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Abgeordnete fordern Homöopathie-Reform als "klares Bekenntnis zu Medizin und Wissenschaft"

Für Christoph Quarch gebietet es das neuzeitliche Wissenschaftsethos, sich immer darüber im Klaren zu sein, dass auch die Wissenschaft keine absoluten Wahrheiten beanspruchen kann.

In kaum einem anderen Land der Welt ist die Homöopathie so beliebt wie in Deutschland. Und das, obwohl bislang kein wissenschaftlicher Nachtweis für die Wirksamkeit homöopathischer Präparate  erbracht werden konnte. Nun gibt es Studien die darauf hinweisen, dass eine hohe Verbreitung von Homöopathie zu einer geringen Impfbereitschaft führt. Ein Grund mehr für einige Bundestagsabgeordnete, den Einfluss der Homöopathie zurückdrängen zu wollen. Wenn es nach ihnen ginge, sollten Krankenkassen in Deutschland künftig keine homöopathischen Leistungen mehr abrechnen dürfen. So fordert die FDP Abgeordnete Ria Schröder ein „klares Bekenntnis zu Wissenschaft und Medizin sowohl von politischen Akteuren als auch von Krankenkassen". Aber sind Bekenntnisse ein probates Mittel, um aus der Covid-Krise zu kommen? Darüber reden wir mit unserem Philosophen Christoph Quarch.
 
Herr Quarch: Was halten sie von der Forderung von Frau Schröder?
Studien weisen darauf hin, dass eine hohe Verbreitung von Homöopathie zu einer geringen Impfbereitschaft führt. © ka_re, pixabay.comGanz ehrlich: Sie hat mich schockiert. Ich kann ja verstehen, wenn Politikerinnen und Politiker langsam die Geduld mit Impfgegnern und Spaziergängern verlieren, aber die Kampagne, die hier gegen die Homöopathie lanciert wird, lässt sich dadurch in keiner Weise rechtfertigen. Von Entscheidungsträgern ein Bekenntnis einzufordern ist für mich ein absolutes No-Go, das mich an die Praktiken der Heiligen Inquisition der katholischen Kirche im finstersten Mittelalter erinnern. Damals waren es die als Hexen verfolgten Wahrerinnen eines traditionellen Heilwissens, die zu religiösen Bekenntnissen  gezwungen wurden, heute fordert man Bekenntnisse zur Wissenschaft. Ich finde das verstörend. Auf diese Weise werden mentale Scheiterhaufen gerichtet.
 
Aber nun mal langsam. Im Mittelalter war es eine religiöse Institution die Bekenntnisse zu ihrem Glauben einforderte. Heute fordern gewählte Parlamentarier ein Bekenntnis zur Wissenschaft. Das kann man doch nicht vergleichen.
Vielleicht hinkt der Vergleich, aber er gibt doch eines zu erkennen. Die Abgeordneten, die ein klares Bekenntnis zur Wissenschaft fordern, stilisieren sie damit zu einer Religion oder Ideologie, die sich im Besitz der Wahrheit wähnt. Was dieser Wahrheit nicht entspricht oder sich nicht in deren Weltbild fügt, darf, ja muss bekämpft werden – etwa, indem man der ihm die Finanzierung durch Krankenkassen nimmt und ihm damit den Garaus vorbereitet. Jeder seriöse Wissenschaftler wird angesichts dessen die Hände über dem Kopf zusammenschlagen und protestieren. Denn das neuzeitliche Wissenschaftsethos gebietet es, sich immer darüber im Klaren zu sein, dass auch die Wissenschaft keine absoluten Wahrheiten beanspruchen kann.
 
Aber wenn sich kein wissenschaftlicher Nachweis für die Wirksamkeit homöopathischer Produkte erbringen lässt, dann gibt es doch guten Grund zu der Annahme, dass es sich bei der Homöopathie tatsächlich um Pseudo-Wissenschaft oder bestenfalls um eine Placebo-Heilkunst handelt.
Fakt ist: Nach Maßgabe des derzeit in Geltung stehenden wissenschaftlichen Paradigmas und den von diesem als valide anerkannten Messverfahren lässt sich die Wirksamkeit homöopathischer Produkte nicht nachweisen. Dem steht aber das subjektive Erleben von Tausenden von Personen entgegen, die darauf schwören, dass ihnen oder ihren Kindern diese Mittel tatsächlich geholfen haben. Ich gestehe, dass ich auch dazu gehöre. Gleichviel. Die Frage ist: Wer hat Recht? Wahrscheinlich ist es zu einfach zu sagen: „Wer heilt hat Recht." Aber es ist auch zu einfach zu sagen: „Alle, die behaupten, Homöopathie würde helfen, sind verblendete Opfer einer betrügerischen Industrie, die es endlich zu beseitigen gilt." Beides ist definitiv nicht wissenschaftlich, sondern reine Ideologie. Und davor sollten wir uns hüten.
 
Was wäre denn Ihrer Ansicht nach eine angemessene Umgangsweise mit der Homöopathie?
Nach meinem Dafürhalten wäre es eine echt wissenschaftliche Herangehensweise, sich die Frage zu stellen, ob das herrschende medizinische und wissenschaftliche Paradigma vielleicht noch nicht komplex genug ist, um die Wirkung der Homöopathie zu erklären. Die Geschichte ist voll von wissenschaftlichen Paradigmenwechseln und Fortschritten, die nur zustande kamen, weil kühne Wissenschaftler auch dasjenige ernst genommen haben, was sie mit ihren Mitteln nicht erklären konnten. Wäre es anders, wären wir noch immer im Mittelalter. Und genau dahin möchte ich nicht zurück. Und deshalb meine ich, dass Hexenjagden, wie sie von Frau Schröder gefordert werden, definitiv nicht stattfinden dürfen. 

Der Philosoph Christoph Quarch schreibt regelmäßig für forum Nachhaltig Wirtschaften. © Christoph Quarch




Der Bestseller-Autor Christoph Quarch ist Philosoph aus Leidenschaft. Seit ihm als junger Mann ein Büchlein mit »Platons Meisterdialogen« in die Hand fiel, beseelt ihn eine glühende Liebe (philia) zur Weisheit (sophia), die er als Weg zu einem erfüllten und lebendigen Leben versteht. Als Autor, Publizist, Berater und Seminarleiter greift er auf die großen Werke der abendländischen Philosophen zurück, um diese in eine zeitgemäße Lebenskunst und Weltdeutung zu übersetzen."
 
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Lesen Sie mehr von ihm unter www.christophquarch.de

Als forum-Redakteur zeichnete Christoph Quarch verantwortlich für den Sonderteil „WIR - Menschen im Wandel". 

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