Franz Alt
Gesellschaft | Politik, 06.02.2026
Wer nicht an Wunder glaubt, ist kein Realist
Zurzeit findet real und global das größte militärische Aufrüsten der Menschheitsgeschichte statt. Ein Kommentar von Franz Alt
Wir geben über drei Billionen Dollar, das sind über 3.000 Milliarden, für Kriegsvorbereitung aus und zur gleichen Zeit verhungern jedes Jahr Millionen Menschen. Das heißt konkret: Wir ermorden sie. Noch immer gilt die altrömische Formel: "Si vis pacem, para bellum – Wer Frieden will, muss den Krieg vorbereiten."
Aber auch immer mehr Menschen erinnern sich daran, wohin dieses Motto geführt hat: Zu Kreuzzügen, zum Dreißigjährigen Krieg, zum Kolonialismus, zum ersten und zweiten Weltkrieg, zu Hiroshima und Nagasaki, zum Ukraine-Krieg und den Nahost-Kriegen sowie zum Wahnsinn des heutigen Wettrüstens. Wollen wir einfach so weitermachen? Oder sind wir lernfähig?Wie wäre es mal mit dem Versuch eines neuen Mottos: Wer Frieden will, muss den Frieden vorbereiten? Zugegeben, diese Idee ist leicht mit Phantasterei und Blauäugigkeit zu diskriminieren. Aber haben wir eine wirklich menschliche und vernünftige Alternative? Schaffen wir es, in dieser großen Krisenzeit über Alternativen nachzudenken und diese auch umzusetzen? Haben wir hierfür Vorbilder?
Michail Gorbatschow hat als Realpolitiker in genau so einer Krisenzeit Alternativen aufgezeigt und zusammen mit dem US-Präsidenten Ronald Reagan, der weiß Gott kein Pazifist war, dafür gesorgt, dass 80 Prozent der damaligen Atomwaffen verschrottet wurden.
Die Gefahr eines Atomkriegs und der immer dramatischer werdende Klimawandel sind die größten Gefahren für die Zukunft der heutigen Menschheit. Wie schaffen wir es, in dieser großen Gefahrenzeit noch und wieder auf die herausfordernde Kraft der Zuversicht für eine bessere Welt zu vertrauen und dafür zu arbeiten? Das ist die Frage aller Fragen. Zuversicht ist eine göttliche Tugend, aber auch eine menschliche.
Es gibt zur Lösung der heutigen Probleme sicherlich kein Patentrezept. Aber doch auch einige Hoffnungszeichen. Schließlich haben bereits über 100 Mitgliedsstaaten der Vereinten Nationen, das ist sogar die Mehrheit der UN-Mitglieder, den Atomwaffenverbotsvertrag als völkerrechtlich verbindlich anerkannt. Warum können wir heute nicht schaffen, was unter Gorbatschow möglich war? Er hat es doch vorgemacht.
Auch beim Klimawandel gibt es Hoffnungszeichen. Vor über zehn Jahren haben es in Paris sogar alle 196 UN-Staaten geschafft, sich auf das Ziel zu einigen, dass es global nicht wärmer werden darf als 1.5 bis zwei Grad gegenüber der vorindustriellen Zeit. Jetzt sollte plötzlich die Ökologie so wichtig sein wie die Ökonomie. Der Respekt vor dem Lebendigen und das Bewusstsein unserer Endlichkeit standen plötzlich im Mittelpunkt, schreibt die französische Philosophin Corine Pellechon.
Dass diese Paris-Ziele noch immer erreichbar sind, haben eben erst im Jahr 2025 die Milliardenvölker Indien und China bewiesen, indem ihre CO2-Emissionen erstmals gesunken sind, fünf Jahre früher als zuvor geplant. Wir haben noch immer die Chance auf eine umweltfreundlichere, klimafreundliche, friedlichere und gerechtere Welt, in der kein Kind mehr verhungern muss. Denn ohne die Wahnsinnssummen fürs Militär werden riesige Geldmengen für eine bessere Welt frei.
Michail Gorbatschow sagte in unserem gemeinsamen Buch „Kommt endlich zur Vernunft – Nie wieder Krieg": „Ein Atomkrieg wäre der letzte Krieg der Menschheitsgeschichte, denn danach gäbe es keine Menschen mehr, die noch einen Krieg führen könnten." Sollten wir noch rechtzeitig zur Einsicht und im Gorbatschow'schen Sinne „zur Vernunft" kommen, haben wir im 21. Jahrhundert mit den neuen Kommunikations-Technologien beste Aussichten für eine bessere und friedlichere Welt. Auch das Ende der NATO kann eine historische Chance sein, so wie es das Ende des Warschauer Paktes in den Neunzigern war.
Wer nicht an Wunder glaubt, ist kein Realist
Kaum jemand glaubte vor 1989 an die friedliche Wiedervereinigung Deutschland, aber sie kam. Kaum jemand glaubte an den Fall der Berliner Mauer, aber sie fiel. Nach 1945 glaubte kaum jemand an die friedliche europäische Einigung innerhalb der Europäischen Union, doch sie kam. Nach nie nach 1945 hat ein Mitglied der EU ein anderes EU-Mitglied mit Krieg überzogen, was zuvor ständig der Fall war. Meine Eltern hielten das noch für unmöglich. In meiner Lebenszeit haben wir ein Reihe von politischen Wundern erlebt. Wer aber überlebt, lebt danach intensiver. Das ist die Chance jeder Krise. Auch heute und morgen.
Aus dem heute erschreckten Europa kann in Zukunft ein erwachtes und erwachsenes Europa werden. Putin, Trump und Xi leben nicht ewig. Danach kann dieser Kontinent seine politische und wirtschaftliche Macht zum Guten in der Welt einsetzen.
Franz Alt ist forum-Kurator sowie promovierter Politikwissenschaftler, langjähriger Fernsehjournalist (u. a. ARD/3sat) und Bestsellerautor mit über drei Millionen verkauften Büchern. Als einer der am meisten ausgezeichneten Journalisten Deutschlands engagiert er sich seit Jahrzehnten für Energiewende, Menschenrechte und spirituelle Fragen.
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Franz Alt, Jahrgang 1938, hat Politische Wissenschaft, Theologie, Geschichte und Völkerrecht studiert und über Konrad Adenauer promoviert. 20 Jahre lang leitete und moderierte er in der ARD das politische Magazin „Report", danach in 3sat die Magazine „Querdenker" und „Grenzenlos".
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