Christoph Quarch
Technik | Digitalisierung, 02.09.2026
Macht KI dumm?
Christoph Quarch plädiert dafür, Sinnverstehen und Urteilskraft zu kultivieren als Gegengewicht gegen die drohende Übermacht der KI
Dänemark war lange der große Vorreiter bei der Digitalisierung des Schulunterrichts. Mit dem neuen Schuljahr ist Schluss damit. Ab jetzt wird in dänischen Schulen wieder mit konventionellen Lehrmitteln unterrichtet. Der Grund: Wissenschaftliche Auswertungen des Digitalunterrichts haben negative Auswirkungen auf die Kinder ans Licht gebracht. Auch hierzulande warnen Pädagogen vor zu viel IT im Unterricht. Besonders beim Einsatz von Künstlicher Intelligenz sehen viele Lehrkräfte Risiken für das Denken, die Kommunikation und das soziale Lernen. Müssen wir unsere Kinder vor der KI schützen? Und nicht nur unsere Kinder, sondern auch uns selbst? Darüber reden wir (bei der letzten Folge unserer kleinen KI-Serie) mit dem Philosophen Christoph Quarch.
Die ersten beiden Beiträge der kleinen KI-Serie befassten sich damit, was KI-Systeme mit uns machen "Sind wir auf dem Weg, uns selbst abzuschaffen?"und die Hoffnung auf Europäische KIs "Ist die Demokratie im KI-Zeitalter noch zu retten?"
Herr Quarch, macht KI dumm?Oh, das ist eine steile Frage. Da müssen wir erst mal darüber nachdenken, was "dumm" bedeutet. Und das hängt daran, wie wir „Intelligenz" verstehen. Üblicherweise definiert man Intelligenz als die Kompetenz, komplexe Probleme zu lösen - eine Fähigkeit, über die auch Künstliche Intelligenzen verfügen. Wenn wir dem folgen, besteht Grund zur Sorge, dass die Intelligenz von uns und unseren Kinden tatsächlich Schaden nimmt, wenn wir unsere Problemlösungen an die KI delegieren: etwa, indem sie für uns die Matheaufgaben lösen, Texte schreiben oder Präsentationen vorbereiten. Denn die Hirnforschung hat nachgewiesen, dass wir unseren kognitiven Fähigkeiten einbüßen, wenn wir sie nicht konsequent anwenden oder trainieren. „Use it or loose it!" sagen die Briten mit gutem Grund.
Aber der Einsatz von KI muss doch nicht zwangsläufig dazu führen, dass Menschen ihre Denkbemühungen einstellen und alle Entscheidungen oder Überlegungen an die Algorithmen delegieren.
Vielleicht geschieht das nicht zwangsläufig, aber es ist doch sehr wahrscheinlich. Fragen Sie sich nur, wie oft Sie in den letzten Jahren einen Stadtplan oder eine Landkarte zur Hand genommen haben. Die Kompetenz des Kartenlesens wird nicht mehr gebraucht. Und so wird es in Zukunft auch anderen Kompetenzen gehen: Rechnen, Schreiben, Zeichen, Zusammenfassen, Beurteilen. Je weniger wir das selber machen, desto mehr werden wir es verlernen. Und es ist sehr wahrscheinlich, dass es dazu kommt, weil der Mensch bequem ist und gerne Aufgaben abgibt; zumal dann, wenn andere sie ebenso gut oder schneller, billiger und besser erledigen. Wenn wir verhindern wollen, dass KI uns und unseren Kindern schadet, würde ich nicht darauf bauen, dass Menschen freiwillig auf KI verzichten. Zielführender ist es, in Schule und Gesellschaft diejenigen Kompetenzen zu fördern, die KI nicht simulieren kann, die für uns aber nicht weniger bedeutsam sind als die algorithmische Problemlösungskompetenz.
An welche Kompetenzen denken Sie dabei? Und wie können sie gefördert werden?
Was KI uns nicht abnehmen kann, sind die eigentlich wichtigen Fragen des Lebens: Was ist gut? Was ist wahr? Was ist sinnvoll? KI kann ausrechnen, was nach Maßgabe der ihr verfügbaren Daten wahrscheinlich als "gut", "wahr" oder "sinnvoll" akzeptiert werden würde. Aber sie ist nicht in der Lage zu beurteilen, was "gut", "wahr" und "sinnvoll" ist. Warum? Weil KI immer nur mit gegebenen Daten umgehen kann und aus sich heraus keine Handhabe dafür hat, die Qualität dieser Daten zu beurteilen. Das kann sie nicht, weil sich die Qualität von Daten danach bemisst, inwiefern sie einem Wesen förderlich sind, das darum weiß, dass es eines Tages sterben wird. Diese Voraussetzung ist bei einer KI nicht gegeben. Deshalb ist sie unfähig, die wichtigen Fragen unseres Lebens zu beantworten. Und deshalb ist es umso wichtiger, dass wir unser Augenmerk darauf lenken, Sinnverstehen und Urteilskraft zu kultivieren. Nur so können wir ein gutes Gegengewicht gegen die drohende Übermacht der KI schaffen.
Wie soll das gehen? Haben Sie einen Vorschlag dafür, wie dieses Gegengewicht aussehen könnte?
Zunächst müssen wir verstehen, dass Algorithmen zwar Probleme lösen können, aber unfähig sind, ihre Lösungen darauf zu befragen, ob sie gut, wahr oder sinnvoll sind. Dafür bräuchte es Urteilskraft, und die lernt man nur im Gespräch - mit anderen Menschen, anderen Traditionen oder auch der eigenen Geschichte. Für diese Gespräche braucht es in unseren Schulen und in unserer Gesellschaft mehr Raum und mehr Zeit. Vielleicht kann KI dafür die Voraussetzungen schaffen, indem sie uns andere, weniger anspruchsvolle Aufgaben abnimmt. Aber erfolgreich wird das nur sein, wenn wir als Gesellschaft den Mut aufbringen, den öffentlichen Diskurs darüber zu führen; und wenn wir unsere jungen Menschen darin schulen, gemeinsam zu diskutieren und zu beurteilen, was gut, wahr und sinnvoll ist. Solange wir darüber im Gespräch bleiben, werden wir durch KI nicht verdummen.
Der Philosoph, Speaker und Bestseller-Autor Christoph Quarch begleitet Unternehmen, unterrichtet an verschiedenen Hochschulen und veranstaltet philosophische Reisen. In seinen Vorträgen und Büchern greift er auf die großen Werke der abendländischen Philosophie zurück, um diese in eine zeitgemäße Lebenskunst und Weltdeutung zu übersetzen. Gemeinsam mit seiner Frau Christine Teufel gründete er die Neue Platonische Akademie für eine geistige Erneuerung der Gesellschaft.
Aktuelle Bücher von ihm sind: „Lebenselixier Schönheit. Was uns rettet" (2026) „Wahre Wirtschaft. Für eine Disruption des ökonomischen Denkens" (2026) und „Wacher Geist und fester Schritt. The Donkey School for Leadership” (2024).
Mehr zu ihm unter christophquarch.de und akademie-3.org
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