Garten-PV - Grüner Strom aus eigenem Anbau.
Christoph Quarch

Ein neuer Wertdienst für Männer und Frauen

Christoph Quarch schlägt die Einführung eines Pflichtjahres vor, in dem alle Bürgerinnen und Bürger ein Jahr lang den Werten unserer Kultur dienen.

Während der Krieg in der Ukraine in die zweite Woche geht, wird in Deutschland und Europa mobil gemacht. Die Europäische Union bricht mit ihrem Tabu und stellt der Ukraine Militärhilfen in Höhe von 450 Millionen Euro in Aussicht. Und Bundeskanzler Olaf Scholz will 100 Milliarden Euro bzw.0,2 Prozent des Bruttoinlandproduktes in die Modernisierung der Bundeswehr investieren. Auch der Ruf nach einer Wiedereinführung der 2011 ausgesetzten Allgemeinen Wehrpflicht wird lauter. Deutschland müsse „wehrfähig" werden, fordern konservative Politiker, während linke Stimmen vor einem neuen Wettrüsten warnen. Kehrt Deutschland zum Militarismus zurück? Darüber sprechen wir mit dem Philosophen und Bestseller-Autoren Christoph Quarch.
 
Herr Quarch, brauchen wir in Deutschland mehr Panzer und mehr Soldaten?
Christoph Quarch wünscht sich eine Agentur, die junge Europäer quer über den Kontinent in soziale und ökologische Dienste vermittelt. © Tumisu, pixabay.comWas wir brauchen, ist eine wehrhafte Demokratie. Und das bedeutet: Wir brauchen Bürgerinnen und Bürger, die bereit sind, wenn es hart auf hart kommt, für unsere Werte zu kämpfen. Dafür wird es nicht reichen, den alten Wehrdienst wiedereinzuführen und mit ihm eine Denke aus den 60er Jahren zu reaktivieren. Was wir tatsächlich brauchen, ist nicht der alte Wehrdienst, sondern ein neuer Wertdienst für Männer und Frauen: ein Pflichtjahr, in dem alle Bürgerinnen und Bürger ein Jahr lang den Werten unserer Kultur dienen: in sozialen Einrichtungen, ökologischen Projekten und gerne auch beim Militär. Die Verteidigungsfähigkeit eines Landes – das sehen wir in der Ukraine – hängt nämlich nicht primär an Waffen und Material, sondern an dem Wissen der Menschen um das, was es zu verteidigen gilt.
 
Das klingt nach Wertepatriotismus oder auch Identitätspolitik. Ist das noch zeitgemäß?
Ja, das ist es. Zumindest wenn wir Demokraten sind und an das glauben, was unser Land im Namen trägt: die Republik. Republik bedeutet: gemeinsame Sache, Gemeinwohl. Republik bedeutet: die Bürger sind der Staat, Mitbestimmung, Gerechtigkeit, Freiheit – und zwar eine Freiheit, die mehr ist als die Freiheit des Marktes und des Konsumierens, deren Fragilität im Krieg so sichtbar wird. Die wirklichen Grundwerte und Grundprinzipien der Demokratie haben wir im Hurra unserer großen Konsumparty sträflich vernachlässigt. Damit haben wir unser Gemeinwesen empfindlich geschwächt. Jetzt müssen wir sie ins öffentliche Bewusstsein zurückbringen und den Gemeinsinn stärken. Und das geht am besten nicht durch Sonntagsreden, sondern durch konkretes Handeln im Rahmen eines Pflichtjahres.
 
Aber warum Pflichtjahr? Würde es nicht reichen, die Freiwilligendienste auszubauen?
Nein, weil dann die Frage aufkommt, ob es Wettbewerbsnachteile hätte, den Dienst zu leisten. Bürgerliche Freiheit braucht Chancengleichheit. Nur wenn die Pflicht für alle gilt – Männer und Frauen, hier Geborene und Zugewanderte, Religiöse und Nicht-Religiöse –, nur dann werden Chancengleichheit und Freiheit aller gewahrt. Zudem werden dann gesellschaftliche Silos aufgebrochen, soziale Schichten durchmischt und ein echter Gemeinsinn kultiviert. Und weil wir das alles nicht nur in Deutschland, sondern auch für Europa brauchen, votiere ich seit Jahren für einen Europäischen Bürgerdienst. Ihn einzuführen wäre nicht nur das Fundament einer europäischen Bürgergesellschaft, sondern auch einer zeitgemäßen Verteidigungspolitik, die mehr auf Menschen baut als auf Waffen.
 
Halten Sie es für realistisch, einen solchen europaweiten Pflichtdienst einzuführen?
Die Hürden sind hoch, aber wir sollten darauf zuarbeiten: eine gemeinsame europäische Bürger*innen-Armee mit Wert-Pflichtigen aus den unterschiedlichen Mitgliedsländern der EU; eine Agentur, die junge Europäer quer über den Kontinent in soziale und ökologische Dienste vermittelt. Das wäre alles kein Hexenwerk. Und es wäre die richtige Antwort auf die Herausforderungen der Zukunft. Wir brauchen in Europa einen Mentalitätswandel: weg vom liberalistischen Individualismus, hin zum republikanischen Gemeinsinn. Wir brauchen Begeisterung für unsere europäischen Werte und den Mut, Lebenszeit in sie zu investieren. Was wir nicht brauchen, ist ein hochgerüstetes Bundeswehr-Unternehmen, an das wir die Verteidigung delegieren, um im Übrigen so weiterzumachen wie bisher. Deshalb werden die 100 Milliarden nur dann gut investiert sein, wenn sie einen Mentalitätswandel und eine Öffnung nach Europa mit sich bringen.
 
Der Philosoph Christoph Quarch schreibt regelmäßig für forum Nachhaltig Wirtschaften. © Christoph Quarch





Der Bestseller-Autor Christoph Quarch ist Philosoph aus Leidenschaft. Seit ihm als junger Mann ein Büchlein mit »Platons Meisterdialogen« in die Hand fiel, beseelt ihn eine glühende Liebe (philia) zur Weisheit (sophia), die er als Weg zu einem erfüllten und lebendigen Leben versteht. Als Autor, Publizist, Berater und Seminarleiter greift er auf die großen Werke der abendländischen Philosophen zurück, um diese in eine zeitgemäße Lebenskunst und Weltdeutung zu übersetzen."
 
In seinem neuen Buch "Begeistern! Wie Unternehmen über sich hinauswachsen" geht's um Fragen wie diese:
Wie kommt der Geist in unsere Unternehmen? – Durch Begeisterung! Und wie entsteht Begeisterung? Anders als die meisten glauben.

Lesen Sie mehr von ihm unter www.christophquarch.de.
Als forum-Redakteur zeichnete Christoph Quarch verantwortlich für den Sonderteil „WIR - Menschen im Wandel". 

Weitere Artikel von Christoph Quarch:

Erfolgreicher Kinostart von "The Odyssee" in USA
Der Philosoph und Mythologie-Experte Christoph Quarch analysiert, was uns der Anti-Held heute sagen kann
"Die Odyssee" von Christopher Nolan ist angelaufen - ein Film, der schon vor der Premiere kontrovers diskutiert wurde. Lobeshymnen kommen aus der Gaming-Branche, die sich an der epischen Bildsprache ergötzt, griechische Medien beklagen, dass keine griechischen Akteure gecastet wurden. Und Elon Musk ereifert sich mit rechten US-Influencern darüber, dass die Rolle der schönen Helena von einer Farbigen gespielt wird.


Der Rummelplatz als Kulturgut
Christoph Quarchs Gedanken zur Volksfestzeit
Sommerzeit ist Volksfestzeit: Ob Kirmes, Schützenfest oder Jahrmarkt - an vielen Orten werden im Juli und August die Festzelte aufgebaut. Nicht nur zur Freude der Besucher, sondern auch einer ganzen Branche: Tatsächlich haben sich Volksfeste hierzulande zu einem erfolgreichen Wirtschaftszweig entwickelt. Mit Stolz vermeldet der Deutsche Schaustellerbund DSB, dass in Deutschland jährlich rund 10.000 große und kleine Volksfeste von mehr als 200 Millionen Menschen besucht werden.


By the dawn's early light
Christoph Quarchs Überlegungen zum 250. Jahrestag der Unterzeichnung der Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten von Amerika
Am 4. Juli jährt sich zum 250. Mal die Unterzeichnung der Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten von Amerika, mit der sich 13 nordamerikanische Kolonien von der britischen Krone lossagten und damit den Grundstein für die heutige USA legten. Und nicht nur das: Die Autoren - allen voran Thomas Jefferson - begründeten ihren Schritt durch die Berufung auf allgemeine und unveräußerliche Menschenrechte.


Hinaus in die Wildnis!
Christoph Quarchs Blick auf die junge Kulturgeschichte von Naturschutz und Naturtourismus
Wenn der Sommer heiß läuft, zieht es die Menschen hinaus in die Natur. Wälder und Seen, Berge und Flüsse verheißen nicht nur eine willkommene Abkühlung, sondern auch einen wohltuenden Tapetenwechsel; der jedoch nicht immer gelingt. Denn Hitze und Trockenheit machen auch der Natur zu schaffen. Kahlschlag im Wald, Quallen im Meer und Blaualgen im Badesee können einem die Urlaubsfreude vergällen.


Spielerischer Wettbewerb oder klassischer Wettkampf?
Christoph Quarchs philosophischer Blick auf die Bundesjugendspiele
Wenn es auf die Sommerferien zugeht, stehen in den Schulen die Bundesjugendspiele auf dem Programm. Doch die sind inzwischen zum politischen Zankapfel geworden. Spätestens, seit die Kultusministerkonferenz den Beschluss fasste, die Bundesjugendspielen so umzugestalten, dass es bei ihnen vor allem um die Freude an der Bewegung gehen soll, reißt die Kritik konservativer Bildungspolitiker nicht ab.




     
        
Cover des aktuellen Hefts

Frau Reiche – es reicht!

forum 03/2026

  • Resilienz
  • Klimafinanzierung
  • Wald
  • Startups
Weiterlesen...
Kaufen...
Abonnieren...
11
SEP
2026
Den Demokratie-Muskel stärken – Zusammen für das Gemeinwohl!
Training mit Christian Felber & Roman Huber
38489 Beetzendorf
11
SEP
2026
Den Demokratie-Muskel stärken
Live-Online-Training in Echtzeit mit Grit Bümann, Roman Huber, Christian Felber
online
15
SEP
2026
Zukunft Personal Europe
Europas Leitmesse für die Welt der Arbeit
50679 Köln
Alle Veranstaltungen...
forum goes international! Download the international edition for forum free of charge.
Anzeige

Der Mittelstand im ESG-Dschungel. Sie müssen nicht alles machen. Sie müssen nur wissen, was.

Sie erhalten einen klaren Fahrplan: was jetzt zu tun ist, was Sie auf dem Schirm behalten sollten und was Sie getrost ignorieren können.

Sport & Freizeit, Reisen

Teamgeist und Zusammenhalt
Christoph Quarchs Überlegungen zum Start der Fußball-Weltmeisterschaft
B.A.U.M. Insights
Hier könnte Ihre Werbung stehen! Gerne unterbreiten wir Ihnen ein Angebot

Jetzt auf forum:

Regen sammeln, wo er gebraucht wird

Klimarisiken für Energieanlagen

Ten Years of Impact

Start der Bewerbungsphase für den ESG Transparency Award 2026

Böden, Wasser, Waldbrand- und Lebensgefahr – forum zeigt Lösungen

Mehr Kreislaufwirtschaft im Textilsektor

In Kraft getretenes Vernichtungsverbot für Textilien und Schuhe

Neue Regeln für Textilbranche

  • DGNB - Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen
  • Bundesverband Nachhaltige Wirtschaft e.V. (BNW)
  • WWF Deutschland
  • Energie- und Klimaschutzagentur Rheinland-Pfalz GmbH
  • Dr. Ing. h.c. F. Porsche AG
  • TÜV SÜD Akademie
  • 66 seconds for the future
  • Futouris - Tourismus. Gemeinsam. Zukunftsfähig
  • Protect the Planet. Gesellschaft für ökologischen Aufbruch gGmbH
  • Klimabündnis Ebersberg-München
  • Engagement Global gGmbH
  • NOW Partners Foundation
  • Global Nature Fund (GNF)
  • World Future Council. Stimme zukünftiger Generationen
  • SUSTAYNR GmbH
  • BAUM e.V. - Netzwerk für nachhaltiges Wirtschaften
  • ZamWirken e.V.