Garten-PV - Der Mini-Solarpark fürs Eigenheim
Christoph Quarch

Deutsche wünschen starke Führung

Christoph Quarch analysiert die neue Sehnsucht nach Macht und Herrschaft

Wenn wir ehrlich sind, haben wir mit dem "starken Mann" in Deutschland ja nicht so gute Erfahrungen gemacht. Nichtsdestotrotz erfreuen sich hierzulande autoritäre Ideen zunehmender Beliebtheit. Mehr als 20 Prozent der Bundesbürger, so der kürzlich veröffentlichte Deutschland Monitor 2025 liebäugeln mit autokratischen Strukturen wie Einparteienherrschaft oder „starker Führer". In Ostdeutschland sind es sogar über 25 Prozent. Wie kann das sein? Funktioniert die Demokratie so schlecht, oder bekundet sich hier eine diffuse Sehnsucht nach Macht und Herrschaft? Darüber reden wir mit dem Philosophen Christoph Quarch.
 
Herr Quarch, haben Sie eine Erklärung dafür, dass sich so viele Menschen in Deutschland neuerdings ein starkes Führungspersonal wünschen?
© Fernando Neves, pixabay.comObwohl ich Philosoph bin, versuche ich es erstmal mit der Psychologie. Mir scheint, dass dem Wunsch nach Führung häufig eine Scheu vor Eigenverantwortung entspricht. Wenn man selbst nicht genau weiß, wo man hin will oder wenn man Angst vor Fehlern und Irrtümern hat - dann ist man geneigt, andere für sich entscheiden zu lassen und deren Vorgaben zu folgen. Das würde auch erklären, warum vor allem in strukturschwachen Gebieten in Ostdeutschland die Neigung zu autoritären Ideen wuchert. Dort gibt es viel Unzufriedenheit mit der Lebenssituation und gleichzeitig noch Restbestände der alten DDR-Versorgungsmentalität; und leider auch wenig Möglichkeit, das Leben in die eigene Hand zu nehmen. Also ist man versucht, die Verantwortung an irgendwelche "starken" Führungspersönlichkeiten zu delegieren.

Aber werden die Leute auch bekommen, was sie wollen? Was würde denn eine "starke" Führungspersönlichkeit auszeichnen?
Meistens gerade nicht das, was sich die meisten erhoffen. Wenn von starken Führern oder Leadern die Rede ist, dann verbindet sich damit oft die Vorstellung von Durchsetzungsvermögen, Entschlossenheit und Kraft - eine ziemlich merkwürdige Mischung aus maskulinen und nostalgischen Fantasie, die sich in der Geschichte oft genug als verhängnisvoll erwiesen hat. Ich denke das liegt daran, dass wir Führung sehr oft in Kategorien von Herrschaft und Macht interpretieren: so, als ginge es bei Führung darum, möglichst effizient Macht auszuüben oder möglichst unwidersprochen über andere zu herrschen. In meinen Augen hat das wenig mit Führung zu tun, dafür aber viel mit Gewalt und Knechtschaft. Jedenfalls reicht ein Blick in autokratische Staaten wie China, Russland und zunehmend die USA, um sich klarzumachen, dass dort nicht geführt, sondern kommandiert wird.

Man kann Führung aber auch ganz anders verstehen. Nehmen wir ein aktuelles Beispiel. Vor wenigen Tagen hat die Deutsche Bischofskonferenz einen neuen Vorsitzenden gewählt. Die Wahl fiel auf den Hildesheimer Bischof Heiner Wilmer; wohl auch deshalb, weil er als Brückenbauer zwischen Konservativen und Reformen gilt. Zeigt sich Führungskompetenz nicht gerade auch in dem Vermögen, Ausgleich zu schaffen und zu vermitteln?
Mit einer kleinen Einschränkung würde ich das bejahen: Jede gute Führungskraft ist auch ein guter Vermittler - aber nicht jeder gute Vermittler ist auch eine gute Führungskraft. Damit will ich sagen: Echte Führungsqualität zeigt sich für mich daran, dass man Menschen hinter sich versammeln kann; und zwar ohne Gewaltanwendung, Drohgebärden oder was Autokraten sonst so im Köcher haben. Nein, gute Führungskräfte gewinnen Menschen für sich mit der Kraft ihres Geistes: Weil sie überzeugende Ideen haben, weil sie glaubwürdig auftreten, weil sie menschliche Werte repräsentieren, weil sie eine begeisternde Vision haben, die ihrem Handeln und Auftreten eine klare Richtung gibt - und, das ist das Wichtigste, weil sie bereit sind, Verantwortung für ihr Tun zu übernehmen und sich dafür auch zur Rechenschaft ziehen zu lassen. 

Wenn das die Definition einer "starken Führungskraft" ist - würden Sie sich dann auch auf die Seite der 20 Prozent der Deutschen schlagen, die sich starke Führer wünschen?
Nein, würde ich nicht. Weil meine Definition des "starken Führers" all das impliziert, was die Freunde autoritärer Politik geradewegs ablehnen: den demokratischen Diskurs, die Bereitschaft zur Rechenschaftsgabe, das Bemühen um Mehrheiten - eben die echte Verantwortungsfähigkeit. Ich finde es schon bizarr: Diejenigen, die aus mangelnder Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen, nach starken Führern schreien, wünschen sich in der Regel solche, die selbst verantwortungslos sind. Genau diese Typen aber brauchen wir nicht. Wir brauchen kompetente demokratische Führungspersonen, die man daran erkennt, dass sie sich selbst zu führen vermögen. Von denen gibt es tatsächlich zu wenige. Vielleicht hat ja Herr Wilmer das Zeug, hierfür ein Vorbild zu sein. Damit würde seine Kirche unserer Gesellschaft endlich mal wieder einen großen Dienst erweisen. 


Der Philosoph Christoph Quarch schreibt regelmäßig für forum Nachhaltig Wirtschaften. © Christoph Quarch

Der Philosoph, Speaker und Bestseller-Autor Christoph Quarch begleitet Unternehmen, unterrichtet an verschiedenen Hochschulen und veranstaltet philosophische Reisen. In seinen Vorträgen und Büchern greift er auf die großen Werke der abendländischen Philosophie zurück, um diese in eine zeitgemäße Lebenskunst und Weltdeutung zu übersetzen. Gemeinsam mit seiner Frau Christine Teufel gründete er die Neue Platonische Akademie für eine geistige Erneuerung der Gesellschaft.
 
 
Mehr zu ihm unter christophquarch.de und akademie-3.org


Weitere Artikel von Christoph Quarch:

Spielerischer Wettbewerb oder klassischer Wettkampf?
Christoph Quarchs philosophischer Blick auf die Bundesjugendspiele
Wenn es auf die Sommerferien zugeht, stehen in den Schulen die Bundesjugendspiele auf dem Programm. Doch die sind inzwischen zum politischen Zankapfel geworden. Spätestens, seit die Kultusministerkonferenz den Beschluss fasste, die Bundesjugendspielen so umzugestalten, dass es bei ihnen vor allem um die Freude an der Bewegung gehen soll, reißt die Kritik konservativer Bildungspolitiker nicht ab.


Teamgeist und Zusammenhalt
Christoph Quarchs Überlegungen zum Start der Fußball-Weltmeisterschaft
„Elf Freunde sollt ihr sein!" „Das Team ist der Star." Wenn ein großes Fußballturnier bevor steht, werden von Spielern, Trainern und Funktionären gerne Teamgeist und Zusammenhalt beschworen. Und wenn Themen wie diese erst einmal öffentlich benannt werden, dann dauert es zumeist nicht lange, bis sich Politiker und Wirtschaftskapitäne finden, die diese Stichworte bereitwillig aufgreifen und die Gesellschaft im Ganzen oder auf Betriebe und Unternehmen anwenden.


Magnifica Humanitas - Über die Bewahrung des Menschen im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz
Christoph Quarch begrüßt die Enzyklika von Papst Leo XIV. als wertvollen Debatten-Beitrag
Am Pfingstmontag hat Papst Leo XIV. seine erste Enzyklika mit dem Titel "Magnificat Humanitas" veröffentlicht. Worum es darin geht, verrät der Untertitel dieses Lehrschreibens: "Über die Bewahrung des Menschen im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz". Erstmals befasst sich darin das Oberhaupt der katholischen Kirche mit ethischen Fragen der Informationstechnologie; und er bezieht eine klare Position.


Keine Zeit für Kinder und Zukunft
Christoph Quarch analysiert die Vergleichsstudie der UNICEF zur Kinderarmut
Selbst in Rumänien oder der Slowakei wachsen Kinder unter besseren Bedingungen auf als hierzulande. Zu diesem Ergebnis kommt eine unlängst vom Kinderhilfswerk UNICEF veröffentlichte internationale Vergleichsstudie, bei der Deutschland nur den 25. Platz von 37 bewerteten Ländern belegt. So ist die Kinderarmut in Deutschland mit 15 Prozent überdurchschnittlich hoch.


Väterliche Güte - Liebe, Wohlwollen, Vertrauen
Zum Vatertag überlegt Christoph Quarch, was einen guten Vater ausmacht
Der Tag, an dem Gläubige seit Jahrhunderten das Fest der Himmelfahrt Christi begehen, ist den meisten nur noch unter dem Namen "Vatertag" geläufig. Die Überlappung beider Feste hat ihren Ursprung im späten 19. Jahrhundert, als unter Männern vor allem in Berlin und Umgebung das Brauchtum entstand, den Festtag für eine damals sogenannte "Herrentagspartie" zu nutzen.




     
        
Cover des aktuellen Hefts

Frau Reiche – es reicht!

forum 03/2026

  • Resilienz
  • Klimafinanzierung
  • Wald
  • Startups
Weiterlesen...
Kaufen...
Abonnieren...
20
JUN
2026
Woche des Wasserstoffs 2026 (#WDW2026)
Wasserstoff verbindet
deutschlandweit
30
JUN
2026
Circular Tech Hub
Europe’s Largest Tech, Startup & Digital Investment Event
14055 Berlin
28
SEP
2026
Zertifikatskurs „Sustainability Management“
Wir verbinden Nachhaltigkeit und Wirtschaftlichkeit!
95447 Bayreuth
Alle Veranstaltungen...
forum goes international! Download the international edition for forum free of charge.
Anzeige

Der Mittelstand im ESG-Dschungel. Sie müssen nicht alles machen. Sie müssen nur wissen, was.

Sie erhalten einen klaren Fahrplan: was jetzt zu tun ist, was Sie auf dem Schirm behalten sollten und was Sie getrost ignorieren können.

Sport & Freizeit, Reisen

Teamgeist und Zusammenhalt
Christoph Quarchs Überlegungen zum Start der Fußball-Weltmeisterschaft
B.A.U.M. Insights
Garten-PV - Stromkosten um fast 80 Prozent gesenkt

Jetzt auf forum:

Stadtgrün gegen Hitze

Biodiversität beginnt vor der Haustür

Erfolgreicher Moor-Mitmachtag mit 100 Freiwilligen

Klimaneutrale Speicherstadt drei Mal erfolgreich bei DGNB Sustainability Challenge

Die Sommer-INNATEX wartet auf mit bekannten Namen und essenziellen Themen

Recht haben reicht nicht

Neue Wege gehen: Die nächste Generation steht bereit

Der Einkauf als Hebel

  • Engagement Global gGmbH
  • Protect the Planet. Gesellschaft für ökologischen Aufbruch gGmbH
  • Futouris - Tourismus. Gemeinsam. Zukunftsfähig
  • NOW Partners Foundation
  • 66 seconds for the future
  • SUSTAYNR GmbH
  • Energie- und Klimaschutzagentur Rheinland-Pfalz GmbH
  • WWF Deutschland
  • ZamWirken e.V.
  • Bundesverband Nachhaltige Wirtschaft e.V. (BNW)
  • Klimabündnis Ebersberg-München
  • Global Nature Fund (GNF)
  • DGNB - Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen
  • Dr. Ing. h.c. F. Porsche AG
  • BAUM e.V. - Netzwerk für nachhaltiges Wirtschaften
  • World Future Council. Stimme zukünftiger Generationen
  • TÜV SÜD Akademie