Stefan Bayer
Gesellschaft | Politik, 07.05.2026
Nachhaltig handeln, sicher verteidigen
Sustainable Defence aus Sicht eines Think Tanks der Bundeswehr
Nachhaltigkeit und Streitkräfte werden häufig als sich wechselseitig ausschließend wahrgenommen. Bei genauerer Betrachtung wird jedoch schnell klar: Beides bedingt sich! Und die Etablierung nachhaltiger Streitkräfte entpuppt sich als Gestaltungsfeld, das neben dem Schutz von Nationen viele weitere Nutzen spendet.

Häufig wird nachhaltiges Handeln auf Umweltschutz reduziert und deshalb in Bezug auf die Einsatzfähigkeit von Streitkräften als nachrangig eingestuft. Dies ist ein großes Missverständnis! Streitkräfte können nur dann dauerhaft verteidigungsfähig sein bzw. werden, wenn sie sich nachhaltig entwickeln und somit ökonomische, ökologische und soziale Bedingungen in diesem Entwicklungsprozess konsequent mitberücksichtigen. Zu berücksichtigen ist ebenfalls, dass nachhaltige Sicherheit über dauerhafte Abschreckungswirkungen die Umsetzung nachhaltiger politischer Ziele befördert. Insofern gilt: Nachhaltige Entwicklung bedingt Sicherheit - und Sicherheit verlangt nach Nachhaltigkeit.
„Nachhaltig handeln, sicher verteidigen"
Zwei Symposien mit internationaler Beteiligung diskutierten bereits Fragen, wie die Bundeswehr ihre Ressourcen langfristig bewirtschaften, die energetische Transformation vorantreiben und ihre Verteidigungsfähigkeit nachhaltig steigern kann. Ziel war es, Stakeholder aus möglichst allen gesellschaftlichen Bereichen zu versammeln, um mehr Verständnis für sich stellende Nachhaltigkeitsprobleme zu schaffen und umfassende Lösungsansätze zu diskutieren. International angesehene Keynoter leiteten die Veranstaltungen ein, etwa der Meteorologe Frank Böttcher von boettcher.science und 1. Vorsitzender Vorstand der Deutschen Meteorologischen Gesellschaft, der die sicherheitspolitische Relevanz von klimawandelinduzierten Extremwettereignissen illustrierte – eine Facette, die in der Debatte um eine nachhaltig zukunftsfähige Bundeswehr gerne unberücksichtigt bleibt. Oder „Climate General" Tom Middendorp, Chief of Defence der Niederlande (a.D.) und Chair of the International Military Council on Climate and Security (IMCCS), der zwei wesentliche Aspekte, die bei der Implementierung nachhaltiger Streitkräfte von Bedeutung sind, unterstrich: Deren Gestaltung muss gesamtgesellschaftlich angegangen werden und nachhaltige Streitkräfte weisen erhebliche Vorteile bei deren Einsatzfähigkeit auf, etwa mit Blick auf die Reduktion der Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen. Dies illustrierte der pensionierte Vier-Sterne-General mit etlichen Beispielen aus seinen breiten militärischen Erfahrungen, die in seinem Buch mit gleichem Titel (The Climate-General) nachgelesen werden können.
Ein Dreiklang für die Zukunft
Völlig klar ist, dass Rahmenbedingungen, die in einer wie auch immer gearteten Nachhaltigkeitsdefinition verlangt werden, bei der Ausgestaltung von Streitkräften Berücksichtigung finden müssen: Eine nachhaltige Entwicklung trägt ganz im Sinne von von Carlowitz (Sylvicultura Oeconomica,1713) massiv dazu bei, etablierte Systeme möglichst langfristig aufrecht zu erhalten und die damit verbundenen positiven Eigenschaften des ökonomischen, des ökologischen und des sozialen Subsystems nutzen zu können. Die Grundfrage im Zusammenhang mit äußerer Sicherheit wäre, wie Verteidigung dauerhaft in diesem Sinne angeboten werden kann: So greift etwa die NATO diese Notwendigkeiten im Rahmen von Finanzierungsfragen auf [Infokasten: Auf dem NATO-Gipfel von Den Haag 2025 wurde beschlossen, zukünftig 5% des Bruttoinlandsproduktes (BIP) eines jeden NATO-Mitgliedslands für Verteidigung auszugeben. Dies entspricht in Deutschland etwa 210 Mrd. Euro. Wichtig ist dabei, dass dieser Gesamtbetrag in zwei Teilen interpretiert werden muss: 3,5% wird für „engere" Verteidigung („hard power") vorgesehen und 1,5% für verteidigungsnahe Infrastruktur („soft power"). Dazu zählen etwa Brücken, Straßen, Flughäfen, Schienen, aber auch Moore, Wälder und die Energieinfrastruktur etc.]. Man erkennt: Die infrastrukturellen Voraussetzungen haben sowohl einen militärischen als auch einen zivilen Nutzen, der dauerhaft unterhalten und gestaltet werden muss, damit Ökonomie, Ökologie und Soziales miteinander harmonisiert werden können.
Nachhaltigkeit und Bundeswehr in Deutschland?
In Deutschland gelten für die Bundeswehr zwei Nachhaltigkeitsstrategien: Zum einen eine dezidierte Nachhaltigkeits- und Klimaschutzstrategie für den Geschäftsbereich des Bundesministeriums der Verteidigung (von 2023) und zum anderen eine Strategie Verteidigung und Klimawandel (von 2024). Inwieweit diese tatsächlich in nachhaltige Streitkräfte münden, ist weiterhin Gegenstand bisweilen kontroverser Diskussionen – aus Streitkräfteperspektive wird in der Zeitenwende häufig ins Feld geführt, dass zunächst eine operative Einsatzfähigkeit erreicht werden müsse, bevor man über Nachhaltigkeit nachdenken könne. Mit Blick darauf, dass das derzeit angeschaffte Großgerät jedoch Nutzungsdauern von mehreren Jahrzehnten aufweist, weisen Nachhaltigkeitstheoretiker dagegen wiederholt darauf hin, dass etwa fossile Brennstoffe nicht sicher auch in zehn Jahren verfügbar wären und heute bereits fossil-freie Alternativen angedacht werden sollten, um auch in etwa zwanzig Jahren über operativ einsatzfähige Kräfte verfügen zu können. Daraus resultierten auch Transfermöglichkeiten für die gesellschaftliche energetische Transformation.
Wirtschaft geht in Vorleistung
Insofern lohnt sich der Blick auf Lösungen aus unternehmerischer Perspektive. Es existieren nämlich bereits höchst interessante nachhaltige Ansätze dazu, die neben dem dauerhaften Einsatz technischer Systeme auch illustrieren, dass damit in Streitkräften Ressourcen eingespart werden können – seien es energetische oder auch finanzielle Mittel. Zu nennen wären etwa smart microgrids, Brennstoffzellen und weitere kluge Lösungen etwa in der stationären Energieversorgung. Damit wird ein Weg skizziert, der heute bereits für die Verteidigung beschritten werden kann. Daneben entsteht durch nachhaltigere Lösungen noch ein wesentlicher Zusatzeffekt: Die knappe Ressource Soldatin bzw. Soldat lässt sich mit diesen Maßnahmen effizienter in Streitkräften einsetzen.
Aktuelle Projekte in der Wissenschaft
Auch wissenschaftlich steht die Ressourcenschonung im Mittelpunkt der Forschung, wenn es um die Gestaltung nachhaltiger Streitkräfte geht: Längere Lebensdauern eingesetzter Materialien oder Verfahren zu deren Reparatur und Wiederaufarbeitung werden entwickelt. Diese stärkere Orientierung an kreislaufwirtschaftlichen Aspekten steigert sowohl die Ressourceneffizienz als auch die Souveränität der Verteidigung. Auch wird Wasserstoff als alternativer Kraftstoff mit militärischem Bezug erforscht, um die Energiediversifizierung voranzutreiben und damit unabhängiger von fossilen Energieträgern zu werden. Auch energieautonome Feldlager werden geplant, um den logistischen Fußabdruck von Streitkräften deutlich zu reduzieren und damit in letzter Konsequenz Leben zu retten, weil fossile Brennstoffe nicht mehr aufwändig zu Feldlagern transportiert werden müssen. Diese Transporte waren sowohl im Irak- als auch im Afghanistan-Einsatz regelmäßige Zielscheibe gegnerischer Kräfte. Und auch unbemannte Fahr- und Flugzeuge spielen nicht nur wegen ihrer meist elektrischen Antriebe eine wesentliche Rolle zukünftiger nachhaltiger Streitkräfte – angesichts der Erfolge der Ukraine im Krieg gegen Russland - an Land wie zu Wasser - sicherlich eine Maßnahme, die die operative Einsatzfähigkeit von Armeen nachweislich bereits erhöht hat.
Es gibt nichts Gutes - außer, man tut es! (Erich Kästner)
Eine nachhaltige Ausrichtung der Bundeswehr verbessert insofern nicht nur die operative und taktische Einsatzfähigkeit von Streitkräften, sondern sie steigert auch strategisch deren Einsatzwert für die Gesellschaft. Durch ein derart verbessertes Image könnte die Attraktivität der Bundeswehr für Bewerberinnen und Bewerber erhöht werden. Darüber hinaus bestehen Möglichkeiten weiterer gesellschaftlicher Erträge, die bislang kaum genutzt werden, etwa durch das Entwickeln marktreifer Produkte durch Anschubfinanzierungen in der Bundeswehr und daraus resultierenden gesellschaftlichen Anschlussnutzen. Nachhaltige Streitkräfte entwickelten dann ein Potential, als Innovationsmotor zu fungieren, technologische Entwicklungen zu induzieren und ggf. darüber auch wirtschaftliche Impulse zu setzen. Schließlich: Nachhaltig einsatzstarke Streitkräfte schaffen über die damit verbundene konventionelle Abschreckung die Vermeidung von Kriegen: Das hätte erhebliche positive Auswirkungen auf Menschen, Tiere und Pflanzen und wäre insofern höchst nachhaltig!
Am Ende: Acht geben!
Es gibt also eine Vielzahl an Ideen, wie nachhaltigere oder verteidigungsfähigere Streitkräfte gestaltet werden könnten. Derzeit stehen für sie riesige Beträge an Geld zur Verfügung. Aus Nachhaltigkeitssicht bleibt die zentrale Aufgabe, dieses Geld sinnvoll einzusetzen. Damit dies gelingen kann, müssen strategische Brücken gebaut und begangen werden – ein wechselseitiger Austausch von Stakeholdern aus Wissenschaft, Wirtschaft, Gesellschaft und Bundeswehr ist auf dem Weg zu mehr Kooperation und gemeinsamen Strategien unabdingbar. Manchmal bedarf es dazu auch überraschender Konstellationen!
Prof. Dr. Stefan Bayer, Volkswirt sowie Forschungsleiter und Mitbegründer des German Institute for Defence and Strategic Studies (GIDS) in Hamburg und jüngst zum Mitglied im Rat für Nachhaltige Entwicklung berufen, befindet sich stets auf der Suche nach strategischen Lösungen für langfristige Herausforderungen. Dieser Artikel ist in forum 03/2026 - Frau Reiche – es reicht! erschienen.
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