Christoph Quarch
Wirtschaft | Branchen & Verbände, 11.08.2022
Hat der grüne Landwirtschaftsminister einen ökologischen Sündenfall begangen?
Christoph Quarch schlägt einen grundlegenden Paradigmenwechsel in der Landwirtschaft vor
Wegen der drohenden globalen Ernährungskrise will Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir mehr Flächen als vorgesehen für den Getreideanbau freigeben. Dafür sollen die ab nächstem Jahr gültigen EU-Neuregelungen zu Flächenstilllegung und Fruchtwechsel einmalig ausgesetzt werden. Um Böden und Arten zu schützen, hatte die Europäische Kommission vorgeschrieben, mehr Flächen stillzulegen und verboten, zwei Jahre in Folge die gleichen Pflanzen anzubauen. Mit seinem Vorstoß hat Özdemir den Zorn der Naturschutzverbände und Umweltschützer auf sich gezogen. Der Vorwurf: Die ohnehin zu geringen Flächen zum Schutz der Artenvielfalt würden wirtschaftlichen Interessen geopfert. Ist der Vorwurf berechtigt? Darüber reden wir mit dem Philosophen Christoph Quarch.
Herr Quarch, hat der grüne Landwirtschaftsminister einen ökologischen Sündenfall begangen?Klar ist, dass Özdemir in einem Dilemma steckt: Der Ukraine-Krieg führt zu bedenklichen Engpässen der globalen Lebensmittelversorgung. Darauf muss die Politik reagieren. Andererseits brauchen wir mehr Arten- und Naturschutz – Stichwort Insekten –, um die Lebensmittelversorgung in unseren Breiten nachhaltig sicherzustellen. Die Frage lautet schlicht: Was ist hier und jetzt wichtiger: Nahrungsmittelproduktion oder Naturschutz? Ich denke, Özdemir tut das Richtige, wenn er dafür votiert, die EU-Verordnungen auszusetzen. Angesichts des drohenden Welthungers wäre es einigermaßen pervers, in Zentraleuropa landwirtschaftliche nutzbare Flächen stillzulegen.
Dem Bauernverband reicht das nicht. Ginge es nach den Landwirten, sollte die Ausweitung der Bebauung nicht auf ein Jahr reduziert, sondern dauerhaft möglich gemacht werden. Außerdem komme Özdemirs Vorstoß zu spät, weil die Bauern ihre Anbauplanung für das nächste Jahr schon abgeschlossen hätten.
Das klingt in meinen Ohren nach dem üblichen Lobbyisten-Geheule und der in Deutschland leider weit verbreiteten Unfähigkeit, einen unter schwierigen Bedingungen gefundenen Kompromiss einfach einmal zu loben. Klar, Özdemirs Initiative kommt spät, aber sie kommt nicht zu spät. Ein bisschen Umdisponieren ist auch Landwirten zuzumuten. Auch klar: Die Agrarlobbisten wollen mehr, weil sie vor lauter Forderungen das Denken eingestellt haben. Man könnte das Ganze doch auch so sehen: Es gibt einen konkreten Wertekonflikt: Artenschutz versus Versorgungssicherheit. Die Politik muss sich entscheiden. Ob sie will oder nicht. Es geht dabei nicht um ideologische oder religiöse Bekenntnisse zu dem einen oder den anderen Wert. Es geht nicht um Wahrheit, sondern um eine pragmatisch vernünftige Lösung.
Das müssen Sie aber auch den Umweltschützern ins Stammbuch schreiben. Greenpeace wirft Özdemir vor, mit dem Verweis auf die globale Getreideknappheit den Artenschutz ökonomischen Interessen zu opfern.
Auch solche Unterstellungen verraten eine Lobby-Denke, die nicht weiterhilft. Ich bin ein großer Fan von Artenschutz. Aber wenn die Welt hungert, müssen die Prioritäten neu justiert werden. Davon abgesehen finde ich es grundsätzlich schwierig, nutzbare Flächen stillzulegen und Landwirte mit Prämien zu belohnen, wenn sie das tun. Viel sinnvoller fände ich es, dieses Geld dafür zu investieren, den ökologisch-biologischen Anbau auszuweiten, so dass auf mehr Flächen nachhaltiger produziert werden kann; auch wenn die Erträge nicht so hoch ausfallen wie beim konventionellen Landbau. Von Umweltschützern würde ich erwarten, dass sie die Situation für solche konstruktive Vorschläge nutzen.
Was wäre Ihr konstruktiver Vorschlag?
Ich glaube, wir brauchen einen grundlegenden Paradigmenwechseln in der Landwirtschaft. Meiner Ansicht nach führt kein Weg vorbei an einer klaren Prioritätenverschiebung zu mehr ökologisch-biologischer Produktion. Ökologisch nachhaltiger Landbau ist nicht nur für Mensch und Natur gesünder, sondern in Zeiten des Klimawandels auch resilienter. Wir müssen wegkommen von der Idee, Landwirtschaft müsse nach dem Paradigma der Industrie organisiert werden. Nicht der maximale Ertrag kann das Maß aller Dinge sein, sondern die höchste Qualität bei gleichzeitigem Maximum an naturgemäßen Produktionswegen. Dahin ist es noch ein weiter Weg, von dem wir uns durch die jetzige Krise nicht abbringen lassen dürfen. Vielmehr sollten wir sie nutzen, um endlich das Richtige zu tun.

Der Bestseller-Autor Christoph Quarch ist Philosoph aus Leidenschaft. Seit ihm als junger Mann ein Büchlein mit »Platons Meisterdialogen« in die Hand fiel, beseelt ihn eine glühende Liebe (philia) zur Weisheit (sophia), die er als Weg zu einem erfüllten und lebendigen Leben versteht. Als Autor, Publizist, Berater und Seminarleiter greift er auf die großen Werke der abendländischen Philosophen zurück, um diese in eine zeitgemäße Lebenskunst und Weltdeutung zu übersetzen."
In seinem neuen Buch "Begeistern! Wie Unternehmen über sich hinauswachsen" geht's um Fragen wie diese:
Wie kommt der Geist in unsere Unternehmen? – Durch Begeisterung! Und wie entsteht Begeisterung? Anders als die meisten glauben.
Als forum-Redakteur zeichnete Christoph Quarch verantwortlich für den Sonderteil „WIR - Menschen im Wandel".
Weitere Artikel von Christoph Quarch:
Artemis und Orion
Christoph Quarch überlegt, was die Namensgebung über die aktuelle Mondmission sagen kann
Wenn alles nach Plan verläuft, kehrt am Samstag die vierköpfige Crew der Mondmission Artemis 2 zur Erde zurück. Zehn Tage werden dann die drei Astronauten und eine Astronautin in ihrer Orion-Kapsel unterwegs gewesen sein, um Erkenntnisse und Informationen zu der für 2028 geplanten Mondlandung der Artemis 3 zu sammeln. Und das alles mit dem Fernziel einer Marsmission.
Christoph Quarch überlegt, was die Namensgebung über die aktuelle Mondmission sagen kann
Wenn alles nach Plan verläuft, kehrt am Samstag die vierköpfige Crew der Mondmission Artemis 2 zur Erde zurück. Zehn Tage werden dann die drei Astronauten und eine Astronautin in ihrer Orion-Kapsel unterwegs gewesen sein, um Erkenntnisse und Informationen zu der für 2028 geplanten Mondlandung der Artemis 3 zu sammeln. Und das alles mit dem Fernziel einer Marsmission.
Neues "Mental Operating System" für Social Media und Ki-Systeme
Christoph Quarch plädiert für die Programmierung einer europäischen, humanistischen KI zur Erreichung digitaler Souveränität
Vor wenigen Tagen hat ein US-Gericht die Tech-Giganten Meta und Google zu hohen Geldstrafen verurteilt, weil sie gezielt die Nutzer ihrer Social-Media-Plattformen abhängig machen und Depressionskrankheiten in Kauf nehmen. Das ist nur ein Beispiel von vielen dafür, in welchem Maße US-amerikanische Tech-Unternehmen Einfluss auf Gesellschaft und Gesundheit der Menschen hierzulande nehmen.
Christoph Quarch plädiert für die Programmierung einer europäischen, humanistischen KI zur Erreichung digitaler Souveränität
Vor wenigen Tagen hat ein US-Gericht die Tech-Giganten Meta und Google zu hohen Geldstrafen verurteilt, weil sie gezielt die Nutzer ihrer Social-Media-Plattformen abhängig machen und Depressionskrankheiten in Kauf nehmen. Das ist nur ein Beispiel von vielen dafür, in welchem Maße US-amerikanische Tech-Unternehmen Einfluss auf Gesellschaft und Gesundheit der Menschen hierzulande nehmen.
Überlegen ist, wer Neues wagt
Christoph Quarch empfiehlt "Anfänge auf Abruf" als Schritt zu mehr gesellschaftlicher Expermentierfreudigkeit
Wenn im Frühling alles sprießt und wächst, liegt Aufbruchstimmung in der Luft. Wer etwas Neues beginnen will, tut gut daran, den Schwung der Frühlingstage mitzunehmen. Aber irgendwie scheint das hierzulande nicht recht zu gelingen. Eine aktuelle Studie der Bertelsmann Stiftung zeigt, dass die deutsche Wirtschaft weiter an Innovationsfähigkeit verliert. Anders als manche Nachbarstaaten tun wir uns schwer mit Aufbrüchen und Neuanfängen.
Christoph Quarch empfiehlt "Anfänge auf Abruf" als Schritt zu mehr gesellschaftlicher Expermentierfreudigkeit
Wenn im Frühling alles sprießt und wächst, liegt Aufbruchstimmung in der Luft. Wer etwas Neues beginnen will, tut gut daran, den Schwung der Frühlingstage mitzunehmen. Aber irgendwie scheint das hierzulande nicht recht zu gelingen. Eine aktuelle Studie der Bertelsmann Stiftung zeigt, dass die deutsche Wirtschaft weiter an Innovationsfähigkeit verliert. Anders als manche Nachbarstaaten tun wir uns schwer mit Aufbrüchen und Neuanfängen.
Re-Renaissance des europäischen Denkens
66 seconds for the future mit Dr. Christoph Quarch
Wir wissen immer mehr, aber verstehen wir noch genug? Christoph Quarch vergleicht die globalen Krisen unserer Zeit mit Fehlermeldungen eines Computers. Das Problem liegt dabei im "mentalen Betriebssystem" der Menschheit.
66 seconds for the future mit Dr. Christoph Quarch
Wir wissen immer mehr, aber verstehen wir noch genug? Christoph Quarch vergleicht die globalen Krisen unserer Zeit mit Fehlermeldungen eines Computers. Das Problem liegt dabei im "mentalen Betriebssystem" der Menschheit.
Innovation und Kreativität brauchen Spielräume
Christoph Quarchs Gedanken zum Frühlingserwachen
... und es wird Frühling. Nicht zum ersten Mal im Leben, sondern alle Jahre wieder. Und das ist auch gut so. Denn zusammen mit dem Frühling kommt bei vielen Menschen ein guter Vibe. Und wenn wir ehrlich sind, können wir davon im Augenblick gar nicht genug bekommen. Zumal mit der guten Stimmung oft auch neuer Schwung und neue Lebenslust kommen.
Christoph Quarchs Gedanken zum Frühlingserwachen
... und es wird Frühling. Nicht zum ersten Mal im Leben, sondern alle Jahre wieder. Und das ist auch gut so. Denn zusammen mit dem Frühling kommt bei vielen Menschen ein guter Vibe. Und wenn wir ehrlich sind, können wir davon im Augenblick gar nicht genug bekommen. Zumal mit der guten Stimmung oft auch neuer Schwung und neue Lebenslust kommen.
Zukunft braucht Frieden
forum 02/2026
- Militär & Märkte
- Grüner Wasserstoff
- Moorschutz als Invest
- ESG loves KI
Kaufen...
Abonnieren...
20
MAI
2026
MAI
2026
21
MAI
2026
MAI
2026
Munich Impact Night
Dieser Abend ist für alle, die die Zukunft noch nicht aufgegeben haben
81379 München
Dieser Abend ist für alle, die die Zukunft noch nicht aufgegeben haben
81379 München
20
JUN
2026
JUN
2026
Anzeige
Der Mittelstand im ESG-Dschungel. Sie müssen nicht alles machen. Sie müssen nur wissen, was.
Sie erhalten einen klaren Fahrplan: was jetzt zu tun ist, was Sie auf dem Schirm behalten sollten und was Sie getrost ignorieren können.
Megatrends
Überlegen ist, wer Neues wagtChristoph Quarch empfiehlt "Anfänge auf Abruf" als Schritt zu mehr gesellschaftlicher Expermentierfreudigkeit
Jetzt auf forum:
Kreislaufwirtschaft am Bau & Energie für die Zukunft
Gastfreundschaftslektionen aus Südtirol
Koalition von Ländern treibt beschleunigte Abkehr von fossilen Energien während Energiekrise voran
Deutsche Umwelthilfe widerlegt Mythos angeblich hoher Systemkosten Erneuerbarer Energien
Die Energiewende ist kein Kostenblock – sie ist ein Gewinnmodell für die Regionen




















