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Simone Giesler

Moorschutz als Invest

Ökosystem mit Retterpotenzial

Sich als Unternehmen im Natur- und Klimaschutz zu engagieren, ist oft ein undurchsichtiges Unterfangen. Moore eröffnen neue Perspektiven: Sie schaffen Transparenz, fördern Weitblick und sind weit mehr als nur natürliche CO2-Senken.

Ann-Christin Kornelsen, Gründerin von Mission to Marsh: 'Man kann nur lieben, was man kennt.' Ihr Ziel: intakte Moore kennenlernen, schützen und renaturieren.Moore rücken zunehmend als im Klimawandel entscheidendes Ökosystem in den öffentlichen Fokus: Obwohl Moore global nur etwa 3 Prozent der Landfläche bedecken, speichern sie doppelt so viel Kohlenstoff wie alle Wälder der Welt – solange sie intakt, also nass sind. Intakte Moore haben neben ökologischen auch weitere wichtige Funktionen, z.B. bei Überschwemmungen und Dürre: In Regenzeiten nehmen sie wie ein Schwamm Wasser auf, bei Trockenheit geben sie Feuchtigkeit ab. Durch Verdunstung kühlen sie zudem die lokale Region merklich. Außerdem filtern Moore das durchfließende Wasser von Nähr- und Schadstoffen wie Nitrat.

CO2-Senke, Biodiversitäts-Boost, Überschwemmungsschutz, Dürreschutz sowie Wasserfilter – ein Big-Five-Ökosystem und das vor unserer Haustüre (siehe Kasten „USP der Moore"). In Deutschland sind jedoch 95 Prozent der Moore durch Trockenlegung zerstört – und verursachen rund 7 Prozent der gesamten Treibhausgasemissionen, mehr als der innerdeutsche Flugverkehr.

Unternehmen engagieren sich für Moore
Einige Unternehmen haben das Potenzial der Moore bereits erkannt. So unterstützte die Daimler AG im NABU-Projekt „Moore mit Stern" die Wiederherstellung von Moorflächen in den Bodenmösern im Westallgäu. Auch der VfB Stuttgart setzt sich für den Erhalt und die Renaturierung eines benachbarten, 15 Hektar großen Hochmoors ein.

Die Regeneration weiterer Bereiche ist essenziell, wie die Kommunikationsexpertin der NGO „Naturvielfalt Westallgäu", Heike Helfenstein, erklärt: „Während ein gesundes Moor rund einen Millimeter pro Jahr wächst, verliert ein entwässertes Moor durch Zersetzung ca. einen Zentimeter Torf im Jahr. In der Folge sackt der Boden ein, verstärkt unter der Klimaerwärmung und Bodenerosion." Für eine sachgemäße Renaturierung steht die NGO mit verschiedensten regionalen und überregionalen Akteuren aus Gesellschaft, Wirtschaft, Politik und Wissenschaft eng in Verbindung. Denn die Einordnung der hydrologischen und geologischen Situation sowie der einzelnen Bodenhorizonte erfordert viel Fachwissen und Erfahrung.
„Intakte Moore sind nicht nur wahre Klimahelden, sondern es gibt auch zahlreiche sinnvolle Möglichkeiten, mit und auf ihnen zu wirtschaften.”

Auf und mit Mooren wirtschaften – mehr als ein Win-win
Landwirtschaft ist auch auf nassen Mooren möglich: Paludikultur heißt das Konzept. Anbau und Ernte mit Hilfe von Spezialmaschinen gelingt mit einigen Pflanzen: Schilf etwa, das für Dachreet eingesetzt und bislang zu 80 Prozent importiert wird, u.a. aus China. Wie Projekte des Greifswald Moor Centrum zeigen, lassen sich angebaute Torfmoose nach der Ernte als Substrat für den Gewerbsgartenbau verwenden, ebenso als Luftreiniger in der Stadt. Auch die Errichtung von PV-Anlagen auf Moorböden und Nahwärmegewinnung sowie Pyrolyse mit Moorpflanzen sind möglich.

Besonders spannend: Die großen Zellen des Rohrkolben-Stängels eignen sich hervorragend als Isolationsmaterial. Erste Firmen haben sich darauf spezialisiert, Naturbaustoffe wie Dämmplatten und Leichtbauelemente daraus zu produzieren. Die Vorteile der nachwachsenden Sumpfpflanze: Sie ist schimmel- und druckresistent, hochdämmend, energiearm in der Herstellung und komplett recycelbar. Je nach Produktwunsch lassen sich Dämmeigenschaften und Druckfestigkeit anpassen.

Erst kürzlich wurden zudem die Allianzpartner Otto, Obi und Leipa für ihre innovativen Verpackungslösungen aus Paludikultur mit dem Deutschen Verpackungspreis ausgezeichnet. Das Interesse steigt: Unter dem Namen „Allianz der Pioniere" haben sich bereits über ein Dutzend Wirtschaftspartner verpflichtet, die nachwachsenden, regionalen Rohstoffe zu nutzen. Ein wichtiger Schritt, um das Henne-Ei-Problem aus Invest für den landwirtschaftlichen Anbau und Abnahmegarantie auf Seiten der Unternehmen zu lösen. Zwar gibt es Förderprogramme durch den Bund, doch sind diese für die Transformation noch zu rar gesät.

Eigennutzung für landwirtschaftliche Betriebe? Auch das ist möglich: Auf nassen Böden lassen sich Wasserbüffel halten, die die Areale von Wildbewuchs befreien, während gleichzeitig regionale Büffelprodukte, wie Büffelmozzarella oder -fleisch gewonnen werden können. Eine solche Wasserbüffelherde gibt es bei Leutkirch zu sehen.

Für Kommunen interessant ist zudem der Erholungsaspekt, wie es auch das Taufach-Fetzach-Moos bei Isny bietet. Zwei Urseen prägen das Naturschutzgebiet, zwischen die ein abwechslungsreicher Wanderweg ins Hochmoor führt (siehe Kasten „Entschleunigen für den guten Zweck").

Der Moorschutz kennt keine Konkurrenz – diese Aussage hört man von allen, die im Moorschutz engagiert sind. Das junge Unternehmen „Mission to Marsh" ist so ein Exempel.

Mission to Marsh: Kooperationen und weitere Start-ups gewünscht!
„Man kann nur lieben, was man kennt" – das Zitat begleitet das Mission to Marsh-Gründerpaar, Alex und Ann-Christin Kornelsen, auf ihrer gesamten Geschichte. Diese liest sich wie eine Love-Story: ein Marketingmanager auf der Überholspur und eine Naturwissenschaftlerin. Über Tinder kennengelernt, Jobs aufgegeben, alles verfügbare Kapital in eine Expedition gesteckt, um per Geländewagen von Neufundland bis Patagonien zu fahren. Ihr Ziel: intakte Moore kennenlernen, schützen und renaturieren.

Mit seinem Kinofilm tourt das Gründerpaar seit Anfang 2025 durch einige europäische Städte. Der Fokus: das Know-how aus der mitreißenden Mission deutschland- und europaweit zu übertragen und Renaturierungsprojekte voranzubringen. Ein Triggerfaktor, der Tausende bewegt – nicht zuletzt seit der deutschlandweiten Mitmachaktion MOORATHON (2025 mit dem Finale in Berlin) und den Stadion-Auftritten beim VfL Osnabrück und VfB Stuttgart.

Auch Unternehmen aus Bereichen wie Logistik – etwa Hellmann Worldwide Logistics – oder erneuerbaren Energien unterstützen die Mission. „Das Besondere ist: Unternehmen finden hier sinnvolle Investitionsmöglichkeiten – von Moorpatenschaften über Spenden bis hin zu Teambuilding-Aktionen im Moor", erklärt Alex.
 
Die Kornelsens wünschen sich weitere Kooperationen, etwa im Technikbereich. Denn mit Drohnen, Sensoren und KI werden wertvolle Daten gewonnen und verarbeitet. Gerade auch im Natur- und Klimaschutz bilden Daten die entscheidende Grundlage für sinnvolle Maßnahmen. Mission to Marsh ist damit eine von vielen Möglichkeiten für Unternehmen, sich für Klimaschutz einzusetzen, der auch wirtschaftlich rentabel ist.

USP der Moore

Moore entstehen dort, wo aufgrund der Wasserschicht kein Sauerstoff an das organische Material kommt. Die abgestorbenen Teile der Moorpflanzen bilden den Torf, der rund einen Millimeter pro Jahr wächst und zu über 50 Prozent aus Kohlenstoff besteht. Ein USP, denn Moore speichern den Kohlenstoff dauerhaft im Boden und entziehen so als einziges Ökosystem über lange Zeiträume der Atmosphäre CO2. Der Haken: Sind Moore entwässert, wird der Torfkörper zersetzt und das Ökosystem wird zur CO2-Quelle statt CO2-Senke.

Entschleunigen für den guten Zweck

… im Naturschutzgebiet „Bodenmöser" bei Isny

In Deutschland gibt es von der Ostseeküste bis zu den Alpen 30 ausgewiesene Hotspots der biologischen Vielfalt – das Westallgäu rund um Isny, Kißlegg und Wangen ist eines davon. Das Besondere: Die sanfte Hügellandschaft ist mit vielen seltenen Tier- und Pflanzenarten besonders artenreich und von internationaler Bedeutung.

Mittendrin: das Naturschutzgebiet „Bodenmöser" bei Isny, hautnah zu erleben dank seiner zahlreichen Wanderwege. Das Natura 2000-Gebiet zählt zu den bedeutendsten Moorlandschaften im Voralpenraum. Kein Wunder, denn der 611 Hektar große Moorkomplex beinhaltet 31 Feuchtgebiete. „Die Bodenmöser sind ein perfekter Lebensraum für seltenste Insekten, Amphibien, Reptilien, Vögel und Pflanzen wie Sonnentau oder Wollgras", erklärt Heike Helfenstein. Die Kommunikationsexpertin setzt sich im NGO-Projekt Naturvielfalt Westallgäu des NABU Baden-Württemberg in einem interdisziplinären Team für Naturschutzmaßnahmen ein.

Weitere Informationen:
Simone Giesler ist Diplom-Biologin und nach ihrer Zeit in der biotechnologischen Forschung und Entwicklung freie Redakteurin und Autorin. Sie schreibt für verschiedene Bildungsmedien, KMUs und die Landesgesellschaft BIOPRO Baden-Württemberg über Themen zu Bioökonomie und Life Sciences.

Dieser Artikel ist in forum 02/2026 - Zukunft braucht Frieden erschienen.



     
        
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