Christoph Quarch
Gesellschaft | Politik, 04.07.2022
Was unterscheidet Kunst von anderen kulturellen Formen wie Politik und Ökonomie?
Im Rahmen der documenta fordert Christoph Quarch den internationalen Kunstbetrieb auf, sich neu zu definieren
Seit einem Monat hat die documenta fifteen ihre Tore geöffnet – und der Ärger nimmt kein Ende. Wenige Tage nach Ausstellungsbeginn wurde nach Protesten ein als antisemitisch eingestuftes Banner des indonesischen Kollektivs Taring Padi abgehängt. Darauf entbrannte eine öffentliche Debatte mit Rücktrittsforderungen an die documenta-Verantwortlichen. Kulturstaatsministerin Claudia Roth fordert einen stärkeren Einfluss des Bundes auf die Kunstschau und das indonesische Kuratorenkollektiv Ruangrupa beteuert, dialogbereit und lernfähig zu sein. Wer für diesen gründlich verpatzten Auftakt die Verantwortung übernimmt, ist derweil weiter unklar. Und der interessierte Laie kratzt sich ratlos am Kopf. Was ist mit der documenta los? Darüber reden wir mit dem Philosophen Christoph Quarch.
Herr Quarch, aus der Sicht des Philosophen: Wo liegt eigentlich das Problem bei der documenta?
Was bei der documenta gerade geschieht, ist in meinen Augen das Symptom einer fundamentalen Krise des internationalen Kunstbetriebs. Das offensichtlich zu machen, ist in gewisser Weise ein Verdienst der documenta: Unfreiwillig gibt sie zu erkennen, dass sich die Gegenwartskunst selbst nicht mehr versteht; dass sie Kreativität durch Moral ersetzt; dass sie Menschen nicht berühren, geschweige denn begeistern, sondern nur noch belehren will; dass sie als geistige Kraft abgedankt hat und sich darauf beschränkt, politische Positionen oder gar Ideologien zu transportieren.Aber Sie werden doch nicht behaupten wollen, Kunst dürfe nicht politisch sein?
Ganz sicher nicht. Kunst ist immer politisch – zumal dann, wenn sie im öffentlichen Raum ausgestellt wird. Aber – wenn sie sich treu bleibt – dann ist sie ALS Kunst politisch. Genau das aber findet bei der documenta kaum mehr statt. Hier geht es nicht mehr um Kunst, sondern um Politik bzw. um Ideologie. Das ganze Ausstellungkonzept ist davon durchdrungen. Man beauftragt ein Kuratorenkollektiv, das eine klare Ideologie vertritt: Kunst von Kollektiven ist besser als Kunst von Individuen. Denn die Fokussierung auf individuelle Künstler:innen folgt der Logik eines ökonomisierten Kunstmarktes, den man ablehnt.
Aber es ist doch das gute Recht von Kunstschaffenden, auf Missstände hinzuweisen. Zumal, wenn sie den Kunstbetrieb selbst betreffen.
Natürlich dürfen Künstler auf Missstände hinweisen. Aber die Frage ist, wie sie das tun. In Kassel werden die Besucher mit einem Unmaß an Informationen zugeschmissen, die den Kontext der jeweiligen Arbeiten erklären sollen. Zum Beispiel müssen Sie erst eine lange Abhandlung über den niederländischen Kolonialismus lesen, bevor Sie ein Werk anschauen. Auch das ist ein Krisensymptom. Die Exponate – wie so viele Arbeiten gegenwärtiger Künstler – sprechen nicht aus sich heraus. Sie sagen nichts, was die Menschen unmittelbar verstehen könnten. Sie sagen nichts über das Menschsein. Stattdessen informieren oder provozieren sie. Sie vertreten kontextualisierungsbedürftige Standpunkte und verlangen, dass man sich dafür interessiert.
In Kassel fordern die ausgestellten Arbeiten vornehmlich Aufmerksamkeit für den sogenannten globalen Süden: die Regionen der Welt, die nach wie vor von den wohlhabenden Ländern des Nordens ausgebeutet werden. Darf man nicht erwarten, dass sich ein deutsches Kunstpublikum dafür interessiert?
Unter moralischen Gesichtspunkten „Ja", unter künstlerischen Gesichtspunkten „Nein". Es ist wichtig, diese Unterscheidung zu machen – und zwar um der Kunst willen. Die documenta ist ihrem Anspruch nach kein Kirchentag sondern eine Kunstausstellung. Wenn sie nur noch moralisch sein will – wenn sie nur noch politisch korrekt zu sein beansprucht, hört sie auf, eine Kunstausstellung zu sein. Sich trotzdem als solche zu gebärden ist Etikettenschwindel. Man fragt sich dann, wofür man Kunst überhaupt noch braucht. Das Problem ist radikal. Kunstschaffende und Kunstbetrieb laufen Gefahr, sich abzuschaffen, wenn sie nicht bald den Mut aufbringen, zu benennen, was Kunst ist und was Kunst von anderen kulturellen Formen wie Politik und Ökonomie unterscheidet. Nur wenn wir uns trauen, gute von schlechter Kunst zu unterscheiden, werden wir uns künftig die unfruchtbaren Debatten sparen können, die diese documenta ausgelöst hat.

Der Bestseller-Autor Christoph Quarch ist Philosoph aus Leidenschaft. Seit ihm als junger Mann ein Büchlein mit »Platons Meisterdialogen« in die Hand fiel, beseelt ihn eine glühende Liebe (philia) zur Weisheit (sophia), die er als Weg zu einem erfüllten und lebendigen Leben versteht. Als Autor, Publizist, Berater und Seminarleiter greift er auf die großen Werke der abendländischen Philosophen zurück, um diese in eine zeitgemäße Lebenskunst und Weltdeutung zu übersetzen."
In seinem neuen Buch "Begeistern! Wie Unternehmen über sich hinauswachsen" geht's um Fragen wie diese:
Wie kommt der Geist in unsere Unternehmen? – Durch Begeisterung! Und wie entsteht Begeisterung? Anders als die meisten glauben.
Als forum-Redakteur zeichnete Christoph Quarch verantwortlich für den Sonderteil „WIR - Menschen im Wandel".
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