Christoph Quarch
Gesellschaft | Politik, 29.04.2024
Warum verlieren so viele Beschäftige die Lust an der Arbeit?
Christoph Quarch im forum-Interview zum Tag der Arbeit
Fast überall auf der Welt wird am 1. Mai der „Tag der Arbeit" gefeiert. Seine Ursprünge reichen zurück in die US-amerikanische Arbeiterbewegung des 19. Jahrhunderts, die am 1. Mai 1886 mit Generalstreiks gegen schlechte Arbeitsbedingungen demonstrierte. Seither hat sich viel getan. Vor allem in den westlichen Industrienationen haben sich die Arbeitsbedingungen deutlich gebessert. Beliebter ist die Arbeit dennoch nicht. Immer lauter werden Forderungen nach Work-Life-Balance, 4-Tage-Woche und Frührente. Was steckt dahinter? Und was kann man dagegen unternehmen? Darüber reden wir mit dem Philosophen Christoph Quarch.
Herr Quarch, als Denkbegleiter sind Sie in vielen Unternehmen unterwegs: Warum verlieren so viele Beschäftige die Lust an der Arbeit?
Ich glaube, das hat viel mit der Einstellung der Menschen zu tun: Für viele ist die Arbeit ein reiner Broterwerb, dem man notgedrungen nachgehen muss, um nach Feierabend – oder in Rente – endlich so leben zu können, wie man es sich wünscht. Und was wünscht man sich nicht alles! Oder besser noch: Was soll man sich nicht alles wünschen in einer Welt, in der man von allen Seiten mit immer neuen Angeboten umworben wird, die einem Glück und Zufriedenheit in Aussicht stellen. Dass man auch bei der Arbeit glücklich sein könnte, gerät völlig in Vergessenheit.Sprechen Sie da als freischaffender Philosoph nicht aus einer privilegierten Position? Nicht jeder ist in der komfortablen Lage, seine Leidenschaft zum Beruf zu machen.
Ganz ehrlich: Komfortabel ist das keineswegs. Ich muss hart arbeiten, um meinen Laden am Laufen zu halten. Aber ich will nicht klagen, denn an dem, was Sie sagen, ist insofern etwas dran, als ich meine Arbeit gerne mache. Oder besser gesagt: Ich erlebe sie als sinnvoll und weiß, warum ich mir das alles antue. Und ich glaube, das ist das Entscheidende: Ich erlebe so viele wunderbare Momente bei meiner Arbeit – vor allem in der Begegnung mit Menschen. Wenn meine Begeisterung für einen Gedanken oder eine Idee auf andere überspringt, dann gibt mir das die Kraft für die nächsten Aufgaben. Aber das ist nicht das Privileg des Philosophen. Freude an Zusammenarbeit und Begegnung kann man – außer im Home-Office – bei fast jeder Tätigkeit erleben; wenn man offen dafür ist.
Machen Sie es sich nicht etwas zu leicht, wenn Sie das Problem nur bei den Arbeitnehmern verorten? Tragen nicht auch die Arbeitgeber ihren Teil dazu bei: durch unattraktive Arbeitszeiten, schlecht organisierte Arbeit oder zu geringen Löhnen?
Das will ich nicht ausschließen. Generell scheint mir aber, dass sich in den Unternehmen und Betrieben seit Covid vieles positiv entwickelt hat. Dabei denke ich nicht nur an die weitgehende Einführung von Home-Office-Tagen und flexiblen Arbeitszeiten, sondern auch an all das, was unter der Überschrift „New Work" läuft: Man versucht, die Mitarbeiter stärker einzubinden, organisiert die Arbeit in Teams, unterstützt sie in ihrer Weiterbildung etc. Angesichts des Fachkräftemangels bleibt den Unternehmen auch gar nichts anderes übrig. Verglichen mit 1886, aber auch mit 1986, haben die Beschäftigen heute eine viel stärkere Position.
…was bei den Streiks und Protesten der letzten Monate ja teilweise auch sichtbar geworden ist. Aber wird die so weit verbreitete Unzufriedenheit aus der Arbeitswelt verschwinden, wenn alle gewerkschaftlichen Forderungen irgendwann umgesetzt sein sollten?
Ich befürchte eher das Gegenteil: dass die Unzufriedenheit proportional zu den Ansprüchen weiter zunehmen wird; und dass sich die Unternehmen abstrampeln können, wie sie wollen: Solange unsere Gesellschaft von einer konsumgetriebenen Wirtschaft dominiert wird, werden die Konsumbedürfnisse der Menschen immer mehr gesteigert: noch ein Urlaub, noch ein Game, noch eine Freizeitaktivität – und das alles sowohl physisch als auch virtuell; auf jeden Fall aber nach Feierabend. All diese Verlockungen lassen die Arbeitszeit als vergeudete Zeit erscheinen. Erst wenn wir dem Konsumzwang entkommen, werden wir die Schönheit des Arbeitens wiederentdecken: die Befriedigung, die sie geben kann; die Freude des Machens und Verantwortens; das Glück der menschlichen Begegnung, die sie ermöglicht.

Der Bestseller-Autor Christoph Quarch ist Philosoph aus Leidenschaft. Seit ihm als junger Mann ein Büchlein mit »Platons Meisterdialogen« in die Hand fiel, beseelt ihn eine glühende Liebe (philia) zur Weisheit (sophia), die er als Weg zu einem erfüllten und lebendigen Leben versteht. Als Autor, Publizist, Berater und Seminarleiter greift er auf die großen Werke der abendländischen Philosophen zurück, um diese in eine zeitgemäße Lebenskunst und Weltdeutung zu übersetzen."
In seinem neuen Buch "Begeistern! Wie Unternehmen über sich hinauswachsen" geht's um Fragen wie diese:
Wie kommt der Geist in unsere Unternehmen? – Durch Begeisterung! Und wie entsteht Begeisterung? Anders als die meisten glauben.
Als forum-Redakteur zeichnete Christoph Quarch verantwortlich für den Sonderteil „WIR - Menschen im Wandel".
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