Christoph Quarch
Umwelt | Klima, 10.08.2021

Das Menschheitsprogramm der Beherrschung der Natur ist grandios gescheitert.

Christoph Quarch fordert im Blick auf die Waldbrände rund ums Mittelmeer ein Umdenken.

Rund ums Mittelmeer wüten die Brände. Seit Tagen erreichen uns erschütternde Bilder aus Griechenland und der Türkei. Aber auch im Süden Italiens, in Bulgarien und Rumänien haben extreme Hitze und Dürre zu Waldbränden geführt – ganz zu schweigen von Russland, wo riesige Flächen in Sibirien in Flammen stehen. Vielerorts stehen die Menschen dem Inferno macht- und hilflos gegenüber. Und je hilfloser sie sind, desto mehr suchen sie nach Schuldigen. Aber wen kann man für solche Desaster zur Verantwortung ziehen?

© jjujuro, pixabay.com Herr Quarch, Sie haben gute Kontakte nach Griechenland: Wie gehen die Menschen dort mit der Situation um?
Sehr unterschiedlich. Die einen beschuldigen die Regierung, die anderen vermuten vorsätzliche Brandstiftung, wieder andere sind nur noch verzweifelt. Daran sieht man, dass die Feuer weit mehr zerstören als die Wälder. Auch der Zusammenhalt der ohnehin schon arg gebeutelte griechischen Gesellschaft ist Gefahr. Dabei müsste eigentlich allen klar sein, dass man mit politischen Schuldzuweisungen dem Problem nicht beikommt. Der Klimawandel ist in vollem Gange – und er ist das Produkt eines seit Jahrhunderten in die Irre gegangenen Denkens. Das Menschheitsprogramm der Beherrschung der Natur ist grandios gescheitert. 
 
Aber ist dieser Maßstab nicht zu groß? Wenn die Menschheit im Ganzen versagt hat, sind wir alle verantwortlich für das Desaster – und das heißt am Ende: Man kann niemanden zur Rechenschaft ziehen.
Natürlich stehen Politiker in der Verantwortung, wenn sie es versäumt haben, in den Katastrophenschutz zu investieren und so weiter. Aber wie gesagt: Sie zu blamen, bringt uns nicht weiter. Wenn wir wirklich einen Schuldigen ausfindig machen wollen, dann wäre es wohl am naheliegendsten – zumal wir es mit Griechenland zu tun haben – den Titanen Prometheus an den Pranger zu stellen. Er war es, der den Göttern das Feuer raubte, um es den Menschen zu geben. Göttervater Zeus war darüber gar nicht amused und bestrafte Prometheus. Denn er ahnte, dass es nicht gut gehen würde, wenn der Mensch in den Besitz des Feuers kommt.
 
Prometheus aber stahl das Feuer, weil er den Menschen helfen wollte.
Das stimmt, und deshalb haben moderne Intellektuelle den guten Zeus für seine Strafmaßnahmen heftig kritisiert. Aber heute sehen wir, wie Recht er hatte. Denn der Mythos lässt uns wissen, dass Zeus ahnte, dass der Mensch das Feuer missbrauchen würde, um Macht über die Erde zu gewinnen. Er ahnte, dass der Mensch das Maß verlieren und sich früher oder später anmaßen würde, die Gesetze und Regeln der lebendigen Natur zu missachten. Genauso ist es gekommen: Der Mensch der Moderne sieht sich als „Herr und Meister über die Natur", wie der Philosoph Descartes sagte. Die lodernden Wälder auf dem Globus zeigen, was für ein verhängnisvoller Irrglaube das ist.
 
Das klingt nach Sackgasse. Gibt es keinen Ausweg?
Auch hier gibt der Mythos einen Wink. Prometheus ist ein Titan. Auch das Feuer ist eine titanische Macht. Diese Mächte, so erzählten sich die alten Griechen, lassen sich nie besiegen. Man kann sie nur hegen und eindämmen. Das getan zu haben, war das große Werk der olympischen Götter um Zeus. Mit der Kraft des Geistes, der Klugheit – vor allem aber des Maßnehmens an den großen Gesetzen des Lebens, konnten die Titanen unter Kontrolle gebracht werden. Und genau das gilt es heute zu tun, von jedem einzelnen. Wir müssen lernen, die lebendige Natur zum Maß aller Dinge zu machen – nicht den Reichtum, nicht das Wachstum, nicht die Macht – sondern das Leben. Wir müssen komplett umdenken. Anders werden wir den entfesselten titanischen Mächten nicht beikommen. Es geht ums Ganze.
 
Der Philosoph Christoph Quarch schreibt regelmäßig für forum Nachhaltig Wirtschaften. © Christoph Quarch





Der Bestseller-Autor Christoph Quarch ist Philosoph aus Leidenschaft. Seit ihm als junger Mann ein Büchlein mit »Platons Meisterdialogen« in die Hand fiel, beseelt ihn eine glühende Liebe (philia) zur Weisheit (sophia), die er als Weg zu einem erfüllten und lebendigen Leben versteht. Als Autor, Publizist, Berater und Seminarleiter greift er auf die großen Werke der abendländischen Philosophen zurück, um diese in eine zeitgemäße Lebenskunst und Weltdeutung zu übersetzen."
 
In seinem neuen Buch "Begeistern! Wie Unternehmen über sich hinauswachsen" geht's um Fragen wie diese:
Wie kommt der Geist in unsere Unternehmen? – Durch Begeisterung! Und wie entsteht Begeisterung? Anders als die meisten glauben.

Lesen Sie mehr von ihm unter www.christophquarch.de

Als forum-Redakteur zeichnete Christoph Quarch verantwortlich für den Sonderteil „WIR - Menschen im Wandel". 

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