66 seconds for the future - forum zeigt Zukunftsgestalter:innen und Nachhaltigkeitspionier:innen
Christoph Quarch

Hat das Instrument der Demonstrationen ausgedient?

Christoph Quarch betrachtet die Massendemonstrationen in Georgien, Serbien und der Türkei

In Istanbul gehen die Proteste gegen die Inhaftierung des Bürgermeisters und Erdogan-Rivalen Ekrem Imamoglu mit Großkundgebungen in die zweite Woche. Seit vier Monaten demonstrieren Tausende Georgier in Tiblissi gegen die pro-russische Regierung und für eine Annäherung an die EU. Auch in mehreren Teilen Serbiens gehen Hundertausende gegen Korruption und Machtmissbrauch auf die Straße. Offenbar sind derzeit Millionen von Menschen nicht länger bereit, sich von Autokraten und anti-demokratischen Regierungen gängeln oder unterdrücken zu lassen. Und doch ändert sich nichts. Die Machthaber sitzen, so scheint es, fester im Sessel denn je. Hat das Instrument der Demonstrationen womöglich ausgedient? Und was bedeutet das für die Demokratie? Darüber reden wir mit dem Philosophen Christoph Quarch.

© PlanetMallika, pixabay.com

Herr Quarch, können Massenkundgebungen wie in Istanbul oder Belgrad überhaupt noch etwas bewirken?
Es ist schwer, diese Frage abschließend zu beantworten, denn wir wissen ja noch nicht, wie die Proteste in Georgien, Serbien und Istanbul ausgehen werden. Tatsächlich bin ich nicht sehr optimistisch, dass ihnen Erfolg beschieden sein wird. Die Machthaber verfügen in der technischen Informationsgesellschaft einfach über zu viele Überwachungsinstrumente und Gewaltmittel, mit denen sie jeden Widerstand kleinhalten oder brechen können. Mir fällt in diesem Zusammenhang die Philosophin Hannah Arendt ein, die in den 1970er Jahren einen Essay über "Macht und Gewalt" schrieb. Darin sagt sie, dass die Gewaltmittel einer kleinen Gruppe von Herrschenden in der Lage sind, die Macht einer großen Menschenmenge zu brechen. Ich fürchte, diese Beobachtung ist heute noch wahrer als vor 50 Jahren.

In den genannten Ländern sind die Ordnungskräfte nicht davor zurückgeschreckt, mit ungebremster Gewalt gegen Demonstrierende vorzugehen. Trotzdem haben sie sich nicht einschüchtern lassen.
Dass die Menschen trotzdem weitermachen, zeigt, wie ernst es ihnen wirklich ist. Und das stärkt ihre Position. Daneben gilt natürlich auch hier die alte Regel: Steter Tropfen höhlt den Stein - zumal, wenn eine große Menge mitzieht. Hannah Arendt vertrat den Standpunkt, dass genau auf diese Weise politische Macht erzeugt wird: dadurch, dass eine wachsende Zahl von Menschen bereit ist, sich in der Öffentlichkeit, unter Gefahr für Leib und Leben, über einen langen Zeitraum für ein gemeinsames Anliegen einzusetzen. Diese demokratische Macht kann sich verselbständigen und die Fundamente eines Regimes ins Wanken bringen - etwa dann, wenn sich Polizisten oder Soldaten den Demonstranten anschließen. Aber sie kann auch durch den Einsatz blanker Gewalt vernichtet werden. Und das ist heute viel einfacher als noch vor einigen Jahrzehnten.

Aber es gibt auch andere Beispiele. Denken wir nur an die Montagsdemos in Leipzig, die irgendwann zum Fall der Mauer führten. Könnte sich so etwas nicht auch heute wiederholen?
Die Mauer ist vermutlich gefallen, weil das hinter ihr stehende Regime bereits völlig morsch war. Ob das auch für Georgien, Serbien und die Türkei gilt, steht abzuwarten. Und genau deshalb sind die Demonstrationen so wichtig: weil sie das probate Mittel sind, um herauszufinden, wieviel Rückhalt ein Regime tatsächlich hat. Denn - das hat Hannah Arendt klar gesehen - auch der autokratischste Autokrat ist unabdingbar auf Helfer und Helfershelfer angewiesen. Wenn ihm die von der Fahne gehen, hat er nur noch die Wahl zwischen totaler Gewaltentfesselung gegen die eigene Bevölkerung oder Rückzug. Sollte diese Situation in den genannten Ländern eintreten, kann man nur hoffen, dass die Machthaber sich zu letzterem durchdingen.

Müssten die Demonstranten ggf. selbst zur Gewalt greifen, um ihre Forderungen durchzusetzen?
Das wäre dann der Bürgerkrieg - bei dem alle nur verlieren können. Aussichtsreicher erscheint mir, so lange es geht durchzuhalten und keine Zweifel an der eigenen Entschlossenheit aufkommen zu lassen. Darüber hinaus kann man das Arsenal des gewaltlosen Widerstandes aktivieren, so wie es die türkische Opposition jetzt vorschlägt: Konsumboykott, später dann Generalstreik und dergleichen. So kann der Druck erhöht werden. Aber entscheidend sind die Entschlossenheit und Geschlossenheit der Demonstrierenden. Und da es sich in allen Fällen um Menschen handelt, die für Demokratie und Rechtsstaat eintreten, sollten wir sie nach Kräften unterstützen.
 

Der Philosoph Christoph Quarch schreibt regelmäßig für forum Nachhaltig Wirtschaften. © Christoph Quarch

Der Philosoph, Speaker und Bestseller-Autor Christoph Quarch begleitet Unternehmen, unterrichtet an verschiedenen Hochschulen und veranstaltet philosophische Reisen. In seinen Vorträgen und Büchern greift er auf die großen Werke der abendländischen Philosophie zurück, um diese in eine zeitgemäße Lebenskunst und Weltdeutung zu übersetzen. Gemeinsam mit seiner Frau Christine Teufel gründete er die Neue Platonische Akademie für eine geistige Erneuerung der Gesellschaft.
 
 
Mehr zu ihm unter christophquarch.de und akademie-3.org

Weitere Artikel von Christoph Quarch:

Innovation und Kreativität brauchen Spielräume
Christoph Quarchs Gedanken zum Frühlingserwachen
... und es wird Frühling. Nicht zum ersten Mal im Leben, sondern alle Jahre wieder. Und das ist auch gut so. Denn zusammen mit dem Frühling kommt bei vielen Menschen ein guter Vibe. Und wenn wir ehrlich sind, können wir davon im Augenblick gar nicht genug bekommen. Zumal mit der guten Stimmung oft auch neuer Schwung und neue Lebenslust kommen.


Wie sieht eine "Wahre Wirtschaft" aus?
Die Ökonomie der Gegenwart braucht eine Disruption ihres Mindsets
Unsere Wirtschaft steht an einem Wendepunkt. Der Philosoph Christoph Quarch zeigt, warum das bisherige ökonomische Mindset an seine Grenzen stößt – und warum es Zeit ist, die Maschine neu zu denken: weg von Profitmaximierung und Beschleunigung, hin zu einer Wirtschaft, die dem guten Leben dient. Ein Plädoyer für eine „wahre Wirtschaft“, die Mensch, Natur und Zukunft wieder ins Zentrum stellt.


Gute Politik bedient nicht Partikularinteressen
Christoph Quarchs Überlegungen zum Wahlsonntag
Es ist wieder so weit: Am Sonntag wird in Baden-Württemberg ein neuer Landtag und damit auch ein neuer Ministerpräsident gewählt. Und wie bei solchen Wahlen - gerade im "Ländle" - nicht unüblich: Zwischen 15 und 20 Prozent der Wählerinnen und Wähler sind Umfragen zufolge noch unentschlossen, bei wem sie dieses Mal ihr Kreuzchen machen werden. Was hilft bei der Entscheidungsfindung?


Deutsche wünschen starke Führung
Christoph Quarch analysiert die neue Sehnsucht nach Macht und Herrschaft
Wenn wir ehrlich sind, haben wir mit dem "starken Mann" in Deutschland ja nicht so gute Erfahrungen gemacht. Nichtsdestotrotz erfreuen sich hierzulande autoritäre Ideen zunehmender Beliebtheit. Mehr als 20 Prozent der Bundesbürger, so der kürzlich veröffentlichte Deutschland Monitor 2025 liebäugeln mit autokratischen Strukturen wie Einparteienherrschaft oder „starker Führer".


Der Zauber von Olympia - und Geschichten von Hass und Hetze
Christoph Quarch wünscht sich einen Fokuswechsel in der Berichterstattung von den Olympischen Spielen
Die Olympischen Winterspiele in Mailand und Cortina neigen sich dem Ende. Und was haben wir nicht wieder für faszinierende Geschichten erlebt! Große Dramen wie den Sturz von Ski-Star Lindsey Vonn, die nur wegen Schneefall verpasste Medaille unseres Skispringer-Duos oder die verunglückte Kür von Eisläufer Ilia Malinin; genauso die märchenhaften Glücksmomente wie den Überraschungssieg des Brasilianers Lucas Braathen beim Riesenslalom.




     
        
Cover des aktuellen Hefts

Zukunft braucht Frieden

forum 02/2026

  • Militär & Märkte
  • Grüner Wasserstoff
  • Moorschutz als Invest
  • ESG loves KI
Weiterlesen...
Kaufen...
Abonnieren...
20
MÄR
2026
Erneuerbare - rund um die Uhr (nutzen)
33. Jahrestagung der Arbeitsgemeinschaft Bayerischer Solar-Initiativen (ABSI)
84524 Neuötting
21
APR
2026
Sustainable Economy Summit
Rückenwind für die Wirtschaft der Zukunft
10117 Berlin
08
JUN
2026
SuperReturn Energy Transition - Ticket discount for forum readers!
Powering progress. Investing in the future of energy.
10789 Berlin
Alle Veranstaltungen...
forum goes international! Download the international edition for forum free of charge.
Anzeige

Professionelle Klimabilanz, einfach selbst gemacht

Einfache Klimabilanzierung und glaubhafte Nachhaltigkeitskommunikation gemäß GHG-Protocol

LOHAS & Ethischer Konsum

"All You Need is Love"
Christoph Quarch verteidigt den Valentinstag als Schutzzeit für die romantische Liebe
B.A.U.M. Insights
Hier könnte Ihre Werbung stehen! Gerne unterbreiten wir Ihnen ein Angebot

Jetzt auf forum:

Intelligenz und Resilienz statt Abhängigkeit

Die Chance der Krise

Sondervermögen: Das 11 Milliarden-Potenzial des Klima- und Transformationsfonds (KTF)

Klimaziele 2030 und 2040 werden deutlich verfehlt

Richtiges Haushalten denkt das Morgen mit

Auftakt mit Strahlkraft - Let's talk about Cotton

3-phasiges Solar- und Speichersystem der nächsten Generation mit integrierter Ersatzstromfunktion

Einfach mal machen

  • ZamWirken e.V.
  • circulee GmbH
  • TÜV SÜD Akademie
  • Dr. Ing. h.c. F. Porsche AG
  • SUSTAYNR GmbH
  • DGNB - Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen
  • Protect the Planet. Gesellschaft für ökologischen Aufbruch gGmbH
  • WWF Deutschland
  • NOW Partners Foundation
  • World Future Council. Stimme zukünftiger Generationen
  • Futouris - Tourismus. Gemeinsam. Zukunftsfähig
  • Global Nature Fund (GNF)
  • Engagement Global gGmbH
  • BAUM e.V. - Netzwerk für nachhaltiges Wirtschaften
  • Bundesverband Nachhaltige Wirtschaft e.V. (BNW)