Gesellschaft | Pioniere & Visionen, 01.03.2020
Alles nur Schall und Rauch?
Changemaker Wirtschaft | Ein emotionaler Kommentar von Dorothea Sick-Thies
Unternehmen tragen in besonderem Maße Verantwortung für die Welt und Umwelt und müssen sich mehr und mehr daran messen lassen. Das hat auch die Siemens AG erkannt und schon 2015 in einer ambitionierten Ankündigung erklärt, bis 2030 CO2-neutral zu werden und sich für den Klimaschutz stark zu machen. Ist das nur Schall und Rauch?
Es ist Anfang Februar, ich sitze an meinem Schreibtisch und schaue, statt auf Schnee im Alpenvorland, auf die treibenden Knospen der Bäume vor meinem Fenster. Mein Blick geht sorgenvoll nach Australien, wo nach wie vor Brände ungeahnten Ausmaßes wüten und Leben wie Lebensgrundlagen zerstören. Die apokalyptischen Bilder aus ‚Down under‘ zeigen, dass die Zeit der faulen Kompromisse vorbei ist und Klimaschutz kein „hohles Gerede bleiben darf".Umso mehr überraschte mich vor zwei Wochen die Schlagzeile, dass Siemens sich an der bis dato weltweit größten australischen Kohlemine „Carmichael" des indischen Investors Adani beteiligen wird, mit einem Auftrag für Signaltechnik beim Kohletransport. Und ich frage mich, was noch passieren muss, damit die Kaesers, Adanis und andere wirtschaftliche und politische Eliten dieser Welt verstehen, wie wichtig unser Handeln heute für die Welt unserer Kinder von morgen ist.
Nur, wenn wir nachhaltig wirtschaften und der fossilen Industrie die Subventionen versagen, kann sich etwas ändern. Daher unterstütze ich Aktionen wie den Protest von Extinction Rebellion vor der Siemens-Zentrale in Berlin und anderen Niederlassungen oder von Campact bei der Hauptversammlung „Siemens: Klima-Flächenbrand stoppen". Und ich zeichne die Aufrufe von ‚Fridays for Future‘ sowie die Petitionen von change.org „Siemens, schür kein Feuer". Zugleich bitte ich alle, dasselbe zu tun. Man ist nicht nur verantwortlich für das, was man tut, sondern auch für das, was man unterlässt, sagte Laotse sinngemäß. Wegschauen geht nicht. Dafür ist der schon entstandene Schaden an unserem Planeten durch die Verbrennung fossiler Brennstoffe viel zu groß.
Australien quo vadis?
Am sichtbarsten wird dieser Schaden derzeit in Australien. Das Land ist einer der größten Exporteure der klimaschädlichen Kohle, sogar das Kohlekraftwerk der Stadtwerke München gehörte vor dem erfolgreichen Bürgerentscheid Raus-aus-der-Steinkohle zu den globalen Abnehmern, obwohl es genau am anderen Ende der Welt liegt.
In Australien ist das 1,5 Grad-Ziel seit 2019 bereits Realität, dem wärmsten Jahr, das der fünfte Kontinent seit Beginn der Aufzeichnungen erlebt hat. Seit Monaten brennt das Land in ungekannten Ausmaßen, und man will sich gar nicht vorstellen, was bei 2,0 Grad globaler Erderwärmung passieren wird.
Die tödlichen Buschfeuer haben die unglaubliche Fläche der Größe von Portugal verbrannt. Dutzende Menschen sind bei den Bränden gestorben, beklemmend sind die Bilder von verkohlten Koalas und Kängurus, mehr als 1,25 Milliarden Tiere sind den Flammen zum Opfer gefallen. Die Frage, ob es sich hier um die Auswirkungen des Klimawandels handelt, stellt sich nicht mehr. Tagelange Temperaturen über 40 Grad und Niederschlagsmengen, die 40 Prozent unter dem Jahresmittel liegen, sind der Nährboden für diese Jahrhundertkatastrophe, die selbst die gewaltigen Brände in Kalifornien und Brasilien aus dem Vorjahr in den Schatten stellen. Die Auswirkungen der Brände sind noch im 2.000 km entfernten Neuseeland zu spüren, die Gletscher färben sich durch die Rauchwolken karamellfarben und schmelzen so noch schneller. Was klingt, wie ein Endzeitszenario, ist erschreckende Realität.
Wenn Luisa Neubauer von der Fridays-for-Future-Bewegung die Pläne von Siemens, mit Kohleminen im Jahr 2020 Geld verdienen zu wollen, als „Wahnsinn" kritisiert, macht sie das völlig zurecht. Wenn sich Bundestagsabgeordnete der CDU mehr über diese Emotionalität einer besorgten jungen Frau empören, als notwendige Maßnahmen zum Klimaschutz zu ergreifen, ist das für mich zynisch und beschämend. Das Herausreden auf „geoökonomische Notwendigkeiten", wie ein Abgeordneter es formulierte, ist die alte Strategie, Ökologie und Ökonomie gegeneinander auszuspielen. Zu diesen ökonomischen Notwendigkeiten gehört dann wohl auch, dass durch die Ausbremsung des Windkraftausbaus inzwischen doppelt so viele Jobs in dieser Industrie in Deutschland weggefallen sind, als heute noch in der Braunkohleindustrie arbeiten.
2020 ist das Jahr, in dem Politik, Gesellschaft und Wirtschaft entscheidende Weichen stellen müssen. Das Zwischenzeugnis für Deutschland fällt schlecht aus. Aus dem Land der Klimaschützer ist das Land der Zauderer geworden, das seine eigenen Klimaziele nicht einhält. 40 Prozent Reduktion der klimawirksamen Gase im Vergleich zu 1990 waren bis zum 1.1. 2020 versprochen worden, mit Mühe wurden es knapp 35 Prozent und das Ziel auf 2025 vertagt. Von beispielhafter Umweltpolitik keine Spur.
Käser-Dämmerung
Ich gehe dennoch hoffnungsvoll in das neue Jahrzehnt, in dem es um nichts weniger als unser Überleben und die Zukunft unserer Kinder geht. Es ist ermutigend, wenn bei den jungen Menschen eine lange vermisste Bereitschaft zur Veränderung von Gesellschaft und Wirtschaft besteht. Es stimmt zuversichtlich, dass 2019 fast 43 Prozent des in Deutschland verbrauchten Stromes aus erneuerbaren Energien kam. Es zeugt von Verantwortungsbewusstsein, wenn der Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble erklärt, dass es ohne Verzicht nicht geht und wir unser Konsumverhalten nicht nur überdenken, sondern überarbeiten müssen.
Wer weiß, vielleicht schauen wir in 10 oder 20 Jahren auf diese Zeit als den Beginn der größten klimatischen Veränderung zurück, können aber sagen, dass wir das Ruder noch rumreißen konnten. Dass unser CO2-Fußabdruck kleiner wurde, wir unsere Mobilität auf ein Normalmaß reduziert und unseren Konsum auf das Notwendige zurückgeführt haben. Dass unsere Ernährung wieder pflanzlicher, natürlicher, regionaler und gesünder geworden ist. Und dass sich Joe Kaeser/Siemens doch noch gegen eine Beteiligung am Kohlebergwerk in Australien entschieden hat!
In diesem Sinne hoffe ich auf weise klimapolitische, wenngleich vielleicht unpopuläre Entscheidungen, weiterhin großes Engagement und Erfolge von Fridays, Parents, Scientists 4Future – und jedem Einzelnen Menschen guten Willens.
Die Jugend macht uns vor, wozu in unserer Generation viele nicht den Mut hatten. Lassen wir sie mit ihrem Engagement und ihren Forderungen nicht allein. Sie haben jede Unterstützung verdient.
Hinweis: In der neuen Rubrik „Changemaker Unternehmen" kommen Unternehmer*Innen zu Wort, die sich gesellschaftlich und politisch für mehr Gemeinwohl und gesellschaftliche Verantwortung einsetzen.
Dorothea Sick-Thies ist Unternehmerin, Umweltaktivistin und Mutter zweier Kinder. Seit fünfzehn Jahren engagiert sie sich bei der von Ihrem Vater Dr. Erwin Sick gegründeten SICK AG – Technologie- und Marktführer im Bereich Sensorik – für mehr Umwelt- und Klimaschutz, Elektromobilität und Nachhaltigkeit. So werden etwa alle deutschen SICK-Standorte zu 100 Prozent mit Strom aus erneuerbaren Energiequellen versorgt, Elektroautos und Elektrofahrräder sind fester Bestandteil des Fuhrparks, CO2-Emissionen von Dienstreisen werden über Atmosfair kompensiert. Das Management des Unternehmens nimmt Umweltverantwortung ebenfalls sehr ernst. 2014 wurde die SICK AG mit dem Umweltpreis des Landes Baden-Württemberg ausgezeichnet. Auch privat setzt sich Dorothea Sick-Thies in hohem Maße für den Umwelt- und Klimaschutz sowie eine friedliche Energiewende ein. Zur Umsetzung ihres privaten Engagements gründete sie 2015 die gemeinnützige Umweltorganisation ‚Protect the Planet‘. Für das Jahr 2020 plant sie, gemeinsam mit ihren Töchtern, zusätzlich die Gründung einer Umweltstiftung. Im Mittelpunkt steht für Dorothea Sick-Thies die Vernetzung, Stärkung und Unterstützung politischer, gesellschaftlicher und wirtschaftlich relevanter Gruppen, um gemeinsam die Welt lebenswerter zu machen und für nachfolgende Generationen zu bewahren. Sie versteht dies als wichtigste soziale und globale Aufgabe unserer Zeit.
Protect the Planet
Der Kampf gegen den Klimawandel ist ein Kampf zur Bewahrung der Schöpfung
Protect the Planet wurde von der Unternehmerin Dorothea Sick-Thies, dem Filmemacher Carl-A. Fechner und dem Juristen Markus Gohr gegründet, für neue Perspektiven und Lösungen im Kampf gegen den Klimawandel. Die junge NGO bringt Menschen und Ideen zusammen, startet eigene Initiativen und Kampagnen und beteiligt sich als Partner mit einem umfangreichen Netzwerk an Umweltprojekten Dritter.So mit der Unterstützung der Mobilisierungs-Kampagne „Raus-aus-der-Steinkohle", die 2017 einen erfolgreichen Bürgerentscheid zur vorzeitigen Abschaltung des Kohlekraftwerks München Nord ermöglichte.
2019 war Protect the Planet ein Unterstützer der ersten Stunde beim bayerischen Volksbegehren „Rettet die Bienen" zur Bewahrung der Artenvielfalt.
Auf Initiative von Dorothea Sick-Thies startete 2018 ein Bündnis aus Juristen, Wissenschaftlern und Umweltorganisationen eine Europäische Klage für Grundrechtsschutz gegen Klimafolgen. Gemeinsam mit dem Partnernetzwerk ermöglicht der ‚Peoples Climate Case‘ eine Klage von elf Familien aus acht Ländern, die bereits vom Klimawandel betroffen sind. Zur Arbeit von Protect the Planet gehört auch die Unterstützung und Förderung hochaktueller Filme wie ‚Climate Warriors‘ oder ‚Power to Change‘. Und in den vergangenen zwei Jahren wurde mit Unterstützung von Protect the Planet die erste umfassende Ausbildung für progressive Politikgestalter*innen entwickelt, die im Frühsommer 2020 als Campaigningschool mit den Kursen beginnt.
Protect the Planet arbeitet unabhängig und überparteilich und lebt die Werte Menschlichkeit, Gerechtigkeit, Demokratie und Nachhaltigkeit. Die engagierten Gründer und Mitarbeiter wie Markus Raschke und Florian Carl handeln und helfen aus Überzeugung und sehen in einer dezentralen Energiewende die Lösung vieler Probleme der Menschheit. Diese Herausforderung anzunehmen sehen sie als Teil ihrer Verantwortung für alle zukünftigen Generationen.
Quelle: Protect the Planet. Gesellschaft für ökologischen Aufbruch gGmbH
Dieser Artikel ist in forum 01/2020 - Dabeisein ist alles! erschienen.
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