Christoph Quarch
Technik | Mobilität & Transport, 11.09.2025
"It's all about Mobility."
Büßen wir nicht ein, worum es uns letztlich geht - Freiheit und Lebendigkeit?
Der Slogan der diesjährigen Internationalen Automobilmesse in München klingt wie ein Versprechen, mit dem die angeschlagene Automobilbranche beim Verbraucher punkten möchte. Denn mobil sein wollen wir doch alle. Wie sonst lässt sich erklären, dass die Zahl der zugelassenen PKW in Deutschland noch nie so hoch war wie in diesem Jahr? Umso erstaunlicher, dass die Automobilhersteller trotzdem schwächeln und nach Subventionen rufen. Was ist los im Autoland Deutschland? Ist das Auto noch des Deutschen liebstes Kind - oder beginnt es, seinen Nimbus zu verlieren? Darüber unterhält sich forum mit dem Philosophen Christoph Quarch.

Herr Quarch, "It's all about Mobility" – lässt sich diese Formulierung auf unser aller Leben übertragen: Dreht sich bei uns nicht auch alles – oder wenigstens vieles – um Mobilität?

Absolut. Mobilität ist das, was von Freiheit übrigbleibt, wenn man sich in einer Welt von Konsum und Materialismus eingerichtet hat – also in der Welt von heute. In ihr leben Menschen, die sich Glück und Sinnerfüllung davon versprechen, dass sie sich ihre Wünsche erfüllen und ihre Ziele erreichen. Deshalb sind sie ständig unterwegs, denn wenn ein Ziel erreicht ist, brauchen sie sogleich ein neues Projekt, das sie in Bewegung hält. Mobilität ist deshalb eine Lebensform geworden – allerdings eine Lebensform, die die Menschen zugleich isoliert. Jeder verfolgt seine eigenen Ziele, jeder ist auf seinem eigenen Weg. Diese Haltung spiegelt sich im Individualverkehr. Jeder sitzt in seinem eigenen Auto und verspricht sich davon Glück und Freiheit, findet aber weder das eine noch das andere.
Aber es gibt doch auch viele Menschen, die das Auto für die Arbeit nutzen und nicht für die private Glückssuche. Wer auf dem Land wohnt, hat oft gar keine andere Wahl, als ins Auto zu steigen, um seine Einkäufe zu tätigen oder zur Arbeit zu kommen.
Klar, aber dazu ist es doch erst gekommen, weil immer mehr Menschen aufs Auto umgestiegen sind. Und warum sind sie das? Weil das Auto in Aussicht stellt, was sich die meisten Menschen mindestens genauso sehr wünschen wie Mobilität - nämlich Bequemlichkeit und Sicherheit. Schauen Sie sich nur die Entwicklung der PKWs an: Immer größer, immer sicherer, immer mehr Elektronik. Vergleichen Sie einen beliebigen SUV mit einem Fiat Cinquecento aus den 1960ern, dann wissen Sie, was ich meine. Autos spiegeln die Mentalität. Und dabei fällt eines auf – eine merkwürdige Dialektik, wie wir Philosophen das nennen. Je mehr Mobilität wir wollen und je mehr sich dieser Wunsch mit unserem Bedürfnis nach Sicherheit und Bequemlichkeit verbindet, desto mehr büßen wir das ein, worum es uns am Ende wirklich geht: Freiheit und Lebendigkeit.
Wie kommen Sie darauf?
Die Symptome sind vielfältig: Vierzig Prozent der Deutschen leiden unter Bewegungsarmut; weil wir uns bewegen lassen, statt uns selbst zu bewegen. Und selbst wenn wir im Auto sitzen, kommen wir oft nicht von der Stelle, weil alles mit anderen Autos vollgestellt ist. Gleichzeitig machen wir uns immer mehr abhängig vom Auto. So wird das Freiheitsvehikel zum Gefängnis – im Großen wie im Kleinen. Nehmen Sie die Automobilindustrie: Ausgerechnet diejenigen, die Mobilität auf ihre Fahnen schreiben, haben aufgrund ihrer geistigen Unbeweglichkeit den Anschluss an die technologische Entwicklung verpasst. Und die Politik hat aufgrund ihrer Unbeweglichkeit versäumt, unser Land aus der Abhängigkeit von der Automobilbranche zu befreien. Also: Egal, wo man hinschaut. Das Auto, das Symbol der individuellen Bewegungsfreiheit ist dabei, sich in sein Gegenteil zu verkehren. Und darin liegt eine große Chance. Vielleicht begreifen wir, dass Freiheit viel mehr ist als Mobilität – und dass wirkliche Freiheit darin besteht, frei zu sein vom Hunger nach Sicherheit und Bequemlichkeit.
Dann müssen Sie uns aber doch noch verraten, was diese wirkliche Freiheit sein soll, von der Sie da reden.
Und damit sind wir mitten auf dem Feld der Philosophie, die sich mit dieser Frage herumschlägt und dabei sehr unterschiedliche Antworten zeitigt. Was hier hinpasst, ist die Auffassung der Stoiker. Sie waren davon überzeugt, dass Freiheit eine Angelegenheit des Denkens ist: das Sich-Freimachen von geistigen Gefängnissen, die wir uns mit unseren Denkgewohnheiten und Glaubenssätzen selbst bauen. Der Mobilitätswahn ist so ein Gefängnis. Wer sagt denn, dass das Glück nur da zu finden ist, wo wir Ziele erreichen und unsere Wünsche erfüllen. Wissen wir nicht alle, das glücklich vor allem diejenigen sind, die wunschlos sind: d.h. die sich an dem erfreuen, was ist, anstatt immer irgendwohin zu müssen. Und wenn wir unseren Sinn an Ort und Stelle finden, treffen wir dort auch die echte Freiheit.

Der Philosoph, Speaker und Bestseller-Autor Christoph Quarch begleitet Unternehmen, unterrichtet an verschiedenen Hochschulen und veranstaltet philosophische Reisen. In seinen Vorträgen und Büchern greift er auf die großen Werke der abendländischen Philosophie zurück, um diese in eine zeitgemäße Lebenskunst und Weltdeutung zu übersetzen. Gemeinsam mit seiner Frau Christine Teufel gründete er die Neue Platonische Akademie für eine geistige Erneuerung der Gesellschaft.
Aktuelle Bücher von ihm sind „Wacher Geist und fester Schritt. The Donkey School for Leadership" (2024), „Schönheit rettet die Welt” (2024) und "Der Club der alten Weisen" (2023).
Mehr zu ihm unter christophquarch.de und akademie-3.org
Weitere Artikel von Christoph Quarch:
Urlaub machen, wo die Feuerwehr im Dauereinsatz ist?
Christoph Quarchs philosophischer Blick auf die verheerenden Brände in Südeuropa und jetzt auch Schottland
Unermüdlich ringen die Feuerwehrleute im Südwesten Frankreich mit einer beispiellosen Feuersbrunst, vor der Hunderttausende evakuiert werden mussten und die schon ganze Straßenzüge in Schutt und Asche legte. Auch Spanien kämpft seit Wochen mit Waldbränden. Auf der griechischen Insel Paros mussten die Einwohner an den Strand fliehen, um den Flammen zu entkommen.
Christoph Quarchs philosophischer Blick auf die verheerenden Brände in Südeuropa und jetzt auch Schottland
Unermüdlich ringen die Feuerwehrleute im Südwesten Frankreich mit einer beispiellosen Feuersbrunst, vor der Hunderttausende evakuiert werden mussten und die schon ganze Straßenzüge in Schutt und Asche legte. Auch Spanien kämpft seit Wochen mit Waldbränden. Auf der griechischen Insel Paros mussten die Einwohner an den Strand fliehen, um den Flammen zu entkommen.
Erfolgreicher Kinostart von "The Odyssee" in USA
Der Philosoph und Mythologie-Experte Christoph Quarch analysiert, was uns der Anti-Held heute sagen kann
"Die Odyssee" von Christopher Nolan ist angelaufen - ein Film, der schon vor der Premiere kontrovers diskutiert wurde. Lobeshymnen kommen aus der Gaming-Branche, die sich an der epischen Bildsprache ergötzt, griechische Medien beklagen, dass keine griechischen Akteure gecastet wurden. Und Elon Musk ereifert sich mit rechten US-Influencern darüber, dass die Rolle der schönen Helena von einer Farbigen gespielt wird.
Der Philosoph und Mythologie-Experte Christoph Quarch analysiert, was uns der Anti-Held heute sagen kann
"Die Odyssee" von Christopher Nolan ist angelaufen - ein Film, der schon vor der Premiere kontrovers diskutiert wurde. Lobeshymnen kommen aus der Gaming-Branche, die sich an der epischen Bildsprache ergötzt, griechische Medien beklagen, dass keine griechischen Akteure gecastet wurden. Und Elon Musk ereifert sich mit rechten US-Influencern darüber, dass die Rolle der schönen Helena von einer Farbigen gespielt wird.
Der Rummelplatz als Kulturgut
Christoph Quarchs Gedanken zur Volksfestzeit
Sommerzeit ist Volksfestzeit: Ob Kirmes, Schützenfest oder Jahrmarkt - an vielen Orten werden im Juli und August die Festzelte aufgebaut. Nicht nur zur Freude der Besucher, sondern auch einer ganzen Branche: Tatsächlich haben sich Volksfeste hierzulande zu einem erfolgreichen Wirtschaftszweig entwickelt. Mit Stolz vermeldet der Deutsche Schaustellerbund DSB, dass in Deutschland jährlich rund 10.000 große und kleine Volksfeste von mehr als 200 Millionen Menschen besucht werden.
Christoph Quarchs Gedanken zur Volksfestzeit
Sommerzeit ist Volksfestzeit: Ob Kirmes, Schützenfest oder Jahrmarkt - an vielen Orten werden im Juli und August die Festzelte aufgebaut. Nicht nur zur Freude der Besucher, sondern auch einer ganzen Branche: Tatsächlich haben sich Volksfeste hierzulande zu einem erfolgreichen Wirtschaftszweig entwickelt. Mit Stolz vermeldet der Deutsche Schaustellerbund DSB, dass in Deutschland jährlich rund 10.000 große und kleine Volksfeste von mehr als 200 Millionen Menschen besucht werden.
By the dawn's early light
Christoph Quarchs Überlegungen zum 250. Jahrestag der Unterzeichnung der Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten von Amerika
Am 4. Juli jährt sich zum 250. Mal die Unterzeichnung der Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten von Amerika, mit der sich 13 nordamerikanische Kolonien von der britischen Krone lossagten und damit den Grundstein für die heutige USA legten. Und nicht nur das: Die Autoren - allen voran Thomas Jefferson - begründeten ihren Schritt durch die Berufung auf allgemeine und unveräußerliche Menschenrechte.
Christoph Quarchs Überlegungen zum 250. Jahrestag der Unterzeichnung der Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten von Amerika
Am 4. Juli jährt sich zum 250. Mal die Unterzeichnung der Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten von Amerika, mit der sich 13 nordamerikanische Kolonien von der britischen Krone lossagten und damit den Grundstein für die heutige USA legten. Und nicht nur das: Die Autoren - allen voran Thomas Jefferson - begründeten ihren Schritt durch die Berufung auf allgemeine und unveräußerliche Menschenrechte.
Hinaus in die Wildnis!
Christoph Quarchs Blick auf die junge Kulturgeschichte von Naturschutz und Naturtourismus
Wenn der Sommer heiß läuft, zieht es die Menschen hinaus in die Natur. Wälder und Seen, Berge und Flüsse verheißen nicht nur eine willkommene Abkühlung, sondern auch einen wohltuenden Tapetenwechsel; der jedoch nicht immer gelingt. Denn Hitze und Trockenheit machen auch der Natur zu schaffen. Kahlschlag im Wald, Quallen im Meer und Blaualgen im Badesee können einem die Urlaubsfreude vergällen.
Christoph Quarchs Blick auf die junge Kulturgeschichte von Naturschutz und Naturtourismus
Wenn der Sommer heiß läuft, zieht es die Menschen hinaus in die Natur. Wälder und Seen, Berge und Flüsse verheißen nicht nur eine willkommene Abkühlung, sondern auch einen wohltuenden Tapetenwechsel; der jedoch nicht immer gelingt. Denn Hitze und Trockenheit machen auch der Natur zu schaffen. Kahlschlag im Wald, Quallen im Meer und Blaualgen im Badesee können einem die Urlaubsfreude vergällen.
Frau Reiche – es reicht!
forum 03/2026
- Resilienz
- Klimafinanzierung
- Wald
- Startups
Kaufen...
Abonnieren...
11
SEP
2026
SEP
2026
Den Demokratie-Muskel stärken – Zusammen für das Gemeinwohl!
Training mit Christian Felber & Roman Huber
38489 Beetzendorf
Training mit Christian Felber & Roman Huber
38489 Beetzendorf
11
SEP
2026
SEP
2026
Den Demokratie-Muskel stärken
Live-Online-Training in Echtzeit mit Grit Bümann, Roman Huber, Christian Felber
online
Live-Online-Training in Echtzeit mit Grit Bümann, Roman Huber, Christian Felber
online
22
OKT
2026
OKT
2026
csrTAG 2026 – Nachhaltigkeit als Wirtschaftsfaktor
R³essourcen. R³esilienz. R³entabilität. - Ticketverkauf gestartet
A-6236 Alpbach
R³essourcen. R³esilienz. R³entabilität. - Ticketverkauf gestartet
A-6236 Alpbach
Anzeige
Der Mittelstand im ESG-Dschungel. Sie müssen nicht alles machen. Sie müssen nur wissen, was.
Sie erhalten einen klaren Fahrplan: was jetzt zu tun ist, was Sie auf dem Schirm behalten sollten und was Sie getrost ignorieren können.
Digitalisierung
Magnifica Humanitas - Über die Bewahrung des Menschen im Zeitalter der Künstlichen IntelligenzChristoph Quarch begrüßt die Enzyklika von Papst Leo XIV. als wertvollen Debatten-Beitrag
Jetzt auf forum:
Zukunft wird gemacht – nicht verwaltet
EEG: Strommarkt sollte viele einbinden, nicht wenige begünstigen
"I want you to act as if our house is on fire. Because it is."
Urlaub machen, wo die Feuerwehr im Dauereinsatz ist?
Neue Hitzewelle: Intakte Natur schützt vor Hitze und Trockenheit





















