Christoph Quarch
Lifestyle | Sport & Freizeit, Reisen, 23.06.2026
Hinaus in die Wildnis!
Christoph Quarchs Blick auf die junge Kulturgeschichte von Naturschutz und Naturtourismus
Wenn der Sommer heiß läuft, zieht es die Menschen hinaus in die Natur. Wälder und Seen, Berge und Flüsse verheißen nicht nur eine willkommene Abkühlung, sondern auch einen wohltuenden Tapetenwechsel; der jedoch nicht immer gelingt. Denn Hitze und Trockenheit machen auch der Natur zu schaffen. Kahlschlag im Wald, Quallen im Meer und Blaualgen im Badesee können einem die Urlaubsfreude vergällen. Und dass auch Naturschönheiten nicht vom Overtourismus verschont bleibt, macht die Sache nicht besser. Wie also umgehen mit der Natur? Sollten wir besser zuhause bleiben? Oder unser Verhältnis zur Natur überdenken? Denken ist das Kerngeschäft von Philosophen wie dem Bestsellerautor Christoph Quarch.
Herr Quarch, ist es nur der Wunsch nach Abkühlung oder ist da noch mehr, was die Menschen im Sommer in die Natur zieht?Zunächst finde ich es spannend, dass der Naturtourismus kulturgeschichtlich eine ziemlich späte Errungenschaft ist. Noch im 18. Jahrhundert gab es außer Jean Jacques Rousseau und einigen durchgeknallten englischen Aristokraten so gut wie niemanden, der freiwillig in die Wälder oder gar ins Hochgebirge gereist wäre - und schon mal gar nicht, um sich zu erholen. Dafür brauchte es erst die Romantiker, die ihren Zeitgenossen einen ganz neuen Blick auf die Natur beibrachten. Plötzlich wurde sie - um Eichendorff zu zitieren - zu "meiner Seele Aufenthalt": zu einem beinahe spirituellen Ort der Erbauung, der inneren Sammlung oder gar Heilung; manchmal auch zu einem Ort des Abenteuers bzw. eines authentischen, nicht durch Industrie, Kommerz und Technik entfremdeten Lebens. In der Romantik liegen sowohl die Anfänge des Naturtourismus als auch des Naturschutzes - also zwei manchmal konträren Verhaltensweisen gegenüber der Natur, die beide für heute charakteristisch sind.
Hat die Romantik nicht auch zu einer Verklärung der Natur geführt? Und steht das nicht in einem Gegensatz zu der wirtschaftlichen Ausbeutung der Natur, die heute enorme Zerstörungen anrichtet?
Absolut. Aber das Interessante dabei ist, dass beide - romantische Verklärung und ökonomische Nutzbarmachung der Natur - aus der gleichen Quelle entsprungen sind: einem Mindset dass keiner so klar auf den Begriff brachte wie René Descartes, der meinte, der Mensch sei berufen, als "Herr und Meister" über die Natur zu herrschen. So wurde die Natur zum Gegenstand: zum Objekt, das der Nutzbarmachung des menschlichen Subjektes anheimgestellt ist. Diese Nutzbarmachung hat viele Gesichter: einerseits die technische Unterwerfung der Natur, andererseits die ökonomische Ausbeutung, ebenso die touristische Verwertung, in gewisser Hinsicht sogar der Naturschutz. Immer wird die Natur als etwas gesehen, das menschlichen Interessen zu dienen hat. Doch allen Naturschutzbemühungen zum Trotz führt das dazu, dass die Natur immer mehr geschunden wird, was dann zu den von Ihnen beschriebenen Symptomen führt. Wobei nicht die Natur krank ist, sondern unser Verhalten ihr gegenüber.
Wie müsste sich unser Verhalten ändern, wenn wir verhindern wollen, dass die Natur immer mehr schaden nimmt?
Als erstes müssen wir begreifen, dass wir alle Teil der Natur sind - und dass sie es ist, der wir alles verdanken: unser Leben, unsere Nahrung, unser Glück. Unsere Vorfahren wussten das; ebenso die indigenen Völker überall auf der Welt. Der Mensch ist nicht mehr als eine Masche im Netz des Lebens - und deshalb tun wir gut daran, uns nicht als Herren über die Natur aufzuspielen, sondern deren Spielregeln zu erforschen und ihnen gemäß zu handeln. Und das heißt gerade nicht, über andere Lebewesen herzufallen (wie ein falsch verstandener Darwinismus nahelegt), sondern mit anderen Wesen zu interagieren, das Gleichgewicht zu wahren, unsere Machtgier zurückzunehmen. Am Ende scheint es mir ein religiöses Problem zu sein. Wir haben uns angewöhnt, die Macht anzubeten. Es ist an der Zeit, die Heiligkeit der stillen, unscheinbaren Natur wiederzuerkennen, die Ehrfurcht vor dem Leben zu lernen.
Aber wie soll das gehen in einer Welt, die sich die Lösung ihrer Probleme eher von Künstlicher Intelligenz und avancierter Technik als von einem naturgemäßen Leben verspricht?
Das ist schwierig: Wir hatten ja damit begonnen, dass es heute eine große und echte Sehnsucht nach Natur gibt. Andererseits sehen wir, dass diese Sehnsucht ökonomisch verwertet wird, indem die Natur zu einer konsumierbaren Ware der Tourismusindustrie konvertiert wird. Und genau das verhindert die Erfüllung dieser Sehnsucht. Also was tun? Im 19. Jahrhundert zog David Henry Thoreau in die Wälder und wurde damit zum Pionier des Aussteigertums. Ihm ging es um die Wiederentdeckung der Wildnis. "All good things are wild and free" notierte er. Das nahm sein Landsmann John Muir auf und wurde zum Gründer der US-amerikanischen Nationalparks, die weltweit verbreitet wurde. Seither gibt es die Chance zu einem ehrfürchtigen, respektvollen Naturtourismus, auch in Deutschland. Darin sehe ich eine Chance. Wildnispädagogen sagen: Nach 48 Stunden ist die Beziehung zur Natur wiederhergestellt. Und das ändert das Verhalten auf Dauer. Also: Hinaus in die Wildnis!
Der Philosoph, Speaker und Bestseller-Autor Christoph Quarch begleitet Unternehmen, unterrichtet an verschiedenen Hochschulen und veranstaltet philosophische Reisen. In seinen Vorträgen und Büchern greift er auf die großen Werke der abendländischen Philosophie zurück, um diese in eine zeitgemäße Lebenskunst und Weltdeutung zu übersetzen. Gemeinsam mit seiner Frau Christine Teufel gründete er die Neue Platonische Akademie für eine geistige Erneuerung der Gesellschaft.
Aktuelle Bücher von ihm sind „Wacher Geist und fester Schritt. The Donkey School for Leadership" (2024), „Schönheit rettet die Welt” (2024) und "Der Club der alten Weisen" (2023).
Mehr zu ihm unter christophquarch.de und akademie-3.org
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