Fritz Lietsch
Umwelt | Ressourcen, 01.09.2019
Die gute Nachricht
Ölbohrung in Portugal vom Tisch
Protestieren, wo andere schweigen. Freizeit opfern, wo andere schwelgen. Das ist oft mit Frustrationen?und Enttäuschung verbunden. Doch nicht zuletzt seit Greta wird dem Protest immer öfter Gehör geschenkt. ENDLICH! forum berichtete 2018 über einen schier aussichtslosen Kampf gegen Ölbohrung und Fracking. Und dann geschah das Unfassbare...
Das Ölkonsortium Galp und ENI hatte die Verträge bereits in der Tasche, alles war vorbereitet: Staatssekretäre aller portugiesischen Regierungen der letzten Perioden hatten ihm im Laufe der letzten Jahre Rechte für Offshore-Öl-Bohrungen und Offshore-Fracking vor der Küste zugesichert. Nicht irgendeiner Küste, sondern der malerischen Südwestküste Portugals, einer der letzten nicht zugebauten und verunstalteten Küsten Europas. Öl oder Natur?
Die Vicentinische Küste ist ein Naturpark und seismisch aktiv – was die Strategen geflissentlich übersehen hatten. „Eine Umweltprüfung ist nicht notwendig", entschied Nuno Lacasta, der Präsident der portugiesischen Umweltagentur (APA) im Frühjahr 2018, und ausgerechnet Umweltminister João Matos Fernandes befand: „Eine eigene Förderung fossiler Brennstoffe würde uns wirtschaftlich vom Ausland unabhängig machen."
Seit 2016 gab es wachsenden Widerstand gegen die Pläne, zunächst von der Tourismus-Industrie, die zwei von zehn Jobs in Portugal sichert, dann von den betroffenen Gemeinden, den Fischereiverbänden, den Surfer-Vereinen und schließlich immer breiteren Schichten der Bevölkerung. Warum will das sonnenreichste Land Europas noch einmal auf den Wahnsinn Erdöl setzen? Zumal man nach hoher Wahrscheinlichkeit noch nicht einmal große Erdölvorkommen erwartete – aber allein die Bohrung würde einen großen Schaden im fragilen System der Küste auslösen.
Gemeinsam protestieren!In der Algarve strickten Hausfrauen eine rekordverdächtige „Rote Linie". In Lissabon schlichen sich verkleidete AktivistInnen in die Verhandlungsräume und bespritzten alles mit einer dunklen, öligen Flüssigkeit. Mehrere Großdemonstrationen forderten, dass die Entscheidungen über unsere gemeinsame Zukunft nicht mehr nur in geschlossenen Verhandlungen, sondern im Parlament debattiert werden müssten. Die betroffenen Gemeinden beantragten eine einstweilige Verfügung zum Stopp. Alle Parteien sprachen sich daraufhin gegen die Ölbohrung aus, aber die Verträge, tja, die müssten leider leider noch eingehalten werden, da sei nichts zu machen. Der Termin war auf den 15. September gesetzt, die Strategen der Umweltbewegung planten bereits das Vorgehen nach der Probe-Bohrung. Doch kurz davor, im August 2018, wenn normalerweise ganz Portugal in den Ferien ist, kumulierten die Proteste noch einmal. Am 4. August lud das Friedensforschungszentrum Tamera AktivistInnen aus aller Welt ein, darunter Mitglieder der Lakota aus Standing Rock mit ihrem Motto: Defend the Sacred – das Heilige verteidigen. Etwa 800 Menschen trafen sich am Strand gegenüber von Lissabon und legten unter Anleitung des Luftbildkünstlers (Aerial-Art) John Quigley mit ihren Körpern eine große Figur in den (äußerst heißen) Sand: Eine Delphinmutter mit Jungem und die Worte „Agua é vida" (Wasser ist Leben) und „Defend the Sacred". Es war ein Happening mit Trommeln und Musik und gleichzeitig eine Art gigantisches Gebetsritual mit Gesängen, Feuer und Wasser. Urlauber und Menschen am Strand reihten sich spontan ein. Der Haupt-Fernsehsender brachte die Aktion in den Nachrichten. Auch prominente Stimmen sprachen sich gegen die Umweltzerstörung aus und Energie-Alternativen wurden sichtbar gemacht: Am Strand wurde eine ganze Reihe von Solarsystemen aufgebaut und die Aktivisten von Tamera verschenkten solar gekochtes Mittagessen.
Was bewegt Politik und Wirtschaft?
Eine beeindruckende und gelungene Aktion bei 42° im Schatten – die gemeinsame Deklaration eines Willens – und doch: Was würden sich Politik und Industrie um ein paar hundert Menschen scheren, die am Strand sitzen und protestieren? Dann geschah das Unerklärliche: Warum und durch welche Einzelursachen alles Weitere passierte, wird wohl niemals geklärt werden können. Jedenfalls erklärte vier Tage nach der Aktion der portugiesische Präsident, er müsse seine Haltung zur Ölbohrung überdenken. Zwei Wochen nach der Aktion gab ein Gericht der einstweiligen Verfügung überraschend statt: Die Ölbohrung wurde erst einmal ausgesetzt. Vorsichtige Freude, aber Wachsamkeit. Und dann – etwa 2 Monate nach der Aktion – zogen Galp und ENI ihre Pläne zurück. Sie verzichteten ohne weitere Klageandrohung auf ihre Rechte, vor der portugiesischen Küste jemals nach Öl zu bohren. Ein Bravo für diesen Schritt!
Für die Demonstranten, die am 4. August dabei waren, schien dies, als seien die gemeinsamen Gebete tatsächlich von irgendetwas oder irgendjemandem erhört worden, als hätten sich gemeinsamer Wille und Vision letztendlich doch noch durchgesetzt.
Don‘t give up!
Daraus lässt sich eine Erkenntnis ableiten für alle, die „Mutter Erde" mit ganzer Kraft schützen wollen: Die Lage ist niemals aussichtslos. Gebt nicht auf. Um mit der US-Demokratin Alexandria Ocasio-Cortez zu sprechen: „Hoffnung ist nichts, das wir haben oder nicht haben. Hoffnung ist etwas, das wir durch unsere Aktionen erzeugen."
weitere Infos: www.tamera.org/de| www.the-grace-foundation.org/de/
von Fritz Lietsch
Dieser Artikel ist in forum Nachhaltig Wirtschaften 03/2019 - Social Business beseitigt Plastik-Müll und schafft neue Jobs erschienen.
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