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Dem Herzen gefolgt

Lebensbaum: in 40 Jahren zum mittelständischen Unternehmen

Buchstäblich am heimischen Küchentisch entstand ein Unternehmen, das heute zu den größten und erfolgreichsten der deutschen Bio-Branche zählt. Das Erfolgsrezept von Lebensbaum: behutsam expandieren und nur das tun, was man wirklich kann und überschaut.

1979 übernehmen Angela und Ulrich Walter den Bioladen der norddeutschen Kleinstadt Diepholz. © privatMuss man als Unternehmer*in eigentlich immer ein großes Ziel haben, um irgendwann tatsächlich groß oder zumindest richtig erfolgreich zu sein? Coaches und Managementberatungen würden ganz klar „ja" sagen. Muss man aber nicht unbedingt, wenn man sich das Beispiel der Firma Lebensbaum anschaut, die Angela und Ulrich Walter 1979 im niedersächsischen Diepholz gegründet haben – als ganz kleinen Bio-Laden. Die beiden hatten damals keine klare und schon gar keine große Vision, aber sie brachten mindestens drei andere Elemente mit, die man braucht, um erfolgreich zu arbeiten: Erstens den festen Glauben daran, dass das, was man tut, sinnvoll und wichtig ist, nicht nur für einen selbst, sondern auch für die Gesellschaft. Zweitens zähes Durchhaltevermögen in Durststrecken. Und drittens einen offenen Blick für alle neuen Chancen, die sich am Wegesrand bieten.

Entscheidung aus dem Bauch
Das junge Paar arbeitete Ende der 1970er Jahre als Erzieher und Erzieherin – sie in einem Kindergarten, er in einem Jugendzentrum –, als der Besitzer des örtlichen kleinen Öko-Ladens plötzlich das Handtuch warf und nach Indien auswanderte. Die Walters hatten zu dem Zeitpunkt schon die ökologische Ernährung für sich entdeckt, einen alten Resthof gekauft und hielten sogar ein paar Schafe. Kurzentschlossen kauften sie den Bio-Laden. Die Entscheidung, nebenberuflich auch noch ein Geschäft zu führen, trafen sie aus dem Bauch, ohne lang über Für und Wider oder langfristige Konsequenzen nachzudenken. „Wir hatten Lust auf etwas Neues, haben einfach gemacht. Ganz schön blauäugig war das eigentlich", erzählt Angela Walter heute. „Ich hätte damals nie und nimmer gedacht, dass wir eines Tages mal ein Unternehmen mit über 200 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern haben würden. Wir sind einfach unserem Herzen gefolgt, ohne zu ahnen, wo das enden könnte."

Wie viele ihrer Generation waren die Walters beeinflusst von den politischen Ereignissen der damaligen Zeit, vor allem von der Anti-AKW-Bewegung und von den alternativen Lebensformen der 1960er und 70er Jahre. Bei ihnen hing ein Schild am Haus mit der Aufschrift „Gott schütze unser Haus vor AKWs und Franz Josef Strauß". Dennoch waren die Walters politisch nicht richtig links, konservativ aber auch nicht. Beeindruckt war Ulrich Walter von Willy Brandt und von den aufgeschlossenen Anthroposophen, wie zum Beispiel Götz Rehn, dem späteren Gründer der Alnatura Bio-Märkte, den er in den 1980er Jahren kennen und schätzen lernte. Die beiden wurden enge Geschäftspartner und Freunde.

Ohne Businessplan und Gründergeld
Das Ziel bereits am Anfang: keine industriell verarbeitete Nahrung, sondern pure Qualität aus kleiner Produktion. © AUWA Holding GmbHDoch nicht so schnell. Noch kämpften die Walters mit ihrem kleinen Bio-Laden. Ihre Reise in die Welt des Handels erfolgte ohne Businessplan, ohne staatliche Gründerfonds, ohne Subventionen, ohne Crowdfunding, ohne Kommunikation in sozialen Netzwerken, aber mit ganz viel persönlichem Engagement. Das Brot für den Laden buk Angela Walter selbst, die sonstigen Waren mussten sie sich überall zusammenkaufen. Es gab ja noch keinen Großhandel für Bio-Waren, von einer Branche mit gut funktionierenden Strukturen ließ sich längst noch nicht sprechen. Für manche Produkte mussten die Walters bis nach Hamburg fahren, 170 Kilometer mit dem Bulli. Oft saßen die beiden Kinder mit im Auto, wenn abends irgendwo Waren abgeholt werden mussten. Produkte wurden von Hand verpackt, Rechnungen mit dem Stift geschrieben, Korrespondenzen mit der Schreibmaschine, ein Faxgerät gab es erst später. Ulrich Walter importierte Gewürze aus Frankreich und Italien, die es in Deutschland noch nicht in Bio-Qualität gab, später auch Kaffee und Tee.
 
Das sind bis heute die drei Produktgruppen von Lebensbaum. Es gab immer mal wieder Angebote und Ideen, auch in andere Segmente vorzustoßen, doch das Credo der Walters lautet: nur zu tun, was man richtig gut kann und auch überschaut. Bald wurden die Räumlichkeiten im heimischen Hof zu eng. Die Walters brauchten Geld für die Expansion und mussten bei der Diepholzer Sparkasse immer wieder zum Rapport vorsprechen, um ihre finanzielle Situation darzulegen – eine kleine Firma hatte es auch in dieser Zeit nicht einfach bei den Banken. Viel später, als Lebensbaum schon ein mittelständisches, erfolgreiches und angesehenes Unternehmen war, lud man Ulrich Walter in den Verwaltungsrat der Sparkasse ein. „Das war mir durchaus eine Genugtuung", gesteht er. „Vorher mussten wir immer für unsere Ideen kämpfen, nun wollten plötzlich alle mit uns zusammenarbeiten."

Solche Erfahrungen haben wohl viele Pionierunternehmen der heutigen Bio-Branche gemacht, die in den 1980er Jahren an den Start gingen. Man belächelte sie als „Müslis", nahm die Geschäftsmodelle nicht ernst. Später dann, als die konventionelle Konkurrenz merkte: „Hey, die werden ja größer und professioneller!", wehte ihnen der Wind ins Gesicht und heute sind sie begehrte Objekte geworden. So manches Großunternehmen hat sich schon ein Bio-Unternehmen einverleibt oder es versucht.
 
Anfangsfehler brachen fast das Genick
Das moderne Logistikzentrum. © LebensbaumGeld war in den Anfangsjahren immer knapp. Die Walters lebten buchstäblich von der Hand in den Mund. „Wir haben auch ein paar Fehler gemacht, die uns Geld kosteten", berichtet Ulrich Walter. So bekamen sie Kräuter geliefert, die weder gerebelt noch geschnitten waren, so dass sie sie selbst verarbeiten mussten, was zu erheblichen finanziellen Verlusten führte. Dann die Idee mit dem Bio-Wein mit Kräutern: Die Flaschen waren nicht richtig deklariert und mussten zurückgenommen werden. „Der finanzielle Schaden hätte uns fast das Genick gebrochen", sagt Walter. „Als wir noch Teebeutel ins Sortiment aufnahmen, wären wir fast Pleite gegangen. Wir hatten unterschätzt, dass unsere Kunden damals – ganz anders als heute – Teebeutel ablehnten, und so blieben wir auf großen Teilen der Ware sitzen."

Angela und Ulrich Walter gründeten die Firma gemeinsam, doch im Laufe der Zeit wurde Ulrich Walter das Gesicht des Unternehmens. Seine Frau arbeitete lieber im Hintergrund. Bis zu ihrem Rentenalter engagierte sie sich an verschiedenen Stellen, baute zum Beispiel eine werkseigene Kantine auf und kümmerte sich auch sonst um Belange der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Dann waren da noch die Kinder, der Hof und die Tiere.

Ulrich Walter knüpfte nun immer mehr Geschäftsbeziehungen im Ausland, unter anderem mit der SEKEM-Initiative in Ägypten, aber auch in Indien und Mexiko. Nach und nach wurde Lebensbaum zu einem mittelständischen Unternehmen mit hochmodernen Technologien und Tochterfirmen, dessen Produkte im Bio-Fachhandel ihren festen Platz haben. Umsatz und Zahl der Beschäftigten wuchsen und wachsen kontinuierlich. Natürlich hilft, dass Bio bei den Kundinnen und Kunden immer beliebter und Gegenstand von gesetzlicher Regulierung, also von Standards und Kennzeichnung wurde.

Von Bio zum nachhaltigen Wirtschaften
In den 1990er Jahren kam Ulrich Walter erstmals mit dem Konzept der Nachhaltigen Entwicklung in Berührung. Wie beim ihm üblich, wollte er zunächst genauer ergründen, was es damit auf sich hat und was das für sein Geschäft bedeuten könnte. Bio war ja selbstverständlich, faire Lieferbeziehungen und soziale Arbeitsbedingungen auch. Als er dann mit seiner Firma bei B.A.U.M. eintrat, dem Bundesdeutschen Arbeitskreis für Umweltbewusstes Management, stellte ihm dessen damaliger Vorsitzender Maximilian Gege die simple Frage: „Wie arbeitest Du? Was ist Deine Vision?" – „Darüber habe ich nachgedacht und ich nahm mir vor, die Arbeit meines Unternehmens in jeder Hinsicht noch konsequenter nach den Prinzipien der Nachhaltigkeit auszurichten", sagt Walter. Nachhaltig wirtschaften, das heißt für Lebensbaum, hochwertige Produkte, ökologisch konsequente Herstellung, anständiger und fairer Umgang mit allen Beteiligten in der Wertschöpfungskette, Prozesse so effizient und transparent wie möglich gestalten. Kurz: alles so gut wie irgend möglich zu machen. Als erstes Unternehmen seiner Branche unterzog Ulrich Walter Lebensbaum einem Umwelt- und Qualitätsaudit. Wenn auch schon vieles erreicht ist und Lebensbaum im Laufe der Zeit etliche Preise für nachhaltiges und innovatives Wirtschaften einheimsen konnte, so gibt es doch noch Baustellen. Das Thema Verpackung ist so eines und auch bei der Logistik ist noch Luft nach oben.

Ulrich und Angela Walter vor der Lebensbaum-Stele im Diepholzer Schloßpark. © Mediengruppe Kreiszeitung, Eberhard JansenUlrich Walter hat nicht nur ein erfolgreiches Unternehmen aufgebaut, er hat mit seinen kompromisslos hohen Qualitätsstandards auch die Bio-Branche beeinflusst: Konsequente Marken- und Qualitätspolitik bescheinigt Götz Rehn Lebensbaum, verlässlich und geradlinig sei Ulrich Walter, sagt Elke Röder, die lange Jahre dem Bundesverband Naturkost Naturwaren (BNN) vorstand. Er habe den Blick über den heimischen Tellerrand gerichtet, die gesamte Branche verdanke ihm sehr viel, meint Steffen Reese, Chef von Naturland. Und auch in Diepholz weiß man, was man an Lebensbaum hat: Bürgermeister Florian Marré hält das soziale, ökologische und nachhaltige Engagement für „beispielgebend". Die Stadt hat Ulrich Walter 2020 daher zum Ehrenbürger ernannt.

Neue Eigentümer
2019 wurde Ulrich Walter 70 und das Unternehmen feierte sein 40jähriges Jubiläum. Nun war es Zeit, die Geschäfte in neue Hände zu geben. Schon Jahre zuvor hatte Walter begonnen, eine Lösung für die Nachfolge zu suchen. Die Töchter hatten eigene Pläne und die Interessenten, die das Unternehmen kaufen wollten, waren den Walters nicht geheuer. Die neuen Eigentümer sollten den Geist des Unternehmens wertschätzen und erhalten wollen. Mit der Adiuva GmbH, deren alleiniger Investor eine Hamburger Unternehmerfamilie ist, wurde eine Lösung gefunden. Man testete sich erst mal gegenseitig über eine Minderheitenbeteiligung. Das klappte. „Adiuva investiert ‚geduldiges Geld‘", erklärt Walter. „Sie sind nicht am schnellen Profit, sondern an der langfristigen Wertsteigerung des Unternehmens interessiert." Und Bio-affin sind sie auch. Aus dem operativen Geschäft halten sich die neuen Eigentümer jedoch raus.

Ulrich Walter kümmert sich jetzt vor allem um die Belange der familieneigenen Auwa Holding GmbH, einer Verwaltungs- und Beteiligungsgesellschaft, die sich bei Bio-Rohstoffen und Immobilien engagiert. Doch auch bei Lebensbaum hat er noch die Finger im Spiel. In einem neu gebildeten Beirat wacht er darüber, dass Lebensbaum hoffentlich bleibt, was es ist: eines der anspruchsvollsten Unternehmen in der Bio- Branche und immer auf der Suche, alles noch einen Tick besser zu machen.
 
Heike Leitschuh ist Autorin, Moderatorin und Beraterin für Nachhaltige Entwicklung, ihr jüngstes Buch „Belächelt, Bekämpft, Begehrt. Mit Bio-Pionier Ulrich Walter durch fünf Dekaden" ist gerade bei Hirzel erschienen. Darin untersucht sie auch Vergangenheit und Zukunft der Bio-Branche.

Gesellschaft | Pioniere & Visionen, 01.06.2021
Dieser Artikel ist in In einer Zeit, in der Angst Einzug in der Gesellschaft hält, macht forum Nachhaltig Wirtschaften 02/2021 Mut. - Sicher!? erschienen.
     
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