Christoph Quarch
Gesellschaft | Politik, 29.07.2021
"Wehret den Anfängen"
Christoph Quarch sieht in der Cancel Culture eine große Gefahr für die politische Kultur in unserem Land.
Viel Wirbel um Nena: Erst wurde ihr Konzert im Brandenburgischen Schönefeld abgebrochen, dann folgte die Absage eines geplanten Auftritts beim Standkorb-Open-Air in Wetzlar. Die Begründung des Veranstalters: Nenas Einstellung zum Veranstaltungsformat stimme nicht mit dem Hygiene- und Sicherheitskonzept überein, das „coronakonform" konzipiert worden sei. Außerdem sei mit Nenas Management vereinbart worden, Konzerte „nicht als politische Bühne" zu gebrauchen.
Nena hatte einem Bericht des Tagesspiegel zufolge bei dem abgebrochenen Konzert Zuschauer eingeladen, vor der Bühne zu tanzen und gesagt: „Ich überlasse es in eurer Verantwortung, ob ihr das tut oder nicht. Es darf jeder frei entscheiden, genauso wie jeder frei entscheiden darf, ob er sich impfen lässt oder nicht". Nun wird in den Kommentarspalten gestritten, ob das als Grund für eine Konzertabsage ausreicht. Was meint der Philosoph?Eines vorweg: Ich war noch nie auf einem Nena-Konzert und finde sie musikalisch auch nicht toll, mal abgesehen von „99 Luftballons". Ich teile auch nicht ihre Positionen zu Covid und Querdenkern. Aber ihr aufgrund der Vorfälle bei dem Open-Air auf Ex-Flughafen Schönefeld das Konzert abzusagen, halte ich für falsch. In meinen Augen ist das ein Fall dessen, was man heute als Cancel Culture bezeichnet – ein Phänomen das bedauerlicherweise aus den USA zu uns rübergeschwappt ist. Cancel Culture bedeutet: Menschen, deren Meinungen einem nicht passen, werden dadurch mundtot gemacht, dass man ihnen keine Bühne mehr gewährt. Darin sehe ich eine große Gefahr für die politische Kultur in unserem Land.
Aber hier geht es doch um etwas anderes: Nena hat ihre Zuschauer dazu aufgerufen, gegen vereinbarte Hygiene-Konzepte zu verstoßen. Das können Veranstalter nicht zulassen, da ihnen sonst ihre Veranstaltungen untersagt werden. Leidtragende wären andere, vielleicht weniger gut situierte Künstler – und die Zuschauer.
Einverstanden. Aber wir müssen die Dinge auseinanderhalten. Dass das Konzert in Schönefeld vom Veranstalter abgebrochen wurde, kann ich nachvollziehen, auch wenn der Vollständigkeit halber gesagt werden muss, dass sich laut Tagesspiegel nur ein kleines Häufchen von Tanzenden vor der Bühne eingefunden und nach einer Ansage von Nenas Freund auf ihre Plätze zurückbegeben hatte. Aber gleichviel: Dass nach diesen Vorkommnissen das Konzert vom Veranstalter vor der Zugabe abgebrochen wurde, ist verständlich. Aber das ist kein Grund, vorauseilend ein künftiges Konzert abzusagen. Da sind andere Gründe im Spiel. Tatsächlich begründet der Veranstalter in Wetzlar die Absage ja damit, man wolle nicht, dass das Konzert als politische Bühne gebraucht werde. Und das geht meines Erachtens nicht.
Wenn ein Veranstalter sich mit dem Management darauf verständigt, keine Politik auf der Bühne haben zu wollen, ist dagegen doch nichts einzuwenden. Dafür schließt man Verträge.
Ja, aber diese Übereinkunft ist absurd. Wenn eine Künstlerin wie Nena in der Öffentlichkeit auftritt, ist das immer politisch, egal was sie sagt oder nicht sagt. Wenn man das nicht will, sollte man sie gar nicht erst einladen. Und was für sie gilt, gilt für zahlreiche andere Bühnenkünstler auch. Eine Bühne politikfrei halten zu wollen, bedeutet, auf einen großen Teil von Theater, Comedy, Rockmusik und sogar Oper verzichten zu müssen. Mehr noch: Es bedeutet, Kunst entpolitisieren zu wollen. Und das ist eine gefährliche Tendenz, da sie darauf zuläuft, ein wichtiges Medium der Meinungsbildung auszuschalten und Künstler aufgrund unliebsamer Meinungen nicht mehr zu Wort kommen zu lassen. Genau das ist Cancel Culture.
Es geht hier aber nicht um irgendwelche politischen Positionen. Nena hat sich wiederholt an die Seite von Covid-Leugnern und Querdenkern gestellt. Da kann der Veranstalter doch sagen, dass er das nicht haben will.
In Schönefeld hat Nena gesagt: „Jeder kann frei entscheiden, ob er sich impfen lässt." Das entspricht der Position der Bundeskanzlerin. Dann hat sie den Vergleich zum Christopher-Street-Day gewagt und öffentlich gefragt, warum dort die Menschen eng an eng feiern dürfen, bei ihrem Konzert aber nicht. Auch das ist aus der Perspektive einer Künstlerin eine berechtigte Frage. Was ich für problematisch halte, ist, dass solche Sätze sofort mit früheren Aussagen in Verbindung gebracht werden, zum Beispiel mit einem Statement, bei dem sie sich positiv zur Querdenker-Demo in Kassel geäußert hat. Auf diese wird die Person mit ihrer Meinung identifiziert und sodann als Person stigmatisiert. Genau das ist die Logik von Cancel Culture: Es geht nicht darum, kontroverse Meinungen zu diskutieren, sondern Personen mundtot zu machen. Und das sage ich: Wehret den Anfängen.

Der Bestseller-Autor Christoph Quarch ist Philosoph aus Leidenschaft. Seit ihm als junger Mann ein Büchlein mit »Platons Meisterdialogen« in die Hand fiel, beseelt ihn eine glühende Liebe (philia) zur Weisheit (sophia), die er als Weg zu einem erfüllten und lebendigen Leben versteht. Als Autor, Publizist, Berater und Seminarleiter greift er auf die großen Werke der abendländischen Philosophen zurück, um diese in eine zeitgemäße Lebenskunst und Weltdeutung zu übersetzen."
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Als forum-Redakteur zeichnete Christoph Quarch verantwortlich für den Sonderteil „WIR - Menschen im Wandel".
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