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Jürgen Grässlin

Militär & Märkte

Die Chance auf Sicherheit oder nur Big Business?

Militarisierung boomt, Friedenspolitik stagniert. Rüstungskonzerne verzeichnen enorme Gewinne, Friedens-NGOs verlieren Zuwendungen. Gibt es einen realistischen Weg zu nachhaltigem Frieden?

© Amwest97, Pixabay.comIm April 2025 meldete das Stockholm International Peace Research Institute (SIPRI), dass die weltweiten Militärausgaben „zum zehnten Mal in Folge gestiegen" waren. Zusammen wendeten alle Staaten rund 2,38 Billionen Euro für Militär auf. Dies waren 9,4 Prozent mehr als im Vorjahr, was den „größten Anstieg seit dem Ende des Kalten Krieges" bedeutete. Die Rüstungsausgaben Deutschlands sind zeitweise sogar „um mehr als 25 Prozent nach oben geschnellt". Die Gesetzesreform im März 2025 bewirkt, dass zusätzliche Verteidigungsausgaben, die ein Prozent des BIP übersteigen, dauerhaft aus der Schuldenbremse herausgenommen werden. Dies kann zu deutlich höheren Bundeswehr-Geldern führen, auch jenseits regulärer NATO-Ziele: „Nun kann Deutschland theoretisch unbegrenzt viel Geld in Verteidigung, Zivilschutz, Nachrichtendienste und Cybersicherheit investieren", meldete der Deutschlandfunk.

Rekordprofite von Waffenproduzenten – Flaute bei den SDG
Unter den Top Ten der Rüstungsgiganten befinden sich sechs Konzerne aus den USA, zwei aus China und je einer aus Großbritannien und Russland. Vor allem mit Waffen der Industriestaaten werden zurzeit mehr als 25 bewaffnete Konflikte geführt.

Die Profite der Rüstungsunternehmen werden neben den Waffenbeschaffungen im eigenen Land maßgeblich durch Rüstungsexporte erzielt, sei es an EU-, NATO- und NATO-assoziierte Staaten sowie an Militärs in sogenannten „Drittländern" (außerhalb dieser Bündnisse). Auch deutsche Rüstungsunternehmen verzeichnen gemäß der SIPRI hohe Einnahmen, allen voran die Rheinmetall AG. Die Waffenschmiede stieg mit einer Einnahmesteigerung von +46,6 Prozent im SIPRI-Umsatz-Ranking von Platz 26 (2023) auf Platz 20 (2024).
 
Unter den TOP 100 befinden sich aus Deutschland weitere Konfliktprofiteure wie ThyssenKrupp (+12 Prozent), Hensoldt (+18 Prozent) und Diehl Defence (+53 Prozent). Zudem rangiert der britisch-deutsche Kampfflugzeughersteller Airbus auf Platz 12. Konflikte und Kriege entwickeln sich immer mehr zum guten Geschäft in Deutschland, und viele Branchen sehen gute Geschäftschancen in einer Umstellung auf Rüstungsprodukte.

Doch während die Aktienkurse vieler Rüstungsgiganten dank der Milliardenaufträge für neue Waffen und „Kriegsmaterial" durch die Decke gehen, fehlt das Geld dort, wo es tatsächlich am dringendsten benötigt wird: zur Bekämpfung der dramatisch voranschreitenden Klimakatastrophe, zur Erneuerung der Infrastruktur, zur Bekämpfung des Hungers, zur Förderung der Bildung – kurzum, zum Erreichen der 17 Nachhaltigkeitsziele der UN.

Dafür gibt es Jubel an den Börsen – und FOCUS MONEY empfahl sogar: „So machen Sie Ihr Depot wehrtüchtig". Beworben wurden „die besten Aktien für Rüstung und Wiederaufbau" – also die der Profiteure der Kriege in der Ukraine und anderswo.

Aufweichung der Rüstungsexportrestriktionen
Die Ampelkoalition öffnete bereits Tür und Tor für Waffenbeschaffungen und weltweite Rüstungsexporte, und die aktuelle Regierungskoalition beschleunigt Verfahren für Exportgenehmigungen. Der Rüstungsexportbericht der Bundesregierung dokumentiert für das erste Halbjahr 2025 Sammel- und Einzelausfuhrgenehmigungen im Volumen von 3,17 Mrd. Euro bzw. 3,21 Mrd. Euro.
 
Erschreckend ist u.a. die Verdoppelung der Exportgenehmigungen sogenannter „Kleinwaffen", wie Maschinenpistolen, Sturm-, Maschinen- und Scharfschützengewehre, auf 52,2 Mio. Euro. Todbringend sind auch vielfach die exorbitant gesteigerten Munitionslieferungen für Kleinwaffen in sonstige Drittländer – diese wurden mehr als versiebenfacht. Die Opferzahlen sind beim Einsatz eben dieser Waffengattung mit am höchsten.

Dank der Einzelausfuhrgenehmigungen können selbst Militärs und Sicherheitskräfte besonders bedenklicher Länder mit deutschem Material hochrüsten – so etwa Katar (186,4 Mio. Euro), Israel (86,9), Indien (48,8), Saudi-Arabien (26,0) und den VAE (6,0). Jüngst vereinbarte Kanzler Merz bei seiner Indien-Reise mit Premierminister Narendra Modi eine intensivierte Rüstungs- und Militärkooperation. Die Waffenexportgenehmigungen an Israel stellten in der Zeit des Gaza-Feldzuges mit 60.000 - 70.000 getöteten Menschen – weit überwiegend Zivilistinnen und Zivilisten – nach Ansicht von Rüstungsgegnern eine Beihilfe zum Mord und zur totalen Umweltzerstörung dar. Das European Center for Constitutional and Human Rights (ECCHR) in Berlin unterstützt deshalb die Klage Südafrikas gegen Israel vor dem Internationalen Gerichtshof (IGH) wegen Verstößen gegen die Völkermordkonvention.

Aktiv HANDELN für Mensch und Natur
Es braucht eine gemeinsame Widerstandsbewegung von Gewerkschaften, Kirchen, Sozialer Bewegung und AktivistInnen, um mit massivem Druck die „Zeitenwende der Zeitenwende" zu erreichen. Die Friedens- und Nachhaltigkeitsbewegung muss dabei die Fragen beantworten: Wie können die Sicherheit mit zivilen Mitteln erreicht, der vorherrschende Aufrüstungswahn gestoppt und die großflächigen Zerstörungen natürlicher Lebensgrundlagen durch Kriege verhindert werden? Eine wegweisende Antwort gibt die Studie Why Civil Resistance Works von Erica Chenoweth und Maria J. Stephan (siehe auch Beitrag „Der Mythos der Härte" in dieser Ausgabe).

Seitens der Deutschen Friedensgesellschaft – Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen (DFG-VK) wurde ein „Arbeitskreis Friedenslogik" gegründet, in welchem der Unkultur des Krieges eine Kultur des Friedens entgegensetzt werden soll. Mit der Kampagne „Aktion Aufschrei – Stoppt den Waffenhandel!" werden zentrale Bereiche des Rüstungsexports bearbeitet. Weit mehr als hundert Friedensorganisationen haben sich diesem Bündnis angeschlossen.

Ein Positiv-Szenario 2025-2040 „Die Rolle Europas für den Frieden in der Welt" der Initiative Sicherheit neu denken (SND) beschreibt konkret eine mögliche nachhaltige europäische Konflikt- und Friedensordnung – und weist damit den Weg in ein friedlicheres Europa mit immer weniger Waffen und Militär.
 
Einen weiteren, erfolgversprechenden Ansatz will das Projekt „Vision bessere Welt – Mutmachmenschen" des RüstungsInformationsBüros (RIB e.V.) bieten, welches hunderten von mutmachenden Menschen mit ihren konkreten Visionen eine Stimme gibt und Ende 2026 an die Öffentlichkeit geht. Im Fokus stehen u.a. die Themenbereiche Frieden, Ökologie und Nachhaltigkeit, Klimawandel, Gesundheit, Bildung und Antifaschismus.
 
Die Devise lautet: „Mitmachen! Handeln! Aktiv werden!"

Die „Friedensmission” der Bundeswehr

Auf unsere Anfrage an das Bundesministerium der Verteidigung, welche Maßnahmen und wie viel Geld die Bundeswehr in die Friedenserhaltung investiert, erhielten wir folgende Antwort:

„Das Grundgesetz gibt den Auftrag der Bundeswehr im Artikel 87a klar vor: „Der Bund stellt Streitkräfte zur Verteidigung auf." Die Aufstellung, der Einsatz und alle damit verknüpften Maßnahmen dienen direkt dem Ziel der Landes- und Bündnisverteidigung und damit der von Ihnen beschriebenen Friedenssicherung. Dies unterstreicht auch Artikel 26 Grundgesetz, der sämtliche Handlungen verbietet, die geeignet sind, das friedliche Zusammenleben der Völker zu stören. Auch der Zweiklang der NATO – Abschreckung und Verteidigung – bekräftigt diesen Auftrag und dieses Grundverständnis. Wir brauchen eine verteidigungsbereite Bundeswehr, um mögliche Aggressoren abzuschrecken. Damit verhindern wir Krieg und sichern den Frieden (Fettung durch Redaktion).

Zusätzlich setzen wir uns gemeinsam mit unseren Partnern in Friedenssichernden Einsätzen im Rahmen der Vereinten Nationen, der EU und NATO für die Wahrung des Friedens und eine friedliche Ordnung ein (vgl. Artikel 24 Grundgesetz). […]

Vor diesem Hintergrund gilt, dass das gesamte Jahresbudget des Verteidigungshaushalts (Einzelplan 14) zur Erfüllung des dargestellten Auftrags der Bundeswehr investiert wird. […] Ergänzend zu dem Einzelplan 14 fließt außerdem das Sondervermögen Bundeswehr in die Ertüchtigung der Streitkräfte. […] Ergänzend ist außerdem die finanzielle Unterstützung unserer Partnerländer bei der Ertüchtigung ihrer Streitkräfte aus dem Einzelplan 60 zu nennen. Dazu gehört auch die aktuelle militärische Unterstützung der Ukraine bei der Verteidigung gegen den völkerrechtswidrigen russischen Angriffskrieg."

Sprecherin Rüstung und Beschaffung Stab Informationsarbeit Presse; Bundesministerium der Verteidigung

Deutsche Friedens-Akteure

Internationale Friedens-Akteure

  • Amnesty International – Menschenrechtsorganisation, die Menschenrechtsverletzungen dokumentiert, politische Advocacy betreibt und sich gegen Gewalt, Unterdrückung und Kriegsverbrechen einsetzt. 
  • Human Rights Watch – NGO zur unabhängigen Untersuchung und Berichterstattung über Menschenrechtsverletzungen und Völkerrechtsverstöße in Konflikten weltweit. 
  • Peace Research Institute Oslo (PRIO) – international renommiertes Friedensforschungsinstitut mit Schwerpunkt auf Konfliktursachen, Friedensprozessen, Migration und Sicherheitsdynamiken. 
  • Stockholm International Peace Research Institute (SIPRI) – international anerkanntes Forschungsinstitut für Konflikte, Rüstung, Abrüstung und Militärbudgets; weltweit führend bei Datenerhebung und Analysen zu globaler Sicherheit.
  • Transcend International – globales Netzwerk für Friedensforschung, Mediation und Friedensjournalismus; Fokus auf trukturelle Gewalt und Konflikttransformation.
  • United States Institute of Peace (USIP) – unabhängiges, vom US-Kongress gegründetes Institut zur Förderung gewaltfreier Konfliktlösung durch Forschung, Politikberatung, Mediation und Trainingsprogramme. 
Jürgen Grässlin ist laut SPIEGEL Deutschlands bekanntester Pazifist, Bestsellerautor, Sprecher von „Aktion Aufschrei – Stoppt den Waffenhandel!", der DFG-VK sowie des RIB e.V. Er wurde mit bislang zehn Preisen für Frieden, Zivilcourage, Menschenrechte und Medienarbeit ausgezeichnet.

Dieser Artikel ist in forum 02/2026 - Zukunft braucht Frieden erschienen.



     
        
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