Dennis Lotter
Lifestyle | Essen & Trinken, 22.10.2013
Wertvolles vom ehrbaren Kaufmann
Von Schwarzwälder Schinken und anderem "Regionalwashing"
Immer mehr Verbraucher interessieren sich für die Herkunft ihrer Produkte. Durch falsche Bio-Eier, Schimmel-Mais im Kuhstall und Pferdefleisch im Rindergulasch wird der "Bauer von nebenan" zur neuen Vertrauensperson.
Die regionale Herkunft, so eine aktuelle Umfrage des Verbraucherministeriums, ist für 67 Prozent der Deutschen eines der entscheidenden Kriterien beim Einkauf. Damit liegt sie sogar vor dem Preis (66 Prozent) und der Herkunft aus biologischem Anbau (61 Prozent). Inwiefern hinter diesen Aussagen lediglich hehre Absichtsbekundungen stecken, lässt sich nicht genau feststellen, da es aufgrund der schwammigen Definition von "Regionalität" keine zuverlässigen Aussagen zum Umsatzwachstum gibt. Doch sowohl das Ernährungsministerium wie diverse Bauern- und Handelsverbände bestätigen den Regio-Boom.
Regional = Fair und klimaschonend?
Die regionalen Überzeugungstäter wollen nicht nur die eigene Gesundheit, sondern ebenso das gesellschaftliche und ökologische Umfeld fördern. Regionale Produkte verbinden Verbraucher mit fairen Löhnen, die den heimischen Produzenten zugutekommen und dort Einkommen und Arbeitsplätze sichern. Ebenso reist der Apfel vom heimischen Baum nicht aus Neuseeland an und weist so scheinbar eine bessere Klimabilanz auf.
Aber Vorsicht! Regional ist nicht immer automatisch nachhaltig. So fand die Uni Gießen unlängst heraus, dass bei der monatelangen Lagerung von Äpfeln aus der Region ähnlich viel CO2 ausgestoßen wird, wie beim Schiffstransport frischer Äpfel von der Südhalbkugel. In diesem Falle ist regional also nur dann optimal, wenn gleichzeitig saisonal gekauft wird. In diese Gleichung muss man auch noch die CO2-Ausstöße des Einkaufsweges und der Zubereitung einbeziehen, denn das Garen einer handelsüblichen Kartoffel verbraucht mehr Energie, als alle vorgelagerten Bearbeitungs- und Transportschritte zusammen. Hilfestellung in dieser hochkomplexen Angelegenheit gibt zum Beispiel das vom Bundesumweltministerium geförderte Portal "Klima sucht Schutz."
Das Schwarzwälder Schinken-Dilemma
Weitere Fallstricke lauern in der bereits erwähnten Definition von Regionalität - das Schwarzwälder Schinken-Dilemma dient dabei als klassisches Beispiel. Die Delikatesse muss nämlich nur im Schwarzwald geräuchert werden, um ihren Namen tragen zu dürfen. Das Fleisch kommt häufig aus Dänemark oder Russland. Und wer sich beim skandalgebeutelten Discounter Lidl "Ein gutes Stück Heimat" gönnt, kann selbst in Norddeutschland auf Saft vom Bodensee und Möhren vom Niederrhein zurückgreifen. Einheitliche Standards und Kontrollen sind dagegen Mangelware.
Warum Werbung einen Bogen um Nachhaltigkeit macht
"Renaissance der Regionen"
Die regionale Herkunft, so eine aktuelle Umfrage des Verbraucherministeriums, ist für 67 Prozent der Deutschen eines der entscheidenden Kriterien beim Einkauf. Damit liegt sie sogar vor dem Preis (66 Prozent) und der Herkunft aus biologischem Anbau (61 Prozent). Inwiefern hinter diesen Aussagen lediglich hehre Absichtsbekundungen stecken, lässt sich nicht genau feststellen, da es aufgrund der schwammigen Definition von "Regionalität" keine zuverlässigen Aussagen zum Umsatzwachstum gibt. Doch sowohl das Ernährungsministerium wie diverse Bauern- und Handelsverbände bestätigen den Regio-Boom. Regional = Fair und klimaschonend?
Die regionalen Überzeugungstäter wollen nicht nur die eigene Gesundheit, sondern ebenso das gesellschaftliche und ökologische Umfeld fördern. Regionale Produkte verbinden Verbraucher mit fairen Löhnen, die den heimischen Produzenten zugutekommen und dort Einkommen und Arbeitsplätze sichern. Ebenso reist der Apfel vom heimischen Baum nicht aus Neuseeland an und weist so scheinbar eine bessere Klimabilanz auf.
Aber Vorsicht! Regional ist nicht immer automatisch nachhaltig. So fand die Uni Gießen unlängst heraus, dass bei der monatelangen Lagerung von Äpfeln aus der Region ähnlich viel CO2 ausgestoßen wird, wie beim Schiffstransport frischer Äpfel von der Südhalbkugel. In diesem Falle ist regional also nur dann optimal, wenn gleichzeitig saisonal gekauft wird. In diese Gleichung muss man auch noch die CO2-Ausstöße des Einkaufsweges und der Zubereitung einbeziehen, denn das Garen einer handelsüblichen Kartoffel verbraucht mehr Energie, als alle vorgelagerten Bearbeitungs- und Transportschritte zusammen. Hilfestellung in dieser hochkomplexen Angelegenheit gibt zum Beispiel das vom Bundesumweltministerium geförderte Portal "Klima sucht Schutz."
Das Schwarzwälder Schinken-Dilemma
Weitere Fallstricke lauern in der bereits erwähnten Definition von Regionalität - das Schwarzwälder Schinken-Dilemma dient dabei als klassisches Beispiel. Die Delikatesse muss nämlich nur im Schwarzwald geräuchert werden, um ihren Namen tragen zu dürfen. Das Fleisch kommt häufig aus Dänemark oder Russland. Und wer sich beim skandalgebeutelten Discounter Lidl "Ein gutes Stück Heimat" gönnt, kann selbst in Norddeutschland auf Saft vom Bodensee und Möhren vom Niederrhein zurückgreifen. Einheitliche Standards und Kontrollen sind dagegen Mangelware.
Wer mit der Neigung zum Regionalen nicht nur dem eigenen Gewissen, sondern auch der nachhaltigen Entwicklung einen Gefallen tun und eine Milchmädchenrechnung vermeiden will, muss also einen kritischen Blick hinter die idyllische Heimat-Kulisse werfen.
Von Dr. Dennis Lotter und Jerome Braun
Zum Weiterlesen:
Warum Werbung einen Bogen um Nachhaltigkeit macht
"Renaissance der Regionen"
Dieser Artikel ist in forum Nachhaltig Wirtschaften 04/2013 - Hallo Klimawandel erschienen.
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