Christoph Quarch
Gesellschaft | Politik, 10.02.2022
Was ist falsch daran, auf eine diplomatische Lösung zu pochen?
Christoph Quarch hält den Shit-Storm, der gerade über Gerhard Schröder einbricht für übertrieben.
Während Olaf Scholz und Annalena Baerbock nach diplomatischen Auswegen aus der Ukraine-Krise fahnden, tut sich für die Bundesregierung eine heikle Heimatfront auf: Gerhard Schröder. Der Ex-Bundeskanzler ist zuletzt immer mehr ins Fadenkreuz der Kritik geraten, nachdem er in einem Podcast der Ukraine „Säbelrasseln" vorgeworfen und Verständnis für die russische Position geäußert hatte. Journalisten und Politiker aller Parteien – auch aus den Reihen der SPD – warfen dem Altkanzler daraufhin vor, die westliche Solidarität mit der Ukraine zu untergraben und die Position der NATO zu schwächen. CDU-Außenpolitiker Norbert Röttgen ging sogar so weit, Schröder als „bezahlten Handlanger Putins" zu bezeichnen. Andere werfen Schröder vor, dass er als Top-Manager der Staatskonzerne Nord Stream 2 und Rozneft prächtig verdient. Wie soll man umgehen mit einem Ex-Kanzler, der in einer Konfliktsituation strittige Positionen vertritt.
Fragen wir den Philosophen: Herr Quarch, hat Schröder die Würde seines ehemaligen Amtes verletzt?
Ehrlich gesagt halte ich den Shit-Storm, der jetzt über Schröder hereinbricht, für übertrieben. Der Mann hat öffentlich seinen Standpunkt in der Ukraine-Krise vertreten. Und – ehrlich gesagt – ist dieser Standpunkt nicht komplett abwegig. Ich meine: Was ist falsch daran, auf eine diplomatische Lösung zu pochen? Ist es abwegig zu behaupten, es bräuchte für Europa eine Lösung, bei die Sicherheitsinteressen beider Seiten Berücksichtigung finden? Und ist es nicht erlaubt, die Rhetorik ukrainischer Top-Politiker zu kritisieren? Mich beunruhigt, mit welcher Vehemenz Unionspolitiker und Kommentatoren über den Ex-Kanzler herfallen. Und ich frage mich, ob deren Nerven in Sachen Ukraine schon so blank liegen, dass sie keine andere Meinung als die ihre mehr zulassen?Aber Herr Quarch: Gerhard Schröder ist nicht irgendjemand. Er ist der Ex-Kanzler der Bundesrepublik, bezieht einen sogenannten Ehrensold und andere Annehmlichkeiten aus der Staatskasse. Zugleich bezieht er Managergehälter aus Russland. Kann man da nicht erwarten, dass er sich in einem heißen Konflikt mehr zurückhält?
Wahrscheinlich wäre das politisch klüger. Andererseits steht nirgends geschrieben, dass ein Ex-Kanzler nicht eine kontroverse Meinung vertreten dürfe; ebenso wenig, dass er nicht für ausländische Unternehmen tätig sein darf. Natürlich macht er sich damit extrem angreifbar und setzt sich dem Vorwurf aus, als Lobbyist für Putin zu agieren. Aber das heißt nicht, dass das, was er sagt, von vornherein Unsinn wäre. Zumal seine Punkte gar nicht so weit von der außenpolitischen Linie der Bundesregierung entfernt sind, wie beim Treffen von Biden und Scholz sichtbar wurde.
Aber da liegt ja gerade das Problem, denn der Verdacht scheint nicht unbegründet, dass Schröder – unter dem Olaf Scholz SPD-Generalsekretär war – in der Ukraine-Frage Einfluss auf die Regierungslinie nimmt. Zumindest deuten manche Beobachter so das Schweigen des Kanzlers bezüglich eines möglichen Endes von Nord Stream 2.
Auch was das angeht, möchte ich zur Besonnenheit mahnen. So wie derzeit über Nord Stream 2 geredet wird, entsteht der Eindruck, dass nur darauf gewartet wird, dass ein russischer Panzer über die ukrainische Grenze rollt, damit man endlich dieses Projekt begraben kann. Ich finde das verstörend, denn es wirft die Frage auf, worum es bei diesem Konflikt eigentlich geht. Ich weiß es nicht, kann es auch nicht beurteilen. Aber ich kann nicht verleugnen, dass es mich befremdet, mit welcher Wucht in unserem Land ein Konfrontationskurs gegen Russland gefordert wird. Mir scheint, dass die diplomatischen Optionen noch lange nicht ausgereizt sind, und dass wir gut daran täten, in enger Abstimmung mit den europäischen Partnern auf diplomatische Verhandlungen zu pochen.
Noch mal zurück zu Gerhard Schröder. Im Juni soll er in den Aufsichtsrat von Gazprom aufgenommen werden. Ist es da nicht verständlich, dass sogar der Bund der Steuerzahler fordert, Schröder möge auf sein staatlich bereitgestelltes Büro, Mitarbeiter und Dienstwagen verzichten?
Klar, kann man das verstehen – aber ein gutes Gefühl habe ich dabei nicht. In solchen Forderungen schwingt eine für mich ungute Personalisierung mit. Über Meinungen und Positionen darf und muss man in einer Demokratie streiten können. Aber man sollte nie die Personen, die unliebsame oder problematische Meinungen vertreten, verurteilen oder gar bestrafen. Und darauf liefe es ja hinaus, wenn man Schröder das nähme, was ihm als Altkanzler zusteht – und zwar einfach, weil er sich acht Jahre lang um das Land verdient gemacht hat. Es sieht einfach nicht gut aus, wenn Leute wie Röttgen oder Dobrindt den Ex-Kanzler angreifen, ohne auf seine inhaltlichen Punkte einzugehen. So, als wäre unumstößlich klar, wie man sich in der Ukraine-Krise zu verhalten habe. Aber so klar ist es eben nicht. Und das sollte man anerkennen, bevor man denjenigen, der einen daran erinnert, niedermacht. Das hat Schröder nicht verdient. Selbst dann nicht, wenn er ansonsten grauenvolle peinliche Podcasts in Umlauf bringt. Aber das ist ein anderes Thema.

Der Bestseller-Autor Christoph Quarch ist Philosoph aus Leidenschaft. Seit ihm als junger Mann ein Büchlein mit »Platons Meisterdialogen« in die Hand fiel, beseelt ihn eine glühende Liebe (philia) zur Weisheit (sophia), die er als Weg zu einem erfüllten und lebendigen Leben versteht. Als Autor, Publizist, Berater und Seminarleiter greift er auf die großen Werke der abendländischen Philosophen zurück, um diese in eine zeitgemäße Lebenskunst und Weltdeutung zu übersetzen."
In seinem neuen Buch "Begeistern! Wie Unternehmen über sich hinauswachsen" geht's um Fragen wie diese:
Wie kommt der Geist in unsere Unternehmen? – Durch Begeisterung! Und wie entsteht Begeisterung? Anders als die meisten glauben.
Als forum-Redakteur zeichnete Christoph Quarch verantwortlich für den Sonderteil „WIR - Menschen im Wandel".
Weitere Artikel von Christoph Quarch:
Erfolgreicher Kinostart von "The Odyssee" in USA
Der Philosoph und Mythologie-Experte Christoph Quarch analysiert, was uns der Anti-Held heute sagen kann
"Die Odyssee" von Christopher Nolan ist angelaufen - ein Film, der schon vor der Premiere kontrovers diskutiert wurde. Lobeshymnen kommen aus der Gaming-Branche, die sich an der epischen Bildsprache ergötzt, griechische Medien beklagen, dass keine griechischen Akteure gecastet wurden. Und Elon Musk ereifert sich mit rechten US-Influencern darüber, dass die Rolle der schönen Helena von einer Farbigen gespielt wird.
Der Philosoph und Mythologie-Experte Christoph Quarch analysiert, was uns der Anti-Held heute sagen kann
"Die Odyssee" von Christopher Nolan ist angelaufen - ein Film, der schon vor der Premiere kontrovers diskutiert wurde. Lobeshymnen kommen aus der Gaming-Branche, die sich an der epischen Bildsprache ergötzt, griechische Medien beklagen, dass keine griechischen Akteure gecastet wurden. Und Elon Musk ereifert sich mit rechten US-Influencern darüber, dass die Rolle der schönen Helena von einer Farbigen gespielt wird.
Der Rummelplatz als Kulturgut
Christoph Quarchs Gedanken zur Volksfestzeit
Sommerzeit ist Volksfestzeit: Ob Kirmes, Schützenfest oder Jahrmarkt - an vielen Orten werden im Juli und August die Festzelte aufgebaut. Nicht nur zur Freude der Besucher, sondern auch einer ganzen Branche: Tatsächlich haben sich Volksfeste hierzulande zu einem erfolgreichen Wirtschaftszweig entwickelt. Mit Stolz vermeldet der Deutsche Schaustellerbund DSB, dass in Deutschland jährlich rund 10.000 große und kleine Volksfeste von mehr als 200 Millionen Menschen besucht werden.
Christoph Quarchs Gedanken zur Volksfestzeit
Sommerzeit ist Volksfestzeit: Ob Kirmes, Schützenfest oder Jahrmarkt - an vielen Orten werden im Juli und August die Festzelte aufgebaut. Nicht nur zur Freude der Besucher, sondern auch einer ganzen Branche: Tatsächlich haben sich Volksfeste hierzulande zu einem erfolgreichen Wirtschaftszweig entwickelt. Mit Stolz vermeldet der Deutsche Schaustellerbund DSB, dass in Deutschland jährlich rund 10.000 große und kleine Volksfeste von mehr als 200 Millionen Menschen besucht werden.
By the dawn's early light
Christoph Quarchs Überlegungen zum 250. Jahrestag der Unterzeichnung der Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten von Amerika
Am 4. Juli jährt sich zum 250. Mal die Unterzeichnung der Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten von Amerika, mit der sich 13 nordamerikanische Kolonien von der britischen Krone lossagten und damit den Grundstein für die heutige USA legten. Und nicht nur das: Die Autoren - allen voran Thomas Jefferson - begründeten ihren Schritt durch die Berufung auf allgemeine und unveräußerliche Menschenrechte.
Christoph Quarchs Überlegungen zum 250. Jahrestag der Unterzeichnung der Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten von Amerika
Am 4. Juli jährt sich zum 250. Mal die Unterzeichnung der Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten von Amerika, mit der sich 13 nordamerikanische Kolonien von der britischen Krone lossagten und damit den Grundstein für die heutige USA legten. Und nicht nur das: Die Autoren - allen voran Thomas Jefferson - begründeten ihren Schritt durch die Berufung auf allgemeine und unveräußerliche Menschenrechte.
Hinaus in die Wildnis!
Christoph Quarchs Blick auf die junge Kulturgeschichte von Naturschutz und Naturtourismus
Wenn der Sommer heiß läuft, zieht es die Menschen hinaus in die Natur. Wälder und Seen, Berge und Flüsse verheißen nicht nur eine willkommene Abkühlung, sondern auch einen wohltuenden Tapetenwechsel; der jedoch nicht immer gelingt. Denn Hitze und Trockenheit machen auch der Natur zu schaffen. Kahlschlag im Wald, Quallen im Meer und Blaualgen im Badesee können einem die Urlaubsfreude vergällen.
Christoph Quarchs Blick auf die junge Kulturgeschichte von Naturschutz und Naturtourismus
Wenn der Sommer heiß läuft, zieht es die Menschen hinaus in die Natur. Wälder und Seen, Berge und Flüsse verheißen nicht nur eine willkommene Abkühlung, sondern auch einen wohltuenden Tapetenwechsel; der jedoch nicht immer gelingt. Denn Hitze und Trockenheit machen auch der Natur zu schaffen. Kahlschlag im Wald, Quallen im Meer und Blaualgen im Badesee können einem die Urlaubsfreude vergällen.
Spielerischer Wettbewerb oder klassischer Wettkampf?
Christoph Quarchs philosophischer Blick auf die Bundesjugendspiele
Wenn es auf die Sommerferien zugeht, stehen in den Schulen die Bundesjugendspiele auf dem Programm. Doch die sind inzwischen zum politischen Zankapfel geworden. Spätestens, seit die Kultusministerkonferenz den Beschluss fasste, die Bundesjugendspielen so umzugestalten, dass es bei ihnen vor allem um die Freude an der Bewegung gehen soll, reißt die Kritik konservativer Bildungspolitiker nicht ab.
Christoph Quarchs philosophischer Blick auf die Bundesjugendspiele
Wenn es auf die Sommerferien zugeht, stehen in den Schulen die Bundesjugendspiele auf dem Programm. Doch die sind inzwischen zum politischen Zankapfel geworden. Spätestens, seit die Kultusministerkonferenz den Beschluss fasste, die Bundesjugendspielen so umzugestalten, dass es bei ihnen vor allem um die Freude an der Bewegung gehen soll, reißt die Kritik konservativer Bildungspolitiker nicht ab.
Frau Reiche – es reicht!
forum 03/2026
- Resilienz
- Klimafinanzierung
- Wald
- Startups
Kaufen...
Abonnieren...
22
JUL
2026
JUL
2026
3-30-300: Mehr Grün in die Stadt
Im Rahmen der Serie "München 'grüner' machen"
80336 München und online
Im Rahmen der Serie "München 'grüner' machen"
80336 München und online
28
SEP
2026
SEP
2026
Zertifikatskurs „Sustainability Management“
Wir verbinden Nachhaltigkeit und Wirtschaftlichkeit!
95447 Bayreuth
Wir verbinden Nachhaltigkeit und Wirtschaftlichkeit!
95447 Bayreuth
24
NOV
2026
NOV
2026
Forum Solar Plus - Frühbucherpreis bis 27. Juli
Die erneuerbare Energiewelt im Fokus - Ticketrabatt für forum-Leser*innen!
10178 Berlin
Die erneuerbare Energiewelt im Fokus - Ticketrabatt für forum-Leser*innen!
10178 Berlin
Anzeige
Der Mittelstand im ESG-Dschungel. Sie müssen nicht alles machen. Sie müssen nur wissen, was.
Sie erhalten einen klaren Fahrplan: was jetzt zu tun ist, was Sie auf dem Schirm behalten sollten und was Sie getrost ignorieren können.
Digitalisierung
Magnifica Humanitas - Über die Bewahrung des Menschen im Zeitalter der Künstlichen IntelligenzChristoph Quarch begrüßt die Enzyklika von Papst Leo XIV. als wertvollen Debatten-Beitrag
Jetzt auf forum:
ETS I Reform: CO2-Preis braucht flankierende Maßnahmen
Erfolgreicher Kinostart von "The Odyssee" in USA
Effizientes Bauen mit Holz im urbanen Raum
Rechtsgutachten zum neuen Heizungsgesetz
BIOFACH-Gründer Hagen Sunder feiert 85. Geburtstag
Happy Birthday – Pioniere als Inspiration für die nachfolgenden Generationen
Easee - Intelligentes Laden und Nachhaltigkeit für deutsche Fuhrparks





















