Franz Alt
Gesellschaft | Politik, 18.12.2025
Es begann mit Adenauer
Ein Kommentar von Franz Alt anlässlich des 150. Geburtstags von Konrad Adenauer
Anlässlich des 150. Geburtstags von Konrad Adenauer am 5. Januar richtet sich der Blick zurück auf einen der prägendsten Staatsmänner der deutschen Nachkriegsgeschichte. Der erste Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland stand für Westbindung, demokratischen Neubeginn und politische Stabilität in Zeiten tiefgreifender Umbrüche.
Schon in der Weimarer Republik zählte Adenauer zum Führungspersonal der katholischen Zentrums-Partei. Im Mai 1921 wurde er sogar als Reichskanzlerkandidat gehandelt. Freilich erfolglos. Zu Beginn der Weimarer Republik wurde er Oberbürgermeister von Köln, mit 42 Jahren der jüngste OB des damaligen Preußen. OB von Köln war er von 1917 bis ihn 1933 die Nazis absetzten. Die Nazis lehnte der überzeugte Katholik ab. Nach 1945 setzte sich Adenauer für die neu gegründete CDU ein, welche die Zusammenarbeit von Katholiken und Protestanten, früheren Zentrumsleuten und christlichen Gewerkschaftlern betonte. Letztere glaubten an einen „christlichen Sozialismus". Innerhalb der CDU drängten starke Kräfte um Jakob Kaiser und Karl Arnold auf eine große Koalition mit der SPD im Nachkriegsdeutschland. Doch Adenauer wollte eine Bundesregierung „ohne die Sozis von der SPD".
Es war die Zeit der programmatischen Auseinandersetzung zwischen den Unions-Anhängern des linken „Ahlener Programms" und den eher liberalen „Düsseldorfer Leitsätzen", die eine „soziale Marktwirtschaft" anstrebten.
Zwischen der Katastrophe der Nazi-Zeit und der heutigen Bundesrepublik lag die Adenauer-Ära. Sie begann im Jahr 1949. An der ersten Regierung Adenauer waren vier Parteien beteiligt und Im ersten Deutschen Bundestag waren neun Fraktionen vertreten. Das scheint heute nahezu unvorstellbar.
Nach der Wahl am 14. August 1949 sah das überraschende Wahlergebnis so aus:
- CDU/CSU: 31.0%
- SPD: 29,2%
- FDP: 11,9%
- KPD: 5,7%
- Bayernpartei: 4,2%
- Deutsche Partei: 4,0%
- Wirtschaftliche Aufbauvereinigung: 2,9%
- Zentrum: 3,1%
- DKP/Deutsche Rechtspartei: 1,8%
- Südschleswigscher Wählerverband: 0,3 %
Allgemein war eher die SPD als stärkste Partei erwartet worden. Nach dem heute geltenden Wahlrecht wären nur die vier Parteien, die mehr als fünf Prozent der Stimmen erhalten haben, in den Bundestag eingezogen.
Erste Bundesregierung Adenauer 1949
Die neun Fraktionen im ersten Deutschen Bundestag sorgten für die bis heute komplizierteste Regierungsbildung. 1949 der erste Wahlkampf, die erste Wahlnacht und die erste Regierungsbildung nach dem zweiten Weltkrieg: ohne Fernsehen, ohne Computerhochrechnungen, ohne oder fast ohne Meinungsforscher. Wer kann sich das heute noch vorstellen? Und alles begann mit Adenauer.
Im Sommer 1949 legte der damals 73-jährige Konrad Adenauer den Grundstein für seine eigene 14 Jahre dauernde Kanzlerschaft. Dabei war das im Mai 1949 verabschiedete Grundgesetz ein Glücksfall für das ganze Deutschland. Diese Verfassung enthielt die Spielregeln der neuen staatlichen Ordnung in den drei Westzonen und seit 1990 für ganz Deutschland. Ein Jahr nach der Währungsreform und vier Jahre nach dem Chaos von 1945 beteiligten sich 25 Millionen Wähler an diesem Spiel, eine überraschend hohe Wahlbeteiligung von 78,5 Prozent.
Am 15. September 1949 wurde schließlich Konrad Adenauer mit der knappsten Mehrheit von 202 von 402 Stimmen zum ersten Bundeskanzler gewählt – ohne seine eigene Stimme wäre er nicht Kanzler geworden. Sein trockener Kommentar „Et hät noch immer jut jejangen."
Für mich als Kind war Konrad Adenauer jetzt so etwas wie ein guter politischer Opa, der das Land aus dem Nachkriegselend in eine gute Zukunft führt.
Im ersten Bundestagswahlkampf hatten sich der CDU-Vorsitzende Adenauer und der SPD-Vorsitzende Kurt Schumacher nichts geschenkt. Schumacher nannte Adenauer "Lügenauer" und Adenauer erwiderte: Komme die SPD an die Macht, drohten Deutschland und Europa „vom kommunistischen Heidentum verschlungen zu werden".
Adenauer versuchte, die junge Bundesrepublik zu einer „wehrhaften Demokratie" auszubauen. Die „Wiedergutmachung" gegenüber den Juden sah er als „eine Pflicht". Schon im Sommer 1951 traf Adenauer erstmals mit einer Regierungsdelegation des jungen israelischen Staates zusammen. Dieses Treffen nannte der israelische Vertreter später „revolutionär". Das bedeutete auch, dass Deutschland schon bald im beginnenden Ost-West-Konflikt zum Mit-Akteur im westlichen Bündnis wurde.
Gegenspieler Adenauers in seinem ersten Kabinett war der bekennende Protestant, Innenminister Gustav Heinemann. Er war ein scharfer Kritiker von Adenauers Aufrüstungsplänen. Adenauer damals: „Ich halte es nicht für Gottes Wille, dass man dem Todfeind des Christentums, den Bolschewismus, keinen Widerstand entgegensetzt". Adenauer entließ Heinemann. Dieser gründete die Gesamtdeutsche Volkspartei, die weiterhin gegen einen „deutschen Wehrbeitrag" kämpfte.
Im linken Lager konnten sich neutralistische, religiös pazifistische und anti-westliche Stimmen Gehör verschaffen. 1952 starb Kurt Schumacher. Jetzt konnte sich entfalten, was „Kanzler-Demokratie" genannt wurde. Sie prägten die drei ersten Amtszeiten Adenauers. Der „Alte" wurde immer populärer.
Die „Neutralisierungspolitik" der SPD nannte er „eine Eselei". Schumachers Nachfolger Erich Ollenhauer wurde Adenauer nie gefährlich. Das zeigte sich deutlich bei der Bundestagswahl 1953.
Die Regierung Adenauer 1953
Auf den CDU-Wahlplakaten 1953 war zu lesen: „Alle Wege des Marxismus führen nach Moskau. Deshalb CDU". Damit wurde die SPD der Kollaboration mit Kommunisten beschuldigt. Das war perfide und zynisch. Das Ergebnis der Wahl am 6. September 1953: CDU/CSU 45,2 Prozent und 243 Sitze, die SPD landete wie festgemauert bei 28,8 Prozent und 151 Sitzen, die FDP bei 9,5 Prozent, die Deutsche Partei bei 3,3 Prozent und die neu gegründete Gesamtdeutsche Partei bei 5,9 Prozent. Adenauer bildete mit der FDP und den Gesamtdeutschen eine neue Regierung.
Das populärste Ereignis dieser Regierung gelang dem Kanzler als er 1956 ca. 10.000 deutsche Kriegsgefangene aus der Sowjetunion „heimholte" und dafür Moskau diplomatisch anerkannte. Doch dazu schrieb Gräfin Marion Dönhoff in der „Zeit": Adenauer habe mit der „Freiheit der Zehntausend die Knechtschaft der 17 Millionen (in der DDR F. A.) besiegelt". Freiheit war Adenauer stets wichtiger als Einheit.
Absolute Mehrheit für Adenauer 1957
Bei der Bundestagswahl 1957 hatte sich die SPD mit 31.8 Prozent um drei Prozent gegenüber 1953 verbessern können, war aber von einer Machtoption weiter entfernt denn je. Denn die Union hatte mit 50,2 Prozent die absolute Mehrheit gewonnen und damit alle kleineren Parteien – mit Ausnahme der FDP (7,7 Prozent) – unter die Fünf-Prozent-Marke gedrückt. Das hatte Adenauer im schon fast biblisch zu nennenden Alter von 81 Jahren geschafft.
Adenauer war auf dem Höhepunkt seiner Macht, aber auch auf dem Höhepunkt seines Starrsinns angekommen. Er wollte jetzt sogar Atomwaffen für Deutschland und nannte diese völlig falsch und verharmlosend „eine Weiterentwicklung der Artellerie". SPD, Gewerkschaften, die evangelische Kirche und Linkskatholiken und führende Wissenschaftler wie „Die Göttinger Achtzehn" riefen zum Widerstand auf. Sie waren die Vorgänger der später noch weit stärker gewordenen Friedensbewegung. Adenauer und sein Verteidigungsminister Strauß gerieten in die Defensive. Und der populäre Kanzler machte seinen Kardinalfehler seiner Kanzlerschaft: Er beanspruchte im April 1959 das Amt des nächsten Bundespräsidenten.
Er wollte damit den möglichen Kanzler Erhard, den er glaubte als seinen Nachfolger nicht mehr verhindern zu können, eindämmen. Dabei überschätzte er die Macht des Bundespräsidenten grandios. Und es begann die Kanzler-Dämmerung. Wenige Wochen später nahm er die Bewerbung als Bundespräsident zurück. Adenauer, der Patriarch!
Mein Bild vom „guten Opa Adenauer" begann zu bröckeln. Dennoch wurde ich in den Sechzigern Kreisvorsitzender der Jungen Union von Karlsruhe-Land mit Vorbehalten gegenüber der offiziellen Anti-Kommunismus-Politik der CDU.
Kanzlerdämmerung 1961
Das Ergebnis der vierten Bundestagswahl 1961: CDU/CSU 45,5 Prozent, SPD 32,2, und FDP 12,8 Prozent. Das reichte gut für eine schwarz-gelbe Regierung.
Schon im Jahr darauf erschütterte die „Spiegel-Affäre" die Bundesregierung. Adenauers Verteidigungsminister Strauß musste zurücktreten. Und schon ein weiteres Jahr später folgte Adenauers Rücktritt. Der „ewige Kanzler" konnte nicht verhindern, dass Erhard sein Nachfolger wurde.
Mit wenig Pathos verabschiedete sich Adenauer im Bundestag mit einer kurzen Rede: „Wir Deutsche dürfen unser Haupt wieder aufrecht tragen, denn wir sind eingetreten in den Bund freier Nationen".
Es überrascht wenig, dass heute selbst ein Grünen-Politiker wie Joschka Fischer bekennt: „Je älter ich werde, desto wichtiger wird Konrad Adenauer für mich". Auch ich, 1938 geboren, erlebte die Adenauer-Jahre voller Dankbarkeit als Zeit der Befreiung von der Hitlerei. Aus dem Kanzler nach der deutschen Katastrophe wurde der führungsstarke Begründer der zweiten deutschen Demokratie. Der immer Adenauer-kritische Spiegel-Herausgeber Rudolf Augstein schrieb zu Adenauers Tod: „Er war ein ganz großer Häuptling".
Er war ein noch größerer Europäer. Vor allem deshalb kommt heute das Bild vom „guten Opa Adenauer" wieder zurück. Zugleich weiß ich aber, dass Vergangenheit auch immer verklärt.
forum-Kurator Franz Alt ist promovierter Politikwissenschaftler, Journalist, Autor und einer der profiliertesten Vordenker der Energiewende in Deutschland. Er leitete über 20 Jahre das ARD-Magazin „Report", ist Bestsellerautor mit mehr als drei Millionen verkauften Büchern in 24 Sprachen und gilt als einer der meist geehrten Fernsehjournalisten des Landes.
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