Eckard Christiani

Fahrt aufnehmen, Zukunft gestalten

Über die Mobilitätswende und mutige Städte

„Wir können nicht nur darüber sprechen, wie wir künftig fahren wollen – wir müssen uns fragen, wie wir leben wollen." Katja Diehl geht es beim Thema Mobilität um mehr als Technik oder neue Verkehrsmittel. Die Mobilitätsexpertin, Autorin und Aktivistin steht für eine andere, gerechtere Zukunft. Im forum-Interview spricht sie über Visionen, politische Versäumnisse, den Mut zur Veränderung – und über die Menschen, die heute schon beweisen, dass es anders geht.

Paris wird zum strahlenden Vorbild: Bürgermeisterin Anne Hidalgo ließ das Seine-Ufer für Autos sperren, hat auf den meisten Straßen Tempo 30 durchgesetzt und treibt den Ausbau von Fahrradwegen voran. © PCA-StreamKennen Sie die drei V der Mobilitätswende? Vermeiden. Verlagern. Verbessern. Was wie ein technokratischer Dreiklang klingt, ist für Katja Diehl ein Kompass – nicht nur in Sachen Klimaschutz, sondern für eine lebenswertere Gesellschaft. „Das Konzept der „Drei V" ist nicht neu, aber es wird immer noch zu wenig umgesetzt. Und es wird meist nur auf CO2-Reduktion reduziert – dabei geht es doch auch um Gerechtigkeit."

Vermeiden bedeutet: Wege erst gar nicht entstehen lassen. „Dass wir dieses Gespräch online führen, ist bereits gelebte Vermeidung", sagt sie. „Viele Geschäftsreisen ließen sich problemlos einsparen – das spart Zeit, Nerven und CO2." Verlagern meint, klimaschädliche Verkehrsträger durch klimafreundliche zu ersetzen.
 
Sie selbst reist bevorzugt mit dem Zug, gerne auch im Nachtzug. „Nach Wien zum Beispiel: Ich spare eine Hotelübernachtung, komme entspannt morgens an und spare dabei jede Menge Emissionen." Das dritte V, Verbessern, fasziniert viele Menschen am meisten – E-Autos, autonomes Fahren, neue Technologien. Doch Diehl warnt vor übertriebenen Erwartungen: „Technik allein wird uns nicht retten. Wer heute auf die eine Revolution wartet, auf die Wunderlösung, hat die Wende längst verschlafen."

Warum wir das Auto lieben – und warum das ein Problem ist
Doch warum fällt die Mobilitätswende so schwer? Warum klammern sich viele Menschen ans Auto, als wäre es ein Teil ihrer Identität? „Das Auto steht in Deutschland für Aufstieg, für Sicherheit, für ein Stück Freiheit", erklärt Diehl. Nach dem Krieg habe es für viele das Wirtschaftswunder verkörpert. Die Städte wurden autogerecht geplant, die Suburbanisierung vorangetrieben. „So entstanden Abhängigkeiten, die wir heute noch spüren. Wer heute ein Haus am Stadtrand hat, braucht ein Auto – weil Nahversorgung und Alternativen fehlen."

Das Auto ist längst mehr als ein Fortbewegungsmittel. „Es ist ein Lifestyle-Objekt", sagt sie. „Der erste Eindruck entsteht oft noch vor dem Händedruck – beim Blick aufs Auto." Der durchschnittliche Deutsche investiert rund 44.000 Euro in ein Auto – nach der Immobilie ist das oft die größte Investition im Leben. „Das zeigt, welchen Stellenwert das Auto hat. Aber es erklärt auch, wie schwer es ist, diese Fixierung aufzubrechen."
 
Und wenn sie das tut – wenn sie laut ausspricht, dass der „Kaiser nackt ist", wie sie es nennt –, erntet sie nicht nur Zustimmung. „Ich habe gelernt, dass viele Veränderungen nicht an der Technik scheitern, sondern an der Kommunikation. Wer die bequemen Narrative infrage stellt, gilt schnell als ideologisch oder emotional."
 
„Das Auto hat in der Geschichte Deutschlands eine besondere Rolle gespielt: Nach dem Zweiten Weltkrieg, in einem moralisch und physisch zerstörten Deutschland, symbolisierte es den Wiederaufbau.”
Katja Diehl
 
Wie es anders geht – und wo

Buchtipp

Katja Diehl
Das Standardwerk zur Verkehrswende
 
Ein Buch für alle, die Mobilität neu denken wollen:
Katja Diehl zeigt anhand systemischer Analysen und zahlreicher Praxisbeispiele, wie wir unsere Städte sowie ländlichen Räume lebenswerter machen können.

S. Fischer Verlag, 20,00 Euro
Dabei gibt es längst gute Beispiele. Paris etwa, wo Bürgermeisterin Anne Hidalgo mit der „15-Minuten-Stadt" eine neue Vision von urbanem Leben verwirklicht. Oder Barcelona mit seinen Superblocks: zusammengefasste Einheiten aus mehreren gewöhnlichen Häuserblocks, die so umgestaltet werden, dass der Durchgangsverkehr weitgehend ausgeschlossen wird und Straßenflächen für Fußgänger, Radfahrer und Begegnung neu gestaltet werden. Ziel ist es, dadurch Lärm, Schadstoffe und Verkehrsrisiken zu verringern und lebenswertere, klimafreundlichere Stadträume zu schaffen.

Diehl nennt auch Nordhorn: „Dort hat ein mutiger Stadtbaurat es geschafft, den Radverkehrsanteil auf 40 Prozent zu steigern – durch kurze Wege, durchdachte Radwege und Innenentwicklung statt Zersiedelung." Oder Hannover, wo Region und Stadt gemeinsam die autofreie Stadt vorantreiben – trotz politischer Widerstände. „Und dann gibt es Leipzig. Oberbürgermeister Jung hat erkannt, dass seine letzte Amtszeit auch eine Chance ist, mutig zu handeln.
 
Er hat klar gesagt: Jetzt packe ich das an." Ein Radweg, eine halbe Autospur grün eingefärbt – und schon brodelt die Debatte. Diehl erzählt, wie ein Taxifahrer in Leipzig sich über eben diesen Weg empörte: „Zweimal am Tag ist da Stau." Das Niveau solcher Diskussionen zeige, wie emotional und irrational viele Debatten verlaufen.

Politik, Medien – und die Macht der Geschichten
Diehl macht keinen Hehl daraus, dass sie von der Politik mehr erwartet. „Ich wünsche mir Visionen, die erlebbar gemacht werden – wie in Paris oder Barcelona." Sie erinnert sich an ein Dinner mit Vertretern der Autoindustrie, bei dem auch Joschka Fischer sprach – und Nico Rosberg später eintraf, weil sein Flieger Verspätung hatte. „Er sagte: Wenn der Verkehrssektor so wenig spart, müsste die Regierung eine große Kampagne starten, um Menschen vom Auto wegzubringen.
 
Und ich dachte: Genau das ist es!" Die Medien sieht sie in der Pflicht, konstruktiver zu berichten. „Wir brauchen eine neue Erzählung. Journalismus muss Lust auf Veränderung machen." Sie wünscht sich Artikel, die auch Alltagsphänomene hinterfragen – etwa die Klimabilanz von Tourneen wie der von Taylor Swift. „Das mag banal klingen, aber es geht darum, Bewusstsein zu schaffen."
 
„Paris zeigt mit der Idee der 15-Minuten-Stadt: Durch klare Kommunikation und Visualisierung können Menschen für eine Vision gewonnen werden.”
Katja Diehl

Unternehmerischer Mut und zivilgesellschaftliches Engagement
Veränderung beginnt nicht immer im Parlament – oft startet sie in der Garage, im Vereinsraum oder auf dem eigenen Fahrrad. Für Katja Diehl sind es diese kleinen, oft übersehenen Initiativen, die die größte Hebelwirkung entfalten können. Sie erzählt vom Landkreis Leer in Ostfriesland, wo zwei junge Männer während der Pandemie ein einfaches, aber geniales System auf die Beine stellten: ein digital organisiertes Rufbussystem, das wie ein individueller Shuttle-Dienst funktionierte – pünktlich, kostengünstig und überraschend zuverlässig.
 
„Das war kein Großkonzern, das war keine Behörde", erzählt Diehl. „Das waren zwei Menschen mit einer Idee und dem Mut, sie umzusetzen." Die Fahrten kosteten nur zwei Euro, Eltern schickten ihre Kinder zur Schule, Senioren fuhren zum Supermarkt, sogar Essenslieferungen wurden darüber abgewickelt. „Plötzlich war Mobilität wieder etwas, das allen offenstand – nicht nur denen mit Führerschein und eigenem Auto."

Doch als die akute Pandemiephase vorbei war, wollte die Politik das Experiment beenden und zum klassischen Linienbussystem zurückkehren. „Da haben sich die Bürger gewehrt", berichtet Diehl. Besonders Ältere und Jugendliche, die auf das flexible Angebot angewiesen waren, setzten sich für den Erhalt ein – mit Leserbriefen, Petitionen und öffentlichen Aktionen. „Das zeigt, wie groß das Bedürfnis nach echter Teilhabe an Mobilität ist – und dass sich Menschen dafür einsetzen, wenn man ihnen die Chance gibt."
 
Sharing, Barrierefreiheit, Lastenräder – einfache, geniale Lösungen!
Fünf Vorbilder...
 
... für eine nachhaltigere Stadt-Mobilität
  • Nordhorn, mit seinem mutigen Stadtbaurat, der den Radverkehr auf 40 Prozent brachte
  • Hannover, das trotz politischer Widerstände an der autofreien Stadt arbeitet
  • Leipzig, wo Oberbürgermeister Jung die Freiheit seiner letzten Amtszeit nutzt
  • Barcelona, mit seinen Superblocks und einer aktiv eingebundenen Bürgerschaft
  • Paris, wo Visionen sichtbar und erlebbar gemacht werden – und das Fahrrad heute das Auto überholt hat
Ein weiteres Beispiel: Florian Wahlberg, ein Unternehmer aus Hamburg, der mit seinen innovativen E-Scooter- und Sharing-Konzepten über Jahre hinweg gezeigt hat, wie Mobilität vielfältiger und inklusiver gedacht werden kann. Für ihn ist klar: Ein Verkehrsmittel allein löst kein Problem – es braucht ein multimodales Ökosystem, das Fahrrad, ÖPNV, Scooter, Carsharing und zu Fuß gehen sinnvoll miteinander verbindet. „Wahlberg ist keiner, der nur das nächste hippe Start-up launcht. Er denkt in Systemen – und das macht ihn so wertvoll", sagt Diehl.

Dann sind da die Sozialhelden, die sich der inklusiven Mobilität verschrieben haben. Ihre Plattform „Wheelmap" etwa ermöglicht es Menschen im Rollstuhl, weltweit rollstuhlgerechte Orte zu finden. „Das ist Mobilität aus einer anderen Perspektive gedacht – aus der von Menschen, die sonst oft vergessen werden. Und das mit einfachen, digitalen Mitteln." Für Diehl ist das ein Paradebeispiel dafür, wie soziale Inno­vation zur Mobilitätswende beiträgt.

Nicht zu vergessen: die „freien Lastenräder" – ein deutschlandweites Netzwerk, in dem Bürger Lastenfahrräder kostenlos ausleihen können. Finanziert durch Spenden, organisiert durch Ehrenamtliche. „Das ist gelebte Gemeinwohlökonomie", sagt Diehl. „Statt Besitz: Zugang. Statt Auto: Gemeinschaft." Und obwohl diese Initiativen leise sind, wirken sie tief. Sie verändern die Wahrnehmung dessen, was Mobilität sein kann – und wer daran teilhaben darf.

„Diese Beispiele zeigen, dass Wandel nicht auf Bundesgesetze warten muss", betont Diehl. „Er passiert längst – dezentral, vielfältig, mutig." Es sind genau diese Geschichten, die Hoffnung machen: von Menschen, die nicht nur über neue Mobilität reden, sondern sie leben. Und dabei zeigen, dass die Verkehrswende keine abstrakte Vision ist – sondern ein Prozess, der überall beginnt, wo jemand den ersten Schritt macht.

Sexy ist, was funktioniert
„Neue Mobilitätsformen sind genauso sexy wie das Auto", sagt Diehl. In Paris erlebt sie, wie Mobilität lässig und selbstverständlich sein kann – Businessleute auf Elektrorollern, sichere Radwege, eine andere Atmosphäre. „Diese Lässigkeit ist es, die wir brauchen – nicht nur coole Produkte, sondern gute Geschichten." Auch finanziell hat der öffentliche Verkehr die Nase vorn: „Ich finde es einfach unsinnig, 100 Euro im Monat für ein Auto auszugeben, das 23 Stunden am Tag nur rumsteht."

Der Weg ist da – wir müssen ihn nur gehen
Für Katja Diehl steht fest: Die Veränderung kommt – die Frage ist nur, wie schnell und wie gerecht. „Wir brauchen mehr Menschen, die sich einmischen. Die Leserbriefe schreiben, sich in Ausschüsse setzen, ihre Stimme erheben." Sie erzählt von einem Bürgermeister, der mit Polizeischutz leben musste, weil er Radwege durchsetzen wollte – und nach der Umsetzung Applaus bekam. „Da fragte er die Leute: Warum habt ihr mich nicht früher unterstützt? Und sie sagten: Wir fanden das doch gut." Die meisten, die Veränderung wollen, seien still – das müsse sich ändern. „Demokratie braucht Beteiligung. Nur dann entsteht echte Transformation."

Katja Diehl bleibt trotz allem optimistisch. „Die Ideen sind da. Die Technik ist da. Es fehlt nicht an Lösungen – es fehlt an Mut, an politischem Willen und an einer neuen Erzählung." Der Kaiser ist nackt, sagt sie. Und vielleicht ist genau das der erste Schritt zur Veränderung: Es laut auszusprechen – und dann gemeinsam etwas Neues anzuziehen.

Hinweis: Ein ausführliches Gespräch mit Katja Diehl finden Interessierte im Band 6 der „morgen"-Buchreihe: „wie wir morgen unterwegs sein wollen" (24,90 Euro).
 
Eckard Christiani ist Journalist, Corporate Publisher und Herausgeber der Buchreihe „morgen – wie wir leben wollen". Er schreibt regelmäßig über gesellschaftlichen Wandel, neue Perspektiven und das Morgen.

Dieser Artikel ist in forum 04/2025 - Zukunft gestalten erschienen.

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