#VerantwortungJetzt! - Die Krise als Chance für den Wandel

Die Welt der Zukunft

Eine Welt frei von Armut?

Ich habe diesen Titel für meine Kolumne gewählt, weil ich der Überzeugung bin, dass Armut das dringendste Problem unserer Zeit ist. Ich glaube aber gleichzeitig, dass wir auf jeden Fall die Fähigkeit besitzen, dieses Problem innerhalb der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts zu lösen. Wir müssen uns nur dafür entscheiden. Um Armut zu bewältigen, gilt es, zurück an das Zeichenbrett zu gehen und unsere Konzepte und Institutionen neu zu gestalten.

Banken erklären uns, dass arme Menschen nicht kreditwürdig sind. Aber die eigentliche Frage ist, ob die Banken menschenwürdig sind. Im Kontext des totalen Kollapses des Finanzsystems wird diese Frage immer relevanter und dringender. Bei der Grameen Bank gibt es kein rechtsgültiges Instrumentarium zwischen dem Kreditgeber und dem Kreditnehmer, keine Garantien, keine Sicherheiten. Und dennoch kommt unser Geld zu 98 Prozent zurück, während überall auf der Welt angesehene Banken untergehen - mit ihrem gesamten intelligenten Papierkram, allen ihren Sicherheiten, allen ihren Anwälten und rechtlichen Systemen, die ihre Kredite absichern sollten. Aus diesen Gegensätzen ergeben sich viele Fragen.

Ich behaupte, dass künftig immer mehr Menschen auf den Markt drängen werden, die Teil der Lösung sein wollen, indem sie ganz besondere Unternehmen führen, um die Welt zu verändern. Lasst uns diese Unternehmen "Social Businesses" nennen, da sie einen gemeinschaftlichen Nutzen für andere haben. Die Absicht dieser Unternehmen ist es, soziale Probleme zu lösen und nicht nur Geld für die Investoren zu verdienen. Es sind Unternehmen, die keine Verluste, aber auch keine Gewinne machen sollen. Investoren können ihr Investitionskapital wieder erhalten. Darüber hinaus werden keine Gewinne ausgeschüttet. Diese Gewinne verbleiben im Unternehmen und werden dazu benutzt, zu expandieren und die Qualität der Produkte zu verbessern.

Kein Mangel an Menschenfreunden

In den Slums von Dhaka. Der 70-jährige Muhammad Imman Uddin bekam seinen Kredit von ASA, einem Mikrokreditgeber wie Grameen. Er verdiente in guten Zeiten als Schneider auf den Straßen 20 Euro pro Woche. Wegen eines Schlaganfalls kann er derzeit nicht Vollzeit arbeiten.
Foto: © Roger Richter
Im Laufe der letzten Jahre gründete Grameen eine Reihe von Unternehmen, um die verschiedenen Problemen zu bewältigen, mit denen die Armen in Bangladesch konfrontiert sind. Sei es eine Firma, die erneuerbare Energien anbietet, eine Firma, die auf dem Sektor der Gesundheitsfürsorge arbeitet, oder eine Firma, die Informationstechnologie für die Armen zur Verfügung stellt. Wir sind immer darum bemüht, die sozialen Bedürfnisse abzudecken. Wir haben diese Firmen stets als profitable Unternehmen geplant, aber nur um deren Nachhaltigkeit sicherzustellen, so, dass das Produkt oder die Dienstleistung dauerhaft immer mehr Arme erreicht. In allen diesen Fällen waren die sozialen Bedürfnisse die einzige Überlegung; der persönliche Wohlstand wurde nicht in Betracht gezogen. Ich habe festgestellt, dass Unternehmenskultur von Grund auf so aufgebaut werden könnte, nämlich orientiert an den sozialen Bedürfnissen ohne Beweggründe für persönliche Bereicherung.

Manche Menschen sind diesbezüglich skeptisch. Wer wird solche Unternehmen gründen? Wer wird diese Unternehmen führen? Ich sage immer, dass kein Mangel an Menschenfreunden auf der Welt herrscht. Menschen verschenken Milliarden von Dollar. Stellen Sie sich einmal vor, diese Milliarden würden für "Social Business" ausgegeben, um Menschen zu helfen. Diese Milliarden könnten wieder und wieder eingesetzt werden, und die sozialen Auswirkungen könnten auf diese Weise noch wirkungsvoller sein. Die Budgets für Corporate Social Responsibility der Unternehmen könnten einfach an "Social Businesses" fließen. Ist das Konzept des "Social Business" erst einmal in die Wirtschaftstheorie integriert, werden Millionen von Menschen auftauchen, um in Social Business zu investieren, denn sie alle haben diese sozialen Träume in ihren Herzen. Wir werden soziale Aktienmärkte gründen müssen, um diese Geldmittel angemessenen "Social Businesses" zuzuführen.

Es muss einen neuen Denkansatz geben. Es liegt an der kommenden Generation, der mitfühlenden und kreativen jungen Generation, einen Schlussstrich unter die Vergangenheit zu setzen und eine neue Zukunft zu entwerfen. Denn wir alle auf der Welt sind durch ein gemeinsames Schicksal miteinander verbunden.


Von Muhammad Yunus



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Quelle: FORUM Nachhaltig Wirtschaften Büro Süd
Gesellschaft | Social Business, 16.03.2010
     
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