66 seconds for the future - forum zeigt Zukunftsgestalter:innen und Nachhaltigkeitspionier:innen
Christoph Quarch

Rückwärtsgewandte Alte-Weiße-Männer-Politik

Christoph Quarch wünscht sich von der FDP eine zeitgemäße und zukunftsfähige Version des Liberalismus

Es gehe darum, innerhalb der Ampelkoalition eine Debatte anzustoßen. So begründen die Freien Demokraten die Veröffentlichung des Papieres „Wirtschaftswende", mit dem die Partei-Spitze zwölf Vorschläge zur Belebung der deutschen Wirtschaft unterbreitet. Das Vorhaben ist gelungen: Die Koalitionspartner haben reagiert – mit Skepsis und Kritik. Applaus dagegen ernten die Liberalen von Wirtschaftsverbänden und Union. CSU-Chef Söder meint in dem Papier gar eine Scheidungsurkunde zu erkennen und wirbt unverhohlen für einen Bruch der Koalition und Neuwahlen. Angesichts dessen fragt man sich, was die FDP mit ihrer „Wirtschaftswende" wirklich will – und ob der Schuss nicht gar nach hinten losgeht. Darüber reden wir mit dem Philosophen Christoph Quarch.

Der Liberalismus gilt als Voraussetzung für eine moderne, pluralistische Demokratie. Abbildung: Barrikadenszene während der Märzrevolution, ein zentrales Ereignis des deutschen Liberalismus © gemeinfrei
Herr Quarch, aus Perspektive der politischen Philosophie: Ist es klug, was die FDP da veranstaltet?
Als politischer Philosoph habe ich da meine Bedenken. In der Politik geht es darum, Gesellschaft zu gestalten. Dafür muss man handeln, und um handeln zu können, braucht man Macht. Macht hat man, wenn man in der Regierung ist; so wie die FDP; und wenn man sein politisches Mandat ernst nimmt, dann sollte man diese Macht auch nutzen und sie nicht vorschnell aufs Spiel setzen. Genau das tut aber, wer an ein Strategiepapier veröffentlicht, von dem er genau weiß, dass es für den Koalitionspartner unerfüllbare Forderungen enthält. Da muss man sich nicht wundern, wenn der Partner irritiert ist und wenn fremde Freier wie Herr Söder einen zur Scheidung ermutigen. Aber dabei kann die FDP nur verlieren: Ob sie bei Neuwahlen die Fünf-Prozent-Hürde nehmen kann, ist ungewiss – und als Juniorpartner einer zunehmend rechten CDU wird sie definitiv weniger Macht haben als jetzt.

Aber doch nicht, wenn es darum geht, klassische FDP-Themen wie die Abschaffung des Soli und der staatlichen Förderung erneuerbarer Energien durchzusetzen. Auch beim gewünschten Abbau von Sozialleistungen darf sich die FDP der Zustimmung der Union gewiss sein.
Vordergründig sieht es so aus – bei näherem Hinsehen aber werden sich die Freien Demokraten schaden. Ihr aktueller Kurs erinnert mich an das Verhalten der Kirchen in den frühen 2000er Jahren: Man versucht, seine vermeintlichen Unterstützer zu mobilisieren, indem man sein Profil schärft. Dafür greift man auf bewährte Themen oder Glaubenssätze zurück. Oder anders gesagt: Man klammert sich an eine Ideologie und verkennt, dass deren Zeit vorbei ist. Und das ist nicht gut, weil man dadurch den allfälligen Wandel verpasst – und auch keine neuen, jungen Anhänger für sich gewinnt. Genau das droht der FDP: die ideologische Erstarrung in einem veralteten Liberalismus, die umso schockierender ist, als diese Partei sich gerne als innovationsfreudig präsentiert. De facto tut sie das Gegenteil.

Wie kommen Sie darauf, dass der Liberalismus veraltet ist? Freie Märkte und Globalisierung bestimmen weiterhin die Weltwirtschaft.
Wenn ich mir die geopolitische Großwetterlage anschaue, wäre ich mir nicht so sicher. In den USA kehrt man zurück zum Protektionismus, die EU übt sich in De-Risking und Deglobalisierung, und die Wirtschaftsminister der führenden europäischen Industrienationen sind sich darin einig, dass infolge des Ukraine-Kriegs der Primat der Politik über die Wirtschaft zurückkehren muss. Zurecht. Denn die großen Verheißungen des Liberalismus wie „Wandel durch Handel" und „Mehr Wohlstand für alle" haben sich nicht erfüllt. Stattdessen geht infolge des globalen Neoliberalismus die Schere von Arm und Reich immer weiter auf und die Spannungen zwischen den Nationen nehmen zu. Von der ökologischen Krise ganz zu schweigen. 

Aber Sie können doch nicht allen Ernstes von der FDP erwarten, dass sie ihre liberale Identität preisgibt oder gar verrät.
Ganz sicher nicht, aber ich würde ihr dringend empfehlen, darüber nachzudenken, wie eine zeitgemäße und zukunftsfähige Version des Liberalismus aussehen könnte. Die Themen liegen ja alle auf dem Tisch – und man hätte sogar die Koalitionspartner, um sie umzusetzen: Energiewende, Förderung neuer Schlüsselindustrien, Digitalisierung, Bürokratieabbau, Investment in die Jugend. Rhetorisch ist die FDP da längst angekommen, aber mental offenbar noch lange nicht. Denn statt mutig neue Wege zu gehen, betreibt sie eine rückwärtsgewandte Alte-Weiße-Männer-Politik im Stile von Lobbyisten und Wirtschaftsfunktionären. – Schnarch, kann ich da nur sagen. 
 
Der Philosoph Christoph Quarch schreibt regelmäßig für forum Nachhaltig Wirtschaften. © Christoph Quarch

Der Bestseller-Autor Christoph Quarch ist Philosoph aus Leidenschaft. Seit ihm als junger Mann ein Büchlein mit »Platons Meisterdialogen« in die Hand fiel, beseelt ihn eine glühende Liebe (philia) zur Weisheit (sophia), die er als Weg zu einem erfüllten und lebendigen Leben versteht. Als Autor, Publizist, Berater und Seminarleiter greift er auf die großen Werke der abendländischen Philosophen zurück, um diese in eine zeitgemäße Lebenskunst und Weltdeutung zu übersetzen."
 
In seinem neuen Buch "Begeistern! Wie Unternehmen über sich hinauswachsen" geht's um Fragen wie diese:
Wie kommt der Geist in unsere Unternehmen? – Durch Begeisterung! Und wie entsteht Begeisterung? Anders als die meisten glauben.

Lesen Sie mehr von ihm unter www.christophquarch.de

Als forum-Redakteur zeichnete Christoph Quarch verantwortlich für den Sonderteil „WIR - Menschen im Wandel". 

Weitere Artikel von Christoph Quarch:

"All You Need is Love"
Christoph Quarch verteidigt den Valentinstag als Schutzzeit für die romantische Liebe
Am Samstag ist es wieder so weit: Rote Herzchen schwirren über unsere Monitore, rote Herzchen zieren unsere Supermärkte - ob in Form von Schokolade, Deko-Objekten oder auf besonderem St. Valentins-Geschenkpapier, rote Herzchen eingeflochten in den Blumenstrauß für die Geliebte. Warum das Ganze?


Der Mensch als Herr und Meister über die Natur?
Christoph Quarch weist auf das Schöpferische und Kreative im wilden Leben hin
Was haben Biber, Wolf und Saatkrähe gemeinsam? Nein, das wird kein Witz. Das ist ein Thema im Baden-Württembergischen Wahlkampf. Denn die CDU und ihr Spitzenkandidat Martin Hagel drängen darauf, den Schutz dieser Arten aufzuweichen und die Jagd auf sie zuzulassen. Nur so könne der von ihnen verursachte Schaden für die Landwirtschaft eingedämmt werden.


Krankheit und Gesundheit
Christoph Quarch empfiehlt die Stärkung der Resilienz als Weg zur Reduzierung der Krankenstände
Wenn der Winter seinen Höhepunkt erreicht, herrscht in den Arztpraxen Hochbetrieb: Grippe, Erkältung & Co füllen die Wartezimmer und treiben die Krankenstände in die Höhe. Die Politik reagiert besorgt. Nicht so sehr, weil so viele Menschen krank sind, sondern weil so viele von der Arbeit fernbleiben.


Hinterzimmer in Davos
Christoph Quarchs Plädoyer für das persönliche Gespräch ohne Zuschauer als Königsdisziplin der Diplomatie
Alle Welt schaut dieser Tag nach Davos. Staatschefs, Wirtschaftskapitäne, Aktivisten - alle pilgern sie in die verschneiten Schweizer Berge, um beim Weltwirtschaftsforum über die Geschicke der Welt zu beraten. Was dort auf der großen Bühne geschieht, erfährt die Welt in Echtzeit. Die eigentliche Musik aber spielt, wenn man den Auskünften der Teilnehmer folgt, jenseits der Kameras: in den Hinterzimmern und bei den Kamingesprächen.


Das Recht des Stärkeren
Christoph Quarchs philosophische Analyse zum US-Angriff auf Venezuela
Das neue Jahr war noch keine drei Tage alt, da rollte eine Schockwelle rund um den Planeten: Die USA greifen Venezuela an, bombardieren Militäreinrichtungen und bringen den Staatspräsidenten Nicolas Maduro nebst seiner Ehefrau in ihre Gewalt. Wie nicht anders zu erwarten, fallen die Reaktionen unterschiedlich aus.




     
        
Cover des aktuellen Hefts

forum Nachhaltig Wirtschaften heißt jetzt forum future economy

forum 01/2026

  • Zukunft bauen
  • Frieden kultivieren
  • Moor rockt!
Weiterlesen...
Kaufen...
Abonnieren...
26
FEB
2026
Fördermittel für die Transformation
Praxiswissen für den Mittelstand
Online
14
APR
2026
Zertifizierter ESG-Officer 2026
Moderne Unternehmensverantwortung und Nachhaltigkeit jenseits des Pflichtprogramms
Online-Lehrgang in sechs Modulen
Alle Veranstaltungen...
forum goes international! Download the international edition for forum free of charge.
Anzeige

Professionelle Klimabilanz, einfach selbst gemacht

Einfache Klimabilanzierung und glaubhafte Nachhaltigkeitskommunikation gemäß GHG-Protocol

Politik

Zeit - Ressource oder Kostenfaktor
Christoph Quarchs philosophischer Blick auf Reformstau und notwendige Investitionen in Infrastruktur und Innovationen
B.A.U.M. Insights
Lassen Sie sich begeistern von einem Buch, das Hoffnung macht.

Jetzt auf forum:

Chance verpasst: Bis zur PPWR 2030 wird es kaum noch funktionierende Recyclingwirtschaft in Deutschland geben!

Stärkung kritischer Infrastrukturen

Papier schlägt Plastik

Finance & Investment: Wo Geld hin fließt, entsteht Wachstum

Agrarpolitik im Rückwärtsgang stoppen

Globaler Biomarkt erreicht neues Allzeithoch

Crowdfunding für Afrikas Elektrifizierung

"Sustainable Finance"

  • Protect the Planet. Gesellschaft für ökologischen Aufbruch gGmbH
  • Global Nature Fund (GNF)
  • SUSTAYNR GmbH
  • WWF Deutschland
  • World Future Council. Stimme zukünftiger Generationen
  • Bundesverband Nachhaltige Wirtschaft e.V. (BNW)
  • circulee GmbH
  • BAUM e.V. - Netzwerk für nachhaltiges Wirtschaften
  • Dr. Ing. h.c. F. Porsche AG
  • Engagement Global gGmbH
  • toom Baumarkt GmbH
  • NOW Partners Foundation
  • DGNB - Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen
  • TÜV SÜD Akademie
  • Futouris - Tourismus. Gemeinsam. Zukunftsfähig