Christoph Quarch
Gesellschaft | Politik, 28.03.2023
Fit für die Zukunft?
Christoph Quarch sieht im Koalitionsmarathon eine Sternstunde der Demokratie
Es war ein Verhandlungsmarathon von über 30 Stunden, doch am Ende zeigten sich alle Beteiligten zufrieden: Die Koalitionäre von SPD, Grünen und FDP präsentierten am Dienstag ein Maßnahmenbündel, das Deutschland in den Bereichen Infrastruktur, Klimaschutz und Verkehrswege fit für die Zukunft machen soll. Der Bundeskanzler lobte die Einigung als „großes Werkstück". Die Opposition hingegen gibt sich entsetzt und kritisiert die Beschlüsse als „dürftig", „nebulös" und „blamabel". Wer hat Recht? Darüber reden wir mit dem Philosophen Christoph Quarch.
Herr Quarch, Zeichen der Stärke oder Zeichen der Schwäche – was sagt der Philosoph zum Maßnahmenpaket des Koalitionsausschusses?
In aller Offenheit: Ich bin begeistert. Im Ernst. Denn was die Ampelkoalitionäre dort geleistet haben, hat Angela Merkel in 16 Jahren nicht geschafft: Politik machen. Oder wenn ich es etwas philosophischer formulieren darf: Sie haben zu erkennen gegeben, was das Politische ist: Diskutieren, miteinander Ringen, Kompromisse schließen – und dann den Mut aufbringen, Entscheidungen zu treffen, von denen man weiß, dass sie nicht allen schmecken werden; auch nicht den eigenen Wählergruppen. Wo das geschieht, erleben wir eine Sternstunde der Demokratie. Und das hat die viel gescholtene Ampel tatsächlich geschafft. Hut ab.Viele Kommentatoren werfen den Koalitionären vor, sie hätten strittige Fragen wie die Zukunft des Heizens durch windelweiche Formulierungen ausgeblendet und nur Konflikte nur scheinbar beigelegt.
Die Frage ist, ob man das wirklich kritisieren muss. Solche Kritiker meinen, die Stärke einer Koalition liege darin, immer geschlossen zu sein und einstimmig getroffene Beschlüsse konsequent zu exekutieren. Das ist aber nicht das Ideal einer Demokratie. Deren Sinn besteht vielmehr darin, kontroverse Positionen zu Wort kommen zu lassen, sie miteinander abzugleichen und zu vermitteln. Zumal dann, wenn es um Themen geht, die in der Breite der Gesellschaft kontrovers diskutiert werden. Es ist eine große Stärke der Ampelkoalition, dass sie auf vielleicht noch nie dagewesene Weise konkurrierende Gesellschaftsgruppen repräsentiert. Das macht die Zusammenarbeit mühsam, führt aber zu Ergebnissen, die bei der Bevölkerung mit breiter Akzeptanz rechnen dürfen.
Das ist aber nicht der Fall. Die Umweltverbände werfen vor allem den Grünen vor, mit ihrer Zustimmung zu einer künftigen „sektorübergreifenden" Berechnung von Umweltdaten den Klimaschutz verraten zu haben.
Ich persönlich würde mir auch mehr Klimaschutz wünschen, aber ich bin Realist genug, um einzusehen, dass man dafür die Menschen in diesem Land mitnehmen muss. Zumal dann, wenn im Vorfeld des Koalitionsausschusses durch große mediale Aufregung viele Menschen verunsichert wurden. Überhaupt bin ich ziemlich unglücklich mit der Berichterstattung und Kommentierung dieser Ereignisse. Immer ist nur die Rede davon, dass die eine Partei „Kröten schlucken" musste, dass die anderen sich mehr durchgesetzt hätten – und dass der Streit sowieso weitergeht. Warum fällt es uns so schwer, einfach einmal zu sagen: Gut gemacht, weiter so? Ich würde mir etwas mehr Fairness seitens der Kommentatoren wünschen.
Tatsache ist doch, dass die Grünen das Maßnahmenpaket schon am nächsten Tag in Frage gestellt haben und weitere Verhandlungen wünschen. Angesichts dessen scheinen Zweifel an der Haltbarkeit der Beschlüsse angebracht.
Ja, wenn man den Erfolg von Politik daran misst, dass die Beschlüsse einer Regierung nicht mehr in Frage gestellt werden – so wie Autokraten sich das wünschen. Nein, wenn man Politik als ein nie abgeschlossenes Geschehen interpretiert, bei dem es bestenfalls Zwischenresultate, aber niemals Endergebnisse geben kann – so wie es die Demokratie vorsieht. Die Philosophin Hannah Arendt hat immer wieder betont: Politik ist keine Technik, bei der finale Ergebnisse produziert werden. Politik ist vielmehr eine never ending story, bei der immer neu, situativ, gemeinsame Lösungen ausgehandelt werden. Deshalb ist völlig klar: Nach dem Koalitionsausschuss ist vor dem Koalitionsausschuss. Aber etwas Besseres kann man als Demokrat darüber gar nicht sagen.
Der Bestseller-Autor Christoph Quarch ist Philosoph aus Leidenschaft. Seit ihm als junger Mann ein Büchlein mit »Platons Meisterdialogen« in die Hand fiel, beseelt ihn eine glühende Liebe (philia) zur Weisheit (sophia), die er als Weg zu einem erfüllten und lebendigen Leben versteht. Als Autor, Publizist, Berater und Seminarleiter greift er auf die großen Werke der abendländischen Philosophen zurück, um diese in eine zeitgemäße Lebenskunst und Weltdeutung zu übersetzen."
In seinem neuen Buch "Begeistern! Wie Unternehmen über sich hinauswachsen" geht's um Fragen wie diese:
Wie kommt der Geist in unsere Unternehmen? – Durch Begeisterung! Und wie entsteht Begeisterung? Anders als die meisten glauben.
Als forum-Redakteur zeichnete Christoph Quarch verantwortlich für den Sonderteil „WIR - Menschen im Wandel".
Weitere Artikel von Christoph Quarch:
Macht KI dumm?
Christoph Quarch plädiert dafür, Sinnverstehen und Urteilskraft zu kultivieren als Gegengewicht gegen die drohende Übermacht der KI
Dänemark war lange der große Vorreiter bei der Digitalisierung des Schulunterrichts. Mit dem neuen Schuljahr ist Schluss damit. Ab jetzt wird in dänischen Schulen wieder mit konventionellen Lehrmitteln unterrichtet. Der Grund: Wissenschaftliche Auswertungen des Digitalunterrichts haben negative Auswirkungen auf die Kinder ans Licht gebracht. Auch hierzulande warnen Pädagogen vor zu viel IT im Unterricht.
Christoph Quarch plädiert dafür, Sinnverstehen und Urteilskraft zu kultivieren als Gegengewicht gegen die drohende Übermacht der KI
Dänemark war lange der große Vorreiter bei der Digitalisierung des Schulunterrichts. Mit dem neuen Schuljahr ist Schluss damit. Ab jetzt wird in dänischen Schulen wieder mit konventionellen Lehrmitteln unterrichtet. Der Grund: Wissenschaftliche Auswertungen des Digitalunterrichts haben negative Auswirkungen auf die Kinder ans Licht gebracht. Auch hierzulande warnen Pädagogen vor zu viel IT im Unterricht.
Ist die Demokratie im KI-Zeitalter noch zu retten?
Christoph Quarch hofft auf Europäische KIs, die systemisch denken und den Blick fürs Ganze haben
Die bevorstehenden Landtagswahlen im Osten Deutschland sind ein weiteres Beispiel dafür: Künstliche Intelligenz spielt in der politischen Kommunikation eine immer größere Rolle. Dass Politiker ihre Reden von einer KI schreiben lassen und KI-generierte Bilder auf Plakaten erscheinen, wird von den Wählerinnen und Wählern meist hingenommen; dass aber immer mehr Inhalte, Statistiken oder Informationen KI-generiert sind, bereitet allen Demokraten Sorgenfalten.
Christoph Quarch hofft auf Europäische KIs, die systemisch denken und den Blick fürs Ganze haben
Die bevorstehenden Landtagswahlen im Osten Deutschland sind ein weiteres Beispiel dafür: Künstliche Intelligenz spielt in der politischen Kommunikation eine immer größere Rolle. Dass Politiker ihre Reden von einer KI schreiben lassen und KI-generierte Bilder auf Plakaten erscheinen, wird von den Wählerinnen und Wählern meist hingenommen; dass aber immer mehr Inhalte, Statistiken oder Informationen KI-generiert sind, bereitet allen Demokraten Sorgenfalten.
Sind wir auf dem Weg, uns selbst abzuschaffen?
Christoph Quarch überlegt, was KI-Systeme mit uns machen und wie wir uns verhalten sollten
Egal ob zu Hause, beim Job oder im Urlaub: KI ist überall - auch wenn wir es gar nicht merken, prägt sie unsere Lebenswirklichkeit. KI-Systeme geben uns Auskunft, schreiben für uns Texte, führen mit uns Gespräche, entwickeln für uns Strategien, spielen mit uns Spiele. Und wo wir nicht unmittelbar mit ihnen umgehen, verändern sie im Hintergrund mit einer nie dagewesenen Geschwindigkeit und Radikalität unsere Lebensweise, unser Sozialverhalten, unsere Gewohnheiten.
Christoph Quarch überlegt, was KI-Systeme mit uns machen und wie wir uns verhalten sollten
Egal ob zu Hause, beim Job oder im Urlaub: KI ist überall - auch wenn wir es gar nicht merken, prägt sie unsere Lebenswirklichkeit. KI-Systeme geben uns Auskunft, schreiben für uns Texte, führen mit uns Gespräche, entwickeln für uns Strategien, spielen mit uns Spiele. Und wo wir nicht unmittelbar mit ihnen umgehen, verändern sie im Hintergrund mit einer nie dagewesenen Geschwindigkeit und Radikalität unsere Lebensweise, unser Sozialverhalten, unsere Gewohnheiten.
Die italienischen Momente im Leben?
Christoph Quarchs Überlegungen zum Hitzesommer
Dieser Sommer bricht alle Rekorde: Immer neue Höchsttemperaturen, immer mehr Hitzetote, historische Tiefststände der großen Flüsse, immer mehr Wald- und Flächenbrände auch in Deutschland, Missernten auf den Feldern, Wassermangel in den Städten... Die Liste ist lang, und sie ist verstörend, denn sie hinterlässt bei vielen Menschen das beklemmende Gefühl der Ohnmacht und des Ausgeliefertseins.
Christoph Quarchs Überlegungen zum Hitzesommer
Dieser Sommer bricht alle Rekorde: Immer neue Höchsttemperaturen, immer mehr Hitzetote, historische Tiefststände der großen Flüsse, immer mehr Wald- und Flächenbrände auch in Deutschland, Missernten auf den Feldern, Wassermangel in den Städten... Die Liste ist lang, und sie ist verstörend, denn sie hinterlässt bei vielen Menschen das beklemmende Gefühl der Ohnmacht und des Ausgeliefertseins.
Wer an die Sonnenfinsternis glaubt, kann den Klimawandel nicht leugnen
Christoph Quarchs Überlegungen zur Sonnenfinsternis am 12. August
Was haben Grönland und Spanien, Portugal und Island gemeinsam? Richtig, von dort aus kann man am kommenden Mittwoch eine totale Sonnenfinsternis beobachten - und zwar eine ganz besondere, weil sich der Schatten des Mondes erst kurz vor Sonnenuntergang so vollständig auf die Erde legen wird, dass auch ungeübte Augen - natürlich durch die entsprechenden Schutzgläser - die flammende Corona der Sonne erkennen können. Dieses Spektakel wollen sich viele Menschen nicht entgehen lassen.
Christoph Quarchs Überlegungen zur Sonnenfinsternis am 12. August
Was haben Grönland und Spanien, Portugal und Island gemeinsam? Richtig, von dort aus kann man am kommenden Mittwoch eine totale Sonnenfinsternis beobachten - und zwar eine ganz besondere, weil sich der Schatten des Mondes erst kurz vor Sonnenuntergang so vollständig auf die Erde legen wird, dass auch ungeübte Augen - natürlich durch die entsprechenden Schutzgläser - die flammende Corona der Sonne erkennen können. Dieses Spektakel wollen sich viele Menschen nicht entgehen lassen.
Die Natur lebt vom Kreislauf – und wir?
forum 04/2026
- Kreislaufwirtschaft
- Biodiversität
- Bildung
- Wasserweisheiten
- Altöl im Kreislauf
Kaufen...
Abonnieren...
12
SEP
2026
SEP
2026
22
SEP
2026
SEP
2026
23
NOV
2026
NOV
2026
Energie- & Umweltgipfel 2026: Produzierende Industrie
Where Industrial Transformation Creates Competitive Advantage
10623 Berlin
Where Industrial Transformation Creates Competitive Advantage
10623 Berlin
Anzeige
Der Mittelstand im ESG-Dschungel. Sie müssen nicht alles machen. Sie müssen nur wissen, was.
Sie erhalten einen klaren Fahrplan: was jetzt zu tun ist, was Sie auf dem Schirm behalten sollten und was Sie getrost ignorieren können.






















