Christoph Quarch
Gesellschaft | Politik, 18.08.2024
Femizide und Gewalt gegen Frauen nehmen zu - trotz 100 Jahren Feminismus
Christoph Quarch vermisst ein kultiviertes Männer(vor)bild und fordert mehr Aufklärung
Jede vierte Frau unter 20 Jahren ist schon mindestens einmal in ihrem Leben zum Opfer sexualisierter Gewalt geworden. So geht es aus einer unlängst von den Vereinten Nationen veröffentlichten Studie hervor. Dabei wäre es verfehlt zu glauben, dieses Problem bestünde nur in fernen Weltregionen, aber nicht hier. Wie ernst die Lage ist, verrät eine Gesetzesinitiative der britischen Regierung, die Gewalt gegen Frauen als terroristische Straftat klassifizieren möchte. Was steckt hinter dieser beunruhigenden Entwicklung? Und wie kann man ihr begegnen? Darüber reden wir mit dem Philosophen Christoph Quarch.
Herr Quarch, wie erklären Sie sich, dass gegenwärtig so viele Frauen zu Opfern von Gewalt werden?
Ich fürchte, unsere Gesellschaft ist mit Gewalt kontaminiert. Krimis im Fernsehen, immer heftigere Thriller im Kino, Ballerspiele im Netz, freizugängliche Gewaltpornographie: Von allen Seiten werden wir mit Gewaltdarstellungen überschwemmt. Und die permanenten Kriegsbilder aus Gaza und der Ukraine machen die Sache auch nicht besser. Dieser fortgesetzte Konsum von Gewalt hat dazu geführt, dass wir uns an Gewalt gewöhnen: dass Gewalt uns zunehmend selbstverständlich erscheint; und nicht nur das: Gewalt erscheint teilweise sogar erstrebenswert oder wünschenswert - und das vor allem bei Männern. Was Sie sagen, kann erklären, woher die zunehmende Gewaltbereitschaft rührt, aber nicht, warum sich die Gewalt immer stärker von Männern gegen Frauen richtet.
Den Grund dafür müssen wir meines Erachtens bei den Tätern suchen; also bei den Männern. Ich glaube, hinter Femizid und Gewalt gegen Frauen stehen eine dramatische Verwahrlosung und Verrohung der männlichen Seele. Uns fehlt heute ein kultiviertes Männerbild, wir haben keine Idee mehr von männlichen Tugenden oder Idealen. Früher vermittelte man den jungen Männern archetypische Vorbilder wie den Beschützer, den König, den Weisen oder den heldenhaften Krieger. Oder man erzählte von männlichen Göttern wie Apollon und Hermes. Und heute? Heute rennen die Jungs auf der verzweifelten Suche nach der männlichen Identität in die Muckibude; oder sie eifern den vermeintlich starken Kerls nach: denen, die sich vor Gewalt nicht scheuen - und für die Frauen nichts wert sind. Der Trumpismus funktioniert so.
Aber wie kommt es, dass aufgeklärte westliche Gesellschaften nach 100 Jahren Feminismus dem so wenig entgegenzusetzen haben?
Ich glaube, wir haben es versäumt, analog zur Emanzipation der Frau ein passendes neues Männerbild zu entwickeln und durchzusetzen. Irgendwie sind die Männer abgehängt worden. Aber nicht nur sie: Während die selbstbewussten emanzipierten Frauen vorweggestürmt sind, haben sich die anderen erst ins Nagelstudio oder auf Instagram und dann in ein altes Rollenbild zurückgezogen. Und die Männer haben diese Dynamik durch Werbung und Social Media gepusht. Auch frauenfeindliche religiöse Einflüsse aus dem Islam sollten wir nicht unterschätzen. So kommt es, dass sich heute viele Frauen in der Opferrolle einrichten und nicht gegen das wiedererstarkte Machogehabe aufbegehren.
Aber bedienen Sie damit nicht das alte Klischee, wonach Frauen eine Mitschuld haben, wenn sie zu Opfern männlicher Gewalt werden?
Das will ich ganz und gar nicht sagen. Gewalt gegen Frauen kann durch nichts gerechtfertigt werden. Die Briten haben Recht, wenn sie Femizid als Spielart des Terrorismus einstufen. Jeder Mann, der sich an einer Frau vergeht, greift die gesamte Gesellschaft an und muss hart bestraft werden. Aber das allein wird nicht reichen. Wir brauchen dringend ein neues, gewaltfreies Männlichkeitsideal - und wir brauchen einen neuen, bodenständigen Feminismus, der sich weniger in intellektuellen Konzepten verliert und die konkreten und realen Probleme der Frauen adressiert. Hier ist auch die Politik gefragt: etwa durch die Einrichtung von Notruf-Apps und Hotlines oder - immer noch - durch Aufklärung.

Der Bestseller-Autor Christoph Quarch ist Philosoph aus Leidenschaft. Seit ihm als junger Mann ein Büchlein mit »Platons Meisterdialogen« in die Hand fiel, beseelt ihn eine glühende Liebe (philia) zur Weisheit (sophia), die er als Weg zu einem erfüllten und lebendigen Leben versteht. Als Autor, Publizist, Berater und Seminarleiter greift er auf die großen Werke der abendländischen Philosophen zurück, um diese in eine zeitgemäße Lebenskunst und Weltdeutung zu übersetzen."
In seinem neuen Buch "Begeistern! Wie Unternehmen über sich hinauswachsen" geht's um Fragen wie diese:
Wie kommt der Geist in unsere Unternehmen? – Durch Begeisterung! Und wie entsteht Begeisterung? Anders als die meisten glauben.
Als forum-Redakteur zeichnete Christoph Quarch verantwortlich für den Sonderteil „WIR - Menschen im Wandel".
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