Innovationsforum Energie. Dekarbonisierung | Dezentralisierung | Digitalisierung | Wertschöpfung. Zürich, 2.-3. Juni 2022

Das Gebot der Stunde heißt Autarkie

Für Christoph Quarch ist eine autarke Wirtschaft der sicherste Garant politischer Freiheit. Bis es so weit ist, dreht er gern die Heizung runter.

Die Bilder aus Butscha erschüttern die Welt. Schwer erträglich ist der Gedanke, dass die dort von russischen Truppen verübten Kriegsverbrechen ungesühnt bleiben können. Also schickt sich der Westen an, neue Sanktionen gegen Russland zu verhängen. Am Montag beschloss die EU-Kommission, keine Kohle mehr aus Russland zu beziehen. Als nächster Schritt könnten ein Öl- und ein Gas-Embargo folgen, auch wenn ein solcher Schritt nicht nur für die deutsche Wirtschaft, sondern auch die Bevölkerung erhebliche Einschnitte in der Energieversorgung mit sich brächte. Sollten wir das dennoch in Kauf nehmen? Darüber reden wir mit unserem Philosophen Christoph Quarch.
 
Herr Quarch, ist aus ihrer Sicht ein umfassendes Energie-Embargo gegen Russland vertretbar?
Für Christoph Quarch ist jetzt die Zeit gekommen, die von der Merkelregierung verschlafene Energiewende konsequent durchzuziehen. © Pexels, pixabay.comDie Tatsache, dass russische Truppen bestialische Massaker an der ukrainischen Zivilgesellschaft verüben, zwingt dazu, die Sanktionen gegen Russland zu verschärfen. Anderenfalls würden wir unsere eigenen Werte verraten. Wenn wir ihnen treu bleiben wollen, werden wir wohl auf Dauer nicht umhinkönnen, Opfer dafür zu erbringen und Unannehmlichkeiten in Kauf zu nehmen. Und zwar wir alle, nicht nur die Firmen, wie bislang angedacht. Ich hätte nichts dagegen, erst die Privathaushalte und dann die Industrie zu belasten. Eine funktionierende Wirtschaft ist in Krisenzeiten wichtig. Daheim für eine Weile die Heizungen runterzudrehen, scheint mir nicht zu viel verlangt, wenn das hilft, diesen Krieg zu beenden.

Meinen Sie, dass in der Breite der Bevölkerung die Akzeptanz dafür da wäre?
Vielleicht nicht bei allen, aber doch bei vielen. Und das nicht nur aufgrund des Wunsches, sich mit der Ukraine solidarisch zu zeigen und etwas gegen Kriegsverbrecher zu unternehmen. Bei Lichte besehen steht hier ja viel mehr zur Diskussion. Wir haben gegenwärtig ein seltenes Momentum, das ein radikales Umdenken ermöglicht – und zwar ein längst überfälliges politisches und wirtschaftliches Umdenken. Denn machen wir uns klar: Ein Ende der Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen aus Russland ist nicht nur sicherheitspolitisch, sondern auch ökonomisch und ökologisch das Gebot der Stunde. Jetzt ist die Zeit gekommen, die von der Merkelregierung verschlafene Energiewende konsequent durchzuziehen.

Darauf sind wir aber nicht vorbereitet. Wir können nicht von heute auf morgen auf regenerative Energie umstellen. Und Atomkraft zu reaktivieren, ist hierzulande nicht zu machen. Das sieht nach einem Dilemma aus.
Vorübergehend ist es das. Weshalb wir nicht darum herumkommen, durch Einsparungen größere Engpässe in der Energieversorgung zu vermeiden. Damit sollten wir leben können, denn dieser Engpass könnte das Nadelöhr sein, durch das wir müssen, um zu einer längst überfälligen neuen globalen Wirtschaftsordnung zu kommen. Denn eines sollte in diesen Tagen jedem klar sein: Der neoliberalistische Traum von einem freien globalen Markt ist ausgeträumt. Unsere Manie, Kosten sparen zu müssen, hat uns in gefährliche Abhängigkeiten von autokratischen Staaten gebracht, die aus ihrer Feindschaft gegen die westlichen Werte kein Geheimnis mehr machen. Ich denke da nicht nur an Russland, sondern noch viel mehr an die gefährliche Abhängigkeit von China. Es ist höchste Zeit, damit Schluss zu machen.

Wie soll das gehen?
Das Gebot der Stunde heißt Autarkie – was übrigens keine neue Idee ist. Schon Aristoteles lehrte, dass eine autarke Wirtschaft der sicherste Garant politischer Freiheit ist. Wir müssen in Europa so schnell wie möglich dahin kommen, unsere Energie regenerativ selbst zu erzeugen. Wir müssen Schlüsselindustrien im EU-Raum ansiedeln, um nicht länger von unsicheren und zunehmend teuren Lieferketten abhängig zu sein - und um uns aus der Erpressbarkeit von China oder Russland zu befreien. Kurze Wege in Europa, wenig Energie-Aufwand, regionale Wirtschaftskreisläufe: das ist jetzt dran. Und es geht. Ich las dieser Tage, dass in Mönchengladbach eine Textilfirma eröffnet hat, die für eine deutsche Warenhaus-Kette Jeans-Hosen made in Germany produziert. Ladenpreis 69.- Euro. Das gleiche hätte ich gerne bald mit Solar-Panels, Pharmazeutika und Energie made in Europe. Bis es so weit ist, drehe ich gern die Heizung runter.

Der Philosoph Christoph Quarch schreibt regelmäßig für forum Nachhaltig Wirtschaften. © Christoph Quarch







Der Bestseller-Autor 
Christoph Quarch ist Philosoph aus Leidenschaft. Seit ihm als junger Mann ein Büchlein mit »Platons Meisterdialogen« in die Hand fiel, beseelt ihn eine glühende Liebe (philia) zur Weisheit (sophia), die er als Weg zu einem erfüllten und lebendigen Leben versteht. Als Autor, Publizist, Berater und Seminarleiter greift er auf die großen Werke der abendländischen Philosophen zurück, um diese in eine zeitgemäße Lebenskunst und Weltdeutung zu übersetzen."
 
In seinem neuen Buch "Begeistern! Wie Unternehmen über sich hinauswachsen" geht's um Fragen wie diese:
Wie kommt der Geist in unsere Unternehmen? – Durch Begeisterung! Und wie entsteht Begeisterung? Anders als die meisten glauben.

Lesen Sie mehr von ihm unter www.christophquarch.de

Als forum-Redakteur zeichnete Christoph Quarch verantwortlich für den Sonderteil „WIR - Menschen im Wandel". 

Gesellschaft | Politik, 06.04.2022
     
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