Christoph Quarch
Gesellschaft | Pioniere & Visionen, 28.06.2026
By the dawn's early light
Christoph Quarchs Überlegungen zum 250. Jahrestag der Unterzeichnung der Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten von Amerika
Am 4. Juli jährt sich zum 250. Mal die Unterzeichnung der Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten von Amerika, mit der sich 13 nordamerikanische Kolonien von der britischen Krone lossagten und damit den Grundstein für die heutige USA legten. Und nicht nur das: Die Autoren - allen voran Thomas Jefferson - begründeten ihren Schritt durch die Berufung auf allgemeine und unveräußerliche Menschenrechte. Das hatte es noch nie zuvor gegeben und war der entscheidende Schritt auf dem Weg zu einer demokratischen Verfassung. In weiten Teilen den USA wird das Jubiläum mit Paraden, Feuerwerken, Kulturveranstaltungen und Ausstellungen begangen wird. Die Regierung von Donald Trump will es hingegen eher als patriotisches Fest und weniger als demokratischen Feiertag ausschlachten; was die Frage aufwirft, wieviel von dem Gründergeist der Unabhängigkeitserklärung in den heutigen USA noch übriggeblieben ist; und was diesen Gründergeist ausmacht? Darüber reden wir mit dem Philosophen Christoph Quarch.
Herr Quarch, welche Philosophie steht eigentlich im Hintergrund der Declaration of Independence?Die wichtigsten Impulse zu dem Papier kommen aus dem politischen Liberalismus des britischen Philosophen John Locke, der seinerseits stark geprägt war durch ein protestantisch-calvinistisches Menschenbild. Locke hatte knapp hundert Jahre vor der Unabhängigkeitserklärung unter Berufung auf den biblischen Schöpfungsbericht den Standpunkt vertreten, alle Menschen sei als Ebenbilder Gottes frei geboren und mit natürlichen, unveräußerlichen Rechten ausgestattet worden - allem voran, mit dem Recht, von der gottgegebenen Vernunft Gebrauch zu machen, um dem natürlichen Streben nach persönlichem Eigentum und Glück nachzugehen. Dafür die erforderlichen Bedingungen zu gewährleisten, war für Locke die Aufgabe des Staates. Und wenn der Staat dabei versagte - wie die britische Krone nach Ansicht der Autoren der Unabhängigkeitserklärung - dann seien die Bürger befugt, selbst die Regierungsgeschäfte in die Hand zu nehmen; was dann den Weg zur Demokratie ebnete.
Die Bürger, die sich auf diese unveräußerlichen, von Gott gewährten Menschenrechte beriefen, waren allerdings allesamt Männer und Besitzende. Die Sklaverei war noch lange nicht abgeschafft - und Frauen und Besitzlose konnten sich ebenso wenig auf die Menschenrechte berufen. Steckt darin nicht eine gewisse Heuchelei?
Ja, das ist so; und es ist nicht wirklich befriedigend, wenn man das nur durch den damaligen Zeitgeist erklärt. Die Ursache dafür steckt tiefer: einerseits in dem protestantisch-calvinistischen Puritanismus der US-Bürger, andererseits im Liberalismus von John Locke. Beide lassen nur diejenigen als vollwertige Geschöpfe Gottes gelten, die von ihrer Vernunft Gebrauch machen, indem sie primär ihr privates Eigentum und erst sekundär den gesellschaftlichen Wohlstand mehren. Wer nicht zu den Besitzenden zählt - und das sind eben nicht nur die Sklaven, sondern auch die Frauen - kann weder als bürgerliches Subjekt in Betracht gezogen werden, noch die unveräußerlichen Menschenrechte für sich geltend machen. Hier steckt ein innerer Widerspruch der US-Demokratie, den man eigentlich für überwunden hielt, der heute aber voll aufbricht, wenn die amerikanische Rechte neuerlich die "white male supremacy" propagiert: die Dominanz des weißen Mannes.
Wollen Sie damit sagen, dass Trumpisten und MAGA-Anhänger genauso in dem Geist der Unabhängigkeitserklärung verwurzelt sind wie diejenigen, die für Gleichberechtigung, Demokratie und Menschenrechte eintreten?
Das wäre zu viel gesagt, aber mir scheint, dass der auf John Locke zurückgehende Liberalismus einige problematische Aspekte aufweist, die ihn als philosophisches Fundament moderner Demokratien fragwürdig erscheinen lassen. Auf eines habe ich schon hingewiesen: die Idee, dass es der Vernunft und Natur des Menschen entspricht, seinen persönlichen, meist egoistischen, Interessen nachzugehen und dabei sein Eigentum zu mehren. Wenn man das voraussetzt, beschränkt sich die Aufgabe des Staates darauf, das Eigentum der Bürger zu schützen und sichere Verhältnisse für dessen Mehrung zu garantieren. Es ist zwar positiv, dass Locke aus diesem Grund meinte, die Regierungsgewalt in die Hände der Bürger legen zu müssen - aber es ist zugleich negativ, weil Demokratie dann darauf reduziert wird, die Interessen von Einzelnen und Gruppen auszuhandeln. Das führt dann zum Deep-State-Geraune oder zu einem libertären Wirtschaftsverständnis, das darauf abzielt, die mühsam gewonnene Demokratie durch eine Oligarchie der Superreichen zu ersetzen.
In den USA ist die Demokratie gefährdet. Und in Europa gerät sie ebenfalls unter Beschuss. Ist es an der Zeit, uns in Sachen Demokratie (und ihrer Begründung) von der Vorbildrolle der USA zu verabschieden? Müssen wir Demokratie anders denken, um sie gegen ihre Feinde zu verteidigen?
Ich denke Ja. Und wir müssen auch nicht lange nach Orientierung suchen, denn die Demokratie ist bekanntlich viel älter als 250 Jahre. Tatsächlich wurde sie vor 2500 Jahren im alten Athen erfunden - und es ist interessant zu sehen, wie anders das Mindset war, das damals im Hintergrund stand. Die Athener dachten nicht vom einzelnen Individuum her, sondern von der Polis - vom Gemeinwesen. Als sie sich die erste demokratische Verfassung gaben, ging es ihnen nicht darum, sich von einem Potentaten loszusagen, der die Rechte und Interessen der einzelnen Bürger beschneidet, sondern sie fragten, wie sie dafür sorgen können, dass die Bürgerschaft im Ganzen floriert: dass die Polis gesund ist. Freiheit war für sie immer gekoppelt an Gerechtigkeit, das Wohlergehen des Einzelnen an das Wohlergehen der Gesellschaft. Und die Demokratie war für sie das Instrument, das Gemeinwesen so auszutarieren, dass es für alle stimmte; ja, auch damals waren diese "alle" nur die freien Männer; aber die Grundidee, wonach Gemeinsinn vernünftiger ist als Eigensinn, sollten wir heute in Europa reaktivieren.
Der Philosoph, Speaker und Bestseller-Autor Christoph Quarch begleitet Unternehmen, unterrichtet an verschiedenen Hochschulen und veranstaltet philosophische Reisen. In seinen Vorträgen und Büchern greift er auf die großen Werke der abendländischen Philosophie zurück, um diese in eine zeitgemäße Lebenskunst und Weltdeutung zu übersetzen. Gemeinsam mit seiner Frau Christine Teufel gründete er die Neue Platonische Akademie für eine geistige Erneuerung der Gesellschaft.
Aktuelle Bücher von ihm sind „Wacher Geist und fester Schritt. The Donkey School for Leadership" (2024), „Schönheit rettet die Welt” (2024) und "Der Club der alten Weisen" (2023).
Mehr zu ihm unter christophquarch.de und akademie-3.org
Weitere Artikel von Christoph Quarch:
Hinaus in die Wildnis!
Christoph Quarchs Blick auf die junge Kulturgeschichte von Naturschutz und Naturtourismus
Wenn der Sommer heiß läuft, zieht es die Menschen hinaus in die Natur. Wälder und Seen, Berge und Flüsse verheißen nicht nur eine willkommene Abkühlung, sondern auch einen wohltuenden Tapetenwechsel; der jedoch nicht immer gelingt. Denn Hitze und Trockenheit machen auch der Natur zu schaffen. Kahlschlag im Wald, Quallen im Meer und Blaualgen im Badesee können einem die Urlaubsfreude vergällen.
Christoph Quarchs Blick auf die junge Kulturgeschichte von Naturschutz und Naturtourismus
Wenn der Sommer heiß läuft, zieht es die Menschen hinaus in die Natur. Wälder und Seen, Berge und Flüsse verheißen nicht nur eine willkommene Abkühlung, sondern auch einen wohltuenden Tapetenwechsel; der jedoch nicht immer gelingt. Denn Hitze und Trockenheit machen auch der Natur zu schaffen. Kahlschlag im Wald, Quallen im Meer und Blaualgen im Badesee können einem die Urlaubsfreude vergällen.
Spielerischer Wettbewerb oder klassischer Wettkampf?
Christoph Quarchs philosophischer Blick auf die Bundesjugendspiele
Wenn es auf die Sommerferien zugeht, stehen in den Schulen die Bundesjugendspiele auf dem Programm. Doch die sind inzwischen zum politischen Zankapfel geworden. Spätestens, seit die Kultusministerkonferenz den Beschluss fasste, die Bundesjugendspielen so umzugestalten, dass es bei ihnen vor allem um die Freude an der Bewegung gehen soll, reißt die Kritik konservativer Bildungspolitiker nicht ab.
Christoph Quarchs philosophischer Blick auf die Bundesjugendspiele
Wenn es auf die Sommerferien zugeht, stehen in den Schulen die Bundesjugendspiele auf dem Programm. Doch die sind inzwischen zum politischen Zankapfel geworden. Spätestens, seit die Kultusministerkonferenz den Beschluss fasste, die Bundesjugendspielen so umzugestalten, dass es bei ihnen vor allem um die Freude an der Bewegung gehen soll, reißt die Kritik konservativer Bildungspolitiker nicht ab.
Teamgeist und Zusammenhalt
Christoph Quarchs Überlegungen zum Start der Fußball-Weltmeisterschaft
„Elf Freunde sollt ihr sein!" „Das Team ist der Star." Wenn ein großes Fußballturnier bevor steht, werden von Spielern, Trainern und Funktionären gerne Teamgeist und Zusammenhalt beschworen. Und wenn Themen wie diese erst einmal öffentlich benannt werden, dann dauert es zumeist nicht lange, bis sich Politiker und Wirtschaftskapitäne finden, die diese Stichworte bereitwillig aufgreifen und die Gesellschaft im Ganzen oder auf Betriebe und Unternehmen anwenden.
Christoph Quarchs Überlegungen zum Start der Fußball-Weltmeisterschaft
„Elf Freunde sollt ihr sein!" „Das Team ist der Star." Wenn ein großes Fußballturnier bevor steht, werden von Spielern, Trainern und Funktionären gerne Teamgeist und Zusammenhalt beschworen. Und wenn Themen wie diese erst einmal öffentlich benannt werden, dann dauert es zumeist nicht lange, bis sich Politiker und Wirtschaftskapitäne finden, die diese Stichworte bereitwillig aufgreifen und die Gesellschaft im Ganzen oder auf Betriebe und Unternehmen anwenden.
Magnifica Humanitas - Über die Bewahrung des Menschen im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz
Christoph Quarch begrüßt die Enzyklika von Papst Leo XIV. als wertvollen Debatten-Beitrag
Am Pfingstmontag hat Papst Leo XIV. seine erste Enzyklika mit dem Titel "Magnificat Humanitas" veröffentlicht. Worum es darin geht, verrät der Untertitel dieses Lehrschreibens: "Über die Bewahrung des Menschen im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz". Erstmals befasst sich darin das Oberhaupt der katholischen Kirche mit ethischen Fragen der Informationstechnologie; und er bezieht eine klare Position.
Christoph Quarch begrüßt die Enzyklika von Papst Leo XIV. als wertvollen Debatten-Beitrag
Am Pfingstmontag hat Papst Leo XIV. seine erste Enzyklika mit dem Titel "Magnificat Humanitas" veröffentlicht. Worum es darin geht, verrät der Untertitel dieses Lehrschreibens: "Über die Bewahrung des Menschen im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz". Erstmals befasst sich darin das Oberhaupt der katholischen Kirche mit ethischen Fragen der Informationstechnologie; und er bezieht eine klare Position.
Keine Zeit für Kinder und Zukunft
Christoph Quarch analysiert die Vergleichsstudie der UNICEF zur Kinderarmut
Selbst in Rumänien oder der Slowakei wachsen Kinder unter besseren Bedingungen auf als hierzulande. Zu diesem Ergebnis kommt eine unlängst vom Kinderhilfswerk UNICEF veröffentlichte internationale Vergleichsstudie, bei der Deutschland nur den 25. Platz von 37 bewerteten Ländern belegt. So ist die Kinderarmut in Deutschland mit 15 Prozent überdurchschnittlich hoch.
Christoph Quarch analysiert die Vergleichsstudie der UNICEF zur Kinderarmut
Selbst in Rumänien oder der Slowakei wachsen Kinder unter besseren Bedingungen auf als hierzulande. Zu diesem Ergebnis kommt eine unlängst vom Kinderhilfswerk UNICEF veröffentlichte internationale Vergleichsstudie, bei der Deutschland nur den 25. Platz von 37 bewerteten Ländern belegt. So ist die Kinderarmut in Deutschland mit 15 Prozent überdurchschnittlich hoch.
Frau Reiche – es reicht!
forum 03/2026
- Resilienz
- Klimafinanzierung
- Wald
- Startups
Kaufen...
Abonnieren...
02
JUL
2026
JUL
2026
05
JUL
2026
JUL
2026
28
SEP
2026
SEP
2026
Zertifikatskurs „Sustainability Management“
Wir verbinden Nachhaltigkeit und Wirtschaftlichkeit!
95447 Bayreuth
Wir verbinden Nachhaltigkeit und Wirtschaftlichkeit!
95447 Bayreuth
Anzeige
Der Mittelstand im ESG-Dschungel. Sie müssen nicht alles machen. Sie müssen nur wissen, was.
Sie erhalten einen klaren Fahrplan: was jetzt zu tun ist, was Sie auf dem Schirm behalten sollten und was Sie getrost ignorieren können.
Megatrends
Überlegen ist, wer Neues wagtChristoph Quarch empfiehlt "Anfänge auf Abruf" als Schritt zu mehr gesellschaftlicher Expermentierfreudigkeit
Jetzt auf forum:
Frankreich drosselt Atomkraft +++ Solarenergie bewährt sich in der Hitzewelle
Ideenwettbewerb 2026: Innovationen im Wärme-, Kälte- und Strombereich
Amazon and Aganova to use AI to stop 165 million litres of water waste in Recife




















