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Die Kräuterbarone

Serie „Bio-Pioniere“

Dass Bio nichts mit lebensferner Askese, dafür aber viel mit Genuss und Lebensfreude zu tun hat, hat sich längst herumgesprochen. Hinter dieser Entwicklung stehen Pioniere, die bei der Produktion und Vermarktung hochwertiger Bio-Produkte viel Herzblut und Begeisterung investiert haben: Ulrich Walter und Johannes Gutmann sind zwei dieser engagierten und erfolgreichen Wegbereiter.

forum-Autor Christoph Quarch hat beide auf der BioFach in Nürnberg getroffen.

Ulrich Walter © Lebensbaum Ein milder Duft von Rosmarin weht mich an, ein Hauch von Kardamom schmeichelt der Nase. Links und rechts laden satt mit Käsewürfeln gefüllte Körbe zum hemmungslosen Naschen ein. Nein, es ist nicht ein orientalischer Basar, auch nicht das Schlaraffenland, durch das ich wandle, sondern ganz prosaisch das Nürnberger Messegelände, genauer: die BioFach, die größte und wichtigste Fachmesse der Bio-Branche weltweit. Verführerisch und stolz präsentiert sich hier ein Wirtschaftszweig, der vor wenigen Jahren noch belächelt, wenn nicht gar verspottet wurde.

Wer solches immer noch tut, wird hier eines Besseren belehrt: Bio ist groß geworden – egal ob im Lebensmittelsektor oder in der Kosmetikbranche. „Das hier ist nicht Pillefiz, sondern Big Business", schießt es mir durch den Kopf. Und nicht nur das: Bio ist auch lustvoll geworden. Die Hersteller spielen mit Leidenschaft die Genuss-Karte: höhere Qualität, mehr Lifestyle, bessere Gesundheit. Ungelogen: Das ganze macht Spaß und mein Weg dauert länger als erwartet. Zu viele köstliche Verführungen halten mich auf. Schließlich bin ich dann doch am Ziel. „Lebensbaum" lese ich in großen Lettern, und sogleich steigt mir der Duft des 2013 von den Demeter-Juroren zum besten Bio-Produkt des Jahres gekürten Lebensbaum-Espresso in die Nase. Hier bin ich richtig. Nicht nur wegen meiner Liebe zum Kaffee, sondern weil ich mit Ulrich Walter verabredet bin, dem Chef und Gründer des Unternehmens.

Der Lebensbaum-Chef setzt konsequent auf Qualität

Der Herr, der mich mit kräftigem Handschlag begrüßt, erscheint mir als Archetypus des ehrbaren Kaufmanns. Unwillkürlich steigt das Wort „Kontor" in mir auf, und vor dem inneren Auge sehe ich die von Kaffeegeruch durchwehten roten Backsteingebäude der Hamburger Speicherstadt – eine Assoziation, die mir vielleicht deshalb kommt, weil ich gelesen habe, dass Ulrich Walter einst bei der Hansa-Reederei zum Schifffahrtskaufmann ausgebildet wurde, und weil allein dieses Wort die Ahnung von Wind und Weite in mir beschwört.

Anfänge im Bio-Laden

Womit ich aber nicht richtig liege. Denn so sehr Ulrich Walter auch den Typus des hanseatischen Händlers verkörpert, von Hause aus ist er es nicht: Neben der kaufmännischen hat er auch eine sozialpädagogische Ausbildung – und seine Wurzeln liegen nicht am Meer, sondern im niedersächsischen Diepholz. Dort war es, wo er vor 35 Jahren mit seiner Frau einen Bio-Laden aufmachte. „Lebensbaum" hieß schon damals das Geschäft, bei dessen Eröffnung ihm aufstieß, dass ein paar der wichtigsten Produkte in den Regalen fehlten: Kaffee, Tee und Gewürze.

Da kam ihm die zündende Geschäftsidee. Er gründete die Ulrich Walter GmbH und zog aus in die Welt, um Partner zu finden, die für ihn die gesuchten Produkte in Bio-Qualität herstellen würden. Wenige Jahre später schon füllten die Erzeugnisse der Marke „Lebensbaum" die Auslagen nahezu jedes deutschen Bio-Geschäfts. Der Kaufmann, der nie Betriebswirtschaft studiert hat, wurde zum erfolgreichen Start-up – obwohl ihn niemand so richtig ernst nahm. „Das hat uns damals geärgert, aber es war aus heutiger Sicht unser großes Glück. Sonst hätte uns die konventionelle Wirtschaft viel härter bekämpft", glaubt er.

Glaube an die Qualität

Sekem beliefert seit 25 Jahren Lebensbaum mit Kräutern und Gewürzen. Im Bild (von l.inks nach rechts): Sekem-Geschäftsführer Helmy Abouleish, Sekem-Gründer Ibrahim Abouleish und Lebensbaum-Gründer Ulrich Walter. © Sekem/LebensbaumUlrich Walter hat von Anfang an auf Qualität gesetzt. „Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass es hierzulande Menschen gibt, die nach einer anderen, besseren Qualität suchen", sagt er, „und wenn das auch nicht der Mainstream ist, so sind es doch genügend, um mit unseren Qualitätsprodukten auf dem Markt bestehen zu können." Darauf habe er vertraut und sich deshalb in seinem unternehmerischen Engagement auch ganz auf den Bio-Fachhandel konzentriert, denn hier konnte er davon ausgehen, qualitätsbewusste Kunden zu finden.

Diese Rechnung ist aufgegangen. Was einmal als Zwei-Mann-Betrieb begann, ist heute zu einem Unternehmen mit rund 145 Mitarbeitern und jährlich zweistelligen Wachstumsraten angewachsen – und das in der Lebensmittel-Branche, die hierzulande traditionell heftig umkämpft ist und bei der sich die Konkurrenten oft gegenseitig mit Tiefpreisen duellieren. Walter hat sich dadurch nicht von seiner Spur abbringen lassen. Allem Wettbewerb zum Trotz ist „Lebensbaum" der souveräne Marktführer im deutschen Naturkostfachhandel. Klar, dass ich sein Erfolgsrezept ergründen möchte.

Nah am Kunden

Es scheint ganz einfach: Menschlichkeit und Nähe. Ulrich Walter legt Wert darauf, nah am Kunden zu sein. „Für uns ist es essentiell, immer neu zu fragen, was die Menschen wirklich wollen", erklärt er und fügt hinzu: „‘Wirklich‘ heißt: nicht die aufgesetzten, oberflächlichen Bedürfnisse, die uns von den Medien eingeredet werden", sondern dasjenige, wonach die Menschen sich in der Tiefe ihres Herzens sehnen. Das seien nun aber gerade nicht immer niedrigere Preise und immer mehr Konsum, sondern „bewährte Tugenden wie Authentizität, Transparenz, Verlässlichkeit und Vertrauen". Die Kunst der Unternehmensführung liegt für ihn deshalb vor allem darin, glaubwürdig und mutig für diese Qualitäten einzustehen – auch, wenn er damit nicht unbedingt im Mainstream der Branche mitschwimmt.

„Es gibt ja Unternehmer, die sagen: Wir müssen ökonomisch erfolgreich sein, damit wir sozial handeln können. Das halte ich für falsch", sagt er ohne Umschweife. Der Ansatz müsse vielmehr sein: „Wenn ein Produkt qualitativ und ethisch stimmig ist, dann kommt auch der wirtschaftliche Erfolg."

Im Gespräch bleiben

Er setzt dabei auf Dialog. Zwar sehe auch er die Vorzüge der schnellen Kommunikation sozialer Netzwerke und digitaler Medien, doch könne dies nicht das direkte Gespräch mit dem Kunden ersetzen: „Ich glaube weiterhin an den stationären Handel", bekennt er, denn gerade im Bio-Bereich sei es wichtig, dem Kunden Rede und Antwort stehen zu können und auf Vorschläge einzugehen. „Hier müssen wir uns noch mehr einfallen lassen", sagt er, „um sicherzustellen, dass unsere Kunden mehr Einfluss auf die Produkte nehmen."

Sein Glaube an Nähe und Gespräch betrifft freilich nicht nur den Kundenkontakt, sondern auch das eigene Betriebsklima. Ohne eine intakte Unternehmenskultur könne heute niemand auf Dauer erfolgreich sein, meint er. Konkret bedeutet das für ihn, „dass die Menschen, die bei uns arbeiten, sich wohlfühlen und das Gefühl haben mitgestalten zu können". Gerade an einem ländlichen Standort sei es wichtig, den Beschäftigten mehr zu bieten als nur einen Job. Unverzichtbar seien ein gemeinschaftlich erarbeitetes Regelwerk und ein von allen geteiltes Bewusstsein der Besonderheit der eigenen Marke.

Das erfordere aber, dass das interne Gespräch nicht abreißt. Ein „lernendes Unternehmen" zu sein, ist ihm ein Anliegen. Deshalb hat er ein Team von Leuten gebildet, die nur die Aufgabe haben, in ihrem Umfeld zu beobachten, ob das Betriebsklima stimmt und ob es Verbesserungspotenziale gibt, die genutzt werden sollten. „Wir leisten uns so etwas, weil wir nur so die Authentizität sicherstellen können, die für unseren erfolgreichen Fortbestand so wichtig ist." Das heiße aber auch: Keine Klischees bedienen, auch nicht das Bio-Klischee. Denn alles plakative Bio-Getue ist Walter zuwider. Ihm geht es darum, glaubwürdig Bio zu leben und nicht bloß ein Schlagwort im Munde zu führen.

Geist der Verbundenheit

„Wichtig ist, dass wir die Menschen finden, die unseren Wertekanon in der richtigen Weise weiterleben und weiterentwickeln", sagt er und unterstreicht, wie wichtig ihm ist, dass in seinem Unternehmen auch in Zukunft ein Geist der Verbundenheit herrscht. „Menschen brauchen Menschen", ist sein Credo.

„Wenn du weißt, wo du herkommst, weißt du auch, wo du hingehen kannst".

Das gilt auch für den Privatmann Ulrich Walter. Während seines ganzen Berufslebens hat er sich ehrenamtlich engagiert: Er ist Aufsichtsratsvorsitzender der GLS-Bank, hat sich in Kommunalpolitik, Stiftungen, Öko-Verbänden hervorgetan – kaum ein Bereich, in dem er nicht tatkräftig aktiv gewesen wäre oder weiterhin ist. „Das Ehrenamt ist für mich eine Kraftquelle", erklärt er. Das Epizentrum seiner Energie aber ist seine Familie, mit der er in einem alten Bauernhaus am Rande seines Dorfes lebt. Hier genießt er die Ruhe und tankt in seinem Garten auf. „Frei atmen und die Weite schauen", sagt er und ergänzt, dass er sich als einen bodenständigen Menschen sieht. „Im Dorf bin ich geerdet. Da habe ich es mit allen Gruppierungen zu tun. Wenn Sie auf dem Land anfangen zu spinnen, dann holt man Sie ganz schnell auf den Boden der Tatsachen zurück."

 


Seit 1979 produziert der Bio-Pionier LEBENSBAUM Tee, Kaffee und Gewürze in feinster Bioqualität. Die Lebensbaum-Synthese aus purem Genuss, ökologischer Weitsicht und sozialer Verantwortung ist seitdem erfolgreiches Unternehmenskonzept. Bereits 1997 hat sich Lebensbaum für ein zertifiziertes Umweltmanagement entschieden und damit Umweltschutz systematisch und transparent in den Unternehmensalltag integriert. Das Umweltmanagement des Mittelständlers ist bis heute maßgebend: Seit 2010 hat Lebensbaum eine klimaneutrale Produktion, dank 100 Prozent Naturstrom und einer der leistungsstärksten Erdwärme-Anlagen Niedersachsens. Als erstes Bio-Unternehmen hat Lebensbaum einen A+-bestätigten Nachhaltigkeitsbericht veröffentlicht. Der Bericht erfüllt damit das bestmögliche Anwendungsniveau der Global Reporting Initiative (GRI) – gerade einmal drei weiteren deutschen Mittelständlern ist das bisher gelungen.

 

Diese Erfahrung kennt auch mein zweiter Gesprächspartner.

Johannes Gutmann © SonnentorEin paar Schritte weiter, und ich stehe vor einem kolossalen Messestand. „Imperium", denke ich nur, und traue meinen Augen kaum, als mir der Herrscher über dieses Reich vorgestellt wird: Eine uralte, gefühlte zwei Nummern zu große Bergbauern-Lederhose ziert den Körper von Johannes Gutmann – und durch seine leuchtend rote Brille funkeln zwei quicklebendige Augen, die etwas von dem spiegeln, was seine Firma im Namen trägt: Sonnentor. Denn wirklich sonnenhaft sind die Augen dieses Mannes, der einmal ganz klein angefangen hat – ganz klein, aber mit Lederhose.

Für den Sonnentor-Gründer ist Glaubwürdigkeit das höchste Gebot

Johannes Gutmann erzählt: „Als ich anfing, Kräuter in Bio-Qualität zu produzieren, hatte ich zwar wundervolle Produkte, aber keine Vertriebsidee – und schon gar kein Geld. Ich war in Not, aber Not macht erfinderisch. Eines Tages entdeckte ich bei uns daheim die alte Lederhose meines Vaters. Ich fragte ihn, ob er sie mir schenken würde. Er tat es und ich fuhr mit dem guten Stück zum Bauernmarkt. Nun konnte ich nicht nur schöne Geschichten davon erzählen, mit welcher Liebe meine Bauern im Waldviertel die Kräuter anbauten; nun trug ich diese Geschichte an mir. So wurde die Hose zu meinem Markenzeichen."

Verwurzelt in der Tradition

Mit Recht: Denn es ist Johannes Gutmanns Anliegen, aus dem Bewährten etwas Neues zu machen. Das zeigt schon seine Verwurzelung im Waldviertel, das nicht gerade als eine der wohlhabendsten Regionen gilt. „Wir alle haben unsere Wurzeln", sagt er, „und es ist wichtig, sich dieser Wurzeln bewusst zu bleiben. Denn sie tragen und stärken uns. Sie helfen uns, nicht den Boden unter den Füßen zu verlieren und uns treu zu bleiben." Das habe auch er erfahren. „Wenn du weißt, wo du herkommst, weißt du auch, wo du hingehen kannst", philosophiert der knapp 50-Jährige und erklärt, dass er in der mangelnden Verwurzelung vieler Menschen den eigentlichen Grund für die vielen Krisen der Gegenwart vermutet.

Er selbst muss sich das nicht vorwerfen lassen. Wie wenige andere Unternehmer baut Johannes Gutmann auf die Kraft der Region und ihrer Tradition. Deshalb war es für ihn eine ausgemachte Sache, beim Aufbau seines Unternehmens auf die Menschen seiner Heimat und deren Wissen zu bauen. 1988 traf er sich erstmals mit Landwirten im Waldviertel, um sie für seine Idee zu begeistern. Mit mäßigem Erfolg: Nur zwei alte Bäuerinnen und ein gestandener Landwirt sagten dem „spinnerten" Johannes ihre Unterstützung zu. Doch das reichte ihm.

Bei der Natur in die Schule gegangen

Schon als Kind, erzählt er, habe er beim Kräutersammeln mit den Eltern begriffen, dass wir alle, auch er, ein Teil der Natur sind; und dass wir immer dann, wenn wir es gut mit der Natur meinen, von ihr die Lösung auf alle unsere Fragen geschenkt bekommen. „Die Natur ist meine Lehrerin", sagt er, denn sie habe ihn gelehrt, auf die Gunst der Stunde warten zu können, hinzuhören und zu beobachten. Das habe er auch als Unternehmer beherzigt – und es sei der Grund dafür, dass der Mann mit der Lederhose heute ein weltumspannendes Unternehmen führt.

Daran erinnert auch sein Favorit unter den Sonnentor-­Produkten: der „Gute Laune-Tee". „Wenn ich diesen Duft in der Nase habe", sagt er, „dann weiß ich, dass in ihm all das Gute versammelt ist, was Oma Zach mit Lust und Liebe den Sommer über gesammelt und getrocknet hat: Apfelminze, frische Ringelblumen, eine Kornblume … – der eingepackte Sommer, eine Erinnerung an die Kindheit, an die Heimat."

Dass der „Gute Laune-Tee" zu einem Renner wurde, verdankt er aber nicht nur seinem heimatlichen Aroma, sondern auch einer guten Marketing-Idee. Ursprünglich, erzählt er, habe er diese Kräutermischung als „Morgenmuffel-Tee" deklariert, bis ihn eine wohlmeinende Freundin zu der Einsicht brachte, dieser Name könne sich womöglich geschäftsschädigend auswirken und er möge es doch mit einem positiveren Label versuchen.

Diese Episode verrät etwas von der besonderen Mentalität des Unternehmers Johannes Gutmann: Er hört hin, ist achtsam, nimmt die Impulse auf, die seine Umgebung und das Leben ihm anbieten. Und er verbreitet gute Laune. „Eine Folge seines Tees?", frage ich ihn. „Nein", lacht er, „eine Folge der inneren Einstellung. Mir reicht, wenn ich an gute Laune denke, dafür brauche ich keinen Tee."

Die Menschen hinter den Produkten

Das SONNENTOR-Team feiert gemeinsam das 25-jährige Bestehen des Unternehmens. Da wächst die Freude. © SonnentorDas Geheimnis des Erfolgs von Sonnentor vermutet Gutmann deshalb auch gar nicht nur in der hohen Qualität seiner Produkte, sondern vor allem im Geist der Menschen, die an ihrer Herstellung beteiligt sind. „Auch in der Bio-Branche hat inzwischen die Industrialisierung um sich gegriffen", bemängelt er, „da ist es gar nicht so leicht, die Produzenten zu finden, hinter denen noch Menschen stehen, die wirklich mit Liebe auf dem Feld arbeiten." Dass so etwas bei Sonnentor geschieht, ist ihm ein Herzensanliegen.

 

„Wir sind wie ein Orchester, bei dem jeder mitspielen kann – und unsere Arbeit ist wie eine schöne Musik, die alle erfreut."

 

Auch jetzt, da das Unternehmen groß geworden ist. Ob sich eine familiäre Unternehmenskultur angesichts dessen überhaupt noch durchhalten lässt, frage ich ihn. „Unbedingt", sprudelt es aus ihm, „und das ist auch der Grund, warum so viele Hersteller mit uns zusammenarbeiten. Sie wissen, dass sie bei uns als Mensch wahrgenommen und wertgeschätzt werden. Sie wollen Teil der Familie werden. Und wissen Sie", wendet er sich mir zu, „das Schöne bei Sonnentor ist: Wir haben für alle Platz. Es gibt bei uns Junge und Alte, wir glauben an gemeinsame Werte, die von Generation zu Generation weiterzugeben uns wichtig ist. Wir sind wie ein Orchester, bei dem jeder mitspielen kann – und unsere Arbeit ist wie eine schöne Musik, die alle erfreut." Das, sagt er, sei sein Ziel: „Sinnvolle Arbeit, die Freude macht."

In seinem Orchester kennt Gutmann alle Plätze. Vom Einkauf, über Produktentwicklung, Auslieferung, Verrechnung, Etikettieren – keine Tätigkeit seiner Produktionskette ist ihm fremd und bei keiner scheut er sich, selbst Hand anzulegen. Am meisten Freude aber macht es ihm, bei der Produktkreation mitzuwirken, neue Teemischungen auszuprobieren; etwa den Druidentee, den der Asterix-Fan selbst erfunden hat.

Die Vielfalt bewahren

Schaut man sich die Zahlen ebenso wie die glücklichen Gesichter am Sonnentor-Stand an, dann kann man sich gar nicht vorstellen, dass es dort auch dunkle Wolken gibt. Doch nur zu eitel Sonnenschein, dafür sieht selbst das sonnige Gemüt Johannes Gutmann keinen Anlass. „Wir müssen aufpassen, dass die Vielfalt nicht verloren geht", sagt er mit einer Sorgenfalte auf der Stirn. „Wir dürfen nicht länger massiv in die Natur eingreifen, können nicht länger dulden, dass die Politik sich – etwa beim Thema Gentechnik – aus ihrer Verantwortung für die Natur stiehlt. Für mich ist das ein Verrat an der Natur, den wir nicht dulden dürfen", sagt er entschieden.

„Die Menschen suchen Vertrauen, sie suchen Ursprünglichkeit, sie haben die Nase voll, von der Agrarindustrie für dumm verkauft zu werden. Da bietet die Bio-Branche nach wie vor eine glaubwürdige Alternative." Aus seiner Abscheu vor den Üblen Machenschaften der großen Lebensmittelkonzerne macht er kein Geheimnis: „Die Preisschraube immer enger anziehen und den Preisdruck auf die Hersteller abwälzen, das läuft bei uns nicht", macht er klar, „damit würde ich meine Leute verraten – und am Ende mich selbst."

Jeder Gewinn wird reinvestiert

Es ist ein eigenwilliges Geschäftsmodell, das Gutmann fährt. Schon früh hat er sich für die Vision einer Gemeinwohlökonomie begeistert. Und auf Gewinnausschüttungen spekuliert man bei Sonnentor vergeblich. Jeder Gewinn wird ins Unternehmen reinvestiert. Alles bleibt transparent. Glaubwürdigkeit ist das höchste Gebot. Denn der Erfolg nach außen und die Führung nach innen sind für ihn allem voran eine Frage des Vorlebens – und des Mutes, Fehler einzugestehen und zu korrigieren. So wie damals, vor 12 Jahren, als er einen kleinen Selbsterzeugerladen mit dem hübschen Namen „Unterm Hollerbusch" aufgemacht und dabei jährlich zigtausend Euro in den Sand gesetzt hat. Irgendwann, erinnert er sich, sei ihm klar geworden, dass das so nicht bleiben könne. Da habe er das Sonnentor-Franchise-System entwickelt, dem seither eine wachsende Zahl von Ladengeschäften angehören, inzwischen auch in Deutschland und Tschechien.

Um nah am Kunden zu bleiben, gibt es aus dem Hause Sonnentor neuerdings auch eine Zeitschrift, die – ganz dem Naturell seines Gründers gemäß – „Freude" heißt und eine Auflage von 60.000 Exemplaren erreicht. Gutmann ist das wichtig. „Du musst immer im Gespräch bleiben", sagt er, „mit deinen Mitmenschen, aber genauso auch mit der Natur. Wenn du aufhörst zu reden, dann bist du tot."

 

Die SONNENTOR Kräuterhandels GmbH wurde 1988 von Johannes Gutmann im österreichischen Waldviertel gegründet. Ausgangs-idee war, bäuerliche Bio-Spezialitäten zu sammeln und unter dem Logo der lachenden Sonne überregional und international zu vermarkten. Faire Bezahlung, der wertschätzende Umgang mit allen Partnern und der Schutz des natürlichen Kreislaufs des Lebens sind gelebte Firmenphilosophie. Durch den konsequenten Einsatz von Handarbeit konnte das Unternehmen im vergangenen Geschäftsjahr 2013/2014 25 neue Arbeitsplätze schaffen und seinen Umsatz auf über 30 Millionen Euro steigern. Heute hat das Unternehmen mit Sitz in Sprögnitz bei Zwettl 225 Mitarbeiter in Österreich und 80 in Tschechien. Rund 150 Bio-Bauern in Österreich wird durch den Anbau von biologischen Kräutern und Gewürzen das Wirtschaften im Vollerwerb ermöglicht. In Anbauprojekten in Rumänien, Albanien, Tansania und Nicaragua wächst die Freude durch die Förderung regionaler Wirtschaftskreisläufe.

 


Gesellschaft | Pioniere & Visionen, 01.10.2014
Dieser Artikel ist in forum Nachhaltig Wirtschaften 04/2014 - Green Tech als Retter der Erde erschienen.
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