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Inca Petra Künkel

Was würde eigentlich stillstehen?

Ein Kommentar zum Internationalen Frauentag am 08. März 2026

Der Internationale Frauentag hat eine interessante Eigenschaft: Er taucht jedes Jahr wieder auf – und stellt jedes Jahr dieselben unbequemen Fragen. Unbequem vor allem für jene, die sich eigentlich sicher waren, sie schon längst beantwortet zu haben.

Weltweit sind es viele starke Frauen, die dafür sorgen, dass Gesellschaft und Wirtschaft wirklich funktionieren. © privatDieses Jahr kommt eine besonders konkrete Frage dazu. Für den 9. März ist ein Frauenstreik angekündigt. Die Idee hat eine lange Tradition: Frauen legen ihre Arbeit nieder – bezahlt und unbezahlt – und zeigen damit, was passiert, wenn ihre Beiträge plötzlich fehlen. Die Wirkung ist oft von erstaunlicher Schlichtheit: Plötzlich wird sichtbar, was sonst selbstverständlich wirkt.

Also: Was würde in Ihrem Unternehmen stillstehen, wenn Frauen ihre Arbeit für einen Tag aussetzen würden?

Falls die Antwort länger als drei Sekunden dauert – das ist bereits eine Antwort.

Eine seltsame Zeit für Gleichstellung
Der 8. März fällt in diesem Jahr in eine bemerkenswert widersprüchliche Atmosphäre. Die letzten Jahre hatten durchaus Fortschritte zu bieten: Diversitätsprogramme wurden ausgebaut, Unternehmen verpflichteten sich zu mehr Frauen in Führungspositionen, der Gender Pay Gap rückte ins öffentliche Bewusstsein. Es sah eine Weile so aus, als würde sich das Verständnis von wirtschaftlichem Erfolg langsam erweitern.

Und dann kam die Gegenbewegung.

Geopolitische Spannungen, militärische Rhetorik, Handelskonflikte, wirtschaftliche Unsicherheit und eine Zunahme an Kriegen, deren Folgen wirtschaftliche Planung verunsichern. Und mit dieser Verschiebung kehrten Narrative zurück, die viele für überholt hielten: das „Recht des Stärkeren", nationale Abschottung statt Kooperation, Kurzfristigkeit statt Zukunftsfähigkeit. In solchen Zeiten geraten Gleichstellung, Diversität und Nachhaltigkeit schnell unter Druck. Die Budgets wandern. Die Prioritäten verschieben sich.

„Jetzt ist nicht der richtige Moment."

Interessanterweise war es nie der richtige Moment. Das ist nämlich kein Zufall, sondern Methode.

Was Unternehmen übersehen – und was es sie kostet 
Viele Unternehmen behandeln die Frage, wie sie Frauen strategisch in Entscheidungspositionen zu bringen, immer noch wie ein Projekt, das bei wirtschaftlichem Druck gestrichen werden kann. Ein Diversity-Report hier. Ein Mentoring-Programm dort. Vielleicht eine Quote. Ein Add-on eben – das im „Ernstfall" hinausgezögert wird.

Genau das ist in herausfordernden Zeiten fatal. Denn die Präsenz von Frauen in Unternehmen verändert mehr als statistische Kennzahlen. Sie verändert Entscheidungslogiken.

Unternehmen mit vielfältigeren Führungsteams reagieren flexibler auf komplexe Herausforderungen. Sie bewerten Risiken differenzierter. Sie moderieren Konflikte anders, pflegen abteilungsübergreifende Zusammenarbeit, schaffen Identifikation. Es gibt weniger Narzissmus in den Chefetagen – was allein schon ein beachtlicher Wettbewerbsvorteil wäre.

In einer stabilen Welt wäre das bereits ein Vorteil. In einer instabilen Welt wird es zur strategischen Notwendigkeit. Die Herausforderungen, vor denen Unternehmen heute stehen, sind nicht linear. Klimakrise, geopolitische Spannungen, fragile Lieferketten und technologische Umbrüche überlagern sich. Solche Situationen lassen sich nicht mit einfachen Hierarchielogiken lösen. Was zählt, sind Netzwerke, systemisches Denken, die Fähigkeit, unterschiedliche Interessen auszubalancieren – genau jene Kompetenzen, die Organisationen stärken, wenn sie Macht breiter verteilen.

Eine Neuverteilung von Entscheidungsmacht ist keine moralische Zusatzoption. Sie ist Teil der geschäftlichen Zukunftsfähigkeit.

Die unsichtbare Infrastruktur
Ein Frauenstreik legt noch etwas anderes offen: wie viel Arbeit im Hintergrund stattfindet. Care-Arbeit. Koordination. Kommunikation. Beziehungsarbeit. Diese Tätigkeiten tauchen selten in Bilanzen auf. Aber sie stabilisieren Unternehmen. Sie machen sie resilient.

Wenn Organisationen ernsthaft über Resilienz sprechen, sollten sie deshalb nicht nur über gefährdete Lieferketten oder Energieressourcen nachdenken. Sie sollten auch über ihre sozialen Infrastrukturen nachdenken – das entscheidende Kapital für Innovation, Kreativität und Anpassungsfähigkeit.

Das sind keine „Soft Topics". Das sind Überlebensfragen.

Unternehmen stehen heute vor einer strategischen Weichenstellung. Sie können auf die Unsicherheiten der Gegenwart reagieren, indem sie langfristige Transformationsprozesse vertagen. Nachhaltigkeit später. Diversität später. Gleichstellung später. Frauen in Machtpositionen später. 

Oder sie können die Unsicherheit akzeptieren – und gerade deshalb konsequent weitergehen. Das bedeutet nicht, Risiken zu ignorieren. Es bedeutet, zukunftssicher zu denken.

Welche Organisation wird in zehn Jahren besser aufgestellt sein? Diejenige, die kurzfristig Programme gestrichen hat – oder diejenige, die ihre Innovations- und Lernfähigkeit ausgebaut hat?

Welche Unternehmen werden mit komplexen globalen Herausforderungen besser umgehen können? Homogene Führungsteams – oder vielfältige?

Welche Geschäftsmodelle werden stabiler sein? Ressourcenintensive – oder nachhaltige?

Diese Fragen sind nicht ideologisch. Sie sind strategisch.

Nachhaltigkeit und Frauen in Führung – zwei Seiten derselben Münze
Zwei Themen tauchen in wirtschaftlichen Debatten regelmäßig getrennt voneinander auf, obwohl sie zusammengehören: Nachhaltigkeit und Frauen in Entscheidungspositionen. Beide stellen bestehende Machtverhältnisse infrage. Beide werden in Krisenzeiten als „Luxusthemen" abgehakt.

Doch der Übergang zu erneuerbaren Energien reduziert geopolitische Abhängigkeiten. Kreislaufwirtschaft schafft neue Geschäftsmodelle. Und Organisationen mit mehr Frauen in Führungspositionen sind anpassungsfähiger, innovativer, langfristiger orientiert. Beides stärkt Resilienz. Beides erfordert genau das, was gerade knapp ist: langfristiges Denken.

Eine Wirtschaft, die ökologische Grenzen respektiert, wird kaum ohne mehr Frauen in entscheidenden Positionen funktionieren. Das ist keine These. Das ist schlicht Logik.

Eine rebellische Haltung
Vielleicht braucht es heute etwas, das in wirtschaftlichen Debatten selten vorkommt: eine rebellische Haltung. Nicht im Sinne spektakulärer Gesten, sondern im Sinne einer bewussten Entscheidung, sich nicht vollständig von der Krisenlogik der Gegenwart bestimmen zu lassen.

Rebellisch wäre es, sich nicht von der wachsenden Härte im globalen Diskurs anstecken zu lassen. Nicht zynisch zu werden. Nicht alles auf kurzfristige Sicherung zu reduzieren. Nicht wieder in die Logik des „Jeder gegen jeden" zurückzufallen.

Rebellisch wäre es auch, Kooperation weiterhin ernst zu nehmen. Und anzuerkennen, dass wirtschaftliche Stärke nicht nur aus Wettbewerb entsteht, sondern auch aus funktionierenden Beziehungen – innerhalb von Organisationen und darüber hinaus.

Was der Frauentag für Unternehmen bedeuten könnte
Der Internationale Frauentag wird oft mit Panels, Kampagnen und Social-Media-Posts begangen. Das ist nicht falsch. Aber vielleicht könnte er noch etwas anderes sein: ein strategischer Reflexionsmoment für Unternehmen. Eine Gelegenheit, sich einige einfache Fragen zu stellen.
  • Wie viele Frauen sitzen tatsächlich an den entscheidenden Tischen unserer Organisation?
  • Wie verteilen sich Macht, Einkommen und Aufstiegschancen?
  • Welche Talente verlieren wir, weil unsere Strukturen immer noch auf alten Mustern beruhen?
  • Und welche Zukunft wollen wir eigentlich mitgestalten?
Denn Unternehmen sind keine isolierten Einheiten. Sie prägen Arbeitsmärkte, Innovationen und gesellschaftliche Entwicklungen. Wenn sie eine Strategie für Frauen in Entscheidungspositionen ernst nehmen, verändern sie mehr als ihre eigenen Organisationsstrukturen. Sie verändern wirtschaftliche Realität.

Ein Blick nach vorn – und er ist gut
In zehn Jahren werden wir auf diese Phase zurückschauen. Wir werden sehen, dass es ein Wendepunkt war.

Nicht weil die Rückschläge ausgeblieben wären. Sondern weil viele Unternehmen trotzdem weitergemacht haben. Weil Frauen mehr Führungspositionen übernommen und Organisationskulturen verändert haben – nicht trotz der Unsicherheit, sondern genau deshalb.

Die Wirtschaft der Zukunft wird weiblicher sein. Nicht als Konzession, sondern als Konsequenz. Sie wird vernetzter, kooperativer, resilienter sein. Sie wird Macht nicht als Ressource verstehen, die man hortet, sondern als Gestaltungskraft, die sich durch Teilung vermehrt. Sie wird Unternehmen hervorbringen, die nicht nur überleben, sondern tatsächlich funktionieren – für Menschen und für den Planeten.

Diese Wirtschaft entsteht gerade. In den Entscheidungen, die Unternehmen heute treffen. In den Frauen, die bereits führen und dabei zeigen, dass Führung auch anders geht. In den Strukturen, die gerade umgebaut werden – leise, beharrlich, wirkungsvoll.

Der Frauenstreik am 9. März ist kein Symbol. Er ist eine Vorschau.

Eine Vorschau darauf, wie anders – und wie viel besser – Unternehmen wirtschaften werden, wenn sie aufhören, auf die Hälfte ihrer besten Köpfe zu verzichten.

Dr. Inca Petra Künkel arbeitet seit vielen Jahren an der Frage, wie wirtschaftliche Transformation gelingt – und warum sie ohne feministische Perspektiven regelmäßig scheitert. Sie ist Mitglied des Club of Rome und war in genau den Jahren Teil des Vorstands, in denen sich die Organisation von einem Boys Network zu einem Ort entwickelte, der globale Zukunftsstimmen ernsthaft einbindet. Sie ist Autorin von Zukunftskompetenz Stewardship und Frauen, Macht und Wirtschaft. Auf LinkedIn gibt es von ihr wöchentlich eine Kolumne.

Unter "Der aktuelle Kommentar" stellen wir die Meinung engagierter Zeitgenossen vor und möchten damit unserer Rolle als forum zur gewaltfreien Begegnung unterschiedlicher Meinungen gerecht werden. Die Kommentare spiegeln deshalb nicht zwingend die Meinung der Redaktion wider, sondern laden ein zur Diskussion, Meinungsbildung und persönlichem Engagement. Wenn auch Sie einen Kommentar einbringen oder erwidern wollen, schreiben Sie an kommentar@forum-csr.net.

Kontakt: Dr. Inca Petra Kuenkel | petra.kuenkel@collectiveleadership.life | www.linkedin.com/in/petra-kuenkel/



     
        
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