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Wohnen zwischen Himmel und Erde

Im Baumhaushotel vor der Küste Tansanias

Ein Baumhaushotel vor der Küste Tansanias, das mehr sein will als eine reine Luxusherberge. Und seine Besitzer, die seit 20 Jahren um die nachhaltige Entwicklung eines kleinen Eilandes ringen. Begleiten Sie mich zu einem besonderen Entwicklungs- und Tourismusprojekt auf die Insel Chole.

Baobabs - Affenbrotbäume – beherbergen Hotelzimmer. Das Wohnen in den Baumkronen ist ein einzigartiges Erlebnis. Foto: © Bruno Kinross„Meine Brüder und Schwestern mussten noch auf die Nachbarinsel Juani, um zur Grundschule zu gehen”, erzählt Jumanne Ally den ankommenden Gästen nach der Begrüßung, während Kinder in Schuluniformen über die Wiese laufen. Jumanne, was so viel wie Dienstag heißt, Menschen heißen hier oft nach dem Tag, an dem sie geboren wurden, ist leitender Angestellter der Chole Mjini Lodge. Nach der Begrüßung erklärt er die Hausordnung und die Besonderheiten dieses Luxus-Ressorts, die für die Gäste schon damit begonnen haben, dass sie eines der für die Swahili Küste so charakteristischen Dhau-Boote besteigen und mit hochgekrempelten Hosen durchs seichte Wasser an den Strand waten mussten. Abschließend bekommen sie noch kleine, solarzellenbetriebene Lampen in die Hand gedrückt, denn auf Chole gibt es keine Elektrizität.

Sechs Baumhäuser, in die Kronen riesiger Baobabs oder auf Stelzen in den Himmel gebaut und eine ausladende Villa verschwinden im subtropischen Grün. Jedes Hotelzimmer ist anders, dabei ist „Zimmer" ein allzu einengender Begriff für den Raum, den man hier oben bewohnt. Ein Plateau ohne Wände, ohne Abgrenzung gegen die Welt der Bäume, der Pflanzen und hier lebenden Tiere – und gerade dadurch von berückender Schönheit. In einem dieser Hotelzimmer hat man die beste Sicht über das Meer, unter dem nächsten lebt ein sanftmütiger Leguan, und wieder in einem anderen Baumhaus fällt der Blick auf die Ruine eines arabischen Hauses, von den Luftwurzeln der Bäume langsam in die Knie gezwungen.

Mahnmahle einer oft grausamen Vergangenheit

Luftwurzeln zwingen die Ruinen der arabischen Stadt, die einstmals auf Chole stand, in die Knie. Foto: © Bruno KinrossPlötzlich fühlt man sich inmitten der ehemals hier ansässigen arabischen Händler, die auf der Insel einen blühenden Sklavenhandel betrieben. Die Sultane von Oman beherrschten die ostafrikanische Küste seit dem 18. Jahrhundert, 1840 verlegte Said ibn Sultan seinen Hof von Maskat nach Sansibar, zu dem die Insel Mafia und die damals viel bedeutendere Insel Chole gehörten. Die charakteristische Swahili-Kultur, eine Vermischung arabischer, indischer und schwarzafrikanischer Einflüsse, ist jedoch viel älter. Sie ist ein Kind des Monsuns, der indische und arabische Händler seit jeher an die Küsten Ostafrikas gebracht und einen jahrhundertelangen Handel mit Gewürzen, Elfenbein, Stoffen, Gold und Sklaven in Gang gesetzt hat. 1890 wurde Chole Teil der deutschen Kolonie Deutsch-Ostafrika, und nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg fiel die Inselgruppe an das britische Protektorat Tanganjika.

Im Baumhaus vier wird man sanft vom Gurren grüner Tauben unter dem Baldachin des großen Himmelbetts geweckt und schließlich in einer letzten dieser eigenwilligen Behausungen hört man die Schulkinder, wie sie jeden Morgen die Tansanische Hymne singen, „...Gott segne uns, die Kinder Tansanias." Seitdem es die Lodge gibt, hört man die Verse voll Hoffnung auf ein besseres Leben, davor war Bildung auf der kleinen Koralleninsel im Indischen Ozean bloß eine ferne Sehnsucht.

Ein Experiment: business for development
Heute: Luxus auf zwei Stockwerken. Oben der Ausblick zum Lesen und Träumen. Foto: © Bruno KinrossMafia, zu deren vorgelagerten Inseln das bloß einen Kilometer lange Eiland Chole gehört, liegt eine Flugstunde weiter südlich und etliche Entwicklungsjahre entfernt von der für den Tourismus weitgehend erschlossenen Gewürzinsel Sansibar. Hier sucht man vergeblich Speedboote, Strandbars, aus denen Reggae oder Kongo-Pop lärmt, und Souvenirverkäufer in Massaitracht. Stattdessen ernten Frauen in bunten, vom Wind verwehten Kangas bei Ebbe Seegras, und bei Flut füllt sich die Chole Bay, Teil des 800 Quadratkilometer großen Marineparks von Mafia, bis zu den dicht belaubten Mangroven mit flaschengrünem Wasser. „Eigentlich kamen wir, um uns in der Bootswerft von Chole eine traditionelle Dhau bauen zu lassen", erzählt Jean de Villiers. „Dann haben wir uns in die Abgeschiedenheit, intakte Natur und reiche Meeresfauna verliebt", ergänzt seine Frau Anne, die damals als Entwicklungshilfeexpertin in Sansibar arbeitete. Das war 1993, und bald stand nicht mehr das Segelboot im Vordergrund, sondern das Ehepaar wurde zu einem der Pioniere für nachhaltigen Tourismus in Tansania. Ihre Lodge auf Chole gewann fortan Preise, so etwa 2014 den World Responsible Tourism Award in Gold in der Sparte Best for beach tourism. Dabei ging es den de Villiers von Anfang an vor allem um ein Experiment: „Wir wollten herausfinden, inwieweit ein auf Profit ausgerichtetes Tourismus-Unternehmen ein probates Mittel ist, um einem ganzen Dorf eine langfristige und breit angelegte Hilfe zur Selbsthilfe zu ermöglichen." Zwanzig Jahre ist das her, Zeit, Bilanz zu ziehen und sich zu fragen, was sich hier auf der kleinen Insel Chole verändert hat. In jedem Fall – das sei schon vorweggenommen – ist das Projekt viel mehr als ein Luxushotel, es ist eine in den Raum gestülpte Lernerfahrung über Entwicklung.

Der Pakt mit dem Dorf: Bildung
Unten alles, was das Herz begehrt – nur ohne Wände. So wird die Natur zum eigentlichen Erlebnis, zum Regisseur unvergleichlicher Tage auf der Insel. Foto: © Bruno Kinross„Ich kenne alles hier sehr gut, schließlich war ich von Anfang an dabei", sagt Mabruki Sadiki stolz. Der ehemalige Vorsitzende des Village Council war begeistert, weil die neuen Investoren weniger ihre Ideen erklärten, als die Dorfbewohner fragten, was SIE denn von einem solchen Tourismusprojekt erwarten würden. Mabruki lehnt sich zurück, nippt an seiner Cola. Der stattliche Mann in den 50ern fühlt sich sichtlich wohl in der Lodge. „Bildung, Bildung und nochmals Bildung war damals unser einhelliger Wunsch, und er ist es bis heute geblieben." Vor 20 Jahren gab es auf Chole nur ein Kind, das die Sekundarschule auf Mafia besuchte und einige wenige, die bei Ebbe den weiten Weg auf die Nachbarinsel Juani zur Grundschule auf sich nahmen. Noch öfter aber blieben die Kinder zu Hause, um beim Fischen oder der Kokosnussernte zu helfen. Heute gehen praktisch alle Chole-Kinder in die Grundschule des Dorfes, 50 Prozent schaffen regelmäßig den Übertritt in die Sekundarschule und 20 junge Dorfbewohner haben es in den letzten 20 Jahren sogar bis an die Universität oder das College gebracht. „Entwicklung", betont Anne de Villiers, „ist nur dann nachhaltig, wenn sie selbstbestimmt ist."

Einschlafen mit dem Rauschen des Meeres. Erwachen durch das Gurren grüner Tauben. Dazu ein sehr persönlicher Service und regionale Suahili-Küche. In der Hotel-Lobby zu ebener Erde wird gefrühstückt und zu Mittag gegessen. Foto: © Monika CzerninEinen anderen Mitstreiter aus der ersten Zeit, Johari Fadili, besuchen wir auf seiner „shamba". Jedes Haus in einem ostafrikanischen Dorf ist von ein paar Feldern zum eigenen Gebrauch umgeben, denn die Subsistenzwirtschaft ist immer noch das Rückgrat der afrikanischen Ökonomie. Eine schiefe Bank für uns, Johari hockt auf seinen Fersen, auf jedem Knie ein Enkelkind. Hinter ihm sieht man hinüber auf die Nachbarinsel, ein grüner Strich am Horizont, auf dem Palmen wie Zinnsoldaten in das Blau des Himmels ragen. Der hoch gewachsene, hagere Mann lacht breit, große Falten durchziehen sein Gesicht. „Diese beiden Knirpse können nächstes Jahr in Chole in den Kindergarten gehen." Als er im Jahr 2000 gegründet wurde, ging der ehemalige Fischer nach Daressalam und ließ sich zum Montessori-Lehrer ausbilden. Dann wurde er Leiter des Kindergartens. „Er musste seine Familie für zwei Jahre allein lassen", erzählt Anne de Villiers, die den Kindergarten mit dem Geld der Women’s Front of Norway aufgebaut hat. „Für Menschen wie Johari, die auch die 20 Cent für die 10-minütige Fähre von Chole nach Mafia nicht leichtfertig ausgeben, ein gewaltiger Schritt." Dass er 2014 sein Amt niedergelegt hat, bedauert sie, aber auch der Generationswechsel gehört zur Entwicklung. Auch der norwegische Sponsor ist nach 14 Jahren kontinuierlicher Unterstützung weggebrochen und für die Finanzierung des Kindergartens mussten neue Lösungen gefunden werden. Oft scheitert nachhaltige Entwicklung daran, dass die langfristige Finanzierung fehlt und NGOs auf der Suche nach neuen Projekten weiterziehen. Dadurch, dass die Chole Mjini Conservation and Development Company beides ist – Hotelbusiness und Entwicklungshilfeorganisation – ist es anders. Die Lodge verspricht Langfristigkeit.

Nachhaltige Entwicklung ist mehr als Umweltschutz
Das Abendessen findet mal unterm alten Tamarindenbaum, in den Ruinen oder gar im Hotel-Hafen direkt am Wasser statt. Foto: © Monika Czernin„Natürlich geht es uns auch darum, Energie zu sparen, ein sinnvolles Abfallmanagement zu betreiben, die Mangroven und die Unterwasserwelt von Chole zu schützen", erklärt Jean de Villiers sein Verständnis von nachhaltigem Tourismus. „Aber wir glauben, dass die Menschen die wichtigsten Faktoren eines funktionierenden Ökosystems sind, und deshalb hat die soziale Nachhaltigkeit bei uns Priorität." Deshalb gibt es den Bildungspakt, in dem sich die de Villiers dazu verpflichtet haben, zwei Generationen von Chole-Kindern mit Stipendien zu helfen. Dann – auch das gehört zum nachhaltigen Entwicklungskonzept – soll sich das Dorf selbst helfen können.

Der Kindergarten führte zu einem regelrechten Sprung in der Entwicklung des Dorfes, doch nicht so sehr wegen der frühkindlichen Erziehung, sondern durch sein intensives Gesundheitsprogramm und die Mittagsmahlzeit, die die 3-6-Jährigen bekommen. „Anfänglich haben wir uns gewundert, warum so wenig Schüler in der neuen Grundschule durch die Prüfungen kamen." Mit der Einführung des Kindergartens stieg die Erfolgsrate jedoch signifikant an. „Sie konnten sich einfach besser konzentrieren, weil sie nicht mehr anämisch und chronisch krank waren", erzählt Anne de Villiers. Damit war freilich das nächste Problem geboren. Der Finanzierungsbedarf des Stipendienprogramms für die Sekundarschule stieg angesichts der wachsenden Zahlen von Übertrittkandidaten gewaltig an. Also gründeten die de Villiers den Chole Mjini Trust Fund, der neben Spenden von Gästen auch um große, institutionelle Sponsoren wirbt. Jene, die es auf die Universität oder ins College geschafft haben, müssen die Hälfte des Stipendiums zurückzahlen. Mit den etwa 2.000 USD die auf diese Weise pro Absolvent in die Kasse kommen werden, kann das Dorf weitere Kinder in die Sekundarschule schicken.
 
Johari Fadili, der ehemalige Leiter des Kindergartens, hat viel für die Entwicklung seines Dorfes getan – mit Unterstützung der Chole Mjini Conservation and Development Company von Anne und Jean de Villiers. Foto: © Monika CzerninDie Chole Mjini Lodge ist der wichtigste Wirtschaftsfaktor auf der Insel. 80 Prozent der Angestellten müssen – so haben es sich die de Villiers auferlegt – aus dem Dorf kommen, sie werden aus- und weitergebildet und, wenn irgend möglich, auf Dauer beschäftigt. Außerdem zahlt das Hotel pro Gast und Nacht 10 USD direkt an zwei Dorfkomitees, eine Investitionshilfe für die Bewohner, die ansonsten immer noch fast ausschließlich vom Verkauf von Fischen, Kokosnüssen und Orangen leben. Die Anstrengungen, dem Dorf zu einer von der Lodge unabhängigen ökonomischen Entwicklung zu verhelfen, sind jedoch trotz Mikrokreditprogrammen und diversen NGOs, die die Lodgebesitzer auf die Insel gebracht haben, stets schwierig geblieben. „Es ist eben leichter, die Menschen auszubilden, als sie dazu zu bekommen, erfolgreiche Unternehmer zu werden, noch dazu nach 40 Jahren Sozialismus", erklärt Jean de Villiers. Doch es liegt wohl auch an der Größe der Insel, die mit ihren 1.000 Einwohnern und ihrer Abgeschiedenheit einfach zu klein ist, um eine signifikante Nachfrage zu generieren. Auch die rund 10 Touristen am Tag, die von Mafia auf die Insel kommen, um sich das Dorf anzuschauen, sind keine kritische Masse. Mehr als den einen Souvenirladen von Ali braucht es da nicht.

Harumi und Hassaini haben es dank der Unterstützung durch die Lodge und ihre Gäste bis auf die Universität geschafft. Nun wollen sie ihrerseits den Kindern von Chole helfen. Foto: © Monika CzerninUnd dennoch: Statt einem Dorfbewohner mit einer bezahlten Arbeit gibt es heute allein in der Lodge 50 Angestellte, darüber hinaus noch einmal so viele, die dank ihrer besseren Ausbildung nach Mafia zur Arbeit pendeln. So fließt Geld zurück in das Dorf. Statt nur einem Fahrrad gibt es heute 200, fast jeder hat ein Radio und nicht wenige sogar ein Solarpaneel auf dem Dach, um Strom in die dunkle Hütte zu leiten, aber vor allem um anderen Bewohnern gegen 500 Tansania Schilling (umgerechnet 25 Cent) das Handy aufzuladen. Hier sieht man eine bessere Behausung, dort hat einer ein wenig Geld und Zeit für einen hübscheren Eingang. Manche träumen gar große Träume, vom eigenen Boot, um Touristen durch den Marinepark zu schippern oder von einem Geschäft im Zentrum der Insel. Auch die Krankenstation – ursprünglich von der Lodge und der Norwegischen Frauen Front erbaut – hat nicht nur die Kinder- und Müttersterblichkeit erheblich gesenkt, ihre Satellitenschüssel dient zudem der Fußballübertragung im vollgestopften „Kino", einer Lehmhütte mit ein paar Bastmatten zum Sitzen. „Es ist vieles besser geworden, heute schlafen die Menschen nicht mehr am Boden, sondern können sich ein Holzbett und ein Zinndach auf ihrer Lehmhütte leisten", sagt Johari. Doch anders als so oft, wenn das schnelle Geld in ein unterentwickeltes Dorf einzieht, funktioniert in Chole die ursprüngliche Lebens- und Solidargemeinschaft weiter. Auch das ist so besonders an diesem Tourismus- und Entwicklungsprojekt, ein Beweis dafür, dass auf der kleinen Insel in den letzten 20 Jahren eine nachhaltige Entwicklung gelungen ist.

Bildung bringt nachhaltige Entwicklung
 Nachhaltige Entwicklung bedeutet für die Gründer des Projekts, dass die Menschen im Mittelpunkt stehen. Die Hälfte der Grundschüler schafft es heute in die Sekundarschule. Foto: © Monika Czernin„Wir sind richtige Chole-Produkte", erzählen Harumi und Hassaini, zwei der Universitätsabsolventen der Insel. Harumi arbeitet heute als Lehrer an einer Sekundarschule in Mafia, Hassaini in der Verwaltung des Krankenhauses. Bald werden sie die Hälfte ihrer Ausbildungskosten zurückzahlen, doch sie fühlen sich ihrem Heimatdorf in vielerlei Hinsicht verpflichtet. Harumi hat unentgeltlich im Learning Center Englisch unterrichtet, jetzt helfen beide Schülern durch die Prüfungen zu kommen und die Motivation nicht zu verlieren. Mabruki hat recht: Bildung bringt Entwicklung, weil gut ausgebildete Leute – wenn die ursprüngliche Lebensgemeinschaft intakt bleibt – dem ganzen Dorf helfen. „Bereits jetzt haben wir junge Menschen aus Chole in einflussreichen Stellen. Ein Netzwerk, das uns allen nützt."

Der Kindergarten ermöglicht Zugang zu einer regelmäßigen medizinischen Versorgung, eine warme Mahlzeit am Tag, den Einstieg in den Bildungspakt. Foto: © Monika Czernin20 Jahre ringen Anne und Jean de Villiers nun schon gemeinsam mit den Dorfbewohnern von Chole um eine nachhaltige Entwicklung. „Der Weg ist mindestens zur Hälfte geschafft", sagt Anne de Villiers. „Wenn das Schulsystem in Tansania besser wäre, wären wir mit unseren Anstrengungen noch viel weiter." Doch es gibt zu wenig Lehrer, Kinder sitzen oft alleine in der Klasse. Das Hauptproblem des Schulsystems klingt aber wie ein Schildbürgerstreich: Während in der Sekundarschule auf Englisch unterrichtet wird, lernen die Kinder in der Grundschule in Swahili. Wegen der fehlenden Englischkenntnisse schaffen es viele erst gar nicht in die Sekundarschule oder sie kommen im Unterricht nicht mit und verlassen die Schule nach vier Jahren ohne Gewinn. Hier setzt das neueste Projekt der de Villiers an. In der mit Computern ausgestatteten Bibliothek der Grundschule soll mit dem Softwareprogramm „Genki English" Grundschülern so viel Englisch beigebracht werden, dass sie den Übertritt in die Sekundarschule leichter schaffen und danach mehr vom Unterricht profitieren. Wieder einmal hat Anne de Villiers damit ein Pilotprojekt auf die Insel gebracht. Auch die Solarlampen, die jeder Gast bei der Ankunft erhält, wurden zuerst in Chole eingeführt – jetzt findet man sie in ganz Tansania.

Der Luxus besteht im Weglassen von Nebensächlichem
Tauchen, Schnorcheln, schlüpfende Schildkröten beobachten oder das abenteuerliche Schwimmen mit Walhaien bestimmen die Tage. Am Abend lockt das Sonnenuntergangs-Segeln. Foto: © Bruno KinrossIn der Haupthalle der Lodge liegen einige dicke Holzstämme. Hoch oben in den Balken des großen, mit Palmblättern gedeckten Daches balanciert Farahani Shomari in einer atemberaubend akrobatischen Stellung, um zwei Verbindungspfosten aneinanderzuschrauben. Farahani ist einer der ältesten Angestellten der Lodge, einer, der sie miterbaut hat. „Jedes der sechs Baumhäuser hatte eine Bauzeit von bis zu einem Jahr", erzählt Jean de Villiers, denn die selbst auferlegten Prinzipien der ökologischen und sozialen Nachhaltigkeit einzuhalten, war mehr als aufwendig. Man baute ausschließlich mit den lokalen Bootsbauern aus der Werft, lokalen Handwerkstechniken und Holz, das im Rufiji-Delta geschlagen, per Segelboot nach Chole gebracht und dort mit der Hand bearbeitet wurde. „Wir wollten etwas ebenso einfaches wie elegantes kreieren", erklärt Jean, und tatsächlich liegt der Luxus von Chole Mjini in der Konzentration auf das Wesentliche – ein luxuriös gepolstertes Himmelbett, Moskitonetze wie wehende weiße Wolken, durch die die Morgensonne schimmert, eine Hängematte zum Seele baumeln lassen, eine gute Küche und vielfältige Aktivitäten, etwa Tauchen, Schnorcheln und Sonnenuntergangssegeln. So viel Natur wie nur irgend möglich. Ein Leben mit dem Wind, den Tieren, der Feuchtigkeit und Hitze, dem Tag- und Nachtrhythmus, der parallel mit dem der Gezeiten das Leben der Gäste wie der Dorfbewohner bestimmt. Luxus als perfekte Balance zwischen Ausgesetztsein und westlichem Lebensgefühl. Gerade so angenehm, dass man sich wohlfühlt, aber auch so reduziert, dass es manchmal zur Herausforderung wird. Eine fast spirituelle Erfahrung und dennoch gehobener Tourismus.

Die Fähre verkehrt alle paar Stunden zwischen der Hauptinsel Mafia und dem kleinen Eiland Chole. Die Gäste der Lodge werden mit der Hotel-eigenen Dhau abgeholt. Foto: © Monika Czernin„Unser Entwicklungsprojekt ist gewachsen und braucht viel mehr Geld, doch die Lodge hat nur sechs Baumhäuser und eine Villa", sagt Jean de Villiers und erklärt, wie er das Hotelgeschäft vergrößern will, damit das Entwicklungshilfeprojekt überleben kann. Seit Jahren wartet er auf eine Baugenehmigung für eine zweite Lodge auf der Hauptinsel Mafia, dort wo von September bis März in der Bucht Walhaie an der Wasseroberfläche schwimmen. Auch hier geht es um nachhaltigen Tourismus, um Regeln, wie das Schwimmen mit den majestätischen Tieren ökologisch vertretbar ist. Dennoch, ein so umfassendes und hochkomplexes Entwicklungshilfeprojekt wie in Chole können sich die de Villiers auf der Hauptinsel nicht leisten. Im Gegenteil, sie brauchen ein zweites, finanzkräftigeres Standbein, um ihr Herzensprojekt Chole Mjini und die Entwicklung „ihrer" Insel weiterhin unterstützen zu können, denn das Baumhaushotel macht mit all seinen sozialen Verpflichtungen, seinen ökologischen Auflagen und seiner luxuriösen Ausstattung nur wenig Gewinne. Deshalb ist es auch so wichtig, dass der Chole Mjini Trust zusätzliche Sponsoren gewinnt. Jeder kann helfen und ein aktives Mitglied der Chole Familie werden.

Ein Urlaub, der Augen öffnen kann

Fast alle Angestellten der Lodge sind aus dem Dorf. Ihre Familien, hier die Großfamilie des Chefkellners, haben in vielfältiger Weise von dem Tourismusprojekt profitiert. Foto: © Monika CzerninDer Abend senkt sich über die Chole Bay. Rot geht die Sonne hinter Mafia unter, während der Muezzin zum Gebet ruft. Ein Fußballmatch auf dem Spielplatz der Schule geht zu Ende, die Nacht senkt sich über das Dorf und die Lodge. Beim Abendessen unter dem alten Tamarindenbaum werden große Fragen gewälzt: Was ist vom chinesischen Engagement in Afrika zu halten? Schafft es Tansania, sich von einem der ärmsten Länder des Kontinents in ein Schwellenland mit guten Investitionsbedingungen zu verwandeln? Ein Land mit solider Mittelschicht für einen stetigen Aufschwung? Und was wird aus Chole, das sich in den letzten 20 Jahren so nachhaltig verändert hat? Mit der Gewissheit, hier mehr als einen luxuriösen Urlaub mit Tauchen, Schnorcheln und Barbecue am Strand erlebt zu haben, steigen die Gäste zu später Stunde in ihre Bäume und schlafen, begleitet von Wind und Wellen unter den Moskitonetzen ein.

Für weitere Informationen, wenn Sie spenden oder mit Chole in Kontakt treten wollen:

The Chole Mjini Trust Fund: www.choletrust.org
Chole Mjini Lodge: www.cholemjini.com

Monika Czernin
ist freie Autorin und Filmemacherin. Sie hat immer wieder über Ostafrika, insbesondere Tansania („Jenes herrliche Gefühl der Freiheit. Frieda von Bülow und die Sehnsucht nach Afrika", List Verlag 2008) geschrieben. Chole, das sie seit 10 Jahren kennt und regelmäßig besucht, ist ihr ein Herzensanliegen.

Gesellschaft | Pioniere & Visionen, 01.01.2016
Dieser Artikel ist in forum Nachhaltig Wirtschaften 01/2016 - Herausforderung Migration und Integration erschienen.
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