"Sprache ist kein Instrument der moralischen Erziehung."
Christoph Quarch ist kein Freund des Genderns und setzt sich dafür ein, Geschlechtergerechtigkeit nicht durch Worte, sondern durch Taten durchzusetzen.
Sternchen oder nicht Sternchen? Einmal mehr war das die Frage, als vergangene Woche der transnationale Rat für deutsche Rechtschreibung zusammentrat. Auf der Agenda stand das Gendern und die Frage, ob die Verwendung von Binnenzeichen wie dem Gendersternchen, dem Doppelpunkt oder dem Unterstrich künftig erlaubt oder verboten sein soll. Zu einer Entscheidung konnten sich die 41 Ratsmitglieder allerdings nicht aufraffen. Man wolle die Entwicklung weiterbeobachten, könne aber die Verwendung von Sonderzeichen zum Ausweis der Geschlechtersensibilität explizit nicht empfehlen. Es bleibt also eine Grauzone – und die Frage, wie wir uns künftig zum Gendern in Schrift und Sprache verhalten wollen. Darüber haben wir mit unserem Philosophen Christoph Quarch gesprochen.
Herr Quarch, hier kommt
die Sternchenfrage: Wie halten Sie es mit dem Gendern?
Ähnlich
wie der Rechtschreibrat. Ich bin unentschieden. Mal gendere ich, mal nicht. Es
hängt vom Publikum ab. Vor einem studentischen Publikum gendere ich vorsichtshalber,
um keinen Shitstorm zu riskieren; in meinen Büchern lasse ich es bleiben, um
den Sprach- und Lesefluss nicht zu stören. Damit ist eigentlich alles gesagt:
Ich bin kein Freund des Genderns; und zwar deshalb, weil ich die Sprache liebe.
Sie ist für mich ein Lebewesen, das gewachsen ist und weiterwächst – ein
autonomes Wesen, dass sich selbst die Regeln gibt und einer eigenen Logik
folgt. Die Sprache nach Maßgabe moralischer Überzeugungen kontrollieren und
regulieren zu wollen, hat für mich etwas Gewaltförmiges und Totalitäres.
Wenn die
Sprache etwas Lebendiges ist, dann muss sie doch aber auch mit der Zeit gehen
dürfen. Das heißt: Wenn die Zeit Geschlechterneutralität verlangt, wäre es doch
genauso gewaltförmig, eine entsprechende Sprachentwicklung unterbinden zu
wollen.
Da
haben Sie Recht – und so gesehen kann ich verstehen, dass der Rechtschreibrat
auf Zeit spielt und zunächst abwarten möchte, wohin die Sprachentwicklung geht.
Sollte sich das Gendern durchsetzen, d.h. reibungslos in den Sprach- bzw.
Schriftgebrauch der Menschen übergehen, dann wird sich der Rechtschreibrat dem
nicht widersetzen können. De facto aber steht das nicht zu erwarten. Dieser
Tage ist eine Forsa-Umfrage erschienen, die zu erkennen gibt, dass rund
Dreiviertel der Deutschen nichts davon halten, Genderzeichen zur Regel zu
machen. Dahinter mag in vielen Fällen ein bornierter Konservativismus stecken –
in vielen Fällen aber auch ein gesundes Sprachgefühl, aus dem heraus
Gendersternchen oder Sprechpausen bei Moderator___innen als Fremdkörper
erscheinen.
Mag
sein, aber stört es nicht genauso den Sprachfluss, wenn man jedes Mal von Moderatorinnen
und Moderatoren reden muss. Da ist die Sprechpause doch viel eleganter.
Ganz abgesehen davon, dass die Diversen außen vor bleiben.
Mag
sein, aber dieses Problem stellt sich überhaupt nur dann, wenn man davon
ausgeht, dass die Sprache geschlechterneutral sein muss. Genau das aber würde
ich infrage stellen. Ich glaube nicht, dass „gerecht" ein Prädikat ist, das man
sinnvoll auf die Sprache anwenden kann. Es gibt gerechte Menschen oder auch
gerechte Gesellschaften. Aber eine „gerechte Sprache" – was soll das sein?
Sprache ist kein Instrument der moralischen Erziehung. Sprache ist ein Medium
des Ausdrucks. Ihr Sinn besteht darin, dass Menschen etwas verlautbaren können.
Sie dient der Mitteilung. Sie muss nicht moralisch korrekt, sondern
ausdrucksfähig sein. Das erfordert Klarheit, Prägnanz, Dichte, Effizienz – aber
nicht Gerechtigkeit.
Kritiker
werfen dem Rechtschreibrat vor, die Menschen im Unklaren zu lassen und eine
Grauzone zu schaffen, die nur noch mehr Verwirrung stiftet. Teilen Sie diese
Kritik?
Ja.
Unklarheit ist in diesem Fall schädlich, weil die Sprache so zum Austragungsort
von weltanschaulichen Kämpfen wird. Ich kann, wie gesagt, verstehen, dass man
abwarten möchte, wohin sich der Schrift- und Sprachgebrauch entwickeln.
Andererseits aber zeigen die erwähnten Umfragen sehr deutlich, dass sich das
Gendern in Sprache und Schrift nicht durchsetzen wird. Der moralisch motivierte
Versuch, solche Sprachformen zu implementieren, findet zu wenig Resonanz. Für
eine Modifikation der Sprache reicht es nicht, wenn in akademischen Kreisen
oder in bestimmten Milieus gegendert wird. Das bleibt dann eine Sondersprache,
die keinen Anspruch auf allgemeine Kanonisierung erheben kann. Das bedeutet nicht– und das ist mir sehr wichtig – eine Absage an Geschlechtergerechtigkeit im
Allgemeinen. Es bedeutet nur, dass Geschlechtergerechtigkeit nicht durch Worte,
sondern durch Taten durchgesetzt werden muss. Und dafür werde ich weiter werben
und einstehen.

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