Bodenzertifikate und Klimaschutz

Unternehmen und Klimalandwirte auf dem Weg zu regionalem Klimaschutz

Auf dem Weg zur Klimaneutralität greifen Unternehmen gerne auf CO2-Zertifikate zurück. Seit Neuestem ist dabei die CO2-Bindung im Boden durch Humusaufbau in den Fokus gerückt. Entsprechende Zertifikate sind gerade in aller Munde. Fritz Lietsch, Chefredakteur vom forum Nachhaltig Wirtschaften, hat sich mit Stefan Baumeister, Geschäftsführer von myclimate und Tom Weseloh, CEO von positerra intensiv über Bodenzertifikate, Klimaschutz und Humusaufbau unterhalten.
 
Klimaschutz durch freiwilligen CO2-Ausgleich – das bedeutet die Möglichkeit, die nicht zu vermeidenden Emissionen zu kompensieren und so CO2-neutral zu werden. Bislang wer­den die zertifizierten Emissionsreduktionen meist durch Projekte in Schwellen- und Entwicklungsländern generiert. Das hat unter anderem den Vorteil, dass mit geringerem Mitteleinsatz viel erreicht werden kann. Oder anders ausgedrückt: Die Emissionsreduktionen beziehungsweise deren Zertifikate sind für Länder aus der westlichen Hemi­sphäre relativ günstig und damit meist viel günstiger, als wirksame Reduktions- und Vermeidungsmaßnahmen im eigenen Unternehmen oder durch Projekte in Deutschland umzusetzen. Vielen Unternehmern ist das jedoch bewusst und sie suchen nach Möglichkeiten, ihren CO2-Fußabdruck am besten in der Region oder zumindest im Heimatland zu kompensieren. Hier kommen die „Humus-Zertifikate" als neue, regionale Alternative ins Spiel.
 
© positerra 
Der Humus als CO2-Speicher
Und das funktioniert in kurzen Worten so: Heimische Land­wirtschaftsbetriebe bauen gezielt Humus auf und binden so das CO2 aus der Luft als organischen Kohlenstoff im Boden. Diese CO2-Bindung wird dabei laufend gemessen, berechnet und in Form von Zertifikaten angeboten. Der Landwirt erhält eine Vergütung für sein Engagement bei Humusaufbau und Klimaschutz und muss nicht mehr sei­nen Ertrag durch eine maximale Ausbeutung des Bodens erwirtschaften.
 
Herr Weseloh, ein gesunder und ertragreicher Boden müsste doch im Urinteresse jeder Landwirtin und jedes Landwirts liegen. Warum sollen die Betriebe eigentlich finanzielle Unterstützung durch „Humus-Zertifikate" von positerra erhalten?
Ich bin sicher, dass Landwirte grundsätzlich Interesse daran haben, einen gesunden Boden zu bewirtschaften. Aber um – zumindest kurz- und mittelfristig – wirtschaftlich erfolgreich zu sein, ist ein gesunder Boden nicht zwingend notwendig. Durch den Einsatz moderner Agrarchemie können oft hohe Erträge bei geringen Kosten erwirtschaftet werden. Das geht dann auf Kosten der Umwelt, wie zum Beispiel der Arten­vielfalt und der Reinheit des Grundwassers. Der Erhalt eines gesunden Bodens erfordert Know-how, Engagement und die Durchführung zusätzlicher Maßnahmen, die Zeit und Geld brauchen. Hierbei unterstützen wir die teilnehmenden Land­wirte durch unsere Prämie.

Wäre das nicht die Aufgabe der Politik?
Wir begrüßten es, wenn die Politik mehr auf Nachhaltigkeit und eine klimafreundliche Landwirtschaft setzen würde. Fakt ist jedoch, dass insbesondere die EU-Agrarpolitik den Land­wirten nach wie vor nicht genügend wirtschaftliche Anreize bietet, um auf eine regenerative Bewirtschaftung umzustel­len. Wir wollen den Landwirten deshalb einen finanziellen Anreiz geben, durch die Umstellung ihrer Bewirtschaftung Humus aufzubauen, das Bodenleben zu verbessern und die Ertragsfähigkeit langfristig zu sichern. Ziel ist, dem Landwirt wieder eine Perspektive zu geben und dem Höfesterben etwas entgegenzusetzen. Bei uns erhält der Landwirt für den Aufbau von Humus und die Verbesserung des Boden­lebens auch keine „Zertifikate", sondern „Humusprämien". Damit wollen wir zum Ausdruck bringen, dass der Fokus unserer Arbeit auf der Erhöhung des Humusanteils durch die Vitalisierung des Bodens liegt, nicht nur auf der Erhöhung des CO2-Gehalts.

Herr Baumeister, warum engagiert sich myclimate nicht nur international, sondern hat seit neuestem auch regionale Klimaschutzprojekte im Angebot?
Schon seit langem gibt es explizite Nachfragen nach Kompen­sationsprojekten hier in Deutschland. Doch myclimate hat erst vor zwei Jahren begonnen, regionale Klimaschutzprojekte ins Portfolio aufzunehmen, und das hatte gute Gründe: Erstens war und ist die Gestaltung von regionalen Zertifikaten für die CO2-Kompensation aufgrund des politischen Rahmens hierzulande nur sehr eingeschränkt möglich. Zweitens sind regionale Projekte um den Faktor fünf bis zehn teurer als internationale Klimaschutzprojekte. Trotzdem hat die Nachfrage der Unternehmen nach Inlands­projekten stark zugenommen. Die Kunden sind vermehrt auch bereit, einen viel höheren Preis pro CO2-Tonne zu bezahlen.

Die Problemfelder (Abb. oben) können durch die Zusammenarbeit von Unternehmen und Landwirten erfolgreich angegangen werden. © positerra 
Welche Projekttypen bieten sich für inländische Klima­schutzprojekte an?
Das ist schnell zu beschreiben. Wir haben bei myclimate bisher drei Projekttypen aufgenommen:
  • Die Moor-Renaturierung: Dank dem etablierten Moor-Fu­tures-Standard können wir schon jetzt Projekte in Mecklen­burg-Vorpommern, Brandenburg und Schleswig-Holstein anbieten. Moore haben durch eine Wiedervernässung ein enormes Potenzial, CO2 zu binden, und außerdem einen äußerst hohen Wert für die Biodiversität. Wenn Moore wiedervernässt werden, dann kommen seltene Pflanzen und Tiere wie zum Beispiel Kraniche zurück, ein Grund, warum auch unser Partner Lufthansa Group unter anderem solche Projekte in sein Kompensationsportfolio aufnimmt. 
  • Den Wald-Nutzungsverzicht: Hier wird bewusst für einen langen Zeitraum, aber für mindestens 50 Jahre auf die wirt­schaftliche Nutzung eines Waldes verzichtet. Der Kulturwald verwandelt sich über die Jahrzehnte wieder in einen ursprünglichen Wald und kann dadurch ungefähr die doppelte Menge CO2 binden.
  • Den landwirtschaftlichen Humusaufbau: Hier sind in den letzten zwei bis drei Jahren verschiedene Anbieter auf den Markt gekommen. Beim Humusaufbau ist, ähnlich wie bei den oben genannten Projekten, eine entscheidende Frage, ob man gewährleisten kann, dass CO2 über einen sehr langen Zeitraum von mindestens 50 bis 100 Jahren gebunden bleibt. Die Methodologie der Anbieter ist hier unterschiedlich robust. myclimate hat bisher das Projekt „Bodenfruchtbarkeitsfonds" der Bio-Stiftung im Portfolio, weil uns deren Ansatz und Methodologie überzeugt hat. Und aktuell sind wir dank der Vermittlung von forum auch in Gesprächen mit positerra.
Herr Weseloh, wie wir hören, haben sich in den letzten Jahren einige Anbieter von Humusaufbauprojekten auf dem Markt gezeigt. Darunter mit Indigo AG auch ein sehr mächti­ger Player aus den USA, aber auch deutsche Agrarkonzerne wie die BayWa zeigen Interesse an dem Thema. Was sind aus Ihrer Sicht die wesentlichen Qualitätsmerkmale für ein hochwertiges Humusaufbauprojekt?
Den Unternehmen, die mit uns zusammenarbeiten, sind verschiedene Aspekte wichtig. Sie möchten, dass konkre­te Mengen CO2 der Atmosphäre entzogen und dauerhaft gespeichert werden. Das muss detailliert dokumentiert und nachvollziehbar sein. Aber es geht ihnen auch um ein regionales Engagement. Sie wollen die Landwirte kennen lernen und sich die Flächen anschauen, die mit ihrer Hilfe umgestellt wurden, und sie auch Mitarbeitern und Kunden zeigen können. Das ist etwas anderes, als ein Projekt auf der anderen Seite der Welt zu unterstützen. Außerdem geht es um eine seriöse, fachlich fundierte Beratung der Landwirte. Alles zusammen basiert auf Vertrauen in die Seriosität und das Engagement der Akteure. positerra orientiert sich des­halb an den Prinzipien der Gemeinwohlökonomie und lässt sich auch danach bilanzieren.
 
Worauf sollten Unternehmen bei der Auswahl von regiona­len Klimaschutzprojekten im Agrarbereich achten?
Bei einem guten Projekt werden die Landwirte intensiv und auf ihren Standort angepasst beraten – so wie bei uns. Es braucht dazu Bodenexperten, die sich seit vielen Jahren mit dem Humusaufbau befassen. Sie empfehlen Maßnahmen, die der Landwirt auch umsetzen kann.
Außerdem sollten die finanziellen Konditionen für den Landwirt attraktiv genug sein, um seine Bewirtschaftungs­methoden dauerhaft umstellen zu können.
 
positerra spricht davon, dass durch regenerative Land­wirtschaft bis zu fünf Tonnen CO2 pro Hektar zusätzlich im Boden gebunden werden. Die wissenschaftliche Literatur weist sehr unterschiedliche Werte aus. Auf welcher Basis sind Ihre Werte berechnet und verifiziert?
Die Menge an gebundenem CO2 im Boden lässt sich durch die Entnahme von Bodenproben berechnen, und zwar über den Humusgehalt im Boden, das spezifische Gewicht der Erde und den Skelettanteil. Das heißt, es kommt einerseits auf die Standortfaktoren an und andererseits auf den Humusgehalt zu Beginn der Umstellung. Unsere Annahmen beruhen auf den Erfahrungen und Ergebnissen, die Dietmar Näser und Friedrich Wenz, beide ausgewiesene Bodenexperten, aus ihren „Bodenkursen im Grünen" gewonnen haben. Diese Kur­se zur „Regenerativen Landwirtschaft" werden seit gut acht Jahren angeboten und wurden bislang schon von mehr als 1.500 Landwirten besucht. Einige von ihnen konnten in den letzten zehn Jahren nachweislich im Durchschnitt circa 0,1 Prozent Humus pro Jahr aufbauen, was – je nach Standort – einem Wert von etwa fünf Tonnen CO2 pro Hektar entspricht.
 

Helfer im betrieblichen Klimaschutz

forum Nachhaltig Wirtschaften hat den Geschäftsführer von myclimate Deutschland, Stefan Baumeister, sowie den CEO von positerra, Tom Weseloh, gefragt, wie regionale Klimaprojekte wichtige Kriterien, wie zum Beispiel Quantifizierung des Humusaufbaus, die Permanenz der CO2-Bindung und den sozialen Zusatznutzen sicherstellen können.

Die Stiftung myclimate, eine renommierte Non-Profit-Organisation aus der Schweiz, bietet derzeit Klimaschutzprojekte aus 37 Ländern, darunter auch aus Deutschland und der Schweiz, an und seit neuestem auch ein Pionierprojekt der Bio-Stiftung zum Humusaufbau.

positerra ist eine neue Initiative aus Deutschland und hat sich nicht nur dem Humusaufbau, sondern einer regenerativen Landwirtschaft verschrieben.




  
Die Wissenschaft scheint diese Quantifizierung von orga­nischen Bodenkohlenstoff aber noch nicht so „einfach" zu finden. Wurden diese Ergebnisse schon extern verifiziert?
Wurden diese Ergebnisse schon extern verifiziert?Wir überprüfen regelmäßig die Ergebnisse anhand von Bodenproben und sehen laufend die Ergebnisse auf den Flächen der Landwirte. Allerdings fehlt noch die externe Verifizierung. Hier sind wir auf das Know-how von weiteren Experten wie etwa myclimate angewiesen und würden uns über die gemeinsame Entwicklung einer Zertifizierung sehr freuen.
 
Wie viele Landwirte machen bei positerra bis jetzt schon mit und wie groß schätzen Sie das Potenzial ein?
Wir konnten in kurzer Zeit bereits über 50 Landwirt­schaftsbetriebe gewinnen. Aber allein Deutschland hat 16,7 Millionen Hektar landwirtschaftliche Nutzfläche. Jetzt kommt es darauf an, möglichst viele Landwirte für eine regenerative Landwirtschaft zu gewinnen. Wir denken bei der entsprechenden Unterstützung durch Unternehmen, die öffentliche Hand und auch Endverbraucher, dass in zehn Jahren zehn Prozent dieser Flächen regenerativ bewirtschaftet werden könnten, also circa 1,6 Millionen Hektar. Um diese Ziele erreichen zu können, wollen wir Tausende von motivierten Landwirten und engagierten Unternehmen gewinnen, um als glaubwürdigste Plattform für gelebten, regionalen Klimaschutz durch CO2-Kompensation in Europa gesehen zu werden! Die ersten Schritte gehen wir gerade in der Schweiz und über unseren Partner terra.institute in Südtirol.

Last but not least, der Blick in die Zukunft: Wie stellen Sie die so genannte Permanenz sicher? Also dass CO2 auf lange Zeit (20 bis 100 Jahre) im Boden gebunden bleibt.
Wir sind der festen Überzeugung, dass ein Landwirt, der auf regenerative Methoden umgestellt und die Vorteile für seinen Betrieb kennen gelernt hat, langfristig keine Gedanken daran verschwenden wird, wieder zu den „konventionellen" Methoden zurückzukehren und damit Humus abzubauen. Wir gehen vielmehr davon aus, dass langfristig ein Humusan­teil von fünf bis sechs Prozent in unseren Breiten erreichbar und wichtig ist. Derzeit befindet sich ein Großteil der Böden in einem schlechten Zustand, mit Humusanteilen zwischen 1,5 und zwei Prozent. Bis diese Böden einen Anteil von fünf bis sechs Prozent erreicht haben, werden also sehr viele Jahre guter, regenerativer Bewirtschaftung notwendig und somit Investitionen für Unternehmen möglich sein.

Herr Baumeister, Herr Weseloh, wir danken für das Ge­spräch und Ihr Engagement in Sachen Klimaschutz und gesunde Böden.

Hinweis: Mehr Informationen finden sie in der Langversion des Interviews.

Dieser Artikel ist in forum 01/2021 - SOS – Rettet unsere Böden! erschienen.



     
        
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