Christoph Quarch
Technik | Wissenschaft & Forschung, 08.04.2026
Artemis und Orion
Christoph Quarch überlegt, was die Namensgebung über die aktuelle Mondmission sagen kann
Wenn alles nach Plan verläuft, kehrt am Samstag die vierköpfige Crew der Mondmission Artemis 2 zur Erde zurück. Zehn Tage werden dann die drei Astronauten und eine Astronautin in ihrer Orion-Kapsel unterwegs gewesen sein, um Erkenntnisse und Informationen zu der für 2028 geplanten Mondlandung der Artemis 3 zu sammeln. Und das alles mit dem Fernziel einer Marsmission. Auffällig dabei ist, dass die Verantwortlichen von NASA und ESA bei der Namensgebung ihrer Projekte einen Hang zur griechischen Mythologie zu erkennen geben. Sowohl „Artemis" als auch „Orion" haben dort ihren Ursprung. Was sagt das über diese Mission? Darüber sprechen wir mit dem Philosophen Christoph Quarch, einem ausgewiesenen Kenner der alten Mythen.
Herr Quarch, was verrät uns der Name "Artemis" über das aktuelle Programm der NASA?Folgt man den Verlautbarungen der NASA, dann hat man sich für "Artemis" entschieden, um die Kontinuität zum ersten erfolgreichen Mondprogramm der 1960er und 70er-Jahre sichtbar zu machen. Den damaligen Apollo-Missionen gelangen immerhin sechs Mondlandungen. Im Mythos ist Artemis die Zwillingsschwester des Apollon - allerdings die erstgeborene, so dass die NASA die falsche Reihenfolge gewählt hat; aber sei's drum. Wichtiger war den Verantwortlichen, dass es sich bei Artemis um eine Schwester handelt, denn die neue Mission legt ausdrücklich Wert auf Geschlechtergerechtigkeit und Inklusion. Deshalb musste ein weiblicher Name her - und was passte da besser als Artemis, zumal diese Göttin immer auch mit dem Mond in Verbindung gebracht wurde.
Aber nicht nur mit dem Mond. Artemis gilt auch als Göttin der Wildnis und der Jagd. Wie passt das zur Mondmission?
Artemis ist eine komplexe Göttin. Um sie zu verstehen, müssen wir fragen, was überhaupt eine griechische Göttin ist. Denn man versteht so lange nichts von diesen Göttern, wie man sie nach Maßgabe des christlichen Gottes denkt. Die Götter der Griechen sind nicht jenseitig. Sie sind zur Gestalt geronnene Erfahrungen von Sinn - Aspekte einer Welt, die die Griechen "Kosmos" nannten: schöne Ordnung. In Artemis verehrten sie die unberührte, wilde Natur - in ihrer Schönheit ebenso wie in ihrer Grausamkeit. Man ahnte, dass dort eine sinnvolle, spielerische, tänzerische, leichtfüßige Intelligenz waltet, die man erfahren und mit der mythopoetischen Imagination zur Gestalt der jungfräulichen Göttin Artemis verdichten konnte. So gesehen passt ihr Name schlecht zu einem Programm, das in die unberührte Sphäre des Mondes einzudringen trachtet. Es sei denn, er soll zu der gebotenen Scheu und Ehrfurcht vor dem jungfräulichen Mond gemahnen. Das scheint mir aber nicht der Fall zu sein.
Die Nähe der Göttin zur Jagd könnte man so lesen, dass sie eine Art Schutzpatron der wissenschaftlichen Neugier ist - wenn Wissenschaft so etwas ist wie die Jagd nach immer neuen Erkenntnissen.
Den Griechen lag diese Idee fern. Auch sie betrieben Wissenschaft. Aber ihnen ging es nicht darum, sich durch wissenschaftliche Erkenntnisse zum "Herren und Meister über die Natur" zu machen, wie der Philosoph René Descartes zu Beginn der Neuzeit forderte. Die Griechen wollten die Natur nicht beherrschen, sondern verstehen. Sie sahen in ihr etwas Heiliges, das Ehrfurcht gebietet. Genau davon zeugt der Artemiskult. Ja, sie war eine Jägerin, weil die Jagd ein Teil der natürlichen Ordnung ist - aber nur dann, wenn die Jagd nicht, so wie heute, der Ausbeutung der Natur dient, sondern den spielerischen Charakter der Natur wahrt; woran übrigens das englische Wort "game" erinnert, das sowohl "Jagd" als auch "Spiel" bedeutet. Als Schutzpatron eines Programms, das sich den Mond untertan machen will, taugt die spielerische Artemis also in keiner Weise.
Wie steht es denn um Orion, den Namensgeber der Raumkapsel? Auch der war ein mythischer Jäger - und stand obendrein schon bei der legendären Serie "Raumschiff Orion" Pate. Darin ging es nun wirklich um wissenschaftliche Neugier und Entdeckerfreude.
Der Name "Orion" passt für die NASA-Mission tatsächlich besser als Artemis. Wobei Orion im Mythos nicht nur ein Jäger ist, sondern auch ein Vergewaltiger, der sich an Merope, der Tochter des Königs von Chios verging. Im übertragenen Sinne heißt das: Orion ist einer, der sich die jungfräuliche Natur gewaltsam aneignen will. So gesehen passt er denkbar schlecht zu Artemis, die auch als Beschützerin der jungfräulichen Mädchen verehrt wurde. Dazu passend erzählte man sich, dass Artemis den Orion mit ihren Pfeilen erlegte, als er sich gewaltsam ihrer Gefährtin Outis nähern wollte. Ich weiß nicht, ob die NASA-Leute diese Mythen kennen. Ich würde sie jedenfalls als Warnung deuten: als Warnung davor, sich in maskuliner Hybris gewaltsam nun auch noch außerirdischer Natur bemächtigen zu wollen; als ob es nicht schlimm genug wäre, dass wir mit dieser Haltung gerade unsere Erde verbrennen.

Der Philosoph, Speaker und Bestseller-Autor Christoph Quarch begleitet Unternehmen, unterrichtet an verschiedenen Hochschulen und veranstaltet philosophische Reisen. In seinen Vorträgen und Büchern greift er auf die großen Werke der abendländischen Philosophie zurück, um diese in eine zeitgemäße Lebenskunst und Weltdeutung zu übersetzen. Gemeinsam mit seiner Frau Christine Teufel gründete er die Neue Platonische Akademie für eine geistige Erneuerung der Gesellschaft.
Aktuelle Bücher von ihm sind „Wacher Geist und fester Schritt. The Donkey School for Leadership" (2024), „Schönheit rettet die Welt” (2024) und "Der Club der alten Weisen" (2023).
Mehr zu ihm unter christophquarch.de und akademie-3.org
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