Christoph Quarch

Der Rummelplatz als Kulturgut

Christoph Quarchs Gedanken zur Volksfestzeit

Sommerzeit ist Volksfestzeit: Ob Kirmes, Schützenfest oder Jahrmarkt - an vielen Orten werden im Juli und August die Festzelte aufgebaut. Nicht nur zur Freude der Besucher, sondern auch einer ganzen Branche: Tatsächlich haben sich Volksfeste hierzulande zu einem erfolgreichen Wirtschaftszweig entwickelt. Mit Stolz vermeldet der Deutsche Schaustellerbund DSB, dass in Deutschland jährlich rund 10.000 große und kleine Volksfeste von mehr als 200 Millionen Menschen besucht werden. Und nicht nur das: Im März dieses Jahres wurde die „Schaustellerkultur auf Volksfesten in Deutschland" von der Deutschen UNESCO-Kommission als immaterielles Kulturerbe anerkannt. Gleichwohl mehren sich die Sorgenfalten auf der Stirn der Schausteller. Immer mehr Sicherheitsvorkehrungen, Extremwetter und steigende Kosten verderben so manchem die Festlaune. Droht hier einem Kulturgut das Aus? Und was würden wir dabei verlieren? Darüber sprechen wir mit dem Philosophen und Bestsellerautor Christoph Quarch.
 
© blende22, pixabay.com Herr Quarch, gehen Philosophen eigentlich auch auf dem Rummelplatz?
Ich bin durchaus ein Freund solcher Lustbarkeiten. Das ist sicher ein Relikt aus der Zeit, als unsere Kinder noch kleiner waren und darauf drängten, mit ihnen das örtliche Schützenfest zu besuchen - mit Scooterbahn, Riesenrad und Leckereien, die es sonst nicht gab. Irgendwie habe ich damals Gefallen an diesen - wie mir scheint - harmlosen Vergnügungen gefunden; vor allem, wenn man in der Abendstunde dort ist und überall die bunten Lampen flimmern. Das hat eine gewisse Romantik, die in mir Kindheitserinnerungen an das jährliche Schützenfest in Düsseldorf-Benrath triggert. Und dann kommt heute eine Komponente dazu, die ich nicht unerwähnt lassen möchte: So ein Volksfest - egal ob als Rummelplatz oder kulinarische Veranstaltung - ist durch und durch analog: ein Event für Menschen aus Fleisch und Blut im physischen Raum. Das hat in einer Zeit, in der die Menschen immer mehr ihre Freizeit vor Monitoren verbringen, einen hohen Wert.

Dazu gehört sicher auch, dass bei Volksfesten Menschen aus unterschiedlichen Gesellschaftsbereichen zusammenkommen. Können Volksfeste den Zusammenhalt der Gesellschaft fördern?
Ja, sie könnten das, aber de facto geschieht das in meiner Wahrnehmung eher selten. Und zwar einfach deshalb, weil die Menschen meistens nicht als interessierte Bürgerinnen und Bürger bei einem Volksfest zusammenkommen, sondern als Konsumenten, die jeder für sich etwas erleben wollen - die unterhalten werden wollen oder einfach ein bisschen Ablenkung vom Alltag suchen. Daran ist auch überhaupt nichts auszusetzen, und wenn es dazu führt, dass im Festzelt Jung und Alt, Migranten und Einheimische nebeneinandersitzen, dann ist das wunderbar. Aber wie gesagt, ich glaube, das geschieht nicht so oft. Die Leute bleiben eher für sich oder in kleinen Grüppchen. Und das ist schade, weil dadurch ein gesellschaftliches Potenzial, das eigentlich da wäre, ungenutzt bleibt. Ich glaube, das war früher mal anders.

Was müsste ihrer Ansicht nach geschehen, damit Volksfeste wieder mehr zu Orten der Begegnung und des Miteinanders werden?
In der Anmoderation haben Sie ja darauf hingewiesen, dass sich Volksfeste immer mehr zu einem lukrativen Wirtschaftszweig entwickelt haben. Da bleibt es nicht aus, dass auch auf einer Kirmes die ökonomischen Interessen in den Vordergrund treten. Schausteller und Veranstalter wollen Geld verdienen. Klar, das kann man ihnen auch nicht vorwerfen. Aber in der Folge führt das zu dem, wovon wir gerade sprachen: Die Besucher werden als Kunden gesehen, die Geld dort lassen sollen. Dadurch verlieren die Feste ihren besonderen Charakter: So werden sie einander immer ähnlicher und – noch problematischer – sie werden inhaltsleer. Ursprünglich gab es bei den Festen immer etwas zu feiern: die Kirchweih, den Stadtheiligen oder die Schützengilde. Daran denkt heute niemand mehr. Der Sinn der Volksfeste beschränkt sich auf Business. Aber wenn das alles ist, dann werden Feste austauschbar; und dann werden Extremwetter, Sicherheitsvorkehrungen und Konsummüdigkeit zu echten Gefahren.

Was würde ein Volksfest in ihrem Sinne unverwechselbar machen?
Sein Inhalt, sein Aufhänger - oder wie immer Sie das nennen wollen. Das deutsche Verb feiern verlangt strenggenommen ein Akkusativobjekt: etwas, das gefeiert wird. Genau das wäre es, was den Unterschied macht - und was ein Fest überhaupt zu einem Fest macht. Das wäre es auch, worin sich die Menschen treffen - was das Fest zu einem sozialen Ereignis macht. Nehmen Sie ein x-beliebiges Stadtfest. Wenn im Zentrum dieses Festes die Idee steht, dass die Bürger der Stadt ihren Wohnort feiern und sich bei dieser Gelegenheit seiner Geschichte, seines besonderen Geistes oder seiner Aura bewusst werden - dann würde das Fest zu einem echten Faktor der Bürgerschaft werden. Dann wären die Besucher nicht nur Konsumenten, sondern eine Festgemeinschaft, die gemeinsam feiert. Dabei darf gerne kräftig getrunken und gegessen werden, aber eben anders kontextualisiert. Feiern bloß um des Feierns willen, kann überall geschehen und ist austauschbar; aber gemeinsam etwas feiern: das macht ein Fest zu einer tragenden Säule der Kultur und der Gesellschaft.

Der Philosoph Christoph Quarch schreibt regelmäßig für forum future economy. © Christoph Quarch
Der Philosoph, Speaker und Bestseller-Autor Christoph Quarch begleitet Unternehmen, unterrichtet an verschiedenen Hochschulen und veranstaltet philosophische Reisen. In seinen Vorträgen und Büchern greift er auf die großen Werke der abendländischen Philosophie zurück, um diese in eine zeitgemäße Lebenskunst und Weltdeutung zu übersetzen. Gemeinsam mit seiner Frau Christine Teufel gründete er die Neue Platonische Akademie für eine geistige Erneuerung der Gesellschaft.
 
 
Mehr zu ihm unter christophquarch.de und akademie-3.org

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