evoBuild - Zirkulär gedacht. Für Visionen gemacht.
Christoph Quarch

By the dawn's early light

Christoph Quarchs Überlegungen zum 250. Jahrestag der Unterzeichnung der Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten von Amerika

Am 4. Juli jährt sich zum 250. Mal die Unterzeichnung der Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten von Amerika, mit der sich 13 nordamerikanische Kolonien von der britischen Krone lossagten und damit den Grundstein für die heutige USA legten. Und nicht nur das: Die Autoren - allen voran Thomas Jefferson - begründeten ihren Schritt durch die Berufung auf allgemeine und unveräußerliche Menschenrechte. Das hatte es noch nie zuvor gegeben und war der entscheidende Schritt auf dem Weg zu einer demokratischen Verfassung. In weiten Teilen den USA wird das Jubiläum mit Paraden, Feuerwerken, Kulturveranstaltungen und Ausstellungen begangen wird. Die Regierung von Donald Trump will es hingegen eher als patriotisches Fest und weniger als demokratischen Feiertag ausschlachten; was die Frage aufwirft, wieviel von dem Gründergeist der Unabhängigkeitserklärung in den heutigen USA noch übriggeblieben ist; und was diesen Gründergeist ausmacht? Darüber reden wir mit dem Philosophen Christoph Quarch.

John Trumbulls Gemälde 'Die Unabhängigkeitserklärung' zeigt das fünfköpfige Redaktionskomitee der Unabhängigkeitserklärung, das dem Kongress sein Werk vorlegt. Das Gemälde ist auf der Rückseite des 2-Dollar-Scheins zu sehen. Das Original hängt in der Rotunde des US-Kapitols. Es stellt keine tatsächliche Zeremonie dar; die dargestellten Personen befanden sich nie zur gleichen Zeit im selben Raum. (Öl auf Leinen, 1819) © Public Domain Herr Quarch, welche Philosophie steht eigentlich im Hintergrund der Declaration of Independence?
Die wichtigsten Impulse zu dem Papier kommen aus dem politischen Liberalismus des britischen Philosophen John Locke, der seinerseits stark geprägt war durch ein protestantisch-calvinistisches Menschenbild. Locke hatte knapp hundert Jahre vor der Unabhängigkeitserklärung unter Berufung auf den biblischen Schöpfungsbericht den Standpunkt vertreten, alle Menschen sei als Ebenbilder Gottes frei geboren und mit natürlichen, unveräußerlichen Rechten ausgestattet worden - allem voran, mit dem Recht, von der gottgegebenen Vernunft Gebrauch zu machen, um dem natürlichen Streben nach persönlichem Eigentum und Glück nachzugehen. Dafür die erforderlichen Bedingungen zu gewährleisten, war für Locke die Aufgabe des Staates. Und wenn der Staat dabei versagte - wie die britische Krone nach Ansicht der Autoren der Unabhängigkeitserklärung - dann seien die Bürger befugt, selbst die Regierungsgeschäfte in die Hand zu nehmen; was dann den Weg zur Demokratie ebnete.

Die Bürger, die sich auf diese unveräußerlichen, von Gott gewährten Menschenrechte beriefen, waren allerdings allesamt Männer und Besitzende. Die Sklaverei war noch lange nicht abgeschafft - und Frauen und Besitzlose konnten sich ebenso wenig auf die Menschenrechte berufen. Steckt darin nicht eine gewisse Heuchelei?
Ja, das ist so; und es ist nicht wirklich befriedigend, wenn man das nur durch den damaligen Zeitgeist erklärt. Die Ursache dafür steckt tiefer: einerseits in dem protestantisch-calvinistischen Puritanismus der US-Bürger, andererseits im Liberalismus von John Locke. Beide lassen nur diejenigen als vollwertige Geschöpfe Gottes gelten, die von ihrer Vernunft Gebrauch machen, indem sie primär ihr privates Eigentum und erst sekundär den gesellschaftlichen Wohlstand mehren. Wer nicht zu den Besitzenden zählt - und das sind eben nicht nur die Sklaven, sondern auch die Frauen - kann weder als bürgerliches Subjekt in Betracht gezogen werden, noch die unveräußerlichen Menschenrechte für sich geltend machen. Hier steckt ein innerer Widerspruch der US-Demokratie, den man eigentlich für überwunden hielt, der heute aber voll aufbricht, wenn die amerikanische Rechte neuerlich die "white male supremacy" propagiert: die Dominanz des weißen Mannes.

Wollen Sie damit sagen, dass Trumpisten und MAGA-Anhänger genauso in dem Geist der Unabhängigkeitserklärung verwurzelt sind wie diejenigen, die für Gleichberechtigung, Demokratie und Menschenrechte eintreten?
Das wäre zu viel gesagt, aber mir scheint, dass der auf John Locke zurückgehende Liberalismus einige problematische Aspekte aufweist, die ihn als philosophisches Fundament moderner Demokratien fragwürdig erscheinen lassen. Auf eines habe ich schon hingewiesen: die Idee, dass es der Vernunft und Natur des Menschen entspricht, seinen persönlichen, meist egoistischen, Interessen nachzugehen und dabei sein Eigentum zu mehren. Wenn man das voraussetzt, beschränkt sich die Aufgabe des Staates darauf, das Eigentum der Bürger zu schützen und sichere Verhältnisse für dessen Mehrung zu garantieren. Es ist zwar positiv, dass Locke aus diesem Grund meinte, die Regierungsgewalt in die Hände der Bürger legen zu müssen - aber es ist zugleich negativ, weil Demokratie dann darauf reduziert wird, die Interessen von Einzelnen und Gruppen auszuhandeln. Das führt dann zum Deep-State-Geraune oder zu einem libertären Wirtschaftsverständnis, das darauf abzielt, die mühsam gewonnene Demokratie durch eine Oligarchie der Superreichen zu ersetzen.

In den USA ist die Demokratie gefährdet. Und in Europa gerät sie ebenfalls unter Beschuss. Ist es an der Zeit, uns in Sachen Demokratie (und ihrer Begründung) von der Vorbildrolle der USA zu verabschieden? Müssen wir Demokratie anders denken, um sie gegen ihre Feinde zu verteidigen?
Ich denke Ja. Und wir müssen auch nicht lange nach Orientierung suchen, denn die Demokratie ist bekanntlich viel älter als 250 Jahre. Tatsächlich wurde sie vor 2500 Jahren im alten Athen erfunden - und es ist interessant zu sehen, wie anders das Mindset war, das damals im Hintergrund stand. Die Athener dachten nicht vom einzelnen Individuum her, sondern von der Polis - vom Gemeinwesen. Als sie sich die erste demokratische Verfassung gaben, ging es ihnen nicht darum, sich von einem Potentaten loszusagen, der die Rechte und Interessen der einzelnen Bürger beschneidet, sondern sie fragten, wie sie dafür sorgen können, dass die Bürgerschaft im Ganzen floriert: dass die Polis gesund ist. Freiheit war für sie immer gekoppelt an Gerechtigkeit, das Wohlergehen des Einzelnen an das Wohlergehen der Gesellschaft. Und die Demokratie war für sie das Instrument, das Gemeinwesen so auszutarieren, dass es für alle stimmte; ja, auch damals waren diese "alle" nur die freien Männer; aber die Grundidee, wonach Gemeinsinn vernünftiger ist als Eigensinn, sollten wir heute in Europa reaktivieren.

Der Philosoph Christoph Quarch schreibt regelmäßig für forum future economy. © Christoph Quarch
Der Philosoph, Speaker und Bestseller-Autor Christoph Quarch begleitet Unternehmen, unterrichtet an verschiedenen Hochschulen und veranstaltet philosophische Reisen. In seinen Vorträgen und Büchern greift er auf die großen Werke der abendländischen Philosophie zurück, um diese in eine zeitgemäße Lebenskunst und Weltdeutung zu übersetzen. Gemeinsam mit seiner Frau Christine Teufel gründete er die Neue Platonische Akademie für eine geistige Erneuerung der Gesellschaft.
 
 
Mehr zu ihm unter christophquarch.de und akademie-3.org

Weitere Artikel von Christoph Quarch:

Macht KI dumm?
Christoph Quarch plädiert dafür, Sinnverstehen und Urteilskraft zu kultivieren als Gegengewicht gegen die drohende Übermacht der KI
Dänemark war lange der große Vorreiter bei der Digitalisierung des Schulunterrichts. Mit dem neuen Schuljahr ist Schluss damit. Ab jetzt wird in dänischen Schulen wieder mit konventionellen Lehrmitteln unterrichtet. Der Grund: Wissenschaftliche Auswertungen des Digitalunterrichts haben negative Auswirkungen auf die Kinder ans Licht gebracht. Auch hierzulande warnen Pädagogen vor zu viel IT im Unterricht.


Ist die Demokratie im KI-Zeitalter noch zu retten?
Christoph Quarch hofft auf Europäische KIs, die systemisch denken und den Blick fürs Ganze haben
Die bevorstehenden Landtagswahlen im Osten Deutschland sind ein weiteres Beispiel dafür: Künstliche Intelligenz spielt in der politischen Kommunikation eine immer größere Rolle. Dass Politiker ihre Reden von einer KI schreiben lassen und KI-generierte Bilder auf Plakaten erscheinen, wird von den Wählerinnen und Wählern meist hingenommen; dass aber immer mehr Inhalte, Statistiken oder Informationen KI-generiert sind, bereitet allen Demokraten Sorgenfalten.


Sind wir auf dem Weg, uns selbst abzuschaffen?
Christoph Quarch überlegt, was KI-Systeme mit uns machen und wie wir uns verhalten sollten
Egal ob zu Hause, beim Job oder im Urlaub: KI ist überall - auch wenn wir es gar nicht merken, prägt sie unsere Lebenswirklichkeit. KI-Systeme geben uns Auskunft, schreiben für uns Texte, führen mit uns Gespräche, entwickeln für uns Strategien, spielen mit uns Spiele. Und wo wir nicht unmittelbar mit ihnen umgehen, verändern sie im Hintergrund mit einer nie dagewesenen Geschwindigkeit und Radikalität unsere Lebensweise, unser Sozialverhalten, unsere Gewohnheiten.


Die italienischen Momente im Leben?
Christoph Quarchs Überlegungen zum Hitzesommer
Dieser Sommer bricht alle Rekorde: Immer neue Höchsttemperaturen, immer mehr Hitzetote, historische Tiefststände der großen Flüsse, immer mehr Wald- und Flächenbrände auch in Deutschland, Missernten auf den Feldern, Wassermangel in den Städten... Die Liste ist lang, und sie ist verstörend, denn sie hinterlässt bei vielen Menschen das beklemmende Gefühl der Ohnmacht und des Ausgeliefertseins.


Wer an die Sonnenfinsternis glaubt, kann den Klimawandel nicht leugnen
Christoph Quarchs Überlegungen zur Sonnenfinsternis am 12. August
Was haben Grönland und Spanien, Portugal und Island gemeinsam? Richtig, von dort aus kann man am kommenden Mittwoch eine totale Sonnenfinsternis beobachten - und zwar eine ganz besondere, weil sich der Schatten des Mondes erst kurz vor Sonnenuntergang so vollständig auf die Erde legen wird, dass auch ungeübte Augen - natürlich durch die entsprechenden Schutzgläser - die flammende Corona der Sonne erkennen können. Dieses Spektakel wollen sich viele Menschen nicht entgehen lassen.




     
        
Cover des aktuellen Hefts

Die Natur lebt vom Kreislauf – und wir?

forum 04/2026

  • Kreislaufwirtschaft
  • Biodiversität
  • Bildung
  • Wasserweisheiten
  • Altöl im Kreislauf
Weiterlesen...
Kaufen...
Abonnieren...
12
SEP
2026
Corso Leopold
Ein Wochenende voller Musik, Kunst und Begegnung
80804 München, Leopoldstraße
22
SEP
2026
WindEnergy Hamburg 2026
Connect with the global wind industry
20357 Hamburg
23
NOV
2026
Energie- & Umweltgipfel 2026: Produzierende Industrie
Where Industrial Transformation Creates Competitive Advantage
10623 Berlin
Alle Veranstaltungen...
Energie- & Umweltgipfel 2026
Anzeige

Der Mittelstand im ESG-Dschungel. Sie müssen nicht alles machen. Sie müssen nur wissen, was.

Sie erhalten einen klaren Fahrplan: was jetzt zu tun ist, was Sie auf dem Schirm behalten sollten und was Sie getrost ignorieren können.

Sport & Freizeit, Reisen

Der Rummelplatz als Kulturgut
Christoph Quarchs Gedanken zur Volksfestzeit
Munich Climate Week 2026
Lassen Sie sich begeistern von einem Buch, das Hoffnung macht.

Jetzt auf forum:

Ein Wochenende voller Musik, Kunst und Begegnung

11. Internationaler Bodentag zum Thema "Gesunder Boden: vom Acker zum Teller" am 18,/19. November 2026 in Neunburg v. Wald

EthioTrees ist das Leuchtturm-Projekt 2026

PLAN-B NET ZERO gewinnt zweiten PaaS-Kunden

Regenwald-Konferenz erhält den "Making a Difference" Award 2026 des Jane Goodall Instituts Deutschland

Hitzeschutz muss verbindlicher Bestandteil von Neubau, Sanierung und Instandhaltung von Schulen werden

Zendure auf der IFA 2026

Der Kanzler will den Klimawandel zurückdrängen

B.A.U.M. Insights
  • ZamWirken e.V.
  • Klimabündnis Ebersberg-München
  • WWF Deutschland
  • Zendure DE GmbH
  • Engagement Global gGmbH
  • Futouris - Tourismus. Gemeinsam. Zukunftsfähig
  • Dr. Ing. h.c. F. Porsche AG
  • World Future Council. Stimme zukünftiger Generationen
  • DGNB - Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen
  • Protect the Planet. Gesellschaft für ökologischen Aufbruch gGmbH
  • SUSTAYNR GmbH
  • BAUM e.V. - Netzwerk für nachhaltiges Wirtschaften
  • NOW Partners Foundation
  • Global Nature Fund (GNF)
  • Energie- und Klimaschutzagentur Rheinland-Pfalz GmbH
  • Bundesverband Nachhaltige Wirtschaft e.V. (BNW)
  • 66 seconds for the future