Christoph Quarch
Gesellschaft | Politik, 07.09.2023
Parteiübergreifender Wahlkampftrend "Verbieten verbieten"
Christoph Quarch sieht es als Aufgabe der Politik, das Gemeinwohl zu befördern. Und der Klimawandel erfordert rasches Handeln.
In einigen Bundesländern wird am 8. Oktober gewählt. Unter anderem in Hessen. Dort beobachtet unser Philosoph Christoph Quarch den aktuellen Wahlkampf. Dabei ist ihm ein parteiübergreifender Trend aufgefallen, der ihm zu denken gibt: ein ausdrückliches Nein zu Verboten. So wirbt die FDP mit der Zeile „Verbieten wir uns nicht die Wirtschaft kaputt", und die CDU tritt an mit dem Slogan: „Autos verbieten verboten". Woher kommt dieser Trend? Und zu welchen Konsequenzen führt er? Darüber haben wir mit Christoph Quarch gesprochen.
Herr Quarch, was steckt hinter dem Nein zu Verboten?
In meinen Augen handelt es sich dabei um eine Anbiederung an den Wähler. Besonders deutlich ist das bei dem CDU-Slogan: „Autos verbieten verboten!" Ich wüsste nicht, dass irgendjemand Autos verbieten möchte – allenfalls eine bestimmte Art von Autos. Aber offenbar sehen sich die Wahlkampfstrategen nicht bemüßigt, hier zu differenzieren. Wozu auch? Der gewünschte Effekt kommt auch so: Der Wähler denkt: „Die da oben wollen uns die Autos wegnehmen. Das lass ich nicht mit mir machen." Die FDP-Parole funktioniert genauso. Auch hier wird pauschal ein Affekt beim Wähler angesprochen: „Ich lass mir nix verbieten!" „Verbieten geht gar nicht!" „Freie Fahrt für freie Bürger" usw.Aber es ist doch legitim, im Wahlkampf die Wählerinnen und Wähler da anzusprechen, wo sie ansprechbar sind: etwa bei ihrer Abneigung gegen Verbote?
Ja, aber ist es gefährlich und kurzsichtig. Meines Erachtens sind die Parolen gegen Verbote der hilflose Versuch, rechte Wählergruppen für sich zu gewinnen. Es gehört zum Profil der AfD-Anhänger, sich nichts verbieten zu lassen, was sie dazu nötigen könnte, ihre Lebensweise ändern zu müssen; vor allem nicht von Grünen oder Linken, die angeblich besonders Verbots-affin sind. „Ich will weiter Diesel fahren", denken diese Leute – und die Union hofft offenbar, mit ihrem Verbotsverbot bei ihnen zu punkten. Das ist gefährlich, weil man damit eine undemokratische Denke bedient: „Hauptsache ich, die Gesellschaft ist mir egal".
Aber bei der FDP ist das doch anders. Dort weiß man sich dem Liberalismus verpflichtet, dessen Grundidee es ist, dass ökonomischer Wohlstand auf einem freien, deregulierten Markt entsteht. Da gehört es quasi zur DNA, der Wirtschaft keine Verbote zumuten zu wollen.
Das ändert nichts daran, dass es ein übles Spiel ist, das die FDP da spielt: Man stilisiert die Ampelkoalitionspartner untergründig als Verbotsfanatiker, um dann die eigene Ideologie dagegen in Stellung zu bringen. Das erste ist unanständig, weil es eher Klischees bedient als der Wahrheit entspricht; das zweite ist gefährlich, weil sich der Liberalismus im Zeitalter des Klimawandels überlebt hat. Zum einen, weil der freie Markt nicht nur Wohlstand erzeugt hat, sondern auch die großen ökologischen und sozialen Probleme, vor denen wir heute stehen; zum anderen, weil der Affekt gegen Verbote zu einer politischen Agonie führt, die wir uns angesichts der Dringlichkeit dieser Probleme nicht länger leisten können.
Aus der Psychologie weiß man, dass Verbote oft kontraproduktiv sind. Warum sollte das in der Politik anders sein?
Die Politik ist nicht dafür da, die Bedürfnisse von Individuen zu befriedigen oder deren Abneigung gegen Verbote zu bedienen. Ihre Aufgabe ist es, das Gemeinwohl zu befördern. Deshalb gibt es bei uns eine Regierung, die demokratisch dazu legitimiert ist, Maßnahmen zu ergreifen, die dem Gemeinwohl dienen. Dazu gehören neben Finanzierungen und Besteuerungen auch Verbote – vor allem, wenn schnell und effizient auf aktuelle Notlagen reagiert werden muss. Und es reicht ein Blick nach Südeuropa, um zu erkennen, dass der Klimawandel eine solche Notlage ist, die rasches Handeln erfordert. Dafür gibt es politische Macht. Wer von dieser Macht aus ideologischen Gründen keinen Gebrauch machen will, hat Politik nicht verstanden und ist nicht regierungstauglich.

Der Bestseller-Autor Christoph Quarch ist Philosoph aus Leidenschaft. Seit ihm als junger Mann ein Büchlein mit »Platons Meisterdialogen« in die Hand fiel, beseelt ihn eine glühende Liebe (philia) zur Weisheit (sophia), die er als Weg zu einem erfüllten und lebendigen Leben versteht. Als Autor, Publizist, Berater und Seminarleiter greift er auf die großen Werke der abendländischen Philosophen zurück, um diese in eine zeitgemäße Lebenskunst und Weltdeutung zu übersetzen."
In seinem neuen Buch "Begeistern! Wie Unternehmen über sich hinauswachsen" geht's um Fragen wie diese:
Wie kommt der Geist in unsere Unternehmen? – Durch Begeisterung! Und wie entsteht Begeisterung? Anders als die meisten glauben.
Als forum-Redakteur zeichnete Christoph Quarch verantwortlich für den Sonderteil „WIR - Menschen im Wandel".
Weitere Artikel von Christoph Quarch:
"All You Need is Love"
Christoph Quarch verteidigt den Valentinstag als Schutzzeit für die romantische Liebe
Am Samstag ist es wieder so weit: Rote Herzchen schwirren über unsere Monitore, rote Herzchen zieren unsere Supermärkte - ob in Form von Schokolade, Deko-Objekten oder auf besonderem St. Valentins-Geschenkpapier, rote Herzchen eingeflochten in den Blumenstrauß für die Geliebte. Warum das Ganze?
Christoph Quarch verteidigt den Valentinstag als Schutzzeit für die romantische Liebe
Am Samstag ist es wieder so weit: Rote Herzchen schwirren über unsere Monitore, rote Herzchen zieren unsere Supermärkte - ob in Form von Schokolade, Deko-Objekten oder auf besonderem St. Valentins-Geschenkpapier, rote Herzchen eingeflochten in den Blumenstrauß für die Geliebte. Warum das Ganze?
Der Mensch als Herr und Meister über die Natur?
Christoph Quarch weist auf das Schöpferische und Kreative im wilden Leben hin
Was haben Biber, Wolf und Saatkrähe gemeinsam? Nein, das wird kein Witz. Das ist ein Thema im Baden-Württembergischen Wahlkampf. Denn die CDU und ihr Spitzenkandidat Martin Hagel drängen darauf, den Schutz dieser Arten aufzuweichen und die Jagd auf sie zuzulassen. Nur so könne der von ihnen verursachte Schaden für die Landwirtschaft eingedämmt werden.
Christoph Quarch weist auf das Schöpferische und Kreative im wilden Leben hin
Was haben Biber, Wolf und Saatkrähe gemeinsam? Nein, das wird kein Witz. Das ist ein Thema im Baden-Württembergischen Wahlkampf. Denn die CDU und ihr Spitzenkandidat Martin Hagel drängen darauf, den Schutz dieser Arten aufzuweichen und die Jagd auf sie zuzulassen. Nur so könne der von ihnen verursachte Schaden für die Landwirtschaft eingedämmt werden.
Krankheit und Gesundheit
Christoph Quarch empfiehlt die Stärkung der Resilienz als Weg zur Reduzierung der Krankenstände
Wenn der Winter seinen Höhepunkt erreicht, herrscht in den Arztpraxen Hochbetrieb: Grippe, Erkältung & Co füllen die Wartezimmer und treiben die Krankenstände in die Höhe. Die Politik reagiert besorgt. Nicht so sehr, weil so viele Menschen krank sind, sondern weil so viele von der Arbeit fernbleiben.
Christoph Quarch empfiehlt die Stärkung der Resilienz als Weg zur Reduzierung der Krankenstände
Wenn der Winter seinen Höhepunkt erreicht, herrscht in den Arztpraxen Hochbetrieb: Grippe, Erkältung & Co füllen die Wartezimmer und treiben die Krankenstände in die Höhe. Die Politik reagiert besorgt. Nicht so sehr, weil so viele Menschen krank sind, sondern weil so viele von der Arbeit fernbleiben.
Hinterzimmer in Davos
Christoph Quarchs Plädoyer für das persönliche Gespräch ohne Zuschauer als Königsdisziplin der Diplomatie
Alle Welt schaut dieser Tag nach Davos. Staatschefs, Wirtschaftskapitäne, Aktivisten - alle pilgern sie in die verschneiten Schweizer Berge, um beim Weltwirtschaftsforum über die Geschicke der Welt zu beraten. Was dort auf der großen Bühne geschieht, erfährt die Welt in Echtzeit. Die eigentliche Musik aber spielt, wenn man den Auskünften der Teilnehmer folgt, jenseits der Kameras: in den Hinterzimmern und bei den Kamingesprächen.
Christoph Quarchs Plädoyer für das persönliche Gespräch ohne Zuschauer als Königsdisziplin der Diplomatie
Alle Welt schaut dieser Tag nach Davos. Staatschefs, Wirtschaftskapitäne, Aktivisten - alle pilgern sie in die verschneiten Schweizer Berge, um beim Weltwirtschaftsforum über die Geschicke der Welt zu beraten. Was dort auf der großen Bühne geschieht, erfährt die Welt in Echtzeit. Die eigentliche Musik aber spielt, wenn man den Auskünften der Teilnehmer folgt, jenseits der Kameras: in den Hinterzimmern und bei den Kamingesprächen.
Das Recht des Stärkeren
Christoph Quarchs philosophische Analyse zum US-Angriff auf Venezuela
Das neue Jahr war noch keine drei Tage alt, da rollte eine Schockwelle rund um den Planeten: Die USA greifen Venezuela an, bombardieren Militäreinrichtungen und bringen den Staatspräsidenten Nicolas Maduro nebst seiner Ehefrau in ihre Gewalt. Wie nicht anders zu erwarten, fallen die Reaktionen unterschiedlich aus.
Christoph Quarchs philosophische Analyse zum US-Angriff auf Venezuela
Das neue Jahr war noch keine drei Tage alt, da rollte eine Schockwelle rund um den Planeten: Die USA greifen Venezuela an, bombardieren Militäreinrichtungen und bringen den Staatspräsidenten Nicolas Maduro nebst seiner Ehefrau in ihre Gewalt. Wie nicht anders zu erwarten, fallen die Reaktionen unterschiedlich aus.
forum Nachhaltig Wirtschaften heißt jetzt forum future economy
forum 01/2026
- Zukunft bauen
- Frieden kultivieren
- Moor rockt!
Kaufen...
Abonnieren...
26
FEB
2026
FEB
2026
17
MÄR
2026
MÄR
2026
Responsible Leadership Summit Tirol 2026
Für den gemeinsamen Weg bergauf - Award-Einreichungsfrist: 28.02.!
A-6372 Oberndorf bei Kitzbühel/Tirol
Für den gemeinsamen Weg bergauf - Award-Einreichungsfrist: 28.02.!
A-6372 Oberndorf bei Kitzbühel/Tirol
14
APR
2026
APR
2026
Zertifizierter ESG-Officer 2026
Moderne Unternehmensverantwortung und Nachhaltigkeit jenseits des Pflichtprogramms
Online-Lehrgang in sechs Modulen
Moderne Unternehmensverantwortung und Nachhaltigkeit jenseits des Pflichtprogramms
Online-Lehrgang in sechs Modulen
Anzeige
Professionelle Klimabilanz, einfach selbst gemacht
Einfache Klimabilanzierung und glaubhafte Nachhaltigkeitskommunikation gemäß GHG-Protocol
Naturschutz
Der Mensch als Herr und Meister über die Natur?Christoph Quarch weist auf das Schöpferische und Kreative im wilden Leben hin
Jetzt auf forum:
AI for Sustainability Day 2026 am 24. März: KI wirksam für Nachhaltigkeit einsetzen
Stärkung kritischer Infrastrukturen



















