Christoph Quarch
Gesellschaft | Politik, 13.08.2023
Wille zur Macht und Lebensfeindlichkeit
Christoph Quarch analysiert den neuen Sexualkonservatismus, der auch in Deutschland zunehmend Resonanz findet.
Erst traf es Michelangelos David, nun geraten Shakespeares Dramen in die Schusslinie. Die großen Meisterwerke der Weltkultur sind im US-Bundesstaat Florida nicht mehr wohl gelitten; zumindest dann nicht, wenn sie „sexualisierte Inhalte" aufweisen, vor denen Schülerinnen und Schüler nach Ansicht der republikanischen Regierung um Gouverneur Ron DeSantis geschützt werden müssen. So will es ein neues Gesetz, das „Pornographie oder obszöne Beschreibungen sexuellen Verhaltens" in Klassenzimmern verbieten soll. Aber was steckt wirklich hinter diesem neuen Sexualkonservatismus, der auch in Deutschland zunehmend Resonanz findet? Darüber reden wir mit unserem Philosophen Christoph Quarch.
Herr Quarch, aus der Sicht des Philosophen: Was veranlasst Menschen eigentlich dazu, „sexualisierte Inhalte" untersagen zu wollen?
Da Sie nach der Sicht des Philosophen fragen, antworte ich mit einem Philosophen, und zwar mit Friedrich Nietzsche. Seine Antwort wäre eine doppelte: Wille zur Macht und Lebensfeindlichkeit. Lebensfeindlichkeit deshalb, weil Sexualität die Kraft ist, vermöge derer das Leben am Leben bleibt. Man sollte meinen, dass Menschen diese Kraft schätzen, zumal dann, wenn sie sich bei anderer Gelegenheit als Sachwalter des ungeborenen Lebens aufspielen. Aber so ist es nicht. Diese Menschen verachten das Leben. Das Leben ist ihnen suspekt. Sie wollen es maßregeln – und zwar nach Maßgabe ihres eigenen Willens. Dafür brauchen sie Macht: Macht über das Leben, Kontrolle über die Menschen und ihre Sexualität. Die Protagonisten des amerikanischen Sexualkonservativismus geben als ihr Motiv an, Kinder und Jugendliche schützen zu wollen.
Die Feinde des Lebens haben immer noch Wege gefunden, ihre Machtgelüste zu verschleiern. Meistens ist es die Religion, die ja auch bei den Republikanern dafür missbraucht wird. An diesem Punkt unterscheiden sie sich um keinen Deut von den Mullahs im Iran oder anderen rechtsgerichteten Despoten, die sich als Sittenwächter aufspielen. Mit dem Schutz von Kindern und Jugendlichen – oder von Frauen, die verschleiert werden müssen – hat das rein gar nichts zu tun. Zumal nicht in einer Welt, in der jeder minderjährige Smartphone-Besitzer mühelos Pornos anschauen kann. Würde es den rechten Sittenwächtern wirklich um Kinder und Jugendliche gehen, müssten sie dagegen Front machen – was aber nicht passiert.
Aber steckt hier nicht ein echtes Problem: Kursieren in unseren digitalen Medien nicht tatsächlich zu viele „sexualisierte Inhalte", vor denen man Kinder und Jugendliche schützen sollte?
Selbstverständlich, aber Shakespeare und Michelangelo gehören sich nicht dazu – genauso wenig wie Tausende andere Meisterwerke der europäischen Kultur, die sicher auch bald auf den Index kommen. Ich war gerade in Pompeji. Keine Villa, die nicht ausgemalt gewesen wäre mit nackten Göttern oder erotischen Szenen. Dabei handelt es sich aber nicht um „sexualisierte Inhalte" oder „Porn", wie die US-Touristen witzelten, sondern um etwas völlig anderes: um erotische Kunst. Dass man heute den Unterschied nicht mehr versteht, ist die eigentliche Katastrophe. Erotische Kunst transformiert Sexualität in eine schöpferische, kulturbildende Kraft. Es ist kein Zufall, dass kulturelle Blütenzeiten immer auch Phasen waren, in denen Sexualität erotisch kultiviert wurde: die Antike, das 18. Jahrhundert, die 1970er Jahre.
In Ihren Augen ist der Sexualkonservatismus der amerikanischen Rechten ein Symptom des kulturellen Niedergangs?
Absolut. Eben darin sind sie sich ja alle gleich, die Republikaner, die Islamisten, die Rechtskonservativen: Sie wollen keine Kultur, sondern Herrschaft. Sie wollen keine Lebendigkeit, sondern Kontrolle. Sie fürchten die subversive Kraft der Sexualität und verteufeln deshalb den Eros. Am liebsten wäre ihnen ein Gemeinwesen wie eine Maschine: funktionabel, effizient, kontrollierbar, steril, sicher – und tot. Sexualität, Erotik, Leidenschaft. Das alles hat dort keinen Platz. Und klassische Literatur, die Menschen dazu veranlassen könnte, gegen die Sterilität und Lebensfeindschaft des rechten Denkens aufzubegehren, muss unter fadenscheinigsten Gründen verboten werden. Es bleibt doch immer gleich: Wer sich als Sittenwächter geriert, denkt nur an seine eigene Macht. Das ist alles nichts als Heuchelei.

Der Bestseller-Autor Christoph Quarch ist Philosoph aus Leidenschaft. Seit ihm als junger Mann ein Büchlein mit »Platons Meisterdialogen« in die Hand fiel, beseelt ihn eine glühende Liebe (philia) zur Weisheit (sophia), die er als Weg zu einem erfüllten und lebendigen Leben versteht. Als Autor, Publizist, Berater und Seminarleiter greift er auf die großen Werke der abendländischen Philosophen zurück, um diese in eine zeitgemäße Lebenskunst und Weltdeutung zu übersetzen."
In seinem neuen Buch "Begeistern! Wie Unternehmen über sich hinauswachsen" geht's um Fragen wie diese:
Wie kommt der Geist in unsere Unternehmen? – Durch Begeisterung! Und wie entsteht Begeisterung? Anders als die meisten glauben.
Als forum-Redakteur zeichnete Christoph Quarch verantwortlich für den Sonderteil „WIR - Menschen im Wandel".
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