des "State of the Art", eine "Guidance" also. Damit waren die Wogen erst einmal geglättet. Töricht naiv war es jedoch, anzunehmen, dass eine Organisation wie die ISO - die Nachhaltigkeit als Kernarbeitsfeld definiert hat - hieraus nicht irgendwann doch Profit schlagen würde, wenn auch auf Umwegen.

Grund zu Bauchschmerzen gab es von Anfang an: Die von den nationalen Spiegelgremien benannten Individuen waren auf Grund der bekannten Proporz-Regularien und der üblichen lobbyistischen Hyperaktivität benannt worden und hatten vielfach erschreckend wenig Kenntnis von der Materie. Dies musste in mühsamer Fleißarbeit durch die tatsächlichen Experten mittels "Nachsitzens" vor und nach den halbjährlichen Treffen ausgeglichen werden. Weiterhin war das ISO-Sekretariat finanziell und wegen fehlender Governance-Erfahrung nicht in der Lage, eine ausreichende NGO-Beteiligung (und damit einen fairen Multi-Stakeholder-Dialog) zu gewährleisten, was den wütenden Auszug vieler großer NGOs zur Folge hatte. Erwartungsgemäß waren die Gewerkschaften auch gegen die ISO 26000, weil nicht von vorne herein ILO darauf stand.

Teures Blattwerk
Im Lichte dieser Aspekte ist es nicht verwunderlich, dass die ISO 26000 nur quälend langsam entwickelt werden konnte und im Endeffekt wahrscheinlich das teuerste Blattwerk geworden ist, das die ISO jemals herausgebracht hat, wenn man sich die Vollkosten vor Augen führt. Es kursieren Zahlen von bis zu 80 Millionen Dollar, wobei der Großteil nicht von der ISO getragen wurde, sondern von den Teilnehmern (bzw. deren Sponsoren). Verständlich auch der Ärger, dass die ISO das Endprodukt, wenn es dann Ende des Jahres herauskommt, nicht kostenlos an die Nutzer herausgibt, sondern wie üblich bei ISO Standards rund 200 bis 300 Dollar pro Kopie verlangt.

Was bleibt nun am Ende von der Diskussion, dass es sich nur um eine nicht-zertifizierungsfähige "Guidance" handelt? Es ist abzusehen, dass den nationalen Standardisierungsinstitutionen noch tolle Tricks einfallen werden, z.B. auf Basis der ISO 26000 dann eben doch prüfbare nationale Standards zu entwickeln (was dann langfristig durch die Faktenlage auch einen international zertifizierbaren Standard rechtfertigen würde). Oder googeln Sie doch einmal "ISO 26000 Training": rund 168.000 Hits, obwohl von der ISO betont wird, dass der "Guidance Standard" so entwickelt wurde, dass keinerlei externe Hilfe nötig sein sollte. Doch ganz im Gegenteil: Die Trainingsmaschinerie ist schon auf vollen Touren!

Ralph Thurm, internationaler Nachhaltigkeitsexperte
Robustes Referenzprodukt
Lässt sich denn so gar nichts Versöhnliches finden an der ISO 26000? Durchaus! Wenn man sich diese langwierige Steißgeburt vor Augen führt und die kulturellen und sprachlichen Hürden betrachtet, die zu überwinden waren, dann können sich alle wirklichen Multi-Stakeholder-Netzwerke trotz aller Schieflagen letztlich doch noch bei der ISO bedanken für ein Stück Kärrnerarbeit, das sich positiv auf die weitere Entwicklung ihrer eigenen Standards auswirken wird. Sie hat es in der Tat geschafft, ein handwerklich robustes Referenzprodukt, einen Rahmen mit logischer Struktur und einen brauchbaren Beitrag zur Verständigung bzw. Implementierung einer nachhaltigen Unternehmensführung zu etablieren, ein Stück "level playing field", das von Unternehmen aus Entwicklungs- und Schwellenländern gewünscht wurde und bei welchen ISO-Konformität als ein Mittel zur Leistungsdarstellung gesehen wird. Letztlich werden die nächsten Jahre zeigen, ob die ISO 26000 wirklich gebraucht wird und Breitenwirkung entfalten kann. Es bleibt spannend!
 

Im Profil
Ralph Thurm ist Gründer und Managing Director von A|HEAD|ahead. Für forum schreibt er regelmäßig die Kolumne "Der T(h)urmblick". 

Quelle: Ralph Thurm
Wirtschaft | Recht & Normen, 13.07.2010
Dieser Artikel ist in forum Nachhaltig Wirtschaften 03/2010 - Die Verantwortung der Medien erschienen.
     
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