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Johanna Schwarz
Anzeige, Gesellschaft | Globalisierung, 01.12.2025

Grüne Hoffnung, graue Realität?

Rohstoffgerechtigkeit – Schlüssel für eine faire Transformation

Lithium aus Simbabwe, Kobalt aus dem Kongo, Nickel aus Indonesien – die Energiewende hängt von Rohstoffen ab, deren Abbau häufig Menschenrechte verletzt und Lebensräume zerstört. Es braucht eine Transformation, die nicht auf Kosten anderer geschieht, sondern globale Verantwortung, faire Teilhabe und nachhaltige Wertschöpfung verbindet.

Folgen des Bezugs billiger Rohstoffe aus dem Globalen Süden: In Lateinamerika trocknet der Lithiumabbau ganze Salzseen aus, in Guinea hinterlässt Bauxitabbau rote Wüsten, in der DR Kongo arbeiten Menschen ohne Schutzkleidung unter Tage. © Cshubham Nayak für UnsplashNoch bevor die Sonne über Mberengwa aufgeht, rollen schwere LKWs durch die Sandawana-Mine in Simbabwe. In der staubigen Luft hängen die Träume einer Welt, die sich sauberer Energie verschrieben hat. Lithium – das „weiße Gold" der Energiewende – treibt Batterien, E-Autos und Smartphones an. Doch während der Globale Norden auf Elektromobilität setzt, wird im Süden Wasser verschmutzt, Land enteignet und Gemeinschaften werden verdrängt.

In Simbabwe allein wurden bereits Hunderte Familien umgesiedelt. Versprochene Entschädigungen oder Infrastrukturprojekte blieben oft aus. Ähnliche Geschichten lassen sich in den Kobaltrevieren des Kongo oder an den Lithium-Salzseen in Chile erzählen. Ohne diese Rohstoffe gäbe es keine Energiewende – aber ihr Abbau wirft die Frage auf, ob diese „grüne" Zukunft wirklich gerecht ist.

Was bedeutet Rohstoffgerechtigkeit?
Der Zugang zu Ressourcen muss global fair gestaltet werden. Dabei geht es um gerechte Gewinnverteilung, menschenwürdige Arbeit, Schutz von Natur und Gesundheit, kulturelle Rechte indigener Gruppen und demokratische Teilhabe an Entscheidungsprozessen. Das besagen internationale Menschenrechtsrahmen wie die UN-Leitprinzipien für Wirtschaft und Menschenrechte, die ILO-Kernarbeitsnormen oder das Recht auf sauberes Wasser.
 
Rohstoffgerechtigkeit heißt, die Kosten der Transformation gerecht zu verteilen – und nicht auf die Schultern jener zu legen, die am wenigsten profitieren.

Ein Blick in die Lieferketten zeigt die Schieflage deutlich: 70 Prozent des Kobalts kommen aus der DR Kongo, 60 Prozent des Lithiums aus Chile, Argentinien und Bolivien, und mehr als 30 Prozent des Nickels aus Indonesien. PowerShift, ein Verein für eine ökologisch-solidarische Energie- und Weltwirtschaft, beschreibt in seiner Studie „Clean Cars, Dirty Nickel" die drastischen Folgen der Nickelproduktion: gerodete Regenwälder, giftige Schlämme, zerstörte Korallenriffe.
 
In Lateinamerika trocknet der Lithiumabbau ganze Salzseen aus, in Guinea hinterlässt Bauxitabbau rote Wüsten, in der DR Kongo arbeiten Kinder ohne Schutzkleidung unter Tage. Solche Zustände sind keine Einzelfälle, sondern systemische Folge eines Modells, das auf billige Rohstoffe aus dem Globalen Süden für den Norden setzt.

Auch geopolitisch wird das brisant: China kontrolliert inzwischen rund 80 Prozent der weltweiten Batterieraffinierung, also der chemischen Aufbereitung von Rohstoffen oder Recyclingmaterialien aus Batterien, sodass daraus wieder batterietaugliche Metalle entstehen. Europa importiert, was anderswo unter sozialen und ökologischen Kosten entsteht – ein Muster, das alte koloniale Strukturen fortschreibt und ein Umstand, der nicht neu ist, wenn man die Gewinnung von Erdöl, Erdgas und Kohle betrachtet.
 
„Damit Innovationen im Klimaschutz glaubwürdig und nachhaltig sind, muss die sozialökologische Transformation mit Rohstoffgerechtigkeit einher gehen.”

Rechtsrahmen und politische Realität
Die politische Antwort auf diese Missstände sind Sorgfaltspflichten. In Deutschland gilt seit 2023 das Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz (LkSG), auf EU-Ebene wurde 2024 die Corporate Sustainability Due Diligence Directive (CSDDD) verabschiedet. Beide Gesetze verpflichten Unternehmen unter anderem, Menschenrechtsrisiken entlang ihrer Lieferketten zu identifizieren und zu minimieren.

Doch die CSDDD steht erneut auf der Kippe: Nach der bereits deutlich abgeschwächten Verabschiedung im vergangenen Jahr wird die Richtlinie derzeit im Zuge des sogenannten Omnibusgesetzes abermals geöffnet – und droht massiv verwässert zu werden. Vorschläge liegen auf dem Tisch, die zivilrechtliche Haftung vollständig zu streichen, die Anwendung auf nur noch wenige Großkonzerne (über 5.000 Mitarbeitende und mehr als 1,5 Mrd. € Umsatz) zu begrenzen und verbindliche Klimapläne zu kippen.
 
„Hier wird unter dem Deckmantel des Bürokratieabbaus der Schutz grundlegender Menschenrechte abgebaut," warnt Felix Roll, Referent für Wirtschaft und Menschenrechte von der NGO Werkstatt Ökonomie e.V. Die EU-Kommission sowie konservative und rechte Fraktionen im Parlament treiben diese Rückschritte derzeit aktiv voran.

Auch national droht ein Rückbau: Laut aktuellem Kabinettsbeschluss soll das deutsche LkSG abgeschwächt werden – Berichtspflichten sollen entfallen, Sanktionsmöglichkeiten reduziert werden. Während das Arbeitsministerium (BMAS) von einem „nahtlosen Übergang" spricht, warnen zivilgesellschaftliche Organisationen vor einem gefährlichen Rückschritt beim Schutz von Menschenrechten und Umwelt.

Das Entwicklungsministerium (BMZ) setzt in seinem Positionspapier „Verantwortungsvolle Rohstofflieferketten" (2025) auf drei zentrale Säulen: Transparenz, lokale Wertschöpfung und Menschenrechte. Rohstoffpartnerschaften mit Namibia, Chile oder der DR Kongo sollen künftig Beteiligung und Ausbildung vor Ort fördern – ein Schritt in Richtung mehr Gerechtigkeit, sofern den Worten auch Taten folgen.

Unterstützung für Unternehmen: Der Helpdesk Wirtschaft und Menschenrechte
Der Helpdesk Wirtschaft und Menschenrechte berät Unternehmen und Verbände zur Umsetzung menschenrechtlicher und umweltbezogener Sorgfalt entlang globaler Lieferketten – kostenfrei, individuell und vertraulich. Finanziert wird der Helpdesk Wirtschaft und Menschenrechte vom BMZ und durchgeführt von der DEG Impulse gGmbH, einem Tochterunternehmen der staatlichen KfW Bankengruppe.
 
Die vom Helpdesk im Juni 2025 veröffentlichte Praxishilfe zur „Unterstützung von Sorgfaltsprozessen mit IT-Tools und Softwarelösungen" beleuchtet die aktuellen Entwicklungen im Bereich digitaler Tools für die menschenrechts- und umweltbezogene Sorgfalt, stellt Anwendungsfälle vor und diskutiert Herausforderungen sowie offene Fragen im Umgang mit IT-Tools. Ziel ist es, Unternehmen praxisnah bei der Auswahl und Anwendung geeigneter IT-Lösungen zu unterstützen.

Innovative Ansätze weltweit
Viele engagierte Unternehmen und Initiativen haben Nachhaltigkeit und Transparenz bereits in ihren Rohstofflieferketten verankert. So bezieht bspw. Fairphone Zinn, Tantal, Wolfram und Gold aus zertifizierten, konfliktfreien Quellen und fördert faire Löhne im Bergbau. Re|Source, ein Zusammenschluss von Batterieherstellern, entwickelt Blockchain-basierte Transparenzlösungen.
 
Urban Mining in Europa gewinnt Metalle aus alten Geräten und Fahrzeugen zurück. Duesenfeld in Deutschland recycelt Lithium-Ionen-Batterien mit einer Rückgewinnungsquote von bis zu 90 Prozent. Und in Chile setzen sich indigene Gemeinschaften erfolgreich für die Mitsprache bei der Nutzung von Wasserressourcen in Lithiumregionen ein.

Chancen und Hebel für eine gerechte Rohstoffwende
Eine faire Rohstoffpolitik erfordert mehr als Gesetze – sie braucht systemischen Wandel:
  • Kreislaufwirtschaft stärken: Recycling und Second-Life-Batterien verringern den Druck auf Primärminen.
  • Transparenz durch digitale Tools: Offene Datenplattformen schaffen Nachvollziehbarkeit und Vertrauen.
  • Partnerschaften auf Augenhöhe: EU-Rohstoffabkommen sollten nicht nur Rohstoffe sichern, sondern lokale Industrien aufbauen.
  • Forschung und Innovation: Neue Materialien – etwa Natrium-, Sand- oder Salzbatterien – können Abhängigkeiten reduzieren.
  • Konsumwende: „Weniger Autos, mehr globale Gerechtigkeit" – wie PowerShift es formuliert – bleibt der vielleicht wirksamste Hebel.
Ausblick: Ohne Gerechtigkeit keine Nachhaltigkeit
Damit Innovationen im Klimaschutz glaubwürdig und nachhaltig sind, muss die sozial-ökologische Transformation mit Rohstoffgerechtigkeit einher gehen. Wirtschaft, Politik und Zivilgesellschaft begreifen Rohstofffragen dann endlich auch als Menschenrechts- und Umweltschutzfragen. Oder wie es eine Aktivistin aus Buhera, Simbabwe, formulierte: „Wir wollen keine Almosen. Wir wollen, dass unsere Kinder von den Rohstoffen profitieren, die unter ihren Füßen liegen." Das ist der Kern von Rohstoffgerechtigkeit.

Wichtige Organisationen & Links:
Über Engagement Global
ENGAGEMENT GLOBAL gGmbH Service für Entwicklungsinitiativen informiert und berät Einzelpersonen, Zivilgesellschaft, Kommunen, Schulen, Wirtschaft und Stiftungen zu entwicklungspolitischen Vorhaben und fördert diese finanziell. Engagement Global qualifiziert bedarfsgerecht, verbindet Menschen und Institutionen miteinander, unterstützt zivilgesellschaftliches und kommunales Engagement. Engagement Global arbeitet im Auftrag der Bundesregierung und wird vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) finanziert. 

Tipp:
Veranstaltungsreihe „Wirtschaft × 17 Ziele" von Engagement Global: Ein Dialogforum für Wirtschaft, NGOs und Politik zur Frage, wie Unternehmen ihren Beitrag zu globaler Gerechtigkeit und den SDGs leisten können. Weitere Infos siehe hier.

Quelle: Engagement Global gGmbH

Dieser Artikel ist in forum 01/2026 - forum Nachhaltig Wirtschaften heißt jetzt forum future economy erschienen.

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