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Fritz Lietsch

Kreislaufwirtschaft

Verlierer oder Sieger in der ­Krise?

Die Coronavirus­-Krise hat der Recycling-­ und Entsorgungsbranche enorm geschadet. Nicht wenige Unter­nehmen kämpfen um ihre Existenz. Dabei ist der sorgsame Umgang mit begrenzten Ressourcen wichtiger denn je.
 
Kreislaufwirtschaft – Von der Rhetorik zur Praxis: Das Gutachten des Sachverständigenrat für Umweltfragen (SRU) zum Thema Kreislaufwirtschaft zeigt den überfälligen Weg. Das ist bitter nötig, denn in der Krise stapeln sich die PET-Ballen himmelhoch.Ein massiver Nachfrage- und Angebotsschock beeinflusst die Sekundärrohstoff-Märkte. Die Schrottwirtschaft kämpft mit hohen Fixkosten und den Kunststoffrecyclern brechen die Märkte weg. „Die Situation für das Kunststoffrecycling ist extrem kritisch", so fasst Herbert Snell, Vizepräsident des bvse-Bundesverband Sekundärrohstoffe und Entsorgung, die gegenwärtige Entwicklung auf den Märkten zusammen.
 
Aufgrund der Coronavirus-Pandemie ist die Nachfrage der Industrie weltweit im freien Fall.
Nicht nur die Ölpreise, auch die Preise für Kunststoffrohstoffe (Neuware) sind auf einem Niveau, wie seit der Finanzkrise nicht mehr. Der Preisvorteil der Recyclingware gegenüber der Primärware fällt damit weg und kehrt sich teilweise sogar ins Gegenteil.
 
Die UN warnt davor, dass sich der jährliche globale Ressourcenverbrauch bis 2060 verdoppeln wird und die Treibhausgasemissionen weiter dramatisch ansteigen. 

Quelle: Kfw Research, in Anlehnung an acatech (2018) 
Der Kunststoffabfall bleibt ein Problem
Nicht nur der Preiskampf macht den Anbietern von Recyclingkunststoff zu schaffen. Auch die Produktion der kunststoffverarbeitenden Industrie, die Recyclate einsetzt, vor allem in Deutschland, Frankreich, Italien, aber beispielsweise auch im Nahen Osten oder in Südamerika ist zurückgegangen und teilweise sogar ganz zum Erliegen gekommen. Schon ist laut bvse spürbar, dass die Industrie deutlich weniger Recyclate einsetzt. So sind Recyclate zwar in bestimmten Bereichen, wie in der Verpackungsindustrie, bisher noch gut nachgefragt. Doch der Absatz im Automobilbau ist beispielsweise extrem schwach und der Absatz von Recyclingprodukten im Tiefbau ebenfalls rückläufig.
 
Der Export von Recyclaten in das Ausland wird auch durch die Beschränkungen beim Grenzübertritt stark behindert. Die Recycler registrieren zudem, dass selbst aus Ländern, in denen über Jahre stabile Absatzmärkte aufgebaut wurden, Stornierungen eingehen. Die Exportlogistik kann deshalb nur mit erheblichen Behinderungen oder Verzögerungen in Gang gehalten werden. Die Kombination von Preisverfall für Neuware, Nachfragerückgang und Logistikschwierigkeiten belastet die Recyclingunternehmen, und Deutschland bleibt damit auf seinem Plastikmüll sitzen. Die Branche sieht enorme Probleme auf sich zukommen, weil sie es mit einem weltweiten Krisenszenario zu tun hat, das sich in den nächsten Wochen und Monaten sogar noch verstärken könnte.
 
Downcycling ist das Recycling von Abfällen, bei denen das recycelte Material von geringerer Qualität bzw. Verarbeitbarkeit ist als das Originalmaterial.
 Der Staat soll helfen
Der bvse fordert daher, frühzeitig konjunkturstützende Maßnahmen vorzubereiten, die ganz gezielt das Recycling stärken sowie den Um- und Ausbau der Kreislaufwirtschaft in Deutschland und Europa forcieren. Corona darf nicht als Entschuldigung dafür genommen werden, die Bemühungen für Klimaschutz und Kreislaufwirtschaft schleifen zu lassen. Es müsse vielmehr darum gehen, sich mit zukunftsgerichteten Weichenstellungen schnell und nachhaltig aus der Krise herauszukämpfen. Jetzt ist der ideale Zeitpunkt, um Anreize für den Einsatz von Recyclaten zu setzen und das öffentliche Beschaffungswesen konsequent darauf zu trimmen, endlich auf breiter Front Recyclingprodukte einzukaufen, denn der Wandel zu einer Circular Economy wird nicht von allein kommen. Wesentliche Hemmnisse sind höhere Kosten von hochwertigem Recycling im Vergleich zu anderen Abfallentsorgungsmöglichkeiten wie z. B. Müllverbrennung oder Downcycling, niedrige Preise für Primärrohstoffe sowie eine bislang zu geringe Nachfrage nach Recyclingprodukten.
 
Die Umsetzung einer Circular Economy erfordert daher einen klaren regulativen Rahmen sowie wirtschaftliche Anreize. Die EU hat zwar mit ihrem Aktionsplan einen wichtigen Impuls gesetzt, doch um eine signifikante Entkopplung der Wertschöpfung von der Zufuhr neuer Rohstoffe erreichen zu können, sind weitere Schritte erforderlich, insbesondere Maßnahmen zur Verbesserung der Qualität der Recyclingprodukte und eine stärkere Adressierung des Themas Abfallvermeidung. Für eine erfolgreiche Umsetzung ist es zudem wichtig, dass alle Akteure des Wertschöpfungskreislaufs aus eigenem Antrieb Verantwortung übernehmen und stärker miteinander kooperieren – vom Produktdesigner und Produzenten über den Handel und den Konsumenten bis hin zu den Unternehmen der Recyclingwirtschaft.

Folglich sollten Hilfsgelder gerade jetzt dafür eingesetzt werden, die entsprechenden Handlungen in der Industrie zu beschleunigen.
 
von Fritz Lietsch

Dieser Artikel ist in forum 02/2020 - die Corona-Sonderausgabe - Einfach zum Nachdenken... und Handeln erschienen.

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