66 seconds for the future - forum zeigt Zukunftsgestalter:innen und Nachhaltigkeitspionier:innen
Christoph Quarch

Ein Fest für Frieden und Völkerverständigung

Christoph Quarch wünscht sich zu den olympischen Spielen eine Besinnung auf deren historische Tradition des Friedens und der Menschlichkeit

Am Freitag ist es so weit: Die Olympischen Sommerspiele in Paris werden eröffnet – mit einer Zeremonie, die alle Rekorde sprengen wird: Mehr als 600.000 Zuschauer werden erwartet, wenn die rund 10.000 Athletinnen und Athleten aus 206 Ländern in Schiffen über die Seine schippern. Nicht dabei sein werden allerdings Sportler aus Russland und Weißrussland; auch nicht die kleine Gruppe von Athleten, die an den Spielen teilnehmen dürfen, sofern sie unter neutraler Flagge antreten und auf alle nationalen Symbole verzichten. Begründet hat das IOC den Ausschluss Russlands mit dem Angriffskrieg auf die Ukraine. War diese Entscheidung richtig? Und wieviel Politik verträgt Olympia? Darüber reden wir mit dem Philosophen Christoph Quarch.
 
Herr Quarch, was ist eigentlich die Idee hinter den Olympischen Spielen?
© DavidRockDesign, pixabay.comAls Pierre de Coubertin am Ende des 19. Jahrhunderts für die Einrichtung der Olympischen Spiele der Neuzeit warb, ging es ihm um ein Fest für Frieden und Völkerverständigung. Diesen Anspruch hat das IOC seit seiner Gründung vor 130 Jahren nie aufgegeben; trotz zweier Weltkriege, trotz diverser Boykottmaßnahmen, trotz der umfassenden Kommerzialisierung der Spiele seit den 1980er Jahren. Und das ist gut so, denn nur so lässt sich der Name „Olympische Spiele" überhaupt legitimieren. Damit wird ja Bezug genommen auf die antiken Spiele, die über mehr als 1000 Jahre im griechischen Olympia von allen griechischen Stämmen gemeinsam gefeiert wurden. Darauf bezieht sich das Anliegen der Völkerverständigung. Bedauerlicherweise ist sonst von dem Spirit der antiken Spiele nicht viel übriggeblieben. 

Wieso bedauerlicherweise?
Die antiken Spiele hatten einen religiösen Charakter. Sie waren Kultfeste zu Ehren des Zeus, bei denen es darum ging, das Wesen dieses Gottes erfahrbar zu machen: seine Stärke, Dynamik und Kraft. Deshalb wurde in Olympia auch nur der Erste prämiert: derjenige, der den Gott am besten vergegenwärtigte. Es ging darum, den nach Maßgabe des Gottes Besten zu ermitteln - und nicht herauszufinden, wer von den Menschen schneller oder stärker ist als ein anderer. Dieser religiöse Charakter gab den Spielen ihre enorme Autorität. Alle griechischen Stämme wollten und sollten daran teilnehmen; und damit das möglich ist, wurde um die Spiele herum für drei Monate der olympische Frieden verkündet, während dem alle kriegerischen Handlungen ruhen mussten. Und das Erstaunliche ist: Man hielt sich daran! Sogar die Perser unterbrachen ihren Feldzug, um die Griechen ihre Spiele austragen zu lassen.

Die antiken Spiele waren aber doch eine ziemlich elitäre Angelegenheit: Als Athleten kamen nur Aristokraten in Betracht, Frauen waren nicht zugelassen. Hat der von Ihnen gerühmte kultische Charakter nicht auch erhebliche Schattenseiten?
Aus heutiger Sicht können wir die antike Spielidee nicht mehr nachvollziehen – allein schon, weil wir unter dem Einfluss einer ganz anderen Religion stehen. Es geht mir deshalb auch nicht darum, die antiken Spiele wiederzubeleben. Mein Anliegen ist nur, in Erinnerung zu rufen, dass – ursprünglich; auch bei Coubertin – die olympischen Spiele einen spirituellen Hintergrund haben: einen Geist, in deren Namen sie ausgerichtet werden. Sie sind nicht bloß Unterhaltung, sondern sie sollen eine Idee transportieren; und zwar die Idee der Humanität, des Friedens und des guten Lebens, die die Griechen in Zeus verehrten. Ich würde mir wünschen, dass bei der Eröffnungsfeier gesagt würde: Wir versammeln uns hier im Geiste des Friedens und der Menschlichkeit; und wer dem nicht folgen will, der hat hier nichts verloren!

Das wäre aber doch ein klares politisches Signal, das weit über den spirituellen Anspruch hinausginge, den Sie zur Geltung bringen wollen.
Klar, aber was wäre das für ein Geist, wenn er nicht in die Politik hineinstrahlen würde? Ideen wie Frieden und Humanität sind unweigerlich politisch, zumal bei internationalen Spielen wie diesen. Es wäre eine Illusion zu glauben, man könne als Ausrichter der olympischen Spiele politisch neutral sein. Umso wichtiger ist es, diesen olympischen Geist – den man im Namen trägt – und dessen Werte in aller Klarheit zu kommunizieren und sich zu ihnen zu bekennen. Diesbezüglich hat Olympia einiges nachzuholen. Mir scheint aber, in Paris könnte ein erster Schritt in diese Richtung unternommen werden. Und das täte uns allen gut.   
 
Der Philosoph Christoph Quarch schreibt regelmäßig für forum Nachhaltig Wirtschaften. © Christoph Quarch

Der Bestseller-Autor Christoph Quarch ist Philosoph aus Leidenschaft. Seit ihm als junger Mann ein Büchlein mit »Platons Meisterdialogen« in die Hand fiel, beseelt ihn eine glühende Liebe (philia) zur Weisheit (sophia), die er als Weg zu einem erfüllten und lebendigen Leben versteht. Als Autor, Publizist, Berater und Seminarleiter greift er auf die großen Werke der abendländischen Philosophen zurück, um diese in eine zeitgemäße Lebenskunst und Weltdeutung zu übersetzen."
 
In seinem neuen Buch "Begeistern! Wie Unternehmen über sich hinauswachsen" geht's um Fragen wie diese:
Wie kommt der Geist in unsere Unternehmen? – Durch Begeisterung! Und wie entsteht Begeisterung? Anders als die meisten glauben.

Lesen Sie mehr von ihm unter www.christophquarch.de

Als forum-Redakteur zeichnete Christoph Quarch verantwortlich für den Sonderteil „WIR - Menschen im Wandel". 

Weitere Artikel von Christoph Quarch:

Der Zauber von Olympia - und Geschichten von Hass und Hetze
Christoph Quarch wünscht sich einen Fokuswechsel in der Berichterstattung von den Olympischen Spielen
Die Olympischen Winterspiele in Mailand und Cortina neigen sich dem Ende. Und was haben wir nicht wieder für faszinierende Geschichten erlebt! Große Dramen wie den Sturz von Ski-Star Lindsey Vonn, die nur wegen Schneefall verpasste Medaille unseres Skispringer-Duos oder die verunglückte Kür von Eisläufer Ilia Malinin; genauso die märchenhaften Glücksmomente wie den Überraschungssieg des Brasilianers Lucas Braathen beim Riesenslalom.


"All You Need is Love"
Christoph Quarch verteidigt den Valentinstag als Schutzzeit für die romantische Liebe
Am Samstag ist es wieder so weit: Rote Herzchen schwirren über unsere Monitore, rote Herzchen zieren unsere Supermärkte - ob in Form von Schokolade, Deko-Objekten oder auf besonderem St. Valentins-Geschenkpapier, rote Herzchen eingeflochten in den Blumenstrauß für die Geliebte. Warum das Ganze?


Der Mensch als Herr und Meister über die Natur?
Christoph Quarch weist auf das Schöpferische und Kreative im wilden Leben hin
Was haben Biber, Wolf und Saatkrähe gemeinsam? Nein, das wird kein Witz. Das ist ein Thema im Baden-Württembergischen Wahlkampf. Denn die CDU und ihr Spitzenkandidat Martin Hagel drängen darauf, den Schutz dieser Arten aufzuweichen und die Jagd auf sie zuzulassen. Nur so könne der von ihnen verursachte Schaden für die Landwirtschaft eingedämmt werden.


Krankheit und Gesundheit
Christoph Quarch empfiehlt die Stärkung der Resilienz als Weg zur Reduzierung der Krankenstände
Wenn der Winter seinen Höhepunkt erreicht, herrscht in den Arztpraxen Hochbetrieb: Grippe, Erkältung & Co füllen die Wartezimmer und treiben die Krankenstände in die Höhe. Die Politik reagiert besorgt. Nicht so sehr, weil so viele Menschen krank sind, sondern weil so viele von der Arbeit fernbleiben.


Hinterzimmer in Davos
Christoph Quarchs Plädoyer für das persönliche Gespräch ohne Zuschauer als Königsdisziplin der Diplomatie
Alle Welt schaut dieser Tag nach Davos. Staatschefs, Wirtschaftskapitäne, Aktivisten - alle pilgern sie in die verschneiten Schweizer Berge, um beim Weltwirtschaftsforum über die Geschicke der Welt zu beraten. Was dort auf der großen Bühne geschieht, erfährt die Welt in Echtzeit. Die eigentliche Musik aber spielt, wenn man den Auskünften der Teilnehmer folgt, jenseits der Kameras: in den Hinterzimmern und bei den Kamingesprächen.




     
        
Cover des aktuellen Hefts

forum Nachhaltig Wirtschaften heißt jetzt forum future economy

forum 01/2026

  • Zukunft bauen
  • Frieden kultivieren
  • Moor rockt!
Weiterlesen...
Kaufen...
Abonnieren...
26
FEB
2026
Fördermittel für die Transformation
Praxiswissen für den Mittelstand
Online
17
MÄR
2026
Responsible Leadership Summit Tirol 2026
Für den gemeinsamen Weg bergauf - Award-Einreichungsfrist: 28.02.!
A-6372 Oberndorf bei Kitzbühel/Tirol
14
APR
2026
Zertifizierter ESG-Officer 2026
Moderne Unternehmensverantwortung und Nachhaltigkeit jenseits des Pflichtprogramms
Online-Lehrgang in sechs Modulen
Alle Veranstaltungen...
forum goes international! Download the international edition for forum free of charge.
Anzeige

Professionelle Klimabilanz, einfach selbst gemacht

Einfache Klimabilanzierung und glaubhafte Nachhaltigkeitskommunikation gemäß GHG-Protocol

Naturschutz

Der Mensch als Herr und Meister über die Natur?
Christoph Quarch weist auf das Schöpferische und Kreative im wilden Leben hin
B.A.U.M. Insights
Hier könnte Ihre Werbung stehen! Gerne unterbreiten wir Ihnen ein Angebot

Jetzt auf forum:

YOUNG forum goes Circular

Der Zauber von Olympia - und Geschichten von Hass und Hetze

Gamechanger an der Schnittstelle

Italian Trade Agency zieht positive Bilanz des italienischen Gemeinschaftsauftritts auf der BIOFACH 2026

IFAT 2026 (München, 04.-07. Mai, Halle 3A, Stand 222): Modulare Desinfektionstechnologie für sichere Trinkwassernetze weltweit

AI for Sustainability Day 2026 am 24. März: KI wirksam für Nachhaltigkeit einsetzen

Untapped Potential Afrika

„Eine Grüngasquote im Wärmemarkt wäre ein klimapolitischer Irrweg und eine teure Scheinlösung.“

  • circulee GmbH
  • BAUM e.V. - Netzwerk für nachhaltiges Wirtschaften
  • DGNB - Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen
  • Bundesverband Nachhaltige Wirtschaft e.V. (BNW)
  • Global Nature Fund (GNF)
  • World Future Council. Stimme zukünftiger Generationen
  • TÜV SÜD Akademie
  • WWF Deutschland
  • Protect the Planet. Gesellschaft für ökologischen Aufbruch gGmbH
  • Futouris - Tourismus. Gemeinsam. Zukunftsfähig
  • Engagement Global gGmbH
  • toom Baumarkt GmbH
  • Dr. Ing. h.c. F. Porsche AG
  • NOW Partners Foundation
  • SUSTAYNR GmbH